„Sternennacht“: ein Gebet aus dem Krankenzimmer
Van Gogh malte den gewaltigen Himmelssturm über Saint-Rémy und setzte ihm mit Kirchturm und Zypresse ein ruhiges Zeichen des standhaften Glaubens entgegen.
Seit Jahrzehnten begegnet uns das Bildmotiv der „Sternennacht“ von Vincent van Gogh auf Notizbuchumschlägen, auf Geschirr und auf verschiedenen Postern. Die weite Verbreitung des Gemäldes hat seinen tiefen Sinn allmählich verdeckt. Denn in Wirklichkeit entfalten sich hier vor uns die ehrlichste Predigt und das Bekenntnis der verwundeten Seele des Künstlers.
Die Venus der Morgendämmerung im vergitterten Schlafzimmerfenster
Im Mai 1889 begab sich Vincent van Gogh freiwillig ins Krankenhaus Saint-Paul-de-Mausole. Dieser Entscheidung war ein schwerster Nervenzusammenbruch des Künstlers vorausgegangen, der mit einer Selbstverletzung endete. Die Ärzte streiten bis heute über die genaue Diagnose. In den Untersuchungen werden Epilepsie, erbliche Stoffwechselstörungen und eine schwere Abhängigkeit erwähnt.
Im Krankenhaus wurden dem Patienten zwei Zimmer zugewiesen. Im zweiten Stock befand sich das Schlafzimmer mit einem vergitterten Fenster nach Osten. Im ersten Stock lag das Atelier, dessen Fenster keine Gitter mehr hatten. Von seinem Schlafzimmer aus sah der Künstler Anfang Juni erstmals die Landschaft vor der Morgendämmerung, die zur Grundlage des späteren Gemäldes wurde.
In einem Brief an seinen Bruder Theo schrieb er: „Heute Morgen sah ich lange vor Sonnenaufgang die Landschaft aus meinem Fenster – dort gab es nichts außer dem Morgenstern, der sehr groß erschien.“ In jenen Tagen waren über dem Horizont die Umrisse der Venus zu erkennen.
Van Gogh arbeitete tagsüber in seinem Atelier am Gemälde. Die Komposition entstand allmählich aus der Erinnerung. Der Maler verband den nächtlichen Eindruck mit kürzlich nach der Natur angefertigten Landschaftsbildern und einer Bleistiftskizze des Panoramas von Saint-Rémy, die während eines Spaziergangs entstanden war.
Ein zusammengesetztes Bild und die Sehnsucht nach der Vergangenheit
Die dunkle Silhouette der Zypresse auf der linken Seite der Komposition stammt aus der Wirklichkeit. Einen Monat vor seiner Arbeit an der „Sternennacht“ hatte Van Gogh bereits einen ähnlichen Baum auf einem Weizenfeld gemalt. Der helle Himmelskörper, näher am Zentrum, entspricht in seiner Größe tatsächlich der Größe der Venus in der Morgendämmerung.
Das Dorf am Fuße der Hügel ist erfunden. Diese Siedlung gilt als verallgemeinertes Bild, in dem sich wirkliche Merkmale von Saint-Rémy mit der Vorstellungskraft des Künstlers verflochten haben.
Auch die Form des Mondes weicht von der astronomischen Wirklichkeit ab. In den Juninächten stand über Saint-Rémy ein beinahe voller, gewölbter Mond. Van Gogh malte dagegen eine schmale und zierliche Sichel. Der Künstler wollte jedes Element des Gemäldes nach seiner Vorstellungskraft darstellen.
Ein niederländischer Kirchturm in einer provenzalischen Landschaft
Zum ausdrucksstärksten Teil der Komposition wurde die Silhouette der örtlichen Kirche gewählt. Die Pfarrkirche von Saint-Rémy besitzt eine flache Kuppel. Auf dem Gemälde fehlt diese Kuppel vollständig. An ihrer Stelle erhebt sich ein spitzer, langgezogener Turm. Experten des Museum of Modern Art in New York erklären, dass solche Kirchtürme charakteristisch für die Niederlande, die Heimat des Malers, seien.
Andere Forscher sind der Auffassung, dass sich Van Goghs tiefe Sehnsucht nach den nördlichen Regionen erst später zeigen sollte. Sie behaupten, dass die Kirche von Saint-Rémy dennoch einen Turm besessen habe und der Meister nichts erfunden habe.
Wie dem auch sei, die Entscheidung des Künstlers findet in seiner Vergangenheit einen Widerhall. Vincents Vater, Pastor Theodorus van Gogh, war in der Niederländisch-reformierten Kirche tätig. Auch Vincent studierte in Amsterdam Theologie und ging anschließend zu den Bergarbeitern im belgischen Borinage, um dort zu predigen. Die Leitung der Mission hielt sein Verhalten jedoch für übermäßig leidenschaftlich und inkonsequent. Van Gogh wurde ausgeschlossen.
Diese Ablehnung zwang ihn, nach anderen Wegen des Dienens zu suchen. Mit 30 Jahren nahm er den Pinsel in die Hand.
Seine geistliche Suche verschwand nicht. Zuvor hatte Van Gogh an Theo geschrieben: „In mir verschwindet nicht das gewaltige Bedürfnis – ich sage es offen – nach Religion, und deshalb gehe ich nachts hinaus, um die Sterne zu malen.“ Den Tod stellte er sich als eine Reise zu fernen Himmelskörpern vor, ähnlich einer Zugfahrt.
Nach der Vollendung der „Sternennacht“ erklärte der Künstler, seine neuen Arbeiten mit Sternen und Olivenbäumen seien „keine Rückkehr zu romantischen oder religiösen Ideen“. Die Erfahrung der Ablehnung durch die Kirche ließ ihn allen äußeren Erscheinungsformen der Geistlichkeit mit Vorsicht begegnen.
Eine Vertikale inmitten des nächtlichen Sturms
Die malerische Struktur des Gemäldes zeugt jedoch vom Gegenteil. Der himmlische Ozean auf dem Gemälde ist von einer mächtigen Drehbewegung erfasst. Die Sterne brennen in den Zentren leuchtender Wirbel, die Wolken drehen sich in Spiralen und die entfernten Hügel erinnern an Meereswellen. Die natürliche Welt des Gemäldes lebt nach dem Gesetz eines universellen Sturms. Am Fuß der Hügel stehen die Häuser mit den schlafenden Menschen reglos da, die den Sturm nicht bemerken. Der strenge senkrechte Kirchturm und die in die Höhe strebende Zypresse symbolisieren das ewige Leben, das den Stürmen des Alltags nicht unterliegt.
Die innere Welt des Künstlers in den Zeiträumen zwischen seinen Krankheitsanfällen bleibt uns verborgen. Vincent selbst bestritt einen theologischen Unterton des Motivs seines Gemäldes. Die klaren vertikalen Linien inmitten des weltweiten Chaos sprechen jedoch für sich.
Die Standhaftigkeit des Glaubens zeigt sich häufig in Geduld und stillem Ausharren. In Stunden des Zweifels und der Prüfung erinnert unser Glaube an diesen standhaften Kirchturm auf Van Goghs Gemälde. Es kommen die Worte des Psalmisten in den Sinn: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Feste verkündet das Werk seiner Hände“ (Ps 18,2). Dieses Gemälde wurde zu einer malerischen Predigt über den Mut eines Künstlers, der den Versuchungen nicht nachgab und bis zum Ende gegen sie kämpfte.