Eine Maske, die in theologischen Debatten zum Leben erwacht
Aus dem Ringen um das Jota zwischen „wesensgleich“ und „wesensähnlich“ entstand die Person als eine Wirklichkeit, die sich nicht auf die Summe ihrer Eigenschaften reduzieren lässt.
Bis zum 4. Jahrhundert bedeutete das Wort „Person“ nichts. Genauer gesagt: Es bedeutete etwas – aber etwas völlig anderes als heute. Der griechische und der lateinische Begriff bezeichneten eine Theatermaske: eine hölzerne oder leinene Auflage mit Öffnungen für die Augen, die der Schauspieler vor dem Betreten der Bühne aufsetzte. Persona stammt von per-sonare – „hindurchtönen“: Die Maske war so gestaltet, dass sie die Stimme des Schauspielers verstärkte.
Jeder Schauspieler konnte die Maske aufsetzen. Dieselbe Rolle wurde in verschiedenen Aufführungen von unterschiedlichen Darstellern verkörpert. Die Person war im antiken Verständnis eine Rolle und nicht das Wesen derjenigen, die sie verkörperte.
Dann kam es zu einem Streit, den die Zeitgenossen für eine zweitrangige theologische Feinheit hielten und den einige Skeptiker später sogar als Zank um einen einzigen Buchstaben verspotteten. Dieser Streit brachte, von den Beteiligten selbst unbemerkt, eine philosophische Kategorie hervor, ohne die die moderne Psychologie undenkbar ist.
Der Streit um einen Buchstaben
Im Jahr 325 trat in Nicäa ein ökumenisches Konzil zusammen, um sich mit der Lehre des alexandrinischen Presbyters Arius auseinanderzusetzen. Arius behauptete, Gott der Sohn sei dem Vater nicht von Natur aus gleich, sondern erschaffen worden – das heißt, es habe eine Zeit gegeben, in der es ihn nicht gab. Das Konzil verurteilte diese Lehre und bestätigte das Wort „wesensgleich“. Die Gegner des Konzils von Nicäa wollten Christus nicht als dem Vater vollkommen gleich anerkennen, wagten es jedoch auch nicht, die Häresie Arius’ offen zu wiederholen. Deshalb schlugen sie als Kompromiss den Begriff „wesensähnlich“ vor. Der Unterschied zwischen den beiden Wörtern besteht in einem einzigen griechischen Buchstaben, dem Jota. Doch der Streit zog sich über Jahrzehnte hin und erfasste das gesamte Reich.
Hinter dem äußerlich absurden Streit stand eine wirkliche theologische Katastrophe. Erkennt man die drei Personen der Dreifaltigkeit lediglich als drei Erscheinungsformen desselben Gottes, handelt es sich bereits um die Häresie des Sabellius, in der Vater, Sohn und Geist drei Masken sind, die der eine Gott nacheinander für verschiedene Rollen in der Heilsgeschichte aufsetzt. Erkennt man sie als drei voneinander getrennte Götter an, ist dies nicht mehr das Christentum, sondern Heidentum. Das philosophische Vokabular jener Zeit bot tatsächlich keine Möglichkeit, die Natur Gottes irgendwie zu beschreiben.
Ein Werkzeug zur Rettung des Dogmas
Die Lösung schlugen drei Theologen aus Kappadokien vor: der heilige Basilius der Große, sein Bruder Gregor von Nyssa und ihr Freund Gregor der Theologe. Vor den Kappadokiern wurden die Wörter „Ousia“ – Wesen – und „Hypostase“ – Person – als Synonyme verwendet. Beide bezeichneten lediglich das abstrakte „Sein“. Die Kappadokier trennten sie bewusst voneinander und beschrieben jedes für sich.
Das Wesen, erklärt Basilius, bezeichnet das Allgemeine. Das Wort „Mensch“ verweist nicht auf einen konkreten Menschen, sondern auf die Natur, die ausnahmslos alle Menschen besitzen. Die Hypostase hingegen bezeichnet etwas Konkretes und Einzelnes: nicht den „Menschen im Allgemeinen“, sondern genau Paulus oder genau Timotheus.
Darin liegt der entscheidende Gedankengang des Heiligen: Paulus und Timotheus besitzen dieselbe menschliche Natur – keiner von ihnen ist mehr oder weniger Mensch als der andere. Ihr Unterschied liegt nicht in der Natur, sondern in etwas anderem, Persönlichem.
Auf das Dogma der Dreifaltigkeit übertragen, funktionierte diese Überlegung einwandfrei. Vater, Sohn und Geist besitzen eine vollkommen identische, unteilbare göttliche Natur – ein und dasselbe Wesen. Gleichzeitig sind sie jedoch drei Hypostasen, die sich nicht durch Eigenschaften voneinander unterscheiden – der Sohn kann nicht „weniger“ göttlich sein als der Vater –, sondern durch ihre Seinsweise. So ist der Vater ungezeugt, der Sohn gezeugt und der Geist geht hervor. Es zeigte sich, dass die Person nicht auf die Summe ihrer Eigenschaften reduziert werden lässt. Die Person bleibt einzigartig, selbst wenn bereits alle Eigenschaften des Ganzen benannt sind.
Eine philosophische Bombe innerhalb einer theologischen Formel
Genau an dieser Stelle vollzog sich eine philosophische Revolution. Das antike Denken kannte das Individuum als eine Einheit, die man zählen, vergleichen und durch eine andere Einheit ersetzen konnte. Die Person im neuen, kappadokischen Sinne ließ sich nicht zählen.
Inwieweit diese theologische Entdeckung in die spätere Vorstellung von der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen überging, ist bis heute eine offene Frage.
Die einen meinen: Da der Mensch nach dem Bild des dreieinigen Gottes geschaffen wurde, ist er nicht lediglich ein Homo sapiens, sondern eine einzigartige Person. Andere halten diese Auffassung für zu geradlinig und finden bei den Kappadokiern selbst wesentlich mehr Interesse an der Entfaltung der gemeinsamen Natur als an der einzelnen Person. Der einzigartige Streit, der mit einer Diskussion um einen einzigen Buchstaben begann, ist bis heute nicht beendet.
Die Maske, die aufhörte, eine Maske zu sein
Unbestreitbar ist, welch dornigen Weg das Wort „Person“ zurückgelegt hat. Von der Maske eines Schauspielers, die man abnehmen und einem anderen Darsteller übergeben kann, bis hin zu einem Begriff, der etwas bezeichnet, das weder abgenommen noch weitergegeben werden kann.
Wenn der moderne Mensch die abgedroschenen Worte „Jede Person ist auf ihre Weise einzigartig“ ausspricht, erinnert er sich nur selten daran, dass hinter diesem Satz jahrhundertelange Debatten darüber stehen, ob Christus gezeugt oder erschaffen wurde.
Doch gerade in diesem Streit konnte die Philosophie erstmals bekräftigen: Hinter einer einfachen Gesamtheit von Eigenschaften steht jemand, der sich durch diese Eigenschaften nicht vollständig erfassen lässt, denn er wurde nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen.