Die Farbe des Glaubens inmitten der rauen Dunkelheit
Das berühmte Rubljow-Bild entstand inmitten von Ruinen. Die Erfahrung einer uralten Katastrophe lehrt uns, Gott neu zu finden, wenn die Welt um uns herum aus allen Nähten zerbricht.
Herbstmatsch, die Füße rutschen auf dem nassen Lehm aus, von oben regnet es unaufhörlich kalt, und der Himmel ist so schwer und grau, dass es scheint, als würde er jeden Moment herabstürzen. Andrej Tarkowski zwingt uns, fast drei Stunden lang zu sitzen und in diese trostlose graue Realität der mittelalterlichen Rus zu blicken. Die Einstellungen ziehen sich langsam dahin, es gibt nichts Fröhliches darin: irgendwelche albernen Stammesfehden, Überfälle von Nomaden, hungernde Menschen, Dreck, Verrat und Dummheit.
Man betrachtet all dieses fremde Leid und es scheint, als habe die Eintönigkeit endgültig gesiegt und die Welt sei in einer endlosen Sackgasse stecken geblieben.
Das Erstaunlichste ist jedoch, dass gerade aus dieser Sackgasse, aus dieser pechschwarzen Dunkelheit das entstand, was die Menschen im zwanzigsten Jahrhundert dazu brachte, die alte russische Ikone mit ganz anderen Augen zu sehen.
Wir denken ja oft, dass wir für den wahren Glauben oder um etwas wirklich Schönes zu schaffen, ideale Bedingungen brauchen. Wir brauchen Stille, Ruhe, Ungestörtheit, damit um uns herum alles friedlich und gut werde. Der Film „Die Leidenschaften des Andrej“, den Tarkowski 1966 fertigstellte und der dann ganze fünf Jahre lang verboten auf dem Regal lag, zeigt uns eine ganz andere Wahrheit. Die sowjetischen Funktionäre haben ihn übrigens nicht wegen der brutalen Szenen verboten. Was sie bis ins Mark erschütterte, war, zu welchen Schlussfolgerungen der Regisseur letztendlich gelangt.
Ein Streit über den Menschen
Der gesamte Mittelteil des Films ist im Grunde genommen ein einziger langer, gemächlicher Streit zwischen zwei Künstlern, Feofan Grek und Andrej Rubljow. Feofan ist bei Tarkowski ein strenger, erschöpfter Intellektueller. Er ist von den Menschen enttäuscht. Er blickt auf die Menge und sieht nur Dunkelheit, Dummheit und Sünde. Für ihn ist der einzige Weg, einen Menschen zum Nachdenken über die Seele zu bewegen, ihn ordentlich zu erschrecken. Deshalb malt er an die Wände der Kirchen strenge Bilder des Jüngsten Gerichts, damit die Sünder vor der himmlischen Vergeltung zittern.
Rubljow hingegen hat keine komplizierten theologischen Formeln oder vorgefertigten Rezepte. Dafür besitzt er die erstaunliche, seltene Fähigkeit zum Mitgefühl.
Er weigert sich strikt, diese albtraumhaften Szenen mit Teufeln und kochendem Pech zu malen. Der Ehrwürdige Andrej versteht eine einfache Sache: Die Menschen um ihn herum haben ohnehin schon Todesangst im Alltag. Jeden Tag können sie getötet oder ausgeraubt werden; oder es könnten ihre Häuser in einem Brand niedergebrannt werden. Sie brauchen keinen weiteren Richter, sie suchen bei Gott Schutz, Wärme und Hoffnung. Rubljow spürt, dass man vor lauter Hoffnungslosigkeit einfach wahnsinnig werden kann, wenn man im Menschen nur das Schlechte sieht.
Allerdings versetzt das Leben Andrej später einen solchen Schlag, dass all seine guten Absichten in Staub zerfallen. Während eines Überfalls auf Wladimir tötet er einen Mann, als er versucht, ein einfältiges Mädchen vor Gewalt zu retten. Für einen Mönch ist das eine Katastrophe, ein völliger Verlust seiner selbst. Er beschließt zu schweigen, legt ein Schweigegelübde ab und rührt fünfzehn lange Jahre lang keinen Pinsel an. In seinen Tagebüchern schrieb Tarkowski, dass Rubljows wahre Kunst gerade aus dieser schrecklichen Sehnsucht nach Brüderlichkeit und Reinheit entstand, als es weder das eine noch das andere gab.
Lehm unter den Fingernägeln
Im Film wird der Entstehungsprozess der Ikone ohne jede erhabene Romantik gezeigt. Es ist schwere, schmutzige Handarbeit. Steine werden zu Pulver zermahlen, es riecht nach Holz, Leim und Eiern, mit denen die Farben angerührt werden. Hier gibt es keine einfachen Wege.
Die Anstrengung der körperlichen Arbeit erreicht ihren Höhepunkt im Finale des Films, in der Geschichte mit der Glocke. Die Stadt ist verwüstet, die alten Meister sind an Hunger und Krankheiten gestorben, und der Fürst braucht dringend eine neue Glocke. Und da taucht der Junge Boriska auf, der Sohn eines Gießers. Vor Angst zitternd belügt er alle um ihn herum und behauptet, sein Vater habe ihm vor seinem Tod das Geheimnis des Glockenbronzes anvertraut. Das ist ein reines Abenteuer, denn wenn die Glocke nicht erklingt, wird der Junge auf der Stelle hingerichtet.
Die gesamte Gießszene ist ein wahnsinniger Anfall. Boriska, der in Wirklichkeit nichts weiß, kommandiert intuitiv eine Horde erwachsener Männer, schreit sie an, verliert die Stimme, fällt in den Schlamm und tritt mit den Füßen in der kalten Schlammmasse herum. Und Rublev steht abseits und beobachtet schweigend diesen verängstigten, aber eigensinnigen Jungen.
Als die Glocke endlich gegossen, auf Holzstützen gehoben und angeschlagen wird, ertönt ein klarer, tiefer Klang. Boriska sinkt zu Boden und bricht angesichts des erlebten Schreckens und der Anspannung in heftiges Weinen aus. Da geht Andrej auf ihn zu, hebt ihn aus dieser schmutzigen Pfütze hoch und spricht zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren: „Nun gehen wir also zusammen. Du gießt Glocken, und ich male Ikonen.“
In diesem Moment kehrt dem Künstler seine Stimme zurück.
Manchmal scheint es uns, als seien alle Verbindungen zerrissen, Traditionen verloren und wir allein auf den Trümmern zurückgelassen. Doch diese Geschichte erinnert uns daran: Das Leben geht weiter dank derer, die trotz Angst und Tränen einfach weiter den Lehm mit den Füßen kneten und ihre Arbeit verrichten.
Himmlische Harmonie
Unmittelbar nach diesem emotionalen Finale geschieht das Wunder, um dessen willen der Film wohl gedreht wurde. Das Schwarz-Weiß-Bild, in dem wir drei Stunden lang gelebt haben, erwacht plötzlich in leuchtenden Farben zum Leben. Die Kamera beginnt, langsam und aus nächster Nähe die Details der Fresken und Ikonen des Heiligen Andrej Rubljow zu zeigen. Wir sehen warmes Gold, leuchtendes Zinnoberrot und tiefes Ocker.
Vor uns erscheint die „Dreifaltigkeit“. Jene berühmte himmelblaue Farbe, die Rubljow es geschafft hat, inmitten eines verwüsteten und niedergebrannten Landes zu finden. Drei Engel sitzen still am Tisch und bilden einen perfekten, ruhigen Kreis. Sie unterhalten sich. In ihrer Welt gibt es keinen Platz für Bosheit, Angst und Spaltung.
Der Priester Pawel Florenski sagte etwas Erstaunliches: „Es gibt Rubljows Dreifaltigkeit, folglich gibt es Gott.“
Der stärkste Beweis dafür, dass Gott existiert, ist die Tatsache selbst, dass eine solch unglaubliche, überirdische Harmonie entstand, während um sie herum die Hölle los war.
Diese Ikone war die Antwort des Künstlers auf die ganze Grausamkeit seiner Zeit, ein stiller Ort, an dem eine erschöpfte Seele aufatmen und sich ausruhen kann.
Tarkowski schrieb in seinem Tagebuch, dass der Künstler ein Zeuge und kein Richter sei. Rubljow hat niemanden angeklagt oder verurteilt. Er hat uns einfach gezeigt, dass, wie sehr unser irdisches Leben auch befleckt sein mag, irgendwo dort, in der Tiefe, dennoch himmlische Reinheit und Ordnung herrschen. Man muss sie nur erkennen können.
Wir haben es hervorragend gelernt, die Wunden an unserem historischen Körper zu zählen und uns darüber zu beklagen, wie schlecht alles um uns herum ist. Aber haben wir genug Mut, wie jener Junge Boriska, einfach anzufangen, das zu tun, was getan werden muss, wenn auch blindlings und mit Tränen in den Augen, damit in der Welt wieder die Glocke läutet und die Stille zurückkehrt?