Was wiegt die Holländerin vor Christus?

08. September, 18:30 Uhr
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Verborgene Symbole eines holländischen Gemäldes. Foto: UOJ Verborgene Symbole eines holländischen Gemäldes. Foto: UOJ

Eine holländische Dame wiegt einen unsichtbaren Schatz. Das Gemälde des Jüngsten Gerichts hinter ihr macht die Alltagsszene zu einem Stehen vor Gott.

Versetzen wir uns nach Amsterdam im Frühjahr 1696. Nach dem Tod des Sammlers Jacob Dissius werden dort auf einer Auktion Werke der besten holländischen Maler versteigert. Unter der Losnummer drei ist ein kleines Gemälde aufgeführt, das die Kunsthändler als „Dame beim Goldwiegen“ bezeichnen. Im Auktionsverzeichnis ist eine ungewöhnliche Einzelheit überliefert: Das Werk wird unmittelbar in einem „Kästchen“ verkauft – einem eigens angefertigten hölzernen Gehäuse mit Flügeltüren.

Warum benötigte ein Gemälde von vierzig mal fünfunddreißig Zentimetern einen eigenen kleinen Schrank? Jan Vermeer aus Delft malte das Bild im 17. Jahrhundert, als solche Kästchen mit Türen in holländischen Häusern eine sakrale Bedeutung hatten. Der Besitzer trat an das Gehäuse heran, öffnete die Flügel und blieb mit dem Bild allein, um sich in eine ruhige Meditation zu versenken.

Öffnen wir diese imaginären Türen gemeinsam mit dem ersten Besitzer und treten wir in die Stille eines halbdunklen Zimmers ein. Von links dringt durch den weichen, dichten Stoff des Vorhangs diffuses Morgenlicht. Es gleitet über die blaue Tischdecke, erhellt das Gesicht einer jungen Frau in einem mit weißem Pelz besetzten Umhang und verweilt auf den Gegenständen, die auf dem Tisch ausgebreitet liegen.

Was wiegt die Holländerin vor Christus? фото 1

Die Atmosphäre im Zimmer ist ruhig. Die Frau verharrt vor einem geöffneten Schmuckkästchen, aus dem Perlenschnüre, eine goldene Kette und verstreute Münzen auf den Stoff fallen. In ihrer rechten Hand hält sie eine zierliche Apothekerwaage. Doch etwas an diesem Bild stört die Ruhe.

Ein Lichtreflex statt Gold und Silber

Lange Zeit waren Kunsthistoriker überzeugt, dass die Frau auf dem Gemälde das Familienvermögen zählt oder Perlen wiegt. In Museumskatalogen erhielt das Bild sogar entsprechende Titel. Doch bei der Restaurierung des Gemäldes in der National Gallery of Art in Washington machten die Forscher eine verblüffende Entdeckung.

Betrachten wir die Waagschalen aufmerksam, erkennen wir, was die Forscher unter dem Mikroskop bemerkten: Die Waage ist vollkommen leer.

Auf den Metallschalen liegen weder Goldmünzen noch Perlen. Die hell leuchtenden Punkte erwiesen sich als gewöhnliche Lichtreflexe. Vermeer malte diese kleinen Lichtfunken mit einem einfachen, einschichtigen Pinselstrich. Auf den Schalen wiegt die Frau das Sonnenlicht selbst und hält dabei den feinen Waagebalken in vollkommenem Gleichgewicht.

Was wiegt die Holländerin vor Christus? фото 2

Diese Entdeckung verändert die Stimmung der gesamten Szene grundlegend. Die Frau ist nicht damit beschäftigt, ihr Vermögen zu zählen. Ihre Finger, die den Metallstab kaum berühren, verharren reglos. Ihr Gesicht zeigt keine besitzgierige Erregung. Es ist von tiefer Ruhe erfüllt. Es scheint, als prüfe sie die Genauigkeit des Instruments, bevor sie etwas darauflegt, das für menschliche Augen unsichtbar ist.

Der Richter hinter ihrer Schulter und der Fluchtpunkt

Den entscheidenden Schlüssel zur Bedeutung des Gemäldes platziert Vermeer hinter dem Rücken der Frau. An der dunklen Wand hängt in einem massiven schwarzen Rahmen ein großformatiges Bild im Bild. Es zeigt eine Darstellung des Jüngsten Gerichts.

Fachleute bringen diese Komposition unter Vorbehalt mit dem flämischen Maler Jacob de Backer in Verbindung. Vermeer gestaltet die räumliche Geometrie seines Gemäldes auf erstaunliche Weise. Der Kopf der jungen Frau befindet sich genau in der Mitte des Bildes – unmittelbar unter der ovalen Mandorla, in der Christus als Richter mit erhobenen Händen thront.

Der Künstler verbindet zwei Welten durch ein einziges geometrisches Raster. Verlängert man die perspektivischen Linien vom Fenster und den Tischecken aus, liegt der Fluchtpunkt der gesamten Komposition genau dort, wo die Finger der Frau die Waage halten. Derselbe Punkt fällt mit der unteren Ecke des Rahmens zusammen, der das Bild des Jüngsten Gerichts umgibt.

Die himmlische und die irdische Welt berühren sich an einem einzigen Punkt – im zarten Gelenk der Frauenhand. Im Hintergrund werden die Seelen geschieden, die Sünder in die Hölle gestürzt und die Gerechten zum Thron emporgeführt, während die holländische Dame schweigend in ihrem Zimmer verharrt.

An der Wand gegenüber ihrem Gesicht hängt ein kleiner Spiegel. In der Symbolik jener Zeit verkörperte dieser Gegenstand die Nichtigkeit des Irdischen und die Eitelkeit. Im Zusammenhang dieser Komposition spricht der Spiegel jedoch von etwas anderem. Cesare Ripa bezeichnet den Spiegel als Attribut der Klugheit. Der Spiegel ist also ein Instrument der Selbsterkenntnis. Die Frau betrachtet ihr Spiegelbild nicht, um sich selbst zu bewundern, sondern blickt in ihr eigenes Gewissen.

Die Waage der Mäßigung und die Gewissenserforschung

In diesem Gemälde spiegelt sich auch Vermeers eigene Biografie wider. Der Maler wurde in der reformierten Tradition geboren und getauft, heiratete 1653 Catharina Bolnes und trat zum Katholizismus über. Seine Familie war eng mit der Delfter Jesuitengemeinschaft verbunden, die im Verborgenen Gottesdienste abhielt.

Nicht zufällig erkennen Forscher in diesem Gemälde eine unmittelbare Parallele zur geistlichen Praxis des Ignatius von Loyola. In seinen „Geistlichen Übungen“ forderte der Gründer des Jesuitenordens die Gläubigen auf, vor jedem Gebet eine „Gewissenserforschung“ vorzunehmen: die eigenen Taten, Gedanken und Regungen des Herzens abzuwägen, als sei der Tag des Gerichts bereits gekommen.

In der holländischen Ikonografie jener Zeit war die Waage ein Attribut der Tugend der Mäßigung. Vermeer greift diesen Begriff nicht zum ersten Mal auf; man denke nur an das Glasfenster in seinem Gemälde „Das Mädchen mit dem Weinglas“. Doch gerade hier findet die Mäßigung sichtbar Eingang in das menschliche Leben.

Vor uns entfaltet sich das Bild eines gewöhnlichen Tages, den ein gläubiger Mensch vor Gottes Angesicht verbringt. Auf dem Tisch liegen irdische Schätze – Gold, Perlen, kostbare Seide. Im Hintergrund erhebt sich die Ewigkeit mit ihrem gerechten Gericht. Dazwischen steht ein Mensch mit einer leeren Waage in den Händen.

Die Frau verzichtet nicht auf die irdischen Güter und flieht nicht aus ihrem Zimmer in eine Klosterzelle. Sie prüft lediglich das genaue Maß der Dinge. An diesem Beispiel zeigt uns Vermeer die Formel eines vollkommenen Gleichgewichts: Man muss in der materiellen Welt leben und ihre Gaben nutzen, darf aber keinen Augenblick die ewige Dimension jedes unserer Schritte und jeder unserer Handlungen vergessen. Wenn sich die Flügel des kleinen Eichenkästchens schlossen, blieb der Betrachter des alten Gemäldes mit einer Frage an sich selbst zurück: Was wird auf deinen eigenen Waagschalen schwerer wiegen, wenn der Lärm des irdischen Tages verstummt?

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