Die zwei geistigen Räume

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Die zwei geistigen Räume

Dieser Spruch kursiert immer mal wieder, sei es im Internet oder in Schriften mancher Geistlicher. Ein paradoxes Wort, das zum Nachdenken anregen soll, vergleichbar mit dem asketischen Spruch: „Wer stirbt, bevor er stirbt, der stirbt nicht, wenn er stirbt.“

Doch was ist davon zu halten? Vielleicht führt einer sein geistiges Leben seit seiner Kindheit in der Gemeinde seiner Eltern, oder aber er wendet sich nach einem langen geistigen Ringen endlich der Orthodoxie zu und freut sich – nur um dann irgendwann zu erfahren, dass wir doch keine Religion sind?

Der Unterschied, der hier gemacht wird, ist ein ganz zentraler: Es wird unterschieden zwischen der Gesetzlichkeit, wie sie den anderen Religionen gemein ist, und der Ablösung der Gesetzlichkeit, wie sie Christus gewirkt hat.

Was bedeutet Ablösung der Gesetzlichkeit?  Was ist dieses „Gesetz“, um das es geht? Heißt es, dass wir zu Anarchisten werden sollen, die bloß nach ihrem Eigenwillen handeln?

So müsste man schließen, wenn man davon ausginge, dass sich das Gesetz nur in Richtung Anarchie, sozusagen „nach unten hin“ verschieben könne. Was könnte aber überhalb des Gesetzes selbst stehen?

Die Überlieferung kennt gewissermaßen zwei geistige „Großräume“, in denen sich die vielfältigen Melodien unseres Lebens bewegen wie zwischen den weißen und schwarzen Tasten eines Klaviers: Wir können sie benennen einerseits als den  „Raum des Gesetzes“ und den „Raum des Herzens“.

Jeder dieser Räume eröffnet ein Netz aus Möglichkeiten im Geiste zu fallen oder den Geist zu veredeln. Und doch gibt es zwischen diesen Räumen eine Rangordnung, die sich auch in der Architektur des Tempels wiederspiegelt.

Der christliche Tempel muss, wenn sein Kunstwerk ganzheitlich sein soll, diese beiden geistigen Großräume in sich verbildlichen und unterscheiden: Dies geschieht durch den Narthex und den Inneren Tempel.

Der Narthex ist der Raum, in den sich die Glaubensschüler (Katechumenen) während des Mysterienteils der Liturgie zurückziehen. Im überlieferungstreuen Tempelbau finden sich im Narthex häufig Ikonen, die sich auf den Alten Bund beziehen: Propheten, Engel, oder eben die abrahamische Dreifaltigkeitsikone, wie es zum Beispiel im hl. Dreifaltigkeitskloster zu Buchhagen der Fall ist.

Bei manchen griechischen Tempeln sind im Narthex Bilder von Philosophen wie Plato oder Sokrates angebracht.

Ikonen des Philosophen Sokrates, des Lyrikers Solon und weiterer im Narthex des Klosters der Verklärung in Meteora, Griechenland.
Ikonen des Philosophen Sokrates, des Lyrikers Solon und weiterer im Narthex des Klosters der Verklärung in Meteora, Griechenland.

Diese Kennzeichnung stellt bereits den Narthex als einen besonderen Ort heraus: Er ist als etwas „vorchristliches“ erkennbar: Ein Ort, an dem Christus bereits vorhanden ist, aber eben in einer vorzeitlichen, wie verschleierten Form.

Der Narthex ist ein Übergangsraum, eine „Zwischenwelt“, in der der Mensch nur durch eine gesetzlich-menschliche Linse hindurch in Beziehung zu Gott tritt.

Hier herrscht die „religiöse Logik“ in ihrer Reinform: Gott und Mensch sind Geschäftspartner, die durch einen umständlichen Sittenkodex ein gemeinsames Leben aushandeln. Diese Vorstellungen sind es, die den „Raum des Gesetzes“ ontologisch ausmachen, und sie waren die Grundlage des Alten Bundes der Israeliten sowie jeder heute existierenden „Religion“.

Doch sehen wir ja, dass der Narthex nicht das Ende des Tempels ist, sondern gerade erst der Übergang zum eigentlichen Tempel. Die Überlieferung sieht es vor, dass jeder Glaubensschüler diesen Raum durchläuft. Er ist ein Raum des Lernens und der Vorbereitung, gleichwohl ist er bloß die Schwelle, das Äußere des Tempels, welches nicht und niemals an sein inneres Allerheiligstes heranreicht. Hier muss der Glaubensschüler verweilen, die christliche Sitte verinnerlichen und sein äußeres Leben seinem Treueschwur zu Christus anpassen.

Insofern kommt dem Raum des Gesetzes in der Rangordnung der Dinge eine bedeutende Stelle zu, wie es auch bei Röm 7,12 zu lesen ist: „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“

An anderer Stelle weist Paulus jedoch darauf hin, dass das Gesetz noch nicht das Höchste ist: „So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister" – Gal 3,24-25

Der hl. Apostel Paulus bezeichnet Christus als
Der hl. Apostel Paulus bezeichnet Christus als

Das Leben innerhalb des Raumes Gesetzes hat stets einen von außen aufgesetzten Charakter: Es sind Rituale, Handlungen und Gewohnheiten, die von einer äußeren Autorität (eine Institution, gesellschaftlicher Druck oder eine bloße Gruppenmentalität) vorgegeben sind, die aber bei dem Gläubigen noch nicht aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstehen.

Der Gläubige nimmt diese Dinge äußerlich oder intellektuell an, ohne sie aber noch durch eigene Erfahrung zu nähren, sodass er ein souveränes Urteil über sie bilden und dem Glauben somit aus echtem freien Willen nachfolgen könnte.

Das Gute nicht ein Gesetz, sondern eine Handlung, die nur einem freien Menschen möglich ist – andersherum ist nur der das Gute tut wirklich frei. Das Gute entspringt also nicht aus einer Sitte, nicht aus einer Regel,  sondern aus einer inneren Schau heraus – einem Urbild des Guten.

Wenn wir also das Gute an sich mit der Souveränität in Verbindung bringen, dann bedeutet dies, dass das Gute weder unter Zwang geschehen kann, noch kann eine Handlung, die äußerlich von ihrem Wirken her gut ist wirklich gut sein, wenn sie nicht einem Bewusstsein für das Gute entspringt und einem Willen, der den Geist des Menschen zum Guten leitet.

Es wird also höchste Zeit, dass wir den Raum des Gesetzes endlich verlassen, wie es uns Christus lehrte, und in die geistige Autonomie eintreten:

Stellen wir uns also gedanklich in den Narthex einer Kirche nach urchristlicher Bauart: Wir lassen unseren Blick schweifen und sehen die Ikonen Abrahams, vielleicht Isaaks und Jakobs an den Wänden. Wenn wir aber unseren Blick nach vorne richten, dann erkennen wir einen Weg, der uns geebnet ist.  Er führt unter einem großen Bogen hindurch, an dessen zwei Säulen eine Christusikone und eine Marienikone zu sehen sind.

Wir sind hier an der Schwelle, die zum Inneren Tempel führt. Und wir sind an der Grenze, an der die Religion endet.

Hier bricht alle „religiöse Logik“ zusammen: Kausalität, mechanisches Denken, „Wenn-dies-dann-das“  gilt hier nicht mehr: Wir stehen an der Grenze zur geistigen Umkehr, die selbst noch die Gesetze der Logik und des ganzen Seins in seinen Grundfesten erschüttern und transformieren wird.

An der Schwelle zum Inneren Tempel scheiden sich die Geister! Das jüngste Gericht bildet die absolute Grenze zwischen  Zeit und Ewigkeit und ist daher in jedem christlichen Herzen allgegenwärtig, in welchem die Ewigkeit wohnt. Eine Ikone vom Kloster Gonias bei Kolimbari, Kreta.
An der Schwelle zum Inneren Tempel scheiden sich die Geister! Das jüngste Gericht bildet die absolute Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit und ist daher in jedem christlichen Herzen allgegenwärtig, in welchem die Ewigkeit wohnt. Eine Ikone vom Kloster Gonias bei Kolimbari, Kreta.

Wer also den Narthex verlässt und in den Inneren Tempel schreitet, der überquert die Grenze zum Raum des Herzens: Das Herz ist der zentrale Ort im Menschen, durch den die Achse des Alls verläuft. Um dorthin zu gelangen, müssen wir den Tod sterben: den Tod der Welt, den Tod Christi, um im Geiste neu geboren zu werden.

Nur in diesem Raume, der uns nach dem Tode überkommt,  ist wahrhaftige geistige Autonomie möglich, und ein neues Gesetz tut sich auf: Ein Gesetz, das den Gläubigen einen anderen Prüfstein auferlegt.

In diesem Raum gilt nicht mehr, ob ich von der äußeren Handlung oder von den Worten her „richtig“ oder „falsch“ bin, sondern die Frage lautet nun vielmehr: Bin ich hier und jetzt geistig anwesend oder bin ich es nicht? Erinnere ich mich an Christus und an meinen Tod, den ich sterben muss – oder erinnere ich mich nicht? Bin ich erkannt – oder bleibe ich unerkannt?

Viele vorchristliche Religionen ahnten vielleicht, dass wir den Tod sterben  müssen, weswegen uns zahlreiche Initiationsriten bekannt sind, die irgendwie mit dem Tod zusammenhängen:

Die Menschen ahnten im Grunde ihres Herzens immer, dass uns der Opfertod auf gewisse Weise mit Gott verwandt macht – uns gewissermaßen „in eine Schwingungsebene mit Gott“ bringt – auch, wenn sie es in vorchristlicher Zeit nicht verstehen oder artikulieren konnten.

Dieser Raum des Herzens, der jenseits des Todes liegt, hat sich uns erst durch Christus geöffnet, der ganze Gott und ganze Mensch, Der in den Tod gegangen ist – und deswegen ist das Christentum keine Religion. Vielmehr beginnt dort, wo die Religionen enden, das wahre Christentum.

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