Der schwere Anker der Treue

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Das Sakrament der Ehe. Foto: UOJ Das Sakrament der Ehe. Foto: UOJ

Ein kleiner Ring am Ringfinger hat einen langen Weg zurückgelegt – von einer finanziellen Quittung bis zur Ikone der Ewigkeit. Wir werfen einen Blick auf seine verborgenen und vergessenen Bedeutungen.

Wenn wir in Museen an Vitrinen mit antikem Gold vorübergehen, verweilen wir selten mit unserem Blick. Es scheint uns, als seien sie schon immer Symbole romantischer Zuneigung und Attribute des Hochzeitsfestes gewesen. Doch hinter den Museumsexponaten verbirgt sich die Geschichte eines gewaltigen kulturellen Umbruchs, der die menschlichen Beziehungen für immer verändert hat.

Die rostige Spur der Sklaverei

In der Römischen Republik war der Verlobungsring aus Eisen. Er erfüllte eine rein zweckmäßige Funktion. Er war ein materielles Pfand, das der künftige Ehemann dem Vater der Braut übergab, gleichsam das Gegenstück zu einem Kassenbon, das den Abschluss des Kaufvertrags bestätigte. Die Frau ging aus der absoluten Gewalt des Vaters in die ebenso grenzenlose Gewalt des Ehemannes über.

Mit der Zeit oxidierte das Metall vom Schweiß, rostete und hinterließ auf der blassen Haut eine dunkle Spur. Es glich einer verkleinerten Kopie eines Sklavenhalsbandes oder eines Kettengliedes.

Der Ring war das sichtbare Zeichen des Eigentumsrechts.

Tertullian erinnerte an die Strenge der alten Sitten und schrieb, die römische Frau habe kein Gold an sich getragen, „außer an dem einen Finger, den der Ehemann mit dem Trauring geheiligt hatte“. Dies war eine strenge Mahnung an die Grenzen, die zu übertreten eine Frau kein Recht hatte.

Das goldene Siegel der Ehegatten

Es ist schwer vorstellbar, wie sich dieses Instrument der Waren- und Geldbeziehungen in etwas anderes verwandeln konnte. Den ersten Schritt zur Veränderung des Sinnes bildete eine erstaunliche Legende. Der römische Intellektuelle Aulus Gellius beschrieb, gestützt auf die alten Priesterbücher Ägyptens, einen schönen Mythos. Bei der Erforschung menschlicher Leichname nach dem Tode hätten Gelehrte angeblich einen äußerst feinen Nerv entdeckt, der vom Ringfinger der linken Hand unmittelbar zum Herzen führt.

Diese imaginäre Linie nannte man „vena amoris“ – die Liebesader. Gewiss, mit der Zeit wurde klar, dass das Blutgefäßsystem des Menschen anders beschaffen ist, doch die christlichen Autoren der ersten Jahrhunderte nahmen diese Metapher mit besonderer Aufmerksamkeit auf. Der heilige Isidor von Sevilla behauptete, dass »der Ring gegeben wird als Zeichen der gegenseitigen Treue und als Siegel für die Verbindung der Herzen... Er wird an den vierten Finger gesteckt, weil von dort aus eine gewisse Ader das Herz erreicht«. So wurde das Zeichen der Versklavung der Frau als Symbol der freiwilligen Selbsthingabe verstanden.

Etwa um dieselbe Zeit, an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert, vollzieht sich eine wahre Alltagsrevolution, über die der heilige Klemens von Alexandrien berichtet. Die Christen beginnen, goldene Ringe zu tragen.

Wir könnten meinen, die Gemeinde sei dem heidnischen Luxus erlegen, doch das Motiv war ein völlig anderes. Klemens schreibt: »Der Mann gibt der Frau den goldenen Ring nicht zum Schmuck, sondern damit sie ein Siegel auf das drücken kann, was im Hause aufbewahrt werden muss... Denn wenn die beiden eins sind, so ist auch ihr Haus gemeinsam.«

Der Ring spielte in jener Zeit beinahe stets die Rolle eines Faksimiles. Der Ehemann übergab der Frau nicht einfach ein Kleinod, er händigte ihr das persönliche Siegel aus, mit dem finanzielle Dokumente bekräftigt, Amphoren mit Öl, Truhen mit Getreide und Kästen mit Familienarchiven versiegelt wurden. Im Kontext des antiken Patriarchats war dies eine tektonische Verschiebung. Die Frau hörte auf, ein gekauftes Ding zu sein. Sie wurde zur ebenbürtigen Partnerin, zur Hüterin des Hauses, der der Mann sein Leben, seine Ehre und sein Vermögen vorbehaltlos anvertraute. Das Gold aber versinnbildlichte die absolute Reinheit dieses Vertrauens.

Hände, über dem Abgrund vereint

Betrachtet man die byzantinischen Trauringe des vierten und fünften Jahrhunderts, so sieht man, wie die christliche Kunst die Philosophie der Ehe veränderte. Die Römer gravierten auf die Ringe die Profile der Gatten, Zeichen des materiellen Wohlstands: das Füllhorn. Die byzantinischen Meister entfernen diese irdische Ästhetik.

Auf den kleinen goldenen Platten, oft mit Hilfe grober, mit einem spitzen Stichel geschnittener Linien, erscheint das Bild der Vereinigung der rechten Hände der Eheleute. Ihre Handflächen sind in einem unlösbaren Schloss ineinander verschlungen. Über ihnen, zwischen den Gestalten von Mann und Frau, steht Christus. Bisweilen ruhen Seine Hände auf den Schultern der Gatten, bisweilen hält Er behutsam die Brautkronen über ihren Häuptern.

Der Ehebund hörte auf, ein zweiseitiges Geschäft zu sein, das sich auflösen lässt, sobald sich die Marktbedingungen ändern oder die weibliche Schönheit verwelkt. Er wurde zu einem dreiseitigen Sakrament erhoben.

Das dritte (eher noch – das erste und wichtigste) Glied dieses geistlichen Gefüges wurde Gott selbst. Von diesem Augenblick an einen solchen Bund zu zerstören, bedeutet den Versuch, die Hand des Erlösers loszulassen, der die Gatten über dem Abgrund des Alltagsmeeres festhält.

Anker bei Sturmwetter

In jedem Vertrag gibt es eine Klausel, die Fälle höherer Gewalt vorsieht. Der Kreis hingegen hat weder Anfang noch Ende, seine Linie ist in sich geschlossen. Der Ring – das ist die zur Unendlichkeit gebogene Linie des menschlichen Lebens. Er schränkt die Freiheit nicht so sehr ein, sondern schützt sie vielmehr, indem er um die Familie ein winziges, doch völlig souveränes Territorium schafft, zu dem keinerlei äußere Stürme Zutritt haben.

Wir leben in einer Epoche, in der die Versuchung besteht, die Ehe als vorübergehende Zuflucht oder als Vertrag zu betrachten, der nur so lange gilt, wie die Gatten es warm und bequem miteinander haben. Doch der kleine goldene Reif am Finger eines jeden von ihnen erinnert an einen schweren, tief auf den Grund des Ozeans hinabgelassenen Anker der Liebe.

Sind die Gatten durch die Entfernung getrennt, rufen sie sich, wenn sie den Trauring berühren, in Erinnerung, dass der Raum der Liebe zwischen ihnen noch immer besteht. Er bewahrt das Gedächtnis der Hände, die Christus einst im Sakrament der Ehe vereint hat. Diese kleine Ikone der Ewigkeit bezeugt wortlos: Die Liebe ist stärker als die Zeit und selbst stärker als der Tod.

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