Wer sagt einem Bischof, dass er nicht recht hat?

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Bischöfe leben in einer Atmosphäre der Verehrung. Foto: UOJ Bischöfe leben in einer Atmosphäre der Verehrung. Foto: UOJ

Warum die Gewissheit der eigenen Rechtgläubigkeit leicht mit geistlichem Wachstum verwechselt werden kann – und warum dieses Thema nicht nur Bischöfe betrifft.

Deutsche Übersetzung des Artikels der UOJ in der Ukraine

Die weltweite Orthodoxie teilt sich immer deutlicher in Lager, deren Vertreter einander scharf kritisieren. Dabei geht es nicht nur um einzelne Streitfragen, sondern auch um die tiefere Ursache: Warum halten es autoritative Hierarchen und Vorsteher von Ortskirchen für möglich, so zu reden und zu handeln, wie sie es nicht tun sollten? Und was hat das mit jedem von uns persönlich zu tun?

Das Stanford-Experiment

Der Autor erinnert an das bekannte Stanford-Prison-Experiment von 1971. Damals wurden psychisch gesunde Studenten zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: „Gefangene“ und „Wärter“. Obwohl alle wussten, dass es sich nur um ein Experiment handelte, begannen die „Wärter“ bereits nach kurzer Zeit, ihre Macht zu missbrauchen. Das Experiment, das zwei Wochen dauern sollte, wurde nach sechs Tagen abgebrochen.

Besonders wichtig sei dabei nicht nur das Verhalten der Studenten, sondern auch die Rolle des Psychologen Philip Zimbardo selbst. Er übernahm die Rolle des „Gefängnisdirektors“ und wurde, wie er später einräumte, ebenfalls Teil der von ihm geschaffenen Situation. Die Umgebung behandelte ihn wie einen Gefängnisleiter – und nach und nach begann er selbst, sich entsprechend zu verhalten.

Der Autor verweist darauf, dass Macht Menschen oft verändert: Sie hören schlechter auf andere, verlieren leichter das Mitgefühl, werden aber zugleich sicherer in ihren eigenen Urteilen. Für einen solchen Zustand wurde später der Begriff „Hybris-Syndrom“ verwendet.

Unser eigener Keller

Überträgt man diese Beobachtungen auf das kirchliche Leben, entsteht nach Ansicht des Autors ein noch gefährlicheres Bild. In der Kirche ist die Rolle des Priesters oder Bischofs keine künstliche Spielsituation, sondern ein realer Dienst mit echter geistlicher Bedeutung.

Ein Mensch lebt dort oft jahrelang in einer Umgebung, in der man ihm die Hand küsst, bei seinem Erscheinen aufsteht, ihm nicht widerspricht und seine privaten Ansichten zu geistlichen Maßstäben erhebt. Das Ergebnis könne ähnlich sein wie im Experiment: Wenn alle einen Menschen ständig als weise, heilig und unfehlbar behandeln, beginnt er irgendwann selbst, sich so wahrzunehmen.

Der Mensch hört auf, die Möglichkeit eines eigenen Irrtums zuzulassen. Er hört andere Meinungen nur noch aus Höflichkeit an und entscheidet immer sicherer über Dinge, über die niemand für andere entscheiden darf.

Das Gefährliche daran sei, dass dieser Zustand von außen oft nicht wie geistlicher Schaden wirkt. Selbstsicherheit werde als Standhaftigkeit verstanden, Unfähigkeit zum Widerspruch als Treue zu geistlichen Prinzipien und Distanz zu anderen als geistliche Höhe.

Apostel Petrus und das Verständnis des Hirtenamtes

Der Autor erinnert daran, dass auch der Apostel Petrus seine eigene Schwäche erfahren musste. Er war überzeugt, Christus niemals zu verleugnen, tat es aber dennoch. Später, in Antiochien, änderte er sein Verhalten gegenüber den Heidenchristen aus Furcht vor bestimmten Menschen.

Gerade deshalb, so der Autor, seien die Worte des Apostels Petrus an die Hirten besonders wichtig: Er nennt sich selbst nicht in erster Linie Apostel, sondern „Mitältester“ und mahnt die Hirten, die Herde Gottes nicht durch Herrschaft, sondern durch eigenes Beispiel zu führen.

Die Macht eines Geistlichen, auch eines Bischofs, besteht nicht darin, Herr zu sein, sondern Diener.

Der Autor betont, dass die Menschen in einer Pfarrei oder Diözese nicht Eigentum des Priesters oder Bischofs seien. Sie seien Gottes Erbe, das einem Hirten anvertraut wurde, und für dieses Erbe müsse er vor Gott Rechenschaft ablegen.

Woran erkennt man das „Hybris-Syndrom“?

Die Kirche habe schon lange vor modernen psychologischen Experimenten gewusst, wie gefährlich eine Atmosphäre ständiger Verehrung für einen Hirten sein kann. Der heilige Johannes Chrysostomus habe in seiner Schrift „Über das Priestertum“ gezeigt, dass nicht nur Verfolger oder Irrlehrer gefährlich seien, sondern auch die Verehrer, die einen Geistlichen unmerklich in Versuchung führen können.

Der Autor schreibt, jeder Priester und besonders jeder Bischof brauche einen Menschen, der ihm sagen könne, dass er nicht recht hat. Bei verheirateten Priestern könne diese Rolle oft die Familie übernehmen, weil sie den Priester ohne Gewänder und ohne kirchliche Distanz erlebt.

Als praktische Selbstprüfung nennt der Autor drei Fragen:

  • Wann habe ich zuletzt eine Entscheidung geändert, weil mich jemand überzeugt hat?
  • Wann habe ich zuletzt jemanden um Vergebung gebeten, der von mir abhängig ist?
  • Wann habe ich zuletzt aus meinem Umfeld das Wort „Nein“ gehört?

Ebenso wichtig sei es, zwischen der Achtung vor dem Amt und der Achtung vor der eigenen Person zu unterscheiden. Die Hand werde nicht dem Menschen als Privatperson geküsst, sondern dem priesterlichen Dienst. Der Priester selbst bekennt in jeder Liturgie seine Unwürdigkeit und nennt sich vor der Kommunion den ersten der Sünder.

Statt eines Fazits

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Menschen selten so sind, wie sie erscheinen – und oft auch nicht so, wie sie sich selbst sehen. Wenn ein Bischof oder ein Vorsteher einer Ortskirche Dinge sagt oder tut, die er nicht sagen oder tun sollte, sei es zwar manchmal bewusste Berechnung. Häufiger aber handele es sich um eine schleichende Verformung durch eine Umgebung, in der niemand mehr wagt, die Wahrheit auszusprechen.

Das sei keine Verurteilung der kirchlichen Hierarchie, sondern eine Warnung für jeden Menschen. Auch ein Pfarrer in seiner Gemeinde, ein Vater in seiner Familie oder ein Vorgesetzter in seiner Abteilung könne in eine ähnliche Situation geraten.

Christus sagt im Evangelium: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener“ (Mk 10,43). Amt, Stellung und die Achtung anderer machen den Menschen nicht besser. Verwandeln kann ihn allein Christus, der oberste Hirte. Vor Ihm wird jeder als der Mensch stehen, der er in Wahrheit geworden ist.

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