Die Göttliche Liturgie ist ein Gesamtkunstwerk

15. September, 23:55 Uhr
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Die Göttliche Liturgie ist ein Gesamtkunstwerk

Richard Wagner stellte die Frage nach einem Gesamtkunstwerk, welches Musik, Dichtung und Architektur miteinander vereint. Er wusste nicht, dass in der Göttlichen Liturgie noch viel mehr zu finden war als er suchte: Ein gemeinsames Kunstwerk von Mensch und Gott. 

Seit die Menschen zurückdenken können, hat es eine Vielzahl von Künsten gegeben. Jede Zivilisation hatte ihre Bildhauer, ihre Musiker und ihre Poeten hervorgebracht.  Mindestens genauso alt wie die Kunst selbst ist die Frage nach dem Ursprung der Kunst.

Könnte es sein, dass selbst die schönsten Symphonien, Gemälde und Gedichte nur Schatten einer viel höheren unerkannten Urkunst sind?  Eine ursprüngliche Kunst, in der alle anderen Künste enthalten sind?

Genau diese Frage plagt den deutschen Geist seit Jahrhunderten, und sie kommt besonders gut in der Frage nach dem Gesamtkunstwerk zur Geltung, die der Komponist Richard Wagner seinerzeit stellte.

Wagner definierte das Gesamtkunstwerk als eine Kunstform, die alle Sinne und Fähigkeiten, Sprache, Klang, sowie räumliche Gestaltung anspricht.  

Als historisches Beispiel zog er das griechische Theater heran, welches Musik, Tanz, Dichtung und Kult in einer einzigen Erfahrung vereinte. Der Einzelne wurde von der Kraft des Spektakels mitgerissen und damit vom bloßen Zuseher zum Teilnehmer.

Die Frage, auf welche Weise ein solches Gesamtkunstwerk noch entstehen könne, beschäftigt seitdem viele Geister.

Wagner selbst strebte mit seiner Oper Parsifal genau solches an: Dichtung, Musik und Bühnenbild sollten ein harmonisches Ganzes bilden, in welches der Betrachter eintauchen und den Weg des Parsifal auf der Suche nach dem heiligen Gral mitbeschreiten sollte.

Es scheint uns allerdings, als seien die Beispiele für das Gesamtkunstwerk, die wir eben gegeben haben,  noch nicht ganz befriedigend. denn all diese Erscheinungen, seien sie auch noch so kunstvoll, verlangen vom Menschen vielleicht Beteiligung und Teilnahme – sie verlangen aber letztlich keine wirkliche Antwort

Der Grieche, der sich das Theaterspiel angeschaut hat, geht danach in die Kneipe und betrinkt sich; der Operngänger, der sich Wagners Parsifal angehört hat, geht danach heim und lebt sein Leben weiter: All die Vereinigungserlebnisse des Theaters waren also letztlich nur kleine Lichtschimmer, kleine Vorahnungen dessen, was vielleicht möglich wäre.

Kann man in diesem Falle wirklich von einem Gesamtkunstwerk sprechen? Oder ist hier nicht vielmehr noch eine Barriere vorhanden, die überwunden werden muss?

Es scheint, dass in den Projekten Wagners und der alten Griechen noch etwas fehlt: Sie setzen keinen Samen, sie zeugen nichts in uns.

Vielleicht sind wir von der Schönheit der Kunstwerke überwältigt und fühlen uns mitgerissen, aber letztlich stellen sie nur etwas dar – vielleicht eine Fantasie, vielleicht eine Realität – aber sie sind immer nur eine subjektive Darstellung.

Jedes Kunstwerk, sei es auch noch so schön, besitzt immer diesen Makel der Subjektivität: Es ist immer der Spiegel eines Schöpfers zu einer bestimmten Zeit. Es ist immer bloß Teil des Ganzen, es kann nie das Ganze beschreiben, sondern ist fest in Raum und Zeit verortet.

Diesen Drang, sich auf den Fesseln der raumzeitlichen Subjektivität zu befreien, offenbart auch Goethe, indem er seinen Helden Faust die Qualen des Künstlers leiden lässt:

„Du bist dir nur des einen Trieb's bewußt/

O lerne nie den andern kennen!

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust/

Die eine will sich von der andern trennen.

Die eine hält, in derber Liebeslust/

Sich an die Welt mit klammernden Organen.

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust/

Zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Jetzt haben wir zwei Erwartungen abgesteckt, die wir an ein wirkliches Gesamtkunstwerk richten: Es muss alles ansprechen, was im Menschen angelegt ist, den ganzen Menschen. Und es muss von demselben ganzen Menschen eine Antwort verlangen.

Andererseits muss es Raum und Zeit gänzlich ausfüllen und damit gewissermaßen „ortlos“ und „zeitlos“ sein, um zu vermeiden, dass es zu einer bloßen subjektiven Darstellung wird.

Wenn aber unsere Ambitionen so hoch sind, kann es dann überhaupt ein solches Gesamtkunstwerk geben, wie wir es seit Jahrhunderten ersehnen? Wer kann denn für das Ganze sprechen außer Gott? Ist nicht die Schöpfung selbst eine Ikone, ein Kunstwerk Gottes?

Der Mensch müsste, um selber schöpferisch die „Ganzheit" Gottes zu berühren, selbst zum Gott werden – eine Überhebung, die dann schließlich auch Faust scheitern lässt.

Es gibt letztlich nur eine Möglichkeit, in diese Ganzheit hineinzugelangen.

 

Die Göttliche Liturgie

Christus der himmlische Hohepriester bringt Sich Selbst in der Liturgie dar. Ausschnitt aus einem byzantinischen Wandmosaik in der Sophienkathedrale in Kiew, Ukraine.
Christus der himmlische Hohepriester bringt Sich Selbst in der Liturgie dar. Ausschnitt aus einem byzantinischen Wandmosaik in der Sophienkathedrale in Kiew, Ukraine.

 

Nach den letzten Ausführungen mag manchem vielleicht klarer werden, was wir gemeint haben, als wir sagten: „Die göttliche Liturgie ist ein Gesamtkunstwerk!"

Sicherlich vereint die Liturgie Gesang mit Dichtung, Bildende Kunst mit Architektur; die Liturgie vereint sie und bezieht sie aufeinander. Aber sicherlich geht sie noch weit darüber hinaus, denn sie ist ein gemeinsames  Kunstwerk von Gott und vom Menschen!

 Wir lernten als Glaubensschüler (=Katechumenen), dass die Göttliche Liturgie eine „Vereinigung von Himmel und Erde“ ist.

Wenn wir den konkreten Aufbau der Göttlichen Liturgie nach Johannes Chrysostomos betrachten, dann ist diese Vereinigung allgegenwärtig und doch geradezu prozesshaft vorbereitet:

Der Anfangssegen des Priesters

"Gesegnet sei das urewige Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!"

gleicht (bildhaft gesprochen!) einem „Eintritt" des Priesters in ein fremdes Königreich, in dem er selbst noch nicht ganz erkannt ist. Er, und damit wir als Volk, überschreiten die Grenze ins neue Reich.

Es folgt der erste große Einzug, bei dem das Evangelium herausgetragen wird:

"Gesegnet sind Ausgang und Eingang deiner Heiligen immerdar."

Der Priester lernt hier die Bewohner des Reichs kennen, die ihm und uns langsam nicht mehr fremd sind: Cherubim, Seraphim, Erzengel und Heilige ziehen ein und erkennen den Priester und das Volk, das er als die Seinigen mit sich führt, als Brüder und Weggefährten: Himmlisches Urbild und irdisches Abbild nähern sich an.

Nachdem wir die „Bewohner" des Reiches kennengelernt haben, führt uns der Priester nun ins Zentrum der Stadt: Der Thron, auf dem der dreifaltige Gott selbst sein Wesen hat.

Da er nun dem Unvorstellbaren und Unergründlichen, der Achse des Alls, gegenübersteht, spricht der Priester den letzten Segen seiner Reise als „Unvollendeter":

"Sei gesegnet auf dem Thron des Glanzes Deines Reiches, Der Du thronst über den Cherubim immerdar."

Hier vollzieht sich die erste Wandlung: Indem der Priester diesen Segen spricht, wird er selbst zu einer lebendigen Ikone der Achse selbst, zu einer Ikone Christi. Die „Reise“ des Priesters ist beendet, Urbild und Abbild sind eins. Von nun an ist es Christus selbst, der durch den Priester den Gottesdienst vollzieht.

In würdiger Fassung nun kehrt sich Christus vom Altar zu seinem Volke und spricht, getragen von der Zunge des Priesters, seine ersten Worte an die Getreuen:

"Friede sei mit euch allen!"

An diesem bildhaften Ablauf erkennt man bereits den Charakter des Gesamtkunstwerkes in unserem Sinne: Christus segnet durch den Priester die gesamte Schöpfung, angefangen mit dem versammelten Gottesvolk, bis hin zu den Menschen der Welt, allen Tieren und Insekten und selbst noch alle Steine und Würmer unter der Erde.

Er macht damit gleichsam den alten Auftrag Adams sichtbar, der dazu berufen war, die gesamte Schöpfung zu heiligen und „in Gott zu halten".

 

Der Alte Adam gibt den Tieren ihre Namen. Dieser Akt ist gleichzeitig Weihe der gesamten Schöpfung und geistige Schau, weil er das innerste Wesen eines jeden Geschöpfes erkennt.
Der Alte Adam gibt den Tieren ihre Namen. Dieser Akt ist gleichzeitig Weihe der gesamten Schöpfung und geistige Schau, weil er das innerste Wesen eines jeden Geschöpfes erkennt.

 

Derselbe himmlische Hohepriester Christus wird es sein, der in der Göttlichen Kommunion sein eigen Fleisch und Blut geben wird und damit die Vereinigung von Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, Leib und Geist vollendet.

Die Kommunion ist das letzte Kunstwerk. Christus, der Schöpfer des Alls, wird in unseren Herzen geboren und wir in Ihm. 

Gleichsam ist der Tempel selbst eine Ikone unseres Herzens, in dem sich die gesamte Schöpfung verdichtet.

Der Tempel steht symbolisch nicht nur für einen Ort, sondern für den „Ort an sich" – der Ort, auf den wir als Erdenmenschen geworfen sind.

Gleichsam steht er nicht nur für die Zeit, sondern die „Zeit an sich" – die Zeit, die uns bisher wie eine Gebärmutter schützend von der Ewigkeit trennte und nun auf die Einkehr des Ewigen wartet.

Wie kann man hier also nicht von einem alles übergreifenden Kunstwerk sprechen, wenn die Liturgie doch die großen kosmischen Geschehnisse mit den Geschehnissen in unseren Herzen so direkt verknüpft? 

Wenn der ganze Mensch erfasst ist, dann ist das Gesamtkunstwerk geboren! Denn wenn Christus in Ihm ist und ihn zum Bruder gestaltet, dann wird er zum lebendigen Gesamtkunstwerk, weil sein gesamtes Dasein Gotteslob ist.

Wagner würde sich freuen!

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