One-Way-Ticket: Wie man im 18. Jahrhundert nach Jerusalem gelangte
Die Pilgerfahrt zum Heiligen Grab war alles andere als eine ruhige Reise. Vor der Abfahrt schrieb man das Testament und nahm von den Angehörigen für immer Abschied.
Ein gesunder Mann in der vollen Blüte seiner Jahre sitzt vor dem Schreiber und diktiert sein Testament. Er teilt den Hof und das Vieh unter den Kindern auf, bestimmt, wem das Haus zufällt, wem die Fürsorge für die Unmündigen anvertraut wird. Er ist weder krank noch im Sterben. Er hat sich auf den Weg nach Jerusalem begeben – und zuvor sein Erbe in Ordnung gebracht, wie es ein Sterbender täte. Der Priester spricht über ihn beim Abschied weniger einen Reisesegen als vielmehr etwas, das dem Totengebet nahekommt. Schließlich tritt der Pilger als Mensch aus dem Dorf auf, den die Gemeinschaft im Geiste bereits begraben hat.
So brachen unsere Landsleute im 18. Jahrhundert zur Wallfahrt auf. Es ist nicht schwer zu erraten, dass längst nicht alle zurückkehrten. Um zu begreifen, was dieser Weg kostete, tut es sich gut, ihn in Etappen zu zerlegen.
Erste Etappe: Das Wilde Feld
Zunächst galt es, die Schwarzmeersteppen zu durchqueren – das Wilde Feld, durch das die Nogaier-Horden zogen und das gesamte Grenzland in Furcht hielten. Die Hauptware dieser Gegend war der Mensch.
Fast drei Jahrhunderte lang blieb der Sklavenhandel die Haupteinnahmequelle des Krim-Khanats. Im türkischen Kaffa – dem heutigen Feodossija – befand sich der größte Sklavenmarkt am Schwarzen Meer, von dem aus die „lebendige Ware“ aus Osteuropa auf Galeeren weiterging nach Istanbul, in etwa zehn Tagen Reise. Hunderttausende Verschleppte gingen durch diesen Markt; hier wurde, nebenbei bemerkt, im Jahr 1522 die Tochter eines Priesters aus Rohatyn verkauft, die später als Roxolane am Hofe des Sultans zur Geltung kam. Der fromme Pilger war für den Steppenmenschenjäger ebenso Beute wie jeder andere, dem er begegnete.
Deshalb zogen die Wallfahrer mit List: nicht in Scharen, sondern in kleinen Gruppen, absichtlich in Lumpen gekleidet, sich als Bettler ausgebend, bei denen es nichts zu holen gab und die es nicht lohnte einzufangen.
So machte sich der Pilger nicht nur vor Gott zum Bettler – in Erfüllung des bekannten Gebotes –, sondern auch vor den Räubern.
Zweite Etappe: Der Laderaum
Wer lebend und in Freiheit den Hafen erreichte, musste der nächsten Wegstrecke Wochen seines Lebens widmen. Die Seeüberfahrt auf türkischen und griechischen Handelsschiffen zog sich über einen Monat hin, und die armen Pilger brachte man im Laderaum unter – dicht an dicht, zusammen mit dem Vieh und der Fracht.
Dort konnte man weder mit voller Brust einatmen noch einen Schluck sauberen Wassers trinken.
In der Hitze des hölzernen Laderaums stand ein beißender Gestank nach Schafswolle, Teer, dem Erbrochenen seekranker Menschen und dem Geruch ungewaschener Leiber. In solcher Enge verwandelte sich das Schiff in einen schwimmenden Seuchenherd: Pest und Ruhr mähten die Passagiere des Laderaums nieder. Die es bis zur Ankunft am Ufer nicht schafften, warf man ohne langwierige Begräbnisriten über Bord. Geriet das Schiff aber in eine Flaute und erstarrte mitten auf dem Meer, stieg die Zahl der Toten noch an.
Dritte Etappe: Der Kafar
Am gefährlichsten war der letzte, kurze Wegabschnitt – von Jaffa nach Jerusalem, etwa sechzig Werst durch steiniges Hügelland. Die osmanische Macht war in dieser Einöde schwach, und die Straße wurde von örtlichen Beduinen kontrolliert.
An jedem Pass nahm man von den Christen den „Kafar“ – einen besonderen Zoll für den Durchgang.
Eingezogen wurde er angeblich zum Schutz vor Räubern. Die Quellen jedoch überliefern die ungeschminkte Wahrheit: Jene, die von den Pilgern den Kafar erhoben, steckten nicht selten mit ebendiesen Räubern unter einer Decke und führten diese selbst an die Beute heran. Wer kein Geld bei sich hatte, den zog man aus und schlug ihn noch auf dem Pfad.
Der bekannteste Kiewer Fußreisende, Wassili Grigorowitsch-Barski, der diesen Weg gegangen war, schrieb in seinen Aufzeichnungen, dass ihn zwischen Ramla und Jerusalem Araber ausraubten und verprügelten. Von Jaffa aus ging er zu Fuß hinter der Karawane her, gemeinsam mit den übrigen Armen, während die Reichen auf Kamelen ritten, „wie auf Prunkwagen“.
Was erkauften die Pilger für diesen Preis?
Ziehen wir Bilanz, indem wir uns auf ebendiesen Barski berufen – wohl ihm, der einer der wenigen war, die in die Heimat zurückkehrten und alles aufschrieben. Aus Kiew brach er 1723 auf, ein kräftiger junger Mann aus einer Kaufmannsfamilie. Nach Hause gelangte er 1747 – nach vierundzwanzig Jahren. In dieser Zeit durchwanderte er zu Fuß den halben Orient, quälte sich mit Fiebern, bewegte sich auf kranken Beinen fort, hungerte und nächtigte auf bloßer Erde, wurde mehr als einmal ausgeraubt und verprügelt.
Im Grunde veränderte sich auf der Wallfahrt die gesamte Erscheinung eines Menschen. Vor einem türkischen Zöllner oder einem bewaffneten Beduinen galten weder der Kiewer Rang noch das kaufmännische Vermögen das Geringste. Ein angesehener Mensch verwandelte sich in einen schmutzigen, verlausten Landstreicher, der gänzlich von der Gnade Andersgläubiger abhängig war.
Der Stolz des Wallfahrers starb lange, bevor er in der Ferne die Mauern Jerusalems ausmachte. Dieser Tod der Eigenliebe war wohl die eigentliche Zahlung des Pilgers – sie wog schwerer als der Kafar und das Schiffssterben zusammengenommen.
Erkauft wurde aber mit alledem die Möglichkeit, mit eigener Hand den Salbungsstein zu berühren, eine Kerze am Heiligen Grab aufzustellen und dort zu verweilen, wo sich das geistliche Schicksal der ganzen Welt entschied.
Bringt man alle Berechnungen auf einfache Arithmetik, so kam der Weg ins Heilige Land dem blanken Ruin gleich: Jahre des Lebens und die Gesundheit, nicht selten das Leben selbst, legte man auf den Altar des Verlangens, um das größte Heiligtum zu berühren. Ein Geschäft, auf das sich kein nüchterner Händler eingelassen hätte. Oft war es ein One-Way-Ticket. Und dennoch, Jahr um Jahr traten vor die Tore der Städte und Dörfer immer neue und neue „zu Lebzeiten begrabene“ Pilger hinaus.