Ein Vorstadtdorf, in dem Gebrechlichkeit kein Todesurteil mehr ist
Die antike Kultur legte großen Wert auf staatsbürgerliche Leistungsfähigkeit und drängte die Schwachen an den Rand des öffentlichen Lebens. Das christliche Projekt in Kappadokien veränderte diese Herangehensweise.
Hinter der makellosen Geometrie der in Museumssälen ausgestellten griechischen Statuen verbirgt sich eine verborgene Distanzierung gegenüber realen Menschen. Weißer Marmor, ausgewogene Proportionen, ruhige Symmetrie der Gesichter. Die antike Zivilisation hinterließ eine grandiose ästhetische Form, die auf ganz konkreten Anforderungen an den Menschen beruhte. Der Bewohner der Polis blieb ein vollwertiger Teilnehmer der Gemeinschaft, solange er Kraft besaß, Waffen tragen, das Land bearbeiten und dem Staat Nutzen bringen konnte. Gebrechlichkeit, schwere Krankheit oder angeborene Verstümmelung wurden vom öffentlichen Bewusstsein als schweres Unglück und mitunter als Zeichen der Ungnade der Götter wahrgenommen.
Auch das heutige Informationsfeld neigt dazu, die Persönlichkeit durch das Prisma trockener Statistiken, Mobilisierungsfähigkeiten oder Arbeitstauglichkeit zu bewerten. Wenn ein Mensch mit Gebrechlichkeit oder gesundheitlichem Verlust konfrontiert wird, entsteht bei ihm ein unbewusstes Schuldgefühl gegenüber der Gesellschaft.
Man hat das Gefühl, fehl am Platz zu sein und zur Last zu fallen. In solchen Momenten ist es sinnvoll, historische Dokumente zu Rate zu ziehen und zu sehen, wie sich die christliche Tradition in ihrer Haltung gegenüber menschlicher Schwäche gewandelt hat.
Tempel der Heilung
In der populärwissenschaftlichen Literatur werden die altgriechischen Asklepieien häufig als die ersten Krankenhäuser bezeichnet. Historische Quellen und archäologische Zeugnisse aus Epidauros oder von der Insel Kos weisen jedoch auf ihre besondere Natur hin. Diese großen Tempelanlagen umfassten religiöse Gebäude, Pilgerzentren und Elemente der Volksmedizin, funktionierten jedoch nach den strengen Gesetzen der sakralen Reinheit.
Die Priester des Asklepios bewahrten das Gebiet des Heiligtums vor allem, was die rituelle Ordnung stören könnte. In die Grenzen des heiligen Hains war es kategorisch verboten, Gebärende und schwer Sterbende einzulassen. Erwies sich ein Pilger als unheilbar krank, bat man ihn häufig, das Gelände der Anlage zu verlassen. Der Tod innerhalb der Grenzen des Asklepieions galt als Verunreinigung des Ortes. Selbstverständlich gab es in den antiken Poleis eine private ärztliche Praxis, verwundete Krieger wurden behandelt, und Familien kümmerten sich um ihre betagten Verwandten, doch eine allgemeine Institution systematischer Hilfe für hoffnungslos Kranke brachte die säkulare Kultur nicht hervor.
Der Philosoph Platon unternahm in seinem Traktat „Der Staat“ den Versuch, diesen utilitaristischen Ansatz vom Standpunkt der idealen Polis aus zu begründen. Er führte aus, die Medizin dürfe nur jenen Bürgern dienen, die fähig seien, dem Staat Nutzen zu bringen. Für den Denker blieb der Mensch vor allem ein Element der Gesellschaft. Fiel dieses Element endgültig aus, erachtete man es als nicht zweckmäßig, die Ressourcen der Gemeinschaft dafür aufzuwenden.
Quartier der Barmherzigkeit am Fuße von Caesarea
Diese pragmatische Logik blieb die gewohnte Norm, bis um die Jahre 368–369 n. Chr. eine schwere Hungersnot Kappadokien heimsuchte. Die Missernten führten dazu, dass sich die Straßen mit entkräfteten Flüchtlingen füllten und die örtlichen Märkte leer blieben. Unter genau diesen Bedingungen unternahm Erzbischof Basilius von Caesarea – ein Mann von vornehmer Herkunft und aristokratischer Bildung in Athen – einen groß angelegten Schritt. Vor den Toren Caesareas errichtete er einen großen wohltätigen und hospitalen Komplex, den die Zeitgenossen später Basilias nannten.
Es handelte sich nicht um ein kleines Hospiz oder ein vorübergehendes Fremdenhaus. Der heilige Basilius entwarf ein gesamtes Infrastrukturviertel. Historiker beschreiben, gestützt auf die Briefe des Heiligen selbst, eigene Gebäudetrakte für verschiedene Kategorien von Kranken, Wohnräume für das Dienstpersonal, Pflegerinnen, Küchen, Waschhäuser und Werkstätten. Verkrüppelte und Landstreicher wurden hier nicht einfach nur gespeist – diejenigen, die sich erholten, wurden in Handwerken unterwiesen, um ihnen die Rückkehr zu einem selbstständigen Leben zu ermöglichen. Die Hilfe wurde in diesem Komplex unentgeltlich geleistet, wobei gerade jene hoffnungslosen Patienten aufgenommen wurden, vor denen sich die Türen der heidnischen Heiligtümer verschlossen.
Die Gebäude der Basiliada waren nicht zum Schutz vor militärischen Bedrohungen gedacht. Sie dienten einem anderen Zweck: dem Schutz schutzbedürftiger, kranker und geschwächter Menschen vor der Gleichgültigkeit des städtischen Umfelds.
In Kappadokien demonstrierte die christliche Gemeinde deutlich, dass der Wert des menschlichen Lebens nicht an seinem Beitrag zur Wirtschaft des Imperiums gemessen werden kann.
Durchbrechung der Standesgrenzen
Die schwerwiegendste Prüfung für die Kappadokische Gesellschaft war die Eröffnung eines Leprosoriums innerhalb der Basilias. Die Lepra rief im vierten Jahrhundert nicht nur Angst, sondern auch soziale Verstoßung hervor. Die Erkrankten erklärte man zu lebenden Toten, beraubte sie ihres Eigentums und ihrer Bürgerrechte und vertrieb sie mit Gewalt aus den Städten. Gesunde Menschen mieden jeglichen Kontakt mit ihnen.
Die spätere kirchliche Überlieferung und hagiographische Texte bewahrten Zeugnisse darüber, dass Erzbischof Basilius selbst regelmäßig die Krankensäle aufsuchte, mit den Leprakranken sprach und sie als Brüder willkommen hieß. Für die nach den antiken Regeln erzogenen Patrizier war dies eine schwerwiegende Herausforderung.
Der christliche Pastor schlug vor, die Persönlichkeit dort zu sehen, wo die Gesellschaft nur die Zerstörung des Organismus sah.
Die meisten Bewohner des Leprosoriums konnte man nicht heilen; der Stand der damaligen Medizin erlaubte es nicht, die Lepra zu besiegen. Der Sinn der Basilika bestand vor allem darin, jene Einsamkeit zu überwinden, der der gebrechliche Mensch in der antiken Welt ausgesetzt war.
Zuflucht inmitten der Krise
Wenn man heute diese sechzehn Jahrhunderte alten Zeugnisse betrachtet, fällt es schwer, das Gefühl verborgener Parallelen abzuschütteln. Die moderne Lebensweise führt uns zurück zu harten Bewertungsmaßstäben des Menschen hinsichtlich dessen funktionaler Tauglichkeit. Die Gesellschaft fordert von jedem Einzelnen von uns erneut ununterbrochene Produktivität, psychische Widerstandskraft sowie die Einhaltung äußerer Standards. Wenn die innere Ressource unter der Last ständiger Ängste, fehlenden Schlafs und schlechter Nachrichten erschöpft ist, sucht den Menschen das Gefühl der eigenen Unnützlichkeit heim. Es scheint, dass die Welt, wenn du aufhörst, stark zu sein, einfach über dich hinwegschreiten und weitergehen wird.
Die Geschichte des Kappadokischen Krankenhauses offenbart die wahren spirituellen Werte der Kirche. In der christlichen Gemeinschaft war Schwäche kein Grund mehr, jemanden aus der Gemeinschaft auszuschließen.
Die kirchliche Überlieferung ruft in Erinnerung: Der Wert der menschlichen Seele ist an sich absolut, er ist von Gott gegeben und verringert sich nicht dadurch, dass man müde ist, ausgebrannt oder zeitweilig den strengen Anforderungen der Zeit nicht zu entsprechen vermag. Echte kirchliche Gemeinschaft bleibt ebenjene Basilias – eine stille Festung, in der der Mensch nicht um seiner bürgerlichen Verdienste, seiner Nützlichkeit oder seiner Stärke willen aufgenommen wird, sondern einfach deshalb, weil er der Unterstützung, des Verständnisses und der Wärme bedarf.