Die Rebellion der Piusbrüder
Das jüngste Schisma im Katholizismus wirft die Frage nach dem Maßstab kirchlicher Einheit auf
Was bedeutet es für die Auffassung kirchlicher Einheit, wenn ein römisch-katholischer Bischof gegen den Papst an einer älteren Liturgie und Lehre festhält und eigenmächtig Bischöfe weiht, um den Fortbestand der „Tradition“ zu garantieren? Und wenn dieser Bischof von seinen eigenen Anhängern als der neue heilige Athanasius gefeiert wird? Die Berufung auf einen Heiligen der ungeteilten Kirche bietet Anlass für eine orthodoxe Perspektive.
Am 1. Juli 2026 weihte die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) im schweizerischen Écône ohne Erlaubnis des Papstes vier ihrer Priester zu Bischöfen. Als Hauptkonsekrator amtierte Bischof Alfonso de Galarreta, assistiert von Bischof Bernard Fellay. Der Akt ist die Erneuerung einer Spaltung, die sich bereits 1988 ereignete: Damals weihte der Gründer der Piusbruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, ohne päpstliches Mandat vier Priester zu Bischöfen, darunter auch dieselben Galarreta und Fellay.
Die unter Papst Johannes Paul II. eingetretene Exkommunikation der beteiligten Bischöfe wurde von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2009 wieder aufgehoben. Die erneute Exkommunikation von de Galarreta und Fellay samt Neugeweihten wurde am 2. Juli vom vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre festgestellt. Zudem wurden Richtlinien für die Wiederaufnahme von Geistlichen und Gläubigen in die Gemeinschaft mit dem Papst erlassen.
Monseigneur Marcel Lefebvre mit den neugeweihten Bischöfen (Foto: Wikimedia Commons)
In der Römisch-Katholischen Kirche herrscht seit Jahrzehnten ein Konflikt um Tradition, Glaubenslehre und Gottesdienstpraxis. Nachdem das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) einige umwälzende Reformen einleitete, zu denen neben der Glaubenslehre auch die Vorbereitung einer Neufassung der römischen Liturgie gehörte, regte sich Widerstand. Der französische Erzbischof Marcel Lefebvre verweigerte die Annahme zentraler Punkte des Konzils – Ökumenismus, Religionsfreiheit und vor allem die bischöfliche Kollegialität, die er zugunsten einer stärker monarchisch verstandenen Papstauffassung ablehnte. Er verwarf auch den neuen Messritus als eine protestantisierende Neuerung und gründete die Priesterbruderschaft St. Pius X, um den Fortbestand seiner Auffassung der Tradition zu gewährleisten. Der formale Bruch mit Rom erfolgte 1988 mit den Bischofsweihen.
Mehrere Gemeinschaften distanzierten sich daraufhin von Lefebvre und erwirkten von Rom die Erlaubnis, den alten Ritus zu feiern, ohne mit ihm die Ablehnung des Konzils zu teilen. Prominent unter ihnen ist die Priesterbruderschaft St. Petrus, die sich als Abspaltung von der Piusbruderschaft bildete: Sie erkennt das Zweite Vatikanische Konzil und die Legitimität der neuen Messe ausdrücklich an, feiert aber überwiegend im alten Ritus. Der Unterschied zur FSSPX liegt damit nicht in der Liturgie selbst, sondern in zwei damit verbundenen Fragen: der Legitimität des Konzils und dem Gehorsam gegenüber dem Papst, der es promulgiert hat.
Zwei Paradigmen kirchlicher Einheit
In der Selbstdeutung seiner Anhänger steht Lefebvres Widerstand in einer Reihe mit den großen Glaubenszeugen der frühen Kirche. Traditionalistische Apologeten wie Michael Davies haben ihn wörtlich als „den Athanasius unserer Zeit“ bezeichnet. Ergänzt wird die Parallele meist durch den Hinweis auf Eusebius von Samosata, der ohne eigene Jurisdiktion in fremde Diözesen eintrat, um verwaiste Gemeinden mit rechtgläubigen Bischöfen zu versorgen. Beide Beispiele sollen belegen: Ungehorsam gegenüber einer amtierenden kirchlichen Autorität kann im Dienst der Wahrheit selbst zur Pflicht werden.
Athanasius gegen die Welt
Der heilige Athanasius von Alexandrien stritt im vierten Jahrhundert nahezu allein gegen eine arianisch gewordene Mehrheit der Bischöfe und mehrere Kaiser für die Wesensgleichheit Christi mit dem Vater und wurde dafür fünfmal verbannt. Sein Fall zeigt zugleich, dass auch Rom in dieser Auseinandersetzung nicht durchgehend auf der Seite der Wahrheit stand: Papst Liberius, der Athanasius zunächst gegen kaiserlichen Druck verteidigt hatte, unterschrieb später unter der Drohung der Verbannung eine arianisierende Formel und distanzierte sich von ihm – anders als sein Vorgänger Julius I., der zu Athanasius gestanden hatte. Die Rechtgläubigkeit hing in dieser Krise also nicht an der römischen Kathedra als solcher, sondern am Konsens der Bischöfe, die trotz kaiserlichen Drucks am nizänischen Bekenntnis festhielten.
Heiliger Athanasius von Alexandria (Foto: Orthpedia)
Für Athanasius war Einheit nicht an die Autorität einer einzelnen Kathedra gebunden, sondern an das gemeinsame Bekenntnis der Bischöfe zum überlieferten Glauben. Als die Mehrheit der Bischöfe und zeitweise auch der Bischof von Rom dem Arianismus oder einem arianerfreundlichen Kompromiss zuneigte, blieb für Athanasius die einzig legitime Berufungsinstanz das Konzil von Nizäa und der dort bekannte Glaube der Väter, nicht ein einzelner amtierender Träger eines höchsten Lehramts. Sein Widerstand setzte damit kein höheres kirchliches Amt gegen ein niedrigeres, sondern die bleibende Wahrheit des einmal formulierten Bekenntnisses gegen deren zeitweilige Preisgabe durch Amtsträger, gleich welchen Ranges.
Lefebvre gegen den Papst
Genau diese Konstellation lässt sich auf Lefebvres Fall nicht übertragen. Athanasius handelte in einer Zeit, in der es noch keine dogmatische Formulierung eines universalen, unmittelbaren päpstlichen Jurisdiktionsprimats gab, gegen die sein Widerstand hätte verstoßen können; sein Ungehorsam richtete sich zudem gegen einen Papst, der selbst vom rechten Glauben abgewichen war. Lefebvre und die FSSPX dagegen operieren nach dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1870, das genau diese päpstliche Vollmacht sowie die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen dogmatisiert hat – und die Bruderschaft hat dieses Dogma nie zurückgewiesen. Sie erkennt also an, dass der amtierende Papst höchste, unmittelbare Vollmacht über die Gesamtkirche besitzt, und verweigert ihm zugleich im konkreten Fall genau den Gehorsam, den dieses Dogma verlangt, ohne ihm dabei einen Irrtum in der Glaubenslehre selbst vorzuwerfen. Wer die Vollmacht des Amtes bejaht, aber dessen amtierendem Träger die Gefolgschaft verweigert, muss entweder das Dogma infrage stellen oder erklären, warum eine solche Ausnahme mit dessen universalem Anspruch vereinbar ist.
Die Piusbruderschaft tut in der Regel keins von beidem konsequent – sie konstruiert stattdessen ein „eigentliches“, zeitloses Lehramt, die Idee eines „ewigen Rom“, dem sie treu bleibt, während sie dem gegenwärtigen Träger des päpstlichen Amtes die Gefolgschaft aufkündigt. Athanasius’ Widerstand blieb innerhalb der eigenen ekklesiologischen Prämissen konsistent; der Widerstand der Piusbrüder bricht mit der eigenen: Obwohl sich Lefebvre zum monarchischen Papsttum bekannte, war er mehr Gallikaner als Ultramontanist. Obwohl die Piusbrüder die Kollegialität der Bischöfe ablehnen, sind sie de facto wie eine eigene Synode organisiert. Funktional sind sie damit näher an einer orthodoxen Ekklesiologie, auch wenn dies nicht eingestanden wird.
Fazit
Was der Fall der Piusbrüder exemplarisch zeigt, betrifft weit mehr als die interne Ordnung der römisch-katholischen Kirche. Er legt offen, welches Paradigma kirchlicher Einheit im Konfliktfall tatsächlich trägt. Athanasius’ Widerstand berief sich nicht auf ein Amt, sondern auf den einmal bezeugten Glauben der Kirche gegen dessen zeitweilige Preisgabe durch Amtsträger gleich welchen Ranges, den Bischof von Rom eingeschlossen. Genau dieses Verständnis von Einheit als Konsens im überlieferten Glauben, bezeugt von den Bischöfen im Konzil, ist der orthodoxe Maßstab bis heute: Verbindlichkeit erwächst aus der Rezeption durch die Gesamtheit der Kirche über Zeit, nicht aus der dogmatischen Promulgation eines Einzelnen.
Die Piusbruderschaft kann sich auf dieses Paradigma nicht berufen, ohne sich selbst zu widersprechen. Sie hat mit dem Ersten Vatikanischen Konzil gerade jenes Dogma akzeptiert, das die Kirche auf die unmittelbare Vollmacht eines Einzelnen festlegt. Gleichzeitig verweigert sie zugleich diesem Einzelnen den Gehorsam bezüglich der dogmatischen und liturgischen Reformen, die das Zweiten Vatikanums brachte.
Das bedeutet nicht, dass der Orthodoxie das Traditionsdilemma erspart bleibt: Wer Einheit als Rezeption durch die Gesamtheit der Kirche versteht, muss den mühsamen, langsamen Weg der Überzeugung und des Konsenses gehen, statt ihn durch autoritative Setzung abzukürzen. Dass dies auch zu Verwerfungen führen kann, zeigt das Schisma der Altkalendarier. Doch gerade die Tatsache, dass die Orthodoxie nicht auf eine singuläre menschliche Autorität zentriert ist, erspart ihr den binären Bruch, zu dem das römische Paradigma im Konfliktfall zwingt: Sie kann Widerspruch über Zeit austragen, statt ihn an einem einzelnen Tag durch Gehorsam oder Exkommunikation zu entscheiden. Das ist die bleibende Aufgabe, sich für das Wirken des Heiligen Geistes offenzuhalten, dessen fortwährender Beistand die Kirche in alle Wahrheit einführt (Joh 16,13).