Das Zweite Vatikanische Konzil und Synodaler Weg – Zwischen Aufbruch, Krise und bleibender Spannung

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Das Zweite Vatikanische Konzil und Synodaler Weg – Zwischen Aufbruch, Krise und bleibender Spannung. Foto: UOJ Das Zweite Vatikanische Konzil und Synodaler Weg – Zwischen Aufbruch, Krise und bleibender Spannung. Foto: UOJ

Warum bleibt das Zweite Vatikanische Konzil bis heute ein Spannungsfeld?

Als am 11. Oktober 1962 die schweren Bronzetüren des Petersdoms aufschwangen und mehr als zweitausend Bischöfe aus allen Kontinenten in feierlicher Prozession einzogen, begann ein Ereignis, das die katholische Kirche nachhaltiger prägen sollte als jedes andere des 20. Jahrhunderts: das Zweite Vatikanische Konzil, kurz Vaticanum II. Einberufen von Papst Johannes XXIII., fortgeführt und zum Abschluss gebracht von Papst Paul VI., tagte es in vier Sitzungsperioden bis 1965.

Die Kirche selbst spricht bis heute nicht von einem Bruch, sondern von einer Neuformulierung und Neuausrichtung – vom Aggiornamento, einer „Heutigwerdung“. Keine Dogmen seien abgeschafft worden, betont das Lehramt; vielmehr habe man die ewigen Wahrheiten in einer neuen historischen Situation neu zur Sprache bringen wollen. Und doch veränderte dieses Konzil das Gesicht des Katholizismus radikal – sichtbar, hörbar, spürbar.
Die Liturgiereform – Der hörbare Umbruch

Am unmittelbarsten erlebten die Gläubigen die Reform in der Liturgie. Jahrhunderte lang war die Heilige Messe auf Latein gefeiert worden – als sakrale, von Alltagssprache und Alltagswelt abgehobene Handlung.

Nach dem Konzil trat die Muttersprache an die Stelle des Lateins. Die Lesungen, das Hochgebet, die Antworten der Gemeinde – alles erklang nun in Deutsch, Französisch, Spanisch oder Swahili. Die Messe wurde verständlich; zugleich verlor sie für viele jene mystische Distanz, die gerade im Unverstandenen ihren Reiz entfaltet hatte.

Ebenso symbolträchtig war die veränderte Zelebrationsrichtung. Der Priester stand nun nicht mehr am Hochaltar mit dem Rücken zur Gemeinde, sondern feierte versus populum – dem Volk zugewandt. Die Eucharistie erschien weniger als kultische Darbringung in Richtung des transzendenten Gottes, sondern stärker als gemeinschaftliches Geschehen inmitten der Versammelten.

Für Befürworter war dies eine theologisch konsequente Rückkehr zu frühkirchlichen Formen; für Kritiker ein Verlust des Opfercharakters und eine „Protestantisierung“ der Messe, die 1969 im sogenannten Novus Ordo ihren verbindlichen Ausdruck fand.

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Religionsfreiheit und Ökumene – Die neue Sprache der Kirche

Noch tiefgreifender als die liturgischen Veränderungen war der Wandel im Selbstverständnis der Kirche gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften.

  • Anerkennung anderer Konfessionen

Vor dem Konzil dominierte der Anspruch, die katholische Kirche sei die einzig wahre Kirche Christi. Andere Gemeinschaften galten als defizitär. Vaticanum II sprach nun von „getrennten Brüdern“ und erkannte an, dass auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche Elemente der Heiligung und Wahrheit existieren.

Diese ökumenische Öffnung bedeutete keine Aufgabe des Wahrheitsanspruchs, wohl aber eine veränderte Tonlage: weniger Abgrenzung, mehr Dialog.

  • Verhältnis zum Judentum – Nostra Aetate

Besonders epochal war das Dokument Nostra Aetate. Es räumte mit der jahrhundertelang tradierten Kollektivschuldthese auf, die Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich. Stattdessen betonte es die gemeinsame geistliche Wurzel von Christentum und Judentum.

In einer Zeit, die noch im Schatten der Shoah stand, war dies mehr als eine theologische Präzisierung – es war eine moralische Zäsur.

  • Religionsfreiheit – Dignitatis humanae

Mit der Erklärung Dignitatis humanae bekannte sich die Kirche zum Recht jedes Menschen auf Religionsfreiheit. Jeder Mensch dürfe seine Religion frei wählen und ausüben, ohne staatlichen Zwang.

Dies bedeutete einen deutlichen Bruch mit der früheren Formel „Der Irrtum hat kein Recht“. Zwar hielt die Kirche daran fest, dass Wahrheit objektiv existiert; doch sie erkannte an, dass Gewissensfreiheit und menschliche Würde Vorrang vor staatlicher Repression haben.

Das neue Kirchenverständnis – Vom Klerus zum „Volk Gottes“

In der dogmatischen Konstitution Lumen Gentium beschrieb das Konzil die Kirche nicht mehr primär als hierarchische Pyramide, sondern als Volk Gottes.

Der Papst blieb oberster Hirte, die Bischöfe behielten ihre apostolische Vollmacht – doch die Laien wurden theologisch aufgewertet. Sie galten nicht mehr bloß als Empfänger sakramentaler Gnade, sondern als aktive Träger der Sendung der Kirche in der Welt.

Diese Neubestimmung bereitete den Boden für Pfarrgemeinderäte und synodale Strukturen. Demokratisierungstendenzen entstanden – auch wenn die Kirche keine Demokratie im staatsrechtlichen Sinne wurde.

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Identitätskrise–Demokratisierung-Entzauberung-Spaltung

Das Konzil wirkte wie ein Fenster, das nach Jahrhunderten geöffnet wurde. Frische Luft strömte herein – doch auch Zugluft.

Laien erhielten Mitspracherechte. Theologen diskutierten freier. Ordensgemeinschaften reformierten ihre Lebensformen. Eine Atmosphäre des Aufbruchs aber auch der Krise prägte die späten 1960er Jahre.

Für viele konservative Gläubige jedoch ging mit der Abschaffung des Lateinischen und der traditionellen Rituale ein Verlust des Sakralen einher. Das Geheimnisvolle wich der Verständlichkeit; das Erhabene dem Alltäglichen.

Wo früher Weihrauchschwaden und gregorianischer Gesang den Raum erfüllten, standen nun Gitarren und volkssprachliche Lieder. Für manche war das Evangelium näher gerückt – für andere war das Mysterium geschrumpft.

Der Konflikt kulminierte in offenen Brüchen. 1970 gründete Erzbischof Marcel Lefebvre die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX), um Priester im alten tridentinischen Ritus auszubilden. Für Lefebvre waren die Reformen häretisch; er sprach vom „Rauch Satans“, der in die Kirche eingedrungen sei – ein Zitat Pauls VI., das Traditionalisten gegen das Konzil selbst wandten.

1988 weihte Lefebvre trotz päpstlichen Verbots vier Bischöfe. Die Folge war die Exkommunikation – der erste große Schisma-Moment der Neuzeit. Zwar hob Papst Benedikt XVI. 2009 die Exkommunikation auf, doch die kirchenrechtliche Spannung blieb bestehen.

Weltweit verweigerten Priester die Einführung der neuen Messe. In „Kellerkapellen“ und Garagen wurde die tridentinische Liturgie im Geheimen gefeiert.

Publizistische Organe – etwa das Portal katholisches.info im deutschsprachigen Raum – stilisierten das Konzil zu einer innerkirchlichen Verschwörung von Freimaurern und Kommunisten.

Gleichzeitig schuf Rom papsttreue Gegenpole wie die Priesterbruderschaft St. Petrus: Gemeinschaften, die die alte Messe feiern dürfen, jedoch das Konzil formal anerkennen.

Ein besonders gravierender Einschnitt war die Enzyklika Humanae Vitae (1968). Nachdem das Konzil Offenheit und Dialog signalisiert hatte, bekräftigte Paul VI. das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung. Viele Gläubige empfanden dies als Rückschritt – als unzumutbaren Eingriff in ihre Privatmoral. Der sogenannte „Pillen-Knick“ beschädigte die Glaubwürdigkeit kirchlicher Autorität nachhaltiger als viele Konzilstexte.

Insbesondere für die Traditionalisten ist das Konzil kein Frühling, sondern der Beginn des Niedergangs. Die „modernistische“ Liturgiereform (Novus Ordo) gleiche einem geselligen Mahl, nicht einem heiligen Opfer. Die Feier zum Volk verdränge die Ausrichtung auf Gott. Die Volkssprache zerstöre die sakrale Einheit des lateinischen Ritus.

Die Religionsfreiheit wurde als Verrat an eigene Kirche empfunden. Dignitatis humanae widerspreche der traditionellen Lehre, dass Irrtum kein Recht habe. Wenn jede Religion Anspruch auf Freiheit habe, verliere die katholische Kirche ihren exklusiven Missionsauftrag.

Die Ökumene wurde von Traditionalisten als Relativismus bewertet. Dialog erscheine als Gleichsetzung. Wenn andere Religionen als mögliche Heilswege anerkannt würden, werde die Einzigartigkeit der Kirche Christi relativiert.

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Neue Spannungen und „Offensive“, der Demokratisierung

Papst Franziskus hat mit dem Motu proprio Traditionis Custodes (2021) die Feier der tridentinischen Messe stark reglementiert. Während das erklärte Ziel die Sicherung der liturgischen Einheit war, empfinden viele Traditionalisten dies als erneute Marginalisierung. Die daraus resultierende Protestwelle verdeutlicht, dass die innerkirchliche Auseinandersetzung um das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils bis heute nicht abgeschlossen ist.

Streng genommen war das Zweite Vatikanische Konzil kein dogmatischer Umsturz, sondern eine pastorale Neuorientierung. Dennoch wirkte es wie ein tektonisches Beben: Es veränderte die Sprache der Liturgie, das Verhältnis zu anderen Religionen und das Selbstverständnis der Kirche als „Volk Gottes“. Diese Neuausrichtung löste sowohl Begeisterung und Reformgeist als auch Entfremdung und Widerstand aus.

Zusätzlich zu diesen Spannungen steht die katholische Kirche vor weiteren Zerreißproben. Angestoßen durch die tiefe Vertrauenskrise infolge des Missbrauchsskandals, initiierten die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) im Jahr 2019 den Reformprozess „Synodaler Weg“. In diesem Format beraten Bischöfe und Laien gemeinsam über Machtstrukturen, Sexualmoral, priesterliche Lebensformen und die Rolle der Frau.

Dieser Prozess wird jedoch von zwei Seiten scharf kritisiert: Während der liberale Flügel teilweise einen mangelnden Fortschritt beklagt, werfen Konservative dem Prozess vor, einen „nationalen Sonderweg“ zu gehen. Sie sehen in den Reformbestrebungen zur Sexualmoral und zum Zölibat eine Abkehr vom katholischen Glauben.

Obwohl der offizielle Reformdialog im Frühjahr 2023 endete, wird die Arbeit im „Synodalen Ausschuss“ fortgesetzt. Dies mobilisiert weiterhin vatikankritische Stimmen und verschärft die innerkirchliche Spaltung.

Die Kombination aus enttäuschten Erwartungen – sowohl auf traditionalistischer als auch auf liberaler Seite –, dem Abbruch von Familientraditionen und einem allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandel hat die Kirchenaustritte massiv beschleunigt. Laut DBK traten allein im Jahr 2024 etwa 321.600 Menschen offiziell aus der katholischen Kirche aus.

Ob das Zweite Vatikanische Konzil diese Austrittswellen verursacht oder lediglich begleitet hat, bleibt historisch umstritten. Ein Indiz für einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend ist, dass auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Jahr 2024 mit circa 323.000 Austritten einen massiven Mitgliederverlust hinnehmen musste.

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