Die Lade des Neuen Bundes
Die Gottesmutter im Kult der Christenheit
„Im Leib Marias wurden Gott und Mensch vereint. Sie war die Eine, die dem Sohn Gottes als Leiter diente, da er vom Himmel herabstieg. Einen Schlag gegen ihre Verehrung zu führen hieße, das Christentum an seiner Wurzel anzugreifen und seinen tiefsten Grund zerstören zu wollen.“
Mit diesen Worten spricht der heilige Johannes Maximowitsch aus, welche Bedeutung die Gottesmutter nach orthodoxer Auffassung für die Christenheit hat. Seine Aussage dürfte auf viele moderne Christen befremdlich wirken. Schließlich scheint sie der Verehrung Marias eine Rolle zuzuweisen, die sie im Mittelpunkt des christlichen Lebens verortet, an seiner „Wurzel“, seinem „tiefsten Grund“.
Der vorliegende Artikel möchte der Rolle der Gottesmutter im Kult der Christenheit theologisch nachgehen. Er bezieht sich dafür auf eine alttestamentliche Kultpraxis, die anders als die orthodoxe Marienverehrung für gewöhnlich kaum hinterfragt, sondern als selbstverständlich hingenommen wird. Und das, obwohl sie ihr nicht nur strukturell ähnlich ist, sondern sie sogar prophetisch vorbildet. Denn wenn das Gesetz des Alten Bundes nach christlicher Auffassung ein Schatten und ein Vorbild der künftigen, wahren Anbetung ist (s. Hebr 10,1), dann gilt dies auch und ganz besonders für den physischen Sitz seines Kultes. Die Rede ist von der Bundeslade.
Thron und Fußschemel Gottes
In welche Richtung gewandt betete ein gläubiger Jude zur Zeit des irdischen Wirkens Jesu? Die Bibel gibt auf diese Frage eine dreifache Antwort. Da wären zuerst die Worte König Salomons in seinem Gebet zur Einweihung des Tempels in Jerusalem. Darin kündigt Salomon an, dass „sie (d.h. das Volk Israel) beten werden im Namen des Herrn in Richtung der Stadt, die Du erwählt hast, und in Richtung des Hauses, dass ich Deinem Namen erbaut habe“ (1 Könige 8,44). Ähnlich formuliert der Dichter des 137. Psalms: „Ich will anbeten zu deinem heiligen Tempel hin“ (Psalm 137,2).
Dieser Brauch, sich beim Gebet nach Jerusalem zu wenden, blieb selbst nach der Zerstörung des Tempels bestehen, als der Großteil des jüdischen Volkes im babylonischen Exil lebte. Der Prophet Daniel, der am Hof des Königs von Babylon lebte, „öffnete dreimal am Tag die Fenster in seinem Obergemach in Richtung Jerusalems und fiel auf sein Angesicht“, um zu beten (Daniel 6,11).
Wie die Stadt geheiligt war durch den Tempel, so der Tempel durch die Lade des Bundes, über der die Herrlichkeit Gottes thronte:
„Und David stand auf und machte sich auf den Weg und das ganze Volk, das mit ihm war, von den Machthabern Judas, um beim Aufstieg von dort die Lade Gottes hinaufzuführen, über die der Name des Herrn der Heerscharen ausgerufen worden war, der auf den Cheruben auf ihr thront.“– 2 Samuel 6,2
So führt König David nach der Eroberung Jerusalems die Lade samt dem Bundeszelt und seinen Gerätschaften in feierlichem Einzug zur Stadt hinauf. Die Lade wird auch als der Fußschemel Gottes bezeichnet (s. 1 Chr 28,2), während die über ihr dargestellten Cherubim sein Thron sind. Eben darum ist sie auch das Herzstück des Kultes und der eigentliche Ort der Anbetung: „Erhöhet den Herrn, unseren Gott, und werft euch nieder vor dem Schemel seiner Füße, denn heilig ist er“ (Psalm 98,5). Im Wallfahrtspsalm, der von den nach Jerusalem pilgernden Juden gesungen wurde, heißt es: „Lasst uns eintreten in sein Gezelt, niederfallen vor dem Ort, wo seine Füße gestanden“ (Psalm 131,7).
Obwohl die Lade etwas Geschaffenes ist, werfen sich die Israeliten vor ihr nieder. Denn ihre Huldigung gilt nicht der Lade, sondern dem, der auf ihr thront. Wir werden sehen, was das für den Kult des Neuen Bundes bedeutet.
Die Überführung der Bundeslade nach Jerusalem, anonymes Gemälde aus dem 16. Jh., Umbrien (Foto: Wikimedia Commons)
Davids Ehrfurcht und Tanz vor der Lade
Die Ehrfurcht Davids vor dem Schemel Gottes kommt in einer zweifachen Anekdote zum Ausdruck, die sich beim feierlichen Einzug nach Jerusalem ereignet. Als der Israelit Oza die Lade berührt, wird er von Gott auf der Stelle mit dem Tod geschlagen. Entsetzt bricht David die Prozession ab mit den Worten: „Wie kann die Lade meines Herrn zu mir kommen?“ (2Sam 6,9). Er lässt sie deshalb für drei Monate ins Haus eines gewissen Obed-Edom verbringen, dessen Hab und Gut daraufhin gesegnet wird.
Durch diesen Umstand beschwichtigt lässt David die Lade erneut in feierlichem Geleit die Stadt hinauf tragen, wobei er selbst „hüpfte und tanzte vor dem Herrn“ (2Sam 6,16) – eine Form kindlicher Ausgelassenheit, die seine Frau Michal ausdrücklich missbilligt, weil sie eines Königs nicht würdig sei. Diese Form der Eitelkeit weist David zurück und demütigt sich noch mehr: „Und ich will noch geringer werden als diesmal und will niedrig werden in deinen Augen“ (2Sam 6,22).
Marias Besuch bei Elisabeth
Szenenwechsel – von der Stadt Jerusalem ins Bergland von Judäa, ca. eintausend Jahre später. Die schwangere Mutter Jesu hat sich von Nazareth auf den Weg gemacht, um ihre Cousine Elisabeth zu besuchen, die im sechsten Monat schwanger ist mit Johannes dem Täufer:
39 Maria aber stand auf in diesen Tagen und machte sich auf den Weg nach einer Stadt im Bergland von Judäa. 40 Und sie kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. 41 Und es geschah, sowie Elisabeth den Gruß der Maria hörte, hüpfte das Kindlein in ihrem Schoß; und Elisabeth ward mit dem Heiligen Geist erfüllt, 42 sie rief mit lauter Stimme und sprach: „Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Schoßes. 43 Und woher wird mir dies zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt. 44 Denn siehe, sowie die Stimme deines Grußes in meine Ohren drang, hüpfte das Kindlein mit Frohlocken in meinem Schoße.“– Lk 1,39-44
Ein schriftgelehrter Jude, der diesen Bericht las, musste die Parallelen zum zweiten Buch Samuel sofort erkennen: Maria trägt den menschgewordenen Gott in ihrem Schoß, in dem Gott selbst „unter uns zeltete“ (Joh 1,14: eskénosen) – wie einst über der Lade in der Stiftshütte (skené). Sie ist also, mehr noch als die Bundeslade, von der Präsenz des Herrn der Herrlichkeit gänzlich erfüllt.
Das zeigt auch die Reaktion des Johannes im Schoß der Elisabeth: Wie David „hüpft“ und tanzt er vor dieser neuen, aus Fleisch und Blut gewobenen Bundeslade, als er ihren Gruß hört. Und auch die Worte seiner Mutter können als Echo der Worte Davids verstanden werden: „Woher wird mir dies zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt.“ Ein ähnliches Gefühl der Unwürdigkeit und Ehrfurcht spricht aus Davids Worten: „Wie kann die Lade meines Herrn zu mir kommen?“
Auch Maria bekennt ihre Demut vor Gott, spricht aber zugleich ihre hohe Würde aus: „Hochpreiset meine Seele den Herrn, 47 und mein Geist frohlocket über Gott, meinen Erretter. 48 Denn hingeblickt hat er auf die Niedrigkeit seiner Magd; siehe nämlich, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter. Denn Großtaten hat an mir gewirkt der Mächtige, und heilig ist sein Name“ (Lk 1,46-49)
Es ist derselbe Name „des Herrn der Heerscharen“, der über der Bundeslade „ausgerufen worden war“, der Name dessen, „der auf den Cheruben auf ihr thront“ (2Sam 6,2) – wie einst im Schemel der Bundeslade, so jetzt im Schoß der Jungfrau. Die Analogie zum Einzug der Lade Jerusalem wird vollends verdeutlicht darin, dass „Maria ungefähr drei Monate bei ihr (d.h. Elisabeth) blieb“, ganz wie die Bundeslade drei Monate im Haus Obed-Edoms verbleibt, und den Segen des Herrn über das ganze Haus bringt.
Dem heiligen Lukas müssen all diese Parallelen bewusst gewesen sein, als er sein Evangelium verfasste. Dafür spricht auch die im Griechischen bis aufs Wort identische Formulierung „(er/sie) stand auf und machte sich auf den Weg“ (2 Sam 6,2 und und Lk 1,39). Lukas stellt die Gottesgebärerin in seiner Erzählung absichtlich dar als lebendige Lade des neuen Bundes, auf die Gott selbst herabkam, um in menschlicher Gestalt bei uns zu wohnen. Als solcher gebührt ihr Verehrung zwar nicht wie einer Göttin, wohl aber als dem vernunftbegabten Thron des Allkönigs. Elisabeth ist die erste, die auf diese Weise den Kult des Neuen Bundes vollzieht, in dem sie nach dem Vorbild Davids ausruft: „Woher wird mir dies zuteil, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt“ (Lk 1,43).
Der Besuch Marias bei Elisabeth, Mosaik in der Basilika San Marco, Venedig (Foto: russianicons.wordpress.com)
Die Lade des Neuen Bundes
Doch was war überhaupt in diesen tausend Jahren aus der alten Bundeslade geworden? Ihr Schicksal kann uns in der Tat noch mehr darüber verraten, welche zentrale Rolle die Gottesgebärerin im Kult des Neuen Bundes einnimmt. Denn wie die Lade als Thron der Herrlichkeit Gottes die eigentliche Stätte des Tempeldienstes bildete, so begründete der Herr durch die Gottesgebärerin die neutestamentliche Anbetung „in Geist und Wahrheit“ (Joh 4,23).
Als um 586 v. Chr. der Tempel zerstört und die Israeliten nach Babylon verschleppt wurden, verlor naturgemäß auch die Bundeslade ihren Sitz. Kurioserweise fehlt sie jedoch in der Liste der Kultgegenstände, die zusammen mit dem Volk hinweggeführt wurden (2 Kön 25,13–17; Jer 52,17–23). Sowohl der Talmud als auch die jüdische und römische Geschichtsschreibung (Flavius Josephus, Tacitus) bezeugen, dass die Lade im Zweiten Tempel, der nach der Rückkehr des Volkes aus Babylon im Jahr 516 v. Chr. errichtet wurde, fehlte. Das bedeutet aber, dass die zentrale Stätte des Kultes, an der der Hohepriester einmal im Jahr den Ritus zur Entsühnung des Volkes vollziehen sollte, im Zweiten Tempel nicht mehr vorhanden war.
Im 2. Makkabäerbuch wird die Überlieferung zitiert, der Prophet Jeremia habe die Bundeslade an einem unauffindbaren Ort verborgen, und zwar auf dem Berg, auf den Moses von Gott geführt worden war ehe er starb, um von Weitem das Gelobte Land zu sehen (2 Makk 2,4-6). In der Tat kündigt der Prophet in seinem Buch selbst an, dass die Bundeslade nach der Rückkehr Israels aus der Gefangenschaft keine Rolle im Kult mehr spielen werde:
„Und es wird geschehen, wenn ihr euch vermehrt und über das Land ausbreitet in jenen Tagen, spricht der Herr, werden sie nicht mehr sagen: „Die Bundeslade des Heiligen Israels“, sie wird nicht zum Herzen aufsteigen, weder wird sie beim Namen genannt noch beachtet werden, und sie wird nicht wiederhergestellt werden. 17 In jenen Tagen und zu jener Zeit wird man Jerusalem ‚Thron des Herrn‘ nennen und alle Völker werden in ihr gesammelt werden und sie werden nicht länger den Gedanken ihres bösen Herzens nachlaufen.“– Jer 3,16-17
Die Erwartung der Rückkehr und Wiedervermehrung Israels ist verknüpft mit der endzeitlichen Erwartung, dass Jerusalem selbst zum Thron Gottes werden und die Heidenvölker sich zu ihm kehren würden. Dem entspricht die Ankündigung, die Jeremia im 2. Makkabäerbuch in den Mund gelegt wird:
„Als Jeremias dies erkannte, tadelte er sie und sprach: Dieser Ort wird auch unbekannt bleiben, bis Gott das Volk wieder versammelt hat und Gnade walten lässt; und dann wird der Herr diese Singe aufzeigen, und die Herrlichkeit des Herrn wird sichtbar sein und die Wolke, wie sie sich zur Zeit Moses zeigte und wie dies auch Salomon erbeten hat, damit die Stätte groß geheiligt würde.“– 2 Makk 2,7-8
Der protestantische Privatgelehrte Alexander Basnar schreibt über diese Zusammenhänge:
„Offenbar sahen nicht einmal die in Judäa ansässigen Juden [...] den unter Esra neu eingeweihten Tempel als Zeichen der Wiederherstellung und Sammlung Israels an. Wohl deshalb mischte sich damals unter den Jubel auch lautes Wehklagen (2. Esdr. 3,12). Der Neubeginn musste auch ‚defizitär‘ bleiben, da die Sammlung Israels im Neuen Bund unter Einbeziehung aller Nationen erfolgen sollte. Als die Herrlichkeit Gottes zu Pfingsten herabkam, erfüllte sie dementsprechend einen Tempel aus lebendigen Steinen.“
Dieser neue Tempel sind die Gläubigen, erbaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, mit Jesus Christus selbst als ihrem Grundstein. Auch dieser neue Tempel hat seine ‚Lade‘, auf die bereits zuvor die lebendige Gegenwart Gottes herabgestiegen war: die Gottesmutter, von der es heißt: „Der Heilige Geist wird über Dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). Sie selbst war an Pfingsten inmitten der Versammlung der Jünger, als Gott sich in ihnen seinen neuen Tempel schuf. Ihre Bestimmung war es von Anfang an, Lade des Neuen Bundes zu sein und als solche verehrt zu werden.
Die Wegführung des Volkes aus Jerusalem in die babylonische Gefangenschaft, Gemälde von James Tissot, 1896 (Foto: Wikimedia Commons)
Die Bestimmung der Gottesmutter
Das orthodoxe Fest des Einzugs Marias in den Tempel, das am 21. November gefeiert wird, bringt diese Bestimmung sinnfällig zum Ausdruck: Nach der außerbiblischen Überlieferung wurde die Gottesmutter von ihren Eltern Joachim und Anna im hohen Alter nach langer Kinderlosigkeit gezeugt. Als Dank für dieses gottgewirkte Wunder versprachen die Eltern, das Kind ganz dem Herrn zu weihen, und brachten es im Alter von drei Jahren in den Tempel, geleitet von einer Schar Jungfrauen. Die Väter sehen dieses Ereignis prophetisch im Psalm vorgebildet:
„Höre, Tochter, und sieh und neige dein Ohr, vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters. Und begehren wird der König nach deiner Schönheit; denn er ist der Herr, und du wirst ihn anbeten. […] Gebracht werden sollen dem König Jungfrauen ihr hinterher; die ihr Nahestehenden sollen dir gebracht werden. Gebracht werden sollen sie in Frohmut und Frohlocken, sie sollen geführt werden in den Tempel des Königs.“– Psalm 44,11-12.15-16
Der heilige Johannes Maximowitsch legt in seinem Buch „Die orthodoxe Verehrung der Gottesmutter“ dar, welche Bedeutung der Einzug der kleinen Maria in den Tempel in der Heilsgeschichte hat:
„Aufgrund einer Offenbarung Gottes geleitete sie der Hohepriester in das Allerheiligste. So führte sie die Gnade Gottes, die auf ihr ruhte, in den Tempel, denn dieser war bisher ohne Gottes Gnade gewesen (siehe das Kondakion des Einzugs der Gottesgebärerin in den Tempel. Dies war der neuerbaute Tempel, in den die Herrlichkeit Gottes noch nicht herabgefahren war, wie sie einst über der Bundeslade und im Tempel Salomos ruhte).“– Hl. Johannes Maximowitsch, Die orthodoxe Verehrung der Gottesmutter
Die Bestimmung Marias war es, als künftige Gottesgebärerin den Menschen die Gnade zu bringen, denn „das Gesetz wurde durch Moses gegeben, die Gnade und Wahrheit die Wahrheit aber sind durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,16). Deshalb hat die Mutter Gottes als Lade des Neuen Bundes ihren Platz an der „Wurzel“ und am „tiefsten Grund“ des christlichen Kultes, der eine Anbetung in Geist und Wahrheit ist.
Der allerreinste Tempel des Erretters, / das vielgeehrte Brautgemach, die Jungfrau, / der hochgeweihte Schatz der göttlichen Herrlichkeit, / heute wird sie eingeführt in das Haus unseres Herrn, / und sie führt die Gnade mit ein, / die da göttlich wirkt im Geiste. / Die Engel Gottes singen ihr dies Lied: / Sie ist wahrhaftig das himmlische Brautgemach.Kontakion vom Fest des Einzugs Marias in den Tempel, 4. Ton
Ikone vom Einzug der Allheiligen Gottesgebärerin Maria in den Tempel (Quelle: abtei-niederalteich.de)