Freiheit ohne festen Wohnsitz: Theologie der Vertriebenen

Verfolgung ist ein Indiz für die Wahrheit der Kirche. Foto: UOJ Verfolgung ist ein Indiz für die Wahrheit der Kirche. Foto: UOJ

Wenn Gläubigen die Kirchen genommen werden, befällt uns Panik; doch die Erfahrung der Heiligen beweist, dass der Verlust eines steinernen Gotteshauses sich nicht in eine Niederlage Gottes verwandeln lässt.

In der belebten Natur machen die Krustentiere periodisch eine schwere Zeit durch. Sie werfen ihren verhärteten Chitinpanzer ab. Lange schützt er sie vor spitzen Steinen und Räubern, doch mit der Zeit wird er zu eng und hindert sie am Atmen. Wenn das schutzlose Wesen herauskriecht, kann ihm jedes Sandkörnchen auf dem Meeresgrund eine tiefe Wunde zufügen. Ohne diese Befreiung ist der Krebs aber zum langsamen Tod in seinem Kokon verurteilt. Er kann einfach nicht wachsen.

Das Zerbrechen der Illusion von Geborgenheit

Das gewohnte Leben der Kirche mit seiner staatlichen Protektion, seinem geschützten Eigentum und seiner Stabilität war ein solcher fester Panzer. Wir sind mit ihm in den langen Jahren eines ruhigen und beschaulichen Dienstes verwachsen. Und dann begann dieser Panzer plötzlich zu knacken und auseinanderzubrechen.

Wir sind bestürzt, wir fragen uns ratlos: Was geschieht mit uns? Doch schlägt man die Bergpredigt auf, so sieht man, dass die letzte Seligpreisung gerade von denen spricht, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Sie unterscheidet sich von den übrigen. In den vorangehenden Worten gebraucht Christus die distanzierte dritte Person, indem Er die geistlich Armen oder die Sanftmütigen erwähnt. Hier aber wendet Sich der Erlöser unmittelbar an die Jünger und blickt ihnen in die Augen: „Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und euch jegliches Übel um Meinetwillen nachreden“ (Mt 5,11). Und gleich darauf folgt eine Forderung, die verrückt erscheinen mag: „Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß im Himmel“ (Mt 5,12).

Im Urtext steht dort ein Verb, das buchstäblich dazu aufruft, vor Begeisterung zu springen, zu jubeln. Es fällt uns schwer, diese Forderung anzunehmen, wenn uns die versiegelten Türen der geplünderten und geschändeten Kirchen vor Augen stehen. Wir nehmen die Verfolgungen als wilde Ungerechtigkeit wahr. Wir möchten glauben, dass dies ein zeitweiliges Missverständnis ist, das sich bald klären wird.

Doch im Bewusstsein der Christen der ersten Jahrhunderte war das Verbanntsein ein natürliches Kennzeichen geistlichen Wachstums.

Ein Mensch, der ehrlich versucht, die evangelischen Gebote zu erfüllen – sanftmütig, barmherzig, friedfertig zu werden –, verändert seine innere Welt. Er hört auf, mit der gottlosen Gesellschaft zu verschmelzen. Schon allein seine sichtbare Gegenwart beginnt daher, das System zu reizen, das auf Egoismus und Lüge gebaut ist. Und die zerbrochene Welt schaltet den Modus der Abstoßung ein und drängt den Gläubigen an den Rand. Die Vertreibung beweist nur, dass wir aufgehört haben, der sündigen Welt anzugehören.

Die Geschichte des Mutes der byzantinischen Vertriebenen

Blicken wir zurück, in das Jahr 379. Konstantinopel erstrahlte damals in Reichtum, doch die christliche Gemeinde befand sich dort am Rande des Überlebens. Die arianischen Häretiker, die sich der vollen Unterstützung des kaiserlichen Hofes erfreuten, kontrollierten sämtliche Kirchengebäude der Hauptstadt. Die Orthodoxen besaßen keine einzige legale Kirche, keinen Pfennig in der Kasse, geschweige denn eine rechtliche Registrierung. Und in diese feindselige Stadt kommt nun der heilige Gregor der Theologe.

Er war von schwacher Gesundheit, bleich, schlecht gekleidet und lispelte stark, weshalb das hauptstädtische Publikum offen über ihn lachte. Doch er begann nicht, Mahnwachen abzuhalten oder Appellationen an die Gerichte zu verfassen. Er fand einfach ein kleines Wohngemach im Privathaus eines seiner Verwandten. In dieser stickigen Kammer standen die Menschen Schulter an Schulter und feierten die Liturgie.

Im Namen dieser Gemeinde – »Anastasia«, was übersetzt »Auferstehung« bedeutet – verbarg sich ein Manifest. Gerade hier, in der Verbannung, beginnt der ihrer sichtbaren Vorrechte beraubte Glaube der Menschen aufzuerstehen.

Einmal, während des Ostergottesdienstes, drang ein Haufen wütender Arianer in dieses Zimmer ein und bewarf die Betenden mit Steinen. Ein Mönch kam ums Leben, und den heiligen Gregor schleppte man vor Gericht, wo man ihn des Mordes beschuldigte. Doch selbst in dieser wilden Situation bewahrte er tiefe Ruhe. Seine gegen die Arianer gesprochenen Worte strafen unsere Kleinmütigkeit Lügen: »Sie haben die Kirchen, wir aber Gott; mehr noch – wir selbst sind Tempel Gottes … Sie haben das Volk, wir aber die Engel. Sie haben die Frechheit, wir aber den Glauben.«

Der Heilige verstand, dass der Besitz von Kirchengebäuden eine gefährliche Illusion ist. Wenn man uns die Schlüssel zu den Kathedralen wegnimmt, verlieren wir lediglich das Eigentumsrecht, nicht aber Gott. Der Staat ist imstande, ein Gebäude zu beschlagnahmen, doch er kann das Himmelreich nicht konfiszieren, denn dessen Adresse befindet sich in unserer Seele, wohin die Hände der Gerichtsvollzieher nicht reichen.

Die Freiheit in uns

Der heilige Johannes Chrysostomus dachte über dieses Gebot der Bergpredigt so nach: »Christus sagte nicht: ‚Wenn ihr keine Trauer empfindet‘, sondern: ‚Wenn ihr euch freut‘ (dann erlangt ihr die Seligkeit – Anm. d. Red.). Denn keinen Schmerz zu empfinden, ist Sache der Natur, doch sich inmitten von Bedrängnissen zu freuen, ist Sache der Gnade.«

Es schmerzt uns, das zu verlieren, woran wir unser Herz gehängt haben. Das sagt unsere menschliche Natur. Doch die Freude, von der die heiligen Väter schreiben, wird aus der Erkenntnis geboren, dass man uns endlich dieser heilsamen Verbannung für würdig erachtet hat.

Wir wissen nicht, wie lange der Abbruch der Kulissen unseres Lebens noch andauern wird. Es ist töricht zu hoffen, dass sich morgen alles einrenkt und wir zur früheren Stabilität zurückkehren. Doch die Erfahrung der Verbannung beweist: Die Kirche ist unverwundbar, solange sie nicht versucht, um der Bewahrung von Bequemlichkeit willen mit ihrem Gewissen zu feilschen. Der Verlust von Immobilien wird zu einem schmerzhaften Prozess. Wir haben uns zu lange auf äußere Sicherheiten gestützt und darüber verlernt, Gott inmitten des Sturms zu vertrauen.

Man mag die Katasternummern in den Registern umschreiben, ein Vorhängeschloss vor die eichenen Türen hängen und am Tor Wachen aufstellen. Doch wie vertreibt man einen Menschen aus dem Haus, das er in sich trägt? Das Himmelreich hat schließlich keinen irdischen Wohnsitz, keine Katasternummer, und es ist unmöglich, aus ihm per Gerichtsbeschluss ausgewiesen zu werden.

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