Gott unter dem Messer: Warum die Kirche den ersten Schmerz Christi feiert
Wir verstecken dieses Fest oft hinter dem Gedenken an Basilius den Großen, weil wir uns für die Physikalität des Herrn schämen. Aber Gott hat bewiesen, dass er kein Hologramm ist, sondern ein echter Mensch.
Im Kirchenkalender gibt es Feiertage, über die man nicht laut spricht. Der 14. Januar ist einer dieser Tage. In den Kirchen werden viele Menschen sein, aber die meisten kommen, um sich gegenseitig zum „alten Neujahr” zu gratulieren oder das Andenken an den Heiligen Basilius den Großen zu ehren. Und das Ereignis, das dem Fest seinen Namen gab – die Beschneidung des Herrn – bleibt im Schatten. Prediger sprechen oft nur kurz darüber, erröten und wählen vage Formulierungen wie „Demut” und „Erfüllung des Gesetzes”.
Es ist uns unangenehm. Es ist uns unangenehm, Gott im Zusammenhang mit einer chirurgischen Operation zu betrachten. Es fällt uns schwer, den allmächtigen Schöpfer und das weinende Kind, an dem ein schmerzhafter, blutiger Ritus vollzogen wird, in unserem Kopf miteinander zu verbinden.
Wir sehnen uns nach „Spiritualität”, hohen Themen, Licht und Weihrauch. Und hier gibt es nur ein Messer, Blut und abgeschnittenes Fleisch.
Aber genau diese „unangenehme“ Physiologie steht im Mittelpunkt des Festes. Wenn wir schamhaft unsere Augen vom Messer abwenden, verpassen wir das Wesentliche des Christentums. Am 14. Januar versetzt die Kirche der schönsten und gefährlichsten Illusion der Menschheit einen tödlichen Schlag – der Vorstellung, dass Gott weit entfernt von unserem Schmerz ist.
Realitätstest
In den ersten Jahrhunderten des Christentums war die Häresie des Doketismus weit verbreitet. Kluge, gebildete Menschen behaupteten Gott sei zu rein und zu groß, um sich mit Materie zu beflecken. Sie sagten, Christus sei kein echter Mensch gewesen. Sein Körper sei ein Geist gewesen, eine optische Täuschung. Er schien nur zu leiden, aber in Wirklichkeit kann die Gottheit keinen Schmerz empfinden. Das war eine schöne, „bequeme” Theologie.
Das Fest der Beschneidung widerlegt diese Theorie vollständig.
Hologramme bluten nicht. Geister werden nicht operiert. Eine optische Täuschung schreit nicht vor Schmerz, wenn sie mit Eisen berührt wird.
An diesem Tag hat Gott einen harten Realitätscheck bestanden. Er hat bewiesen, dass seine Menschwerdung kein Karnevalskostüm ist, das man ausziehen kann, wenn es einem langweilig wird. Er hat die menschliche Natur ernst genommen. Mit Nervenenden, mit Schmerzempfindlichkeit, mit Blutgruppe und Rhesusfaktor.
Gott wurde verletzlich. Derjenige, der die Gesetze der Physik geschaffen hat, unterwirft sich ihnen nun selbst. Er spürt die Kälte des Stahls genauso wie jeder von uns. Das ist kein „Menschen-Spiel”. Das ist völliges Eintauchen.
Das erste Blut
Wir sind daran gewöhnt zu denken, dass die Erlösung am Karfreitag auf Golgatha begann. Dass Christus aufwuchs, lehrte, Wunder vollbrachte und erst am Ende seines Weges ans Kreuz ging. Das ist ein Irrtum. Sein Kreuzweg begann nicht im Alter von 33 Jahren. Er begann am achten Tag seines Lebens.
Die Beschneidung ist das Vergießen des ersten Blutes. Es ist der erste Teil des Preises, den Gott für uns zu zahlen beschlossen hat. Er hat nicht auf die Reife gewartet. Kaum geboren, beginnt er bereits zu leiden.
Das verändert unsere Vorstellung von Gott. Wir stellen ihn uns oft als einen gütigen Großvater vor, der uns von einer Wolke aus beobachtet. Aber Christus ist kein Beobachter. Er ist ein Teilnehmer. Er kam nicht als Urlauber oder Inspektor auf diese Welt. Er unterzeichnete sofort einen Vertrag mit seinem Blut.
Der alttestamentarische Ritus der Beschneidung war ein Zeichen des Bundes – eines Vertrags zwischen Gott und dem Volk. Das Siegel dieses Vertrags war eine Wunde am Körper. Gott schloss den Bund nicht auf Papier, sondern auf lebendem Fleisch. Und als Christus, der Gesetzgeber, sich selbst dem Gesetz unterwirft, zeigt er: „Ich bin hier, um alles zu erfüllen. Ich nehme die ganze Last, die ganze Verantwortung, den ganzen Schmerz dieser Welt auf mich. Ich suche keine Privilegien.“
Die ersten Blutstropfen in Bethlehem sind der Prolog zu den Blutströmen auf Golgatha. Der Kelch des Leidens wurde ihm nicht im Garten Gethsemane angeboten, sondern schon in der Wiege. Und er hat ihn nicht zurückgewiesen.
Name und Schmerz
In der Bibel gibt es ein strenges Gesetz: Der Name wird zusammen mit dem Schmerz gegeben. Genau am Tag der Beschneidung, im Moment der Operation, erhielt das Kind offiziell seinen Namen.
Der Engel sagte zu Josef: „Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von ihren Sünden erlösen“ (Mt 1,21). Jesus (Jeschua) bedeutet übersetzt „Retter“.
Beachten Sie diesen Zusammenhang. Der Name „Erlöser“ wird ihm im Moment des Blutvergießens gegeben. Das ist das tiefste geistliche Gesetz, das wir heute am eigenen Leib spüren. Man kann nicht theoretisch zum Erlöser werden. Man kann niemanden retten, wenn man in einem bequemen Büro sitzt. Erlösung ist immer mit Opfer verbunden. Identität und Mission werden durch Schmerz in den Menschen „eingegossen“.
Gott erhält seinen Namen nicht unter dem Beifall der Engel, sondern unter Tränen. Das sagt uns mehr über den Preis der Erlösung als ganze Bände theologischer Bücher.
Retten bedeutet, einen Teil von sich selbst zu geben. Retten bedeutet, eine Wunde in Kauf zu nehmen.
Gott mit Narben
Für uns, die wir in der Realität des Krieges leben, ist dieses Thema besonders aktuell.
Wir sind ein Volk mit Narben. Sichtbaren und unsichtbaren. Manche haben Narben auf dem Körper von Granatsplittern, andere Narben auf der Seele von Verlusten, Verrat und Angst.
Manchmal scheint es uns, dass Gott, der vollkommen und gütig ist, uns nicht verstehen kann. Dass er zu weit entfernt ist vom Schlamm der Schützengräben, von den Operationstischen, von den kalten Kellern. Dass er ein steriles Absolutum ist.
Aber das Fest der Beschneidung und später der Auferstehung offenbaren uns eine andere Wahrheit: Unser Gott hat Narben. Selbst nach der Auferstehung blieben in dem verherrlichten, strahlenden Leib Christi die Wunden von den Nägeln und dem Speer zurück. Er zeigte sie Thomas. Er nahm diese Narben mit sich in die Ewigkeit.
Das bedeutet, dass eine Narbe keine Entstellung ist. Sie ist kein Defekt. Sie ist ein Dokument. Sie ist ein Zeugnis dafür, dass du im Kampf warst, dass du Schmerzen durchlebt und überlebt hast. Es ist ein Siegel der Liebe.
Ein Gott ohne Narben könnte eine alte Frau, die ihr Zuhause verloren hat, nicht verstehen. Er könnte einen Soldaten, dem ein Bein amputiert wurde, nicht verstehen. Aber unser Gott begann sein Leben mit einer Wunde. Er weiß, wie eine heilende Wunde schmerzt. Er trägt die Zeichen der Menschheitsgeschichte auf seinem Körper.
Die Heiligung der Physiologie
Und schließlich heilt dieses Fest unsere Einstellung zu unserem eigenen Körper. Seit Jahrhunderten herrschte in der Kultur (und im kirchlichen Umfeld) die Vorstellung, dass der Körper etwas Niedriges, Schmutziges, Schändliches, ein „Gefängnis der Seele” sei.
Christus zerstört diese Lüge. Wenn Gott selbst es nicht verschmähte, Fleisch zu werden, das man schneiden kann, dann ist die Materie heilig. Wenn der Schöpfer zuließ, dass man seinen Körper mit einem Messer berührte, dann gibt es nichts Beschämendes an unserer Physiologie.
Gott hat alle Phasen der menschlichen Entwicklung durchlaufen. Er war ein Embryo. Er war ein Säugling. Er hat Schmerzen erlitten. Er wollte trinken und essen. Er wurde müde. Damit hat er jedes Atom unseres Seins geheiligt.
Unser Schmerz ist kein Fehler des Systems. Er ist keine Strafe. Er ist die Reaktion eines lebenden Organismus auf eine leblose, durch Sünde zerbrochene Welt. Und Christus hat diese Reaktion durchlebt, um zu zeigen: Selbst im Schmerz kann man mit Gott bleiben. Selbst auf dem Operationstisch kann man der Sohn Gottes sein.
Wir suchen Gott oft in Wundern und Zeichen. Aber Er wartet auf uns in der Realität. In derselben Realität, in der es Blut, Schweiß und Tränen gibt. Er läuft nicht davor weg. Er nimmt sie auf sich, um sie von innen heraus zu verändern.
Wenn wir heute auf die Ikone des Festes schauen, sehen wir kein abstraktes Symbol. Wir sehen Gott, der beschlossen hat, uns bis zum Ende treu zu sein.