Der göttliche Mentor
Wie der Heilige Geist uns zur persönlichen Entwicklung herausfordert
Wir sind häufig zwischen zwei Extremen hin und her gerissen, die schon die Apostel kannten: Auf der einen Seite ein weltliches Denken, das uns erzählt, wir könnten aus eigener Kraft alles werden und erreichen. Auf der anderen Seite ein frömmlerischer Irrtum, der uns sagt, wir sollen alles in Gottes Hände legen. Wir sind wie die Apostel im Abendmahlssaal und schwanken zwischen Furcht und Ungeduld, Passivität und Tatendrang. In diesen Zwiespalt bricht das Feuer des Heiligen Geistes herein: Als göttlicher Mentor fordert er uns buchstäblich heraus, mit ihm das Abenteuer unserer persönlichen Entwicklung anzutreten.
Es gibt eine moderne Form der Selbstüberschätzung, die den Aposteln nicht fremd war. Sie lautet: „Die einzige Grenze für deine Wirkung ist deine Vorstellungskraft und dein Engagement.“ Das Zitat stammt von dem einflussreichen Persönlichkeitscoach und Bestsellerautor Tony Robbins und beschreibt eine weitverbreitete Einstellung: Wenn du nur an dich glaubst und dich anstrengst, kannst du alles erreichen.
Wie sehr die Apostel an sich selbst glaubten, wird im Evangelium mehrmals deutlich. Auf dem Weg nach Jerusalem kündigt Jesus ihnen sein Leiden und seine Auferstehung an. Jakobus und Johannes, voller Ambitionen, fragen nicht weiter danach und bitten stattdessen, mit ihm an seiner künftigen Herrschaft teilhaben zu dürfen. Jesus erwidert: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ Sie aber sagten zu ihm: „Wir können“ (Mk 10,38-39). Und Petrus, der ihn wenig später verleugnen wird, versichert: „Selbst wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich keineswegs verleugnen.“ Ähnlicherweise aber sprachen auch alle Jünger (Mt 26,35).
Dann, mit einem Mal, zerbrechen die Träume der Jünger: Nicht nur, dass Christus sich weigert, ein weltliches Königreich wiederherzustellen. Er selbst wird als König der Juden dem Foltertod am Kreuz überliefert. „Wir aber hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde“ (Lk 24,21), so die enttäuschten Worte des Kleopas, der dem Auferstandenen begegnet ohne ihn zu erkennen . Auch das leere Grab und die Nachricht der Frauen, dass sie den Herrn gesehen hätten, kann die erschütterten Apostel nicht wieder aufbauen. Zu tief sitzt die Enttäuschung ihrer eigenen Vorstellungen und Ambitionen.
Die Verunsicherung ist so tief, dass sie sich zunächst nur hinter verschlossenen Türen versammeln – „aus Furcht vor den Juden“, wie berichtet wird (Joh 20,19). Die Selbstüberschätzung weicht der Angst. Nachdem der Auferstandene ihnen erschienen ist, erwarten die Jünger nichts mehr von sich selbst. Auch dann, als der Herr ihnen das Kommen des Heiligen Geistes ankündigt, ist ihre einzige Frage: „Herr, ob du wohl in dieser Zeit das Königtum wiederherstellst für Israel?“ (Apg 1,6).
Hinter der Frage verbergen sich dieselben alten Erwartungen: ein weltliches Reich, ein Ehrenplatz für die Jünger – aber nun soll es Christus selbst richten. So denken viele Christen. Es wird für fromm gehalten, alles in Gottes Hände zu legen. Alles „ans Kreuz zu bringen“, weil wir doch selbst nichts tun könnten für unsere Rettung. Gott wird mein Leben schon so fügen, wie er es für richtig hält. Der Platz, an dem ich bin, ist wo ich bleiben will – mein gemütlicher Abendmahlssaal, mein heimisches Jerusalem. Ich bin errettet, wozu meine Komfortzone verlassen? Wozu die Initiative ergreifen, wenn der Herrn nicht aus den Wolken kommt und zu mir sagt: Tu dies, tu jenes? Wozu mich als Person entwickeln und neue Ziele verfolgen, wenn es doch genügt, fromm zu sein und auf Jesus zu warten?
Diese frömmlerische Haltung ist dieselbe, mit der die Jünger dem zum Himmel auffahrenden Herrn nachblicken: Und wie sie dabei waren, unverwandt in den Himmel zu blicken, während er dahinging, ja siehe, da standen zwei Männer bei ihnen in weißem Rock, und sie sagten: „Männer, Galiläaer, was steht ihr da und blickt in den Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird also in gleicher Weise kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel.“ (Apg 1,10)
Ikone der Himmelfahrt Christi, Russland 15. Jh. (Wikimedia Commons)
Der Heilige Geist fordert den Menschen heraus
Die Ankunft des Heiligen Geistes an Pfingsten befreit uns aus dieser lähmenden Fixierung auf den Himmel, indem der Geist selbst den Himmel auf die Erde bringt. Daran erinnern uns auf berührende Weise die Worte in der ersten Pfingstpredigt des heiligen Johannes Chrysostomos:
„Heute ist uns die Erde zum Himmel geworden [...] Denn ausgegossen wurde in reichem Maß die Gnade des Heiligen Geistes und hat den ganzen Erdkreis zum Himmel gemacht – nicht indem er die Natur verwandelte, sondern indem er den Willen veredelte.“
Die Veredelung des menschlichen Willens zur Erfüllung des Willens Gottes – das ist der Anbruch des himmlischen Königtums in dieser Welt. Nichts anderes beten wir im Vaterunser: Dein Königtum komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Die Apostel werden vom Geist buchstäblich herausgefordert aus der Enge des Abendmahlssaals und dem Umkreis Jerusalems, um Zeugen zu sein bis ans Äußerste der Erde (Apg 1,8). Nicht die Fixierung auf den zum Himmel aufgefahrenen Herrn, sondern die heilige Unruhe des Geistes bestimmt von jetzt an ihr Handeln.
Dabei agiert der Heilige Geist als Beistand, als göttlicher Mentor. Er offenbart sich – wie der Theologe Vladimir Lossky bemerkt – nicht unmittelbar in seiner eigenen Person, so wie Christus mit sichtbarem Antlitz erschienen ist. Vielmehr wirkt er durch seine Gaben in den Aposteln, in den Jüngern, und in jedem einzelnen Glied der Kirche: „Er bleibt ungeoffenbart, gleichsam verborgen durch die Gabe, auf dass die Gabe, die er mitteilt, gänzlich unser, ganz zum Eigentum unserer Person werde“, so Lossky in seinem Buch Mystische Theologie.
Darum liegt es aber auch in der Verantwortung des Menschen, die natürlichen und übernatürlichen Gaben, die er vom Geist empfangen hat, zu entfalten. Er muss sie sich im wahrsten Sinne des Wortes aneignen und damit arbeiten, wie der Knecht aus dem Gleichnis mit seinen vom Herrn empfangenen Talenten wirtschaften muss, um sie zu vermehren. Ein ungeheurer Gedanke: Gott erntet, was er nicht gesät hat! Er fordert, was er nicht gegeben hat (siehe Mt 25,26)!
„Die Bestimmung der Gaben Gottes liegt darin, dass die Menschen mit ihrer Hilfe leben, dass sie mit ihnen arbeiten, dass sie in ihr irdisches Leben soviel wie möglich Göttliches einbringen. […] Das wären Zinsen nicht nur für sie, sondern auch für Gott“, schreibt der heilige Justin von Celije in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium.
Person und Persönlichkeit
Der rumänische orthodoxe Philosoph Nae Ionescu stellt fest: „Alle Fehler und alle Sünden kommen gerade daher, dass wir unsere Kräfte nicht einschätzen können und dass wir diesen inneren Kräften nicht erlauben, sich in ihrer ganzen Fülle zu entfalten.“
Der Selbstüberschätzung steht demnach die Unterschätzung oder Vernachlässigung der eigenen, gottgeschenkten Potenzials gegenüber, dessen Entfaltung Gottes Wille ist. Was aber bedeutet diese Entfaltung?
Es ist bemerkenswert, dass der Heilige Geist an Pfingsten nicht als himmlische Feuersbrunst erscheint und die ganze Versammlung der Jünger überflutet, sondern in Gestalt von Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; und je eine setzte sich auf einen jeden von ihnen (Apg 2,3). Lossky schreibt dazu:
„Der Heilige Geist teilt sich den Personen mit, indem er jedes Mitglied der Kirche mit dem Siegel einer personalen und einmaligen Beziehung zur Dreieinigkeit bezeichnet und indem er in jeder Person gegenwärtig wird.“
Die Entfaltung der Person ist also etwas, das in der Beziehung zu Gott und meinem Nächsten geschieht, weil auch er als Mensch die Würde der Gottebenbildlichkeit besitzt. Der Mensch ist Person, weil sein Urbild – Gott – selbst Person ist. Gleichzeitig ist jede menschliche Person radikal einzigartig. Damit ist die Person ein Mysterium: das Mysterium der Gottebenbildlichkeit, das sich jeder Definition entzieht und nur in dem Maße sichtbar wird, wie der Mensch sich heiligt und Gott ähnlich wird.
Diese Heiligung geschieht nicht im luftleeren Raum. Die Kirche kennt seit jeher die Mittel, durch die der Mensch seine Gottebenbildlichkeit realisiert: Gebet, das die Beziehung zu Gott vertieft; Fasten, das Seele und Leib diszipliniert; tätige Nächstenliebe, die das Ebenbild im Anderen ehrt. Diese asketische Praxis ist der Boden, auf dem Persönlichkeitsentwicklung im christlichen Sinne erst möglich wird.
Von der Person zu unterscheiden ist aber die Persönlichkeit. Sie ist das, worin sich die Besonderheit der Person nach außen manifestiert: Charakterzüge, Beziehungen, Vorlieben, Fähigkeiten. Die Persönlichkeit ist der Ort, an dem sich die Person nach außen mitteilt. Und damit der Ort, an dem Heiligung konkret wird: Ein Lehrer, der seinen Beruf zum Dienst an Anderen einsetzt, heiligt sich durch eben diese Tätigkeit. Ein Künstler hingegen, der seine persönliche Begabung für blasphemische Werke missbraucht, schändet damit die eigene Gottähnlichkeit. Einzelne persönliche Eigenschaften und Fähigkeiten können zwar mehreren Menschen gemeinsam sein. In ihrer individuellen Zusammensetzung und als Ausdruck der Person dahinter bleiben sie aber einzigartig.
Deutlich wird damit auch: Es gibt keine Heiligung der Person ohne Entwicklung der Persönlichkeit, denn Heiligung setzt die Entwicklung und den Gebrauch unserer persönlichen Fähigkeiten voraus. Die moderne Persönlichkeitsentwicklung kennt nicht die Person, deren Geheimnis nur der Heilige Geist enthüllen kann. Aber sie zeigt uns Wege und Methoden auf, mit denen wir unsere unsere natürlichen Eigenschaften und Fähigkeiten entwickeln und die damit gleichzeitig unserer Heiligung dienen können.
Der Theologe Vladimir Lossky (1903-1958) (Wikimedia Commons)
Aus christlicher Perspektive muss indes klar gemacht werden: Nicht meine Vorstellungskraft und mein Engagement bestimmen die Grenzen meiner Möglichkeiten, wie die eingangs zitierten Worte von Tony Robbins suggerieren, sondern meine Beziehung zu Gott und die mir von ihm verliehenen Gaben.
Praktische Schlussfolgerungen
Diese Tatsache bedeutet aber eine Befreiung. Denn Gott ist es, der unsere Fähigkeiten am besten kennt und einschätzen kann. Und er tut oftmals Wege zur Entwicklung auf, die wir selbst niemals gefunden oder gewagt hätten zu beschreiten. An uns ist es, diese Gelegenheiten wahrzunehmen und auf diese Weise mit unseren Talenten zu wuchern. Das Beispiel der Apostel und ihrer Fehler kann uns dabei leiten, dieses Vorhaben in die Praxis umzusetzen:
1. Die eigenen Kräfte und Begabungen einschätzen
Petrus ist das eindrücklichste Beispiel dafür, was geschieht, wenn wir unsere Kräfte überschätzen. Er versichert dem Herrn seine Treue bis in den Tod – und verleugnet ihn dann dreimal. Erst die schmerzhafte Erfahrung seiner eigenen Schwäche macht ihn zu dem Fels, der er werden soll. Nüchterne Selbstkenntnis ist die Voraussetzung dafür, dass Gott mit uns arbeiten kann. Denn wer seine Kräfte überschätzt, der wirkt an Gott vorbei. Wer sie unterschätzt, handelt allzu oft feige und wie der Knecht, der sein Talent vergräbt anstatt es zu verwenden.
2. Mit dem nächstliegenden Ziel beginnen
Bevor die Apostel in die Welt ausgesandt werden, erhalten sie vom Herrn Anweisung, sie sollen Jerusalem nicht verlassen bis sie Kraft vom Heiligen Geist empfangen hätten. Doch auch nach der Herabkunft des himmlischen Beistands beginnt ihr Zeugnis zuerst in Jerusalem, dann Judäa und Samaria und schließlich in der restlichen Welt (s. Apg 1,8). Wir neigen oft dazu, unsere Mitmenschen und die Welt verändern zu wollen, und dabei gerade unsere alltäglichsten und grundlegendsten Aufgaben zu vernachlässigen. Echtes Wachstum ist nur dort möglich, wo es in kleinen, demütigen Schritten geschieht.
3. Unterscheidung der Geister
Schließlich gilt es immer, die eigenen Ambitionen von gottgefälligen Zielen zu unterscheiden – und das ist der schwierigste Teil, weil die Unterscheidung der Geister etwas ist, das erfahrenen Personen vorbehalten ist. Hier wird am deutlichsten sichtbar, dass persönliche Entwicklung immer der Hilfestellung durch menschliche Mentoren, durch geistliche Väter und Mütter bedarf. Nicht dass sie den Heiligen Geist ersetzen könnten, aber sie können uns helfen zu unterscheiden, welche Impulse vom himmlischen Mentor kommen – und welche womöglich unserer eigenen Selbstüberschätzung entspringen. Denn der Geist Gottes ist nicht dem Menschen als Einzelnem gegeben, sondern letztlich der Kirche in ihrer Gesamtheit.
Ikone: Die Herabkunft des Heiligen Geistes über den im Abendmahlssaal versammelten Jüngern an Pfingsten (Wikimedia Commons)