„Einheit im Glauben bei gleichzeitiger Vielfalt“ – Priester Elias Schlepegrell
Ein Interview von UOJ mit einem Priester der Georgischen Kirche über die Gegenwart und Zukunft der Orthodoxie in Deutschland.
UOJ präsentiert ein Interview mit Vater Elias Schlepegrell. Er ist Priester der georgisch-orthodoxen Diözese von Deutschland und Österreich. Der zuständige Bischof ist der Metropolit von Sugdidi und Tsaishi, Gerasime. Vater Elias ist für die georgisch-orthodoxe Gemeinde des Hl. Georg in Bremen sowie für die deutschsprachige Gemeinde der Hl. Ansgar und Lambert zuständig.
Wie lange sind Sie bereits Priester in Deutschland? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Georgien und Deutschland fallen Ihnen dabei besonders auf?
Ich bin Deutscher und in Deutschland geboren. Am 19. August 2021 wurde ich in Bolnisi von Erzbischof Efrem zum orthodoxen Priester geweiht. Durch meine Ehe mit einer Georgierin und meine Familie in Georgien lebe ich in enger geistlicher und familiärer Verbundenheit mit beiden Ländern.
In meiner seelsorgerlichen Arbeit bin ich für die georgische Gemeinde des heiligen Georg in Bremen zuständig, für eine kleine deutschsprachige Gemeinde in Oldenburg sowie darüber hinaus für Gläubige in Hamburg und Paderborn.
In Georgien ist der Glaube tief im öffentlichen Leben verwurzelt, in Deutschland hingegen oft eine bewusste persönliche Entscheidung. Doch in beiden Ländern begegne ich denselben Fragen, Sorgen und Hoffnungen.
Diese Erfahrung zeigt mir immer wieder: Kirche lebt dort, wo Menschen ernst genommen und geistlich begleitet werden.
In den sozialen Netzwerken tauchen immer mehr christliche Blogger auf, darunter auch orthodoxe, die ihre Blogs auf Deutsch führen. Wie stehen Sie dazu, dass nicht Priester, sondern einfache Gläubige über Christus sprechen? Worin sollten sie besonders vorsichtig sein?
Ich halte es für gut und notwendig, dass Gläubige über ihren Glauben sprechen. Viele junge Menschen begegnen Christus heute zuerst im digitalen Raum, und persönliche Zeugnisse können dabei eine wichtige Brücke sein.
Gleichzeitig braucht dieser Raum geistliche Ordnung. Nicht jede Plattform und nicht jedes Angebot dient wirklich dem Heil der Suchenden. Es gibt Internetseiten und Discord-Server, die eher Verwirrung stiften, als einen gesunden Zugang zum christlich-orthodoxen Glauben zu eröffnen.
Ein positives Beispiel ist der Discord-Server die „Apostolische Kirche“, der unter dem Segen von Metropolit Isaak der antiochenischen Metropolie steht. Dort wirken Priester aus verschiedenen orthodoxen Diözesen mit – auch ich selbst – und beantworten Fragen, die jungen Suchenden auf der Seele brennen. Solche Orte sind wichtig, weil sie einen geschützten Rahmen bieten, in dem Fragen ernst genommen und im Geist der Kirche beantwortet werden.
Entscheidend ist Demut: Wer über Christus spricht, sollte nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern den Menschen helfen, eine tragfähige und kirchlich verantwortete Beziehung zum Glauben zu finden.
Da dieses Interview kurz vor dem Fest der Darstellung des Herrn erscheint: Worin liegt Ihrer Meinung nach die besondere Bedeutung dieses Festes?
Das Fest der Darstellung des Herrn ist ein stilles und zugleich zutiefst seelsorgerliches Fest. Es zeigt einen Gott, der sich tragen lässt und dem Menschen auf leise Weise begegnet.
Der greise Simeon steht für all jene, die lange gewartet haben, gehofft haben und vielleicht müde geworden sind. In der Seelsorge begegne ich vielen Menschen, die sich in dieser Haltung wiederfinden.
Die Darstellung des Herrn erinnert uns daran, dass Christus uns entgegenkommt, nicht in Macht, sondern in Geduld, Treue und Liebe.
Vor ein paar Jahren kam ein Team der Filmemacher über den heiligen Gabriel Urgebadze mit seinen Reliquien nach Deutschland. Wie erklären Sie die besondere geistliche Nähe vieler Menschen, insbesondere junger, zu diesem Heiligen heute?
Der heilige Gabriel war ein Mensch radikaler Christusliebe und großer innerer Freiheit. Er hatte keine Angst, schwach oder töricht zu erscheinen. Gerade junge Menschen spüren diese Echtheit.
Viele berichten, dass sie sich von ihm verstanden fühlen. Diese Nähe ist nicht bloß emotional, sondern geistlich.
Der heilige Gabriel zieht die Menschen nicht zu sich, sondern weist konsequent auf Christus hin und genau darin liegt seine besondere Kraft.
Wie schätzen Sie die Situation der Orthodoxie in Deutschland heute ein, und wie sehen Sie ihre Zukunft?
Die Orthodoxie in Deutschland bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Generationen und Kulturen. In der georgischen Gemeinde erlebe ich sowohl Familien, in denen beide Eltern aus Georgien stammen, als auch viele gemischte Familien mit deutschen, ukrainischen oder ägyptischen Wurzeln.
Für viele der älteren Gemeindemitglieder ist es wichtig, die Liturgie so zu feiern, wie sie sie aus Georgien kennen. Diese Vertrautheit schenkt Halt und Identität. Gleichzeitig darf die deutsche Sprache nicht vernachlässigt werden, damit auch Kinder, Jugendliche und nicht-georgische Familienmitglieder verstehen, was sie mitbeten.
Eine wichtige Ergänzung ist unsere deutschsprachige Gemeinde, die sich samstags versammelt. Dort kommen Menschen verschiedenster Nationen zusammen. Die Liturgie wird auf Deutsch gefeiert, während das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser in mehreren Sprachen gebetet werden. Ich sehe darin keine Schwächung, sondern eine große Hoffnung: Einheit im Glauben bei gleichzeitiger Vielfalt.
Die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland liegt darin, Brücken zu bauen, ohne die geistlichen Wurzeln zu verlieren.
Vor kurzem wurde in Georgien eine Filiale der Union orthodoxer Journalisten eröffnet. Was würden Sie den Mitarbeitern und Lesern wünschen?
Ich wünsche den Mitarbeitern geistliche Klarheit, Wahrhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Worte haben Gewicht, besonders im kirchlichen Raum. Die Verantwortung der Journalisten besteht dabei nicht nur darin, korrekt zu berichten, sondern auch verbindend zu wirken – neutral, respektvoll und nicht trennend.
Den Lesern wünsche ich innere Ruhe, Unterscheidungsvermögen und den Mut, den Glauben nicht nur zu lesen, sondern zu leben.
Möge alles, was geschrieben und gelesen wird, letztlich dem Heil der Menschen dienen und zur Vertiefung des Glaubens beitragen.