Der Schrei der Blinden sprengt die religiösen Algorithmen

19. Juli, 10:05 Uhr
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„Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Foto: UOJ „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Foto: UOJ

Die Blinden des Evangeliums kannten keine Protokolle, nur den verzweifelten Ruf nach Christus – ein Aufschrei, der auch in der digitalen Epoche den Weg aus der Routine in die lebendige Gemeinschaft mit Gott öffnet.

„Jesus, Sohn Davids, erbarme dich unser!“ – so riefen die Blinden im Evangelium Christus nach, von denen wir in der Liturgie der siebten Woche nach Pfingsten lesen. Wir leben in einer Epoche des totalen Triumphs von Algorithmen und Protokollen. Der moderne Mensch ist daran gewöhnt, dass jedes Problem – vom kaputten Smartphone bis zur langwierigen Depression – durch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung gelöst wird.

Unglücklicherweise haben wir versucht, diese Fließbandmentalität auch in die Umgebung der Kirche zu übertragen. Für viele von uns hat sich das geistliche Leben in eine mechanistische Vorschrift verwandelt. Treten wir aus der Kirche hinaus, so stellen wir fest, dass die Seele ihren Durst nach Gott nie gestillt hat. Wir haben gelernt, uns im Raum der religiösen Alltagsroutine untrüglich zurechtzufinden, doch die Sehkraft für die Beschauung der himmlischen Welt haben wir eingebüßt.

Die Blinden des Evangeliums, an die uns die Kirche in der siebten Woche nach Pfingsten erinnert, saßen an der staubigen Straße und konnten Christus nicht physisch sehen. Aber sie besaßen ein leidendes Herz. Ihr verzweifelter Schrei: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich unser!“ – das ist eine präzise Diagnose und das einzig richtige Rezept für jeden von uns.

Die Illusion des religiösen Fließbands

Die Hauptillusion des „äußerlichen“ Christentums besteht in der Gewissheit, dass Heiligkeit die Summe richtiger Kombinationen sei. Doch das Heil lässt sich nicht automatisieren. Das ganze „Salz“ des Heils, sein ganzes Wesen, besteht im Erlangen der Gnade, und Gnade ist eine personale Gabe, die man sich weder verdienen noch durch das mechanische Befolgen von Regeln von Gott „herausdrehen“ kann.

Das Geheimnis des Heils ist in der Buße verborgen, und das Geheimnis der Buße ist im Gebet. Doch wie soll der beten, dessen Verstand rund um die Uhr mit Terabytes weltlichen Informationsmülls bombardiert wird? Wie soll man ins Gebet eintreten, wenn wir nicht einmal den elementaren Frieden gegenüber unseren Nächsten besitzen?

Der erste Schritt auf diesem Weg ist ein radikales, hartes Aussteigen aus dem Modus „leben wie alle“. Was ist heute dieses spießbürgerliche „wie alle“? Es ist die Charakteristik des Daseins eines geistlichen Leichnams in der irdischen Welt.

Der Zustand eines Menschen, der mit dem Strom treibt, völlig zermalmt unter der Last nicht bereuter Sünden und der von der Massenkultur aufgezwungenen Begierden. Das bedeutet nicht, dass man sofort in die Wüste fliehen muss. Man muss sein Leben selbst verändern und seine Werte überprüfen.

Die Schlacht um den Verstand

Die erste ernsthafte Hürde, an der die meisten Neuankömmlinge im Glauben zerbrechen und zurückweichen, ist der innere Kampf um den eigenen Verstand. Der menschliche Verstand ist eine gewaltige, von Gott verliehene Kraft. Das Gesetz des geistlichen Lebens ist streng: Worauf wir die Aufmerksamkeit unseres Verstandes richten, dahin fließt die gesamte Lebensenergie des Menschen. Wenn unser Verstand rund um die Uhr Nachrichtenströme und Alltagskränkungen durchspult, ist es seltsam zu erwarten, dass das Herz plötzlich in christlicher Liebe aufblüht.

Der Verstand muss in die Worte des Gebets „eingeschlossen“ werden, damit ihm keine Schlupflöcher für die Flucht in die Welt der Gedanken bleiben.

Alles Irdische, an das sich die Seele bindet, verdirbt sie allmählich. Alles Himmlische, zu dem sie durch das innere Schweigen gelangt, führt sie in die göttliche Ruhe ein. Das Christentum ist keine Religion der Bequemlichkeit, es ist ein tägliches Training für die Ewigkeit.

Das kompromisslose Ausreißen der Sünde

Die Gnade ist eine empfindsame Substanz. Sie sammelt sich Tropfen für Tropfen an, wenn der Mensch sein reines Gewissen mehr behütet als seinen Augapfel. Der Hauptfeind ist hier das Selbstmitleid, diese ewigen Gedanken: „Noch ein wenig schlafen, noch etwas essen, ich bin müde, ich muss mich entspannen.“ Lauheit erschlafft die Seele und verwandelt Christen in „unnütze Knechte“. Zu Christus kann man nicht ohne echte Buße hintreten, und echte Reue ist nicht einfach sentimentale Zerknirschung bei der Beichte, sie ist ein erbarmungsloses, kompromissloses Ausreißen der Wurzeln der Sünde in einem selbst.

Das irdische Leben ist weder ein Übungsgelände für Vergnügungen noch ein Sanatorium. Es ist ein unablässiger, tödlicher Kampf mit dem Bösen, das in uns von frühester Kindheit an Wurzeln geschlagen hat.

Jeder Augenblick, jede zufällige Begegnung, jeder aufblitzende Gedanke – eine Prüfung, in der Gott prüft, wohin sich die Waagschale unseres Herzens neigt: zum Licht oder zur Finsternis.

Wenn wir, anstatt mit dem Verstand im Kaleidoskop der äußeren Welt zu leben, ihn in den inneren Raum des Herzens versenken, werden wir dort die Quelle eines gnadenreichen Flusses entdecken. Wie der ehrwürdige Maximus der Bekenner bemerkte: „Wer Gott liebt, zieht die Erkenntnis Gottes allem von Ihm Erschaffenen vor.“

Das Schweigen des verklärten Herzens

Heute ist der größte Teil der Menschheit in eine tiefe geistliche Starre versunken, eingelullt von der endlosen Vielfalt weltlicher Eindrücke. Der sündhafte Verstand erzeugt ohne Unterlass Gedanken und fesselt die Seele mit ihnen fester als mit stählernen Ketten. Er flüstert dem Menschen eine falsche Schlaffheit ein, eine Greisenhaftigkeit, die Gewohnheit zu jammern und sich über die Umstände zu beklagen. Doch in Christus altert der Geist des Menschen nicht, er wird jung! Das Alter fürchtet die geistliche Jugend. Gedanken der Niedergeschlagenheit, der Müdigkeit und der Sinnlosigkeit des Kampfes sind stets feindliche Pfeile, die „von der linken Seite“ kommen.

Wenn die Seele entschlossen, ohne zurückzublicken, die Wahl zugunsten einer radikalen inneren Veränderung trifft, erlangt sie augenblicklich das Erbarmen des Herrn. In diesem Augenblick beginnt der Mensch, die geistlichen Sinngehalte nicht mit dem Verstand zu begreifen, nicht durch theologische Bücher, sondern mit dem Herzen.

Das endgültige Ziel jeder Gebetspraxis ist die geheimnisvolle Einwohnung des dreieinigen Gottes im menschlichen Herzen. Dies ist der Zustand des verklärten Geistes, des Friedens Gottes, der die Wahrnehmung des Weltalls völlig verändert. Auf diesem Gipfel gerät der menschliche Verstand in völliges Schweigen. Das uns Gewohnte weltliche Denken stellt sein chaotisches Wirken ein. Unser unablässiger innerer Monolog, unsere endlosen Erwägungen – das ist nichts anderes als die psychologische Schutzmethode des Menschen vor der erschreckenden Wirklichkeit der geistlichen Welt. Wir zerreden Gott, um Ihm nicht von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Ebendarum ist es so wichtig, das Denken durch das Gebet zu ersetzen.

Die wahre Gotteserkenntnis ist schweigend und gedankenlos. Sie ist die echte Buße, die geöffnete Tür in Christus hinein.

Solches Gebetstun ist nicht nur den Mönchen und Einsiedlern zugänglich, sondern auch dem Laien, der in einer Millionenstadt lebt. Sein Wesen ist einfach und tief: sich selbst ungeteilt in Gott zu bewahren, nüchtern und auf das Herz achtzuhaben.

Jene Worte, mit denen die Blinden am Wegrand riefen, sollen unser Herz leise und gleichmäßig das ganze Leben hindurch wiederholen. Auf dass in jener Stunde, da die Seele sich vom Leibe trennt, ihr letzter irdischer Laut und ihr erster ewiger Atemzug werde: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“

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