Herr, erbarme Dich der gefallenen Brüder
In einer orthodoxen Kirche in Deutschland wird für die gefallenen ukrainischen und russischen orthodoxen Soldaten gebetet.
Diese Geschichte wurde mit uns von den Altardienern einer orthodoxen Kirche in Deutschland geteilt. Unter ihren Gemeindemitgliedern sind viele Ukrainer und Russen. Uns ist aufgefallen, dass darüber kaum jemand spricht, dabei ist dieses Beispiel eine kalte Dusche für all jene erhitzten Gemüter, die nach Blut verlangen, das rechtfertigen und segnen, was für ein Wahnsinn sich in der Ukraine in den letzten vier Jahren vollzieht. Das Blut orthodoxer Christen fließt und tritt längst über die Grenzen der Ukraine hinaus – und schreit nun auch hier, in Deutschland, zum Himmel.
Der Bruderkrieg und das Opfer auf der Proskomidie
In den orthodoxen Kirchen unserer Tage liegt eine stille, kaum auszusprechende Traurigkeit auf dem Altar. Sie zeigt sich nicht in lauten Worten oder politischen Stellungnahmen, sondern in kleinen Zetteln, die während der Proskomidie dargebracht werden. Auf ihnen stehen Namen gefallener Soldaten – ukrainische und russische Namen, nebeneinander, ohne Kennzeichnung, ohne nationale Zuordnung, ohne Unterschied. Vor Gott werden sie nicht getrennt. Sie werden gemeinsam dem Gedächtnis Christi anvertraut.
Diese Praxis offenbart eine tiefe Wahrheit der Orthodoxen Kirche: Vor dem Angesicht Gottes gibt es keine geopolitischen Lager, sondern nur Menschen, die nach Seinem Bild geschaffen wurden. In der Liturgie werden sie nicht als Feinde erinnert, sondern als Söhne – oft als Brüder –, deren Blut auf demselben Boden vergossen wurde.
Der gegenwärtige Krieg in der Ukraine trägt deshalb in besonderer Weise die Züge eines Bruderkrieges. Völker, die durch Geschichte, Taufe und geistige Tradition verbunden sind, stehen einander bewaffnet gegenüber. Für die Kirche ist dies nicht nur eine politische Tragödie, sondern vor allem eine geistliche Wunde.
Der heilige Bischof Nikolaj Serbskij (Velimirović) beschreibt in seinem Werk „Der Krieg und die Bibel“ den Krieg nicht primär als Folge militärischer Fehlentscheidungen, sondern als Spiegel des geistlichen Zustandes der Menschheit. Krieg, so schreibt er sinngemäß, ist keine zufällige Katastrophe, sondern eine Antwort auf die angesammelten Sünden der Gesellschaft. Wenn der Mensch sich von Gott entfernt, wenn Stolz, Habgier, Machtstreben und Verachtung des Nächsten zur Norm werden, wenn das Töten der ungeborenen Kindern in Form der Abtreibungen gesellschaftlich akzeptiert wird dann zieht sich der göttliche Frieden zurück – und das Schwert tritt an seine Stelle.
Der heilige Nikolaj betont, dass Gott den Krieg nicht im Sinne eines sadistischen Richters „schickt“, sondern dass der Mensch durch seine Gottvergessenheit selbst die Ordnung zerstört, die Frieden ermöglicht. Der Krieg ist somit Offenbarung und Gericht zugleich: Er legt offen, was im Herzen der Völker lange verborgen war.
Gerade der Bruderkrieg ist dabei die schmerzlichste Form dieses Gerichts. In der Heiligen Schrift ist es nicht der Krieg gegen Fremde, sondern der Mord am verbrüderten Abel durch Kain, der als Urbild der Sünde erscheint. Der heutige Konflikt trägt diesen biblischen Schatten in sich. Brüder erkennen einander nicht mehr als Brüder, sondern als Bedrohung.
Die Kirche antwortet darauf nicht mit politischen Programmen, sondern mit Gebet, Buße und Erinnerung. Wenn bei der Proskomidie Partikel aus der Prosphora für die Gefallenen beider Seiten entnommen werden, dann ist dies ein stiller, aber radikaler Akt: Er widerspricht der Logik der Welt. Dort, wo die Welt trennt, vereint die Kirche. Dort, wo Ideologien Namen auslöschen oder instrumentalisieren, bewahrt die Kirche jeden einzelnen Namen im Gebet.
Diese Praxis ist zugleich Anklage und Hoffnung. Anklage, weil sie zeigt, wie weit sich die Gesellschaft vom Evangelium entfernt hat. Hoffnung, weil sie bezeugt, dass selbst im tiefsten Dunkel die Barmherzigkeit Gottes nicht erlischt. Die Kirche bittet nicht darum, dass „unsere Seite“ siegt, sondern dass Gott Erbarmen hat – mit den Lebenden und mit den Toten.
Der heilige Nikolaj mahnt, dass echter Friede erst dort beginnen kann, wo Umkehr geschieht. Nicht nur politische Verträge, sondern ein geistliches Erwachen ist notwendig. Solange die Sünde kollektiv gerechtfertigt wird, solange Gewalt, Lüge und Entmenschlichung als Mittel akzeptiert werden, bleibt der Krieg eine reale Möglichkeit.
Die Gedenkzettel auf dem Altar sind daher auch ein Ruf an die Lebenden. Sie fragen uns: Welche Welt bauen wir? Welche Werte nähren wir? Und wie viele Namen müssen noch ohne Unterschied vor Gott gebracht werden, bis der Mensch wieder lernt, im Anderen seinen Bruder zu erkennen?
In der orthodoxen Tradition endet selbst die tiefste Klage nicht ohne Hoffnung. Christus, der am Kreuz für alle gestorben ist, kennt keine Nationalität. Sein Opfer umfasst auch jene, die einander auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden.
Und vielleicht liegt gerade in der stillen Gleichheit der Namen auf der Proskomidie der Keim eines Friedens, der tiefer ist als jede politische Lösung – ein Frieden, der aus Reue geboren wird und in der Liebe Gottes vollendet ist.