„Die Orthodoxie – das genuine Erbe des Abendlands“ – Johannes A. Wolf

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„Die Orthodoxie – das genuine Erbe des Abendlands“ – Johannes A. Wolf

Interview der UOJ mit Johannes A. Wolf, deutschem orthodoxen Übersetzer und Verleger, in Deutschland über die Bedeutung der Orthodoxie in der modernen westlichen Gesellschaft.

Johannes A. Wolf ist ein deutscher orthodoxer Übersetzer, Verleger und Autor, geboren 1959 in Norddeutschland. Er beschäftigte sich intensiv mit verschiedenen Weltanschauungen und Religionen und empfing 1996 die Taufe in der Orthodoxen Kirche. 1998 wurde er zum Lektor geweiht. Seitdem begann er, orthodoxe Literatur ins Deutsche zu übersetzen, unter anderem über den Verlag des Klosters der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland in München. 2002 gründete er sein eigenes Verlagshaus und begann die Veröffentlichung der Reihe „Der Schmale Pfad“, die die Leser mit dem geistlichen Erbe der Orthodoxen Kirche vertraut macht.

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Im Kloster in Griechenland im Jahr 2018. Foto: Facebook-Seite von Johannes Alfred Wolf

Herr Wolf, Sie haben ursprünglich Psychologie, Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und waren auch künstlerisch tätig. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, zur Orthodoxen Kirche zu finden?

Der Weg in die Orthodoxe Kirche war für mich langwierig. Obgleich der Glaube an Gott als Schöpfer des Universums schon von meiner Kindheit an vorhanden war, und obwohl ich mich in meiner Jugend intensiv mit der Bibel, vor allem mit dem Neuen Testament, beschäftigte, fand ich doch keine kirchliche Gemeinschaft unter den westlichen Konfessionen, mit der ich mich hätte identifizieren können.

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Bei einem Treffen mit S’chi-Archimandrit Gabriel (Bunge) in den Schweizer Alpen. Foto: Facebook-Seite von Johannes Alfred Wolf

Erst mit ungefähr 35 Jahren erfuhr ich überhaupt von der Existenz der Orthodoxen Kirche (obwohl ich in der Schule Abiturprüfungsfach Religion hatte), und die Möglichkeit, in ihr tatsächlich meine kirchliche Heimat zu finden, rückte erst allmählich in den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Es kamen viele Komponenten zusammen, die mir den Weg in die Orthodoxe Kirche wiesen:

  1. Die Suche nach der göttlichen Wahrheit, die nicht den Moden und Relativierungen der verschiedenen Zeitepochen und geistigen Strömungen unterworfen ist.
  2. Die Sehnsucht nach dem lebendigen, wahren Gott, nicht nach einem Gotteskonzept, einer Gottesideologie oder philosophischen Gottesvorstellung.
  3. Das Verlangen nach einer wirklichen Erneuerung meines Lebens, nach der „neuen Geburt“, von der Christus spricht (Jh 3,3), somit nach Heilung meiner Seele und Erlösung.
  4. Ein gründliches, erneutes Studium des Neuen Testaments, was mich schließlich zu den Kirchenvätern führte; ein Bildband über den Heiligen Berg Athos, auf den ich stieß und der mir eine völlig neue Sicht auf die christliche Spiritualität öffnete.
  5. Die große Rede Christi über das Brot des Lebens, Seinen Leib, im 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums und der darin enthaltene Hinweis auf die Notwendigkeit der Eucharistie, des Heiligen Abendmahls. Wo konnte ich die authentische Kommunion in den christlichen Gemeinschaften finden, und die Antwort, die sich für mich ergab, war: Nur in der Orthodoxen Kirche, die die kontinuierliche, unveränderte Fortführung der frühen apostolischen Kirche ist (wie ich allmählich herausfand), kann ich davon ausgehen, am wahren und von Gnade erfüllten Abendmahl teilzunehmen.
  6. Die Leben der Heiligen, mit denen ich mich zunehmend beschäftigte. Alle Heiligen, die mich beeindruckten, gehörten entweder zur ungeteilten Kirche des 1. Jahrtausends oder zur Orthodoxen Kirche bis heute. Ihr gemeinsames Zeugnis war ein Beweis für mich, dass die Orthodoxe Kirche die wahre Kirche Christi ist.
  7. Schließlich die Inhalte, die Mystagogie der Gottesdienste, die besondere Atmosphäre in den orthodoxen Kirchen (Ikonen, Weihrauch, Kerzen, Gesang, Architektur) und die Freundlichkeit der orthodoxen Gläubigen, ihre Ergriffenheit in den Gottesdiensten und ihre Begeisterung für das, was auch mich begeisterte.

Eine ganze neue Welt erschloss sich für mich in der Orthodoxie, und diese Welt war die lang ersehnte Heimat. Demgegenüber trat alles andere, womit ich mich bis dahin beschäftigt hatte, in den Hintergrund.     

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Bücher von Johannes Alfred Wolf

Seit vielen Jahren übersetzen und veröffentlichen Sie orthodoxe geistliche Literatur im deutschsprachigen Raum. Was fasziniert Sie besonders an der orthodoxen Spiritualität?

Der therapeutische Aspekt. Die Orthodoxie bietet eine vollständige, bewährte und wirkungsvolle Therapie der Seele, eine Heilbehandlung. Die orthodoxen Väter bezeichnen die Kirche als „Hospital“ und die Behandlungsmethode, die in diesem Krankenhaus der Kirche durch die Mysterien (Sakramente), die Gottesdienste, die geistlichen Väter, die Asketik und die gesamte orthodoxe Spiritualität angewendet wird, führt zur Heilung und Heiligung der Seele, damit sie aus diesem Leben geheilt fortgehen kann, d.h. befreit von leidenschaftlichen, destruktiven Abhängigkeiten, verbunden mit Gott im Herzen und im Geist.

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Wie entstand die Idee zu Ihrer bekannten Buchreihe „Der schmale Pfad“, und welche Botschaft möchten Sie den Lesern damit vermitteln?

Angeregt wurde ich dazu durch die Heftreihe „The Orthodox Word“, die von Vater Seraphim Rose initiiert worden war. Etwas Vergleichbares gab es in deutscher Sprache nicht, so begann ich unter vielen Schwierigkeiten im Jahr 2002 mit dem Segen des jetzigen Metropoliten Mark von Berlin und Deutschland die Schriftenreihe „Der Schmale Pfad“ herauszugeben, die bis heute auf 94 Bände von jeweils 120 bis 150 Seiten angewachsen ist. Der Titel geht auf das bekannte Wort Christi „der Weg, der zum Leben führt, ist schmal“ in der Bergpredigt (Mt 7,14) zurück.

Dieser Weg war schon immer schmal, und in der heutigen Zeit kommen besondere Herausforderungen hinzu. Die Schriftenreihe soll verschiedene Aspekte dieses „schmalen Pfads“ in den verschiedenen Zeitepochen, in verschiedenen Ländern und Regionen der Erde aufzeigen anhand von Heiligenleben, Berichten, theologischen Erläuterungen, Gebetstexten usw.

Zudem soll dadurch die Einheit der Orthodoxen Kirche trotz bestimmter lokaler Differenzen aufgezeigt werden, welche durch die Gleichheit der spirituellen Realität der Orthodoxie zu allen Zeiten, unter allen Umständen gegeben ist.

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Welche Buchreihen haben Sie bisher geschrieben oder herausgegeben, und welches Ziel verfolgen Sie mit diesen Veröffentlichungen?

Neben dem Schmalen Pfad habe ich vor kurzem mit einer neuen Reihe begonnen: „Orthodoxe BasisTexte“, grundlegende Texte zu verschiedenen Themen und Sammelbände von Homilien einzelner Verfasser.

Davon gibt es inzwischen sechs Hefte; die Reihe soll fortgesetzt werden. Außerdem habe ich im Lauf der Zeit eine Reihe von Büchern übersetzt und veröffentlicht, wobei Werke des hl. Theophan des Klausners und des hl. Nikolaj Velimirović den Schwerpunkt bilden.

Wo kann man Ihre Bücher finden – gibt es bestimmte Buchhandlungen oder Online-Shops, über die Leser Ihre Werke beziehen können?

Man kann meine Publikationen über meine Webseite bestellen: www.orthlit.de Viele meiner Veröffentlichungen werden auch von Edition Hagia Sophia angeboten: https://www.edition-hagia-sophia.de/ Die meisten Bücher kann man auch über den normalen Buchhandel erhalten.

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Sie übersetzen Werke aus verschiedenen Sprachen und geistlichen Traditionen. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen dabei – sowohl sprachlich als auch inhaltlich?

Sprachlich, dass manche Begriffe der orthodoxen Spiritualität im Deutschen nicht adäquat wiederzugeben sind, z.B. „nous“ (Auge des Geistes, Geistkraft), „metanoia“ (Umkehr, Reue, geistige Erneuerung), die vielschichtigen Bedeutungen des Begriffs „Herz“ usw. Somit bedarf es wiederkehrender Erläuterungen in Fußnoten usw.

Die inhaltlichen Herausforderungen sind in einigen stärker theologisch geprägten Texten recht groß. Man muß dabei sehr sorgfältig vorgehen und andere orthodoxe Texte parallel dazu lesen, in denen es um dieselben Sachverhalte geht. Man muss selbst verstehen, wovon der Verfasser spricht, um das Verständnis für die Inhalte vermitteln zu können. 

Welche Bedeutung kann die orthodoxe Glaubenstradition Ihrer Meinung nach für Menschen in der heutigen westlichen Gesellschaft haben?

Dieselbe wie zu allen Zeiten: Rettung der Seele für die Ewigkeit, Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott und allen Heiligen, Weg in den Himmel. Die Orthodoxie bietet die Fülle des christlichen Glaubens und Wegs, die keine der anderen christlichen Konfessionen enthält. Diese Fülle ist im Lauf der von der Orthodoxie abgetrennten Christenheit des „Abendlands“ verlorengegangen; doch die Sehnsucht nach ihr besteht weiterhin.

Man darf nicht vergessen, bzw. muss die Erinnerung daran erst wieder wecken, dass Europa einstmals (im 1. Jahrtausend) weitgehend orthodox, d.h. in der Glaubenstradition der alten, ungeteilten Kirche verwurzelt war.

Die Orthodoxie ist somit genuines Erbe des Abendlands. Es ist Ziel meiner Übersetzungen und Veröffentlichungen, einen Beitrag zu leisten, das Bewusstsein dafür zu wecken bzw. zu vertiefen.

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Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich für die orthodoxe Spiritualität interessieren oder ihren Glauben vertiefen möchten?

Vier Vorgehensweisen parallel:

1. Beten, dass Gott einem Verständnis für die Orthodoxie geben und den Weg weisen möge.

2. Sich umfassend informieren über die Orthodoxe Kirche und ihre Spiritualität anhand von Publikationen und Internetbeiträgen, wobei bei letzterem Vorsicht geboten ist, weil sich neben spirituellem „Weizen“ auch die „Spreu“ beimischt, also verzerrte oder falsche Darstellungen. Gute, vertrauenswürdige Informationen bietet der Discord-Server „Apostolische Kirche“, bei dem ich selbst Mitglied bin, wo einige Texte aus meinen Veröffentlichungen als pdf.-Dateien zur Verfügung stehen und wo auch auf der Grundlage von Veröffentlichungen aus meinem Verlagsprogramm mit meiner Genehmigung und Kontrolle Vorträge und Präsentationen durchgeführt werden; außerdem die Internetseite des Vereins Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa (DOM): https://dom-hl-michael.de/, sowie das umfangreiche orthodoxe Informationszentrum „orthpedia“: www.orthpedia.de/index.php/Hauptseite.

3. Sich mit dem Text der Göttlichen Liturgie beschäftigen und Gottesdienste in verschiedenen orthodoxen Kirchen besuchen, auch wenn man zunächst vielleicht nichts oder nicht viel versteht; mit Gebet in die Atmosphäre der Gottesdienste eintauchen; das Herz öffnen. Verschiedene orthodoxe Kirchen besuchen (russische, griechische, serbische, antiochenische usw.), um zu erfahren, wo man sich am besten „zu Hause“ fühlen könnte, da gewisse stilistische und ethische Merkmale unterschiedlich sind. Es gibt inzwischen auch eine Reihe von deutschsprachigen orthodoxen Gemeinden, was einen Zugang erleichtert.

4. Orthodoxe Priester und Gemeindemitglieder, die ernsthaft ihren Glauben praktizieren, kennenlernen und mit ihnen sprechen. Ein solcher Austausch ist von großer Bedeutung, um nicht in seiner eigenen „Blase“ steckenzubleiben. 

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Dürfen sich Leser in Zukunft auf neue Projekte, Bücher oder Übersetzungen von Ihnen freuen?

So Gott will, werde ich den Schmalen Pfad noch einige Zeit fortführen und die Reihe „Orthodoxe BasisTexte“ erweitern. Zudem habe ich eigene Buchprojekte in Planung, sowie Monographien von Heiligen der neueren Zeit.

Aber all dies erfordert Zeit, Konzentration und Kraft, wobei für mich wichtiger noch als diese Arbeiten das Gebet und die Gottesdienste sind. Sie bilden das eigentliche Zentrum meines Lebens. Ehre sei Gott für alles!

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