Wenn die Lüge zur Lästerung des Schöpfers wird
Die Tragödie in der jungen Jerusalemer Gemeinde erscheint grausam. Eine detaillierte Untersuchung des Textes der Apostelgeschichte offenbart den wahren Grund für das plötzliche Gericht über das Ehepaar.
Jerusalem in den Dreißigerjahren des ersten Jahrhunderts. Die erste christliche Gemeinde erlebt eine Zeit außergewöhnlichen geistlichen Aufschwungs – eine solche, wie sie nur einmal in der Geschichte vorkommt. In der Apostelgeschichte wird darüber knapp, aber umfassend berichtet: „Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn alle, die Äcker oder Häuser besaßen, verkauften sie, brachten das Geld für das Verkaufte und legten es den Aposteln zu Füßen“ (Apg 4,34–35). Die Menschen verkauften ihre Häuser. Das Geld legten sie den Aposteln zu Füßen. Auf dieser Welle allgemeiner Begeisterung erscheinen die Eheleute Hananias und Saphira.
Freiwillige Gabe und Diebstahl am eigenen Besitz
Hananias verkauft seinen Besitz. Doch anstatt ehrlich den gesamten Betrag abzugeben – oder ebenso ehrlich zu sagen, dass er nur einen Teil davon gibt –, beschließen die Eheleute zu täuschen. Ein Teil des Geldes wird zurückbehalten, während der Rest den Aposteln als vollständiges und vollkommenes Opfer übergeben wird.
Der Apostel Petrus deckt das Wesen des Geschehens auf. Bemerkenswert ist: Er tadelt Hananias keineswegs dafür, dass dieser nicht alles abgegeben hat. Im griechischen Original ist seine Frage völlig eindeutig: „Blieb das, was du besaßest, nicht dein Eigentum?“ (Apg 5,4). Die Spende in Jerusalem war eine vollkommen freiwillige Angelegenheit. Niemand wurde gezwungen, sein Haus zu verkaufen, und verbindliche Vorgaben gab es nicht. Hananias hätte das Land behalten oder es verkaufen und ein Zehntel beziehungsweise die Hälfte des Erlöses abgeben können – sofern er dies der Gemeinde offen gesagt hätte.
Der heilige Johannes Chrysostomos weist auf das Paradoxon hin: Hananias wird wie ein Mensch bestraft, der seinen eigenen Besitz gestohlen hat. Das Land gehörte ihm, und das Geld stand vollständig in seiner Verfügung. Doch indem er versuchte, sich den Ruhm eines selbstlosen Gerechten anzueignen, geriet er in seine eigene Falle.
Darin liegt eine bittere Ironie. Der Name Hananias geht auf das hebräische Hananja zurück und bedeutet „Gnade Gottes“ oder „Gott ist gnädig“. Ein Mensch, dessen Name an eine Gabe von oben erinnerte, entschied sich, die geistliche Autorität zu missachten.
Eine dreifache Sünde am Ursprung der Kirche
Die Reaktion des Petrus war wie ein Donnerschlag: „Hananias, warum hast du zugelassen, dass der Satan dein Herz erfüllte, den Heiligen Geist zu belügen und einen Teil des Erlöses für das Grundstück zurückzubehalten?“ (Apg 5,3). Unmittelbar danach sagt er: „Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen“ (Apg 5,4).
Der Versuch, besser zu erscheinen, als man tatsächlich ist, wird innerhalb einer Sekunde zum Gegenstand des höchsten Gerichts. In diesen beiden Versen findet sich ein äußerst wichtiges neutestamentliches Zeugnis: Die Lüge gegenüber dem Heiligen Geist wird ausdrücklich der Lüge gegenüber Gott selbst gleichgesetzt. Der Heilige Geist in der Gemeinde ist keine unpersönliche Kraft, sondern der lebendige Gott, Der durch das apostolische Wort wirkt.
Als Hananias die Anklage hört, fällt er tot zu Boden. Zur Beschreibung seines Todes wird im griechischen Text das seltene Verb ἐξέψυξεν verwendet – wörtlich: „Er hauchte seine Seele aus“, „er gab den Geist auf“.
Chrysostomos besteht darauf, dass der plötzliche Tod weder durch einen Schreck noch durch einen Herzinfarkt verursacht wurde. Es war ein göttliches Handeln, das der dreifachen Sünde des Hananias entsprach: der Annahme eines satanischen Gedankens, der Lüge gegenüber dem Schöpfer und der Geldgier. Warum erfolgte die Strafe so schnell und streng? Dieses Ereignis fand in einem entscheidenden Augenblick der christlichen Geschichte statt. Die Kirche legte gerade erst ihr Fundament, und eine Lüge an ihrer Grundlage hätte den gesamten künftigen geistlichen Organismus vergiften können. Wäre dieser Versuch zur Schau gestellter Frömmigkeit unbestraft geblieben, hätte sich die Gemeinde schnell in eine Gemeinschaft von Heuchlern verwandelt.
Der Schatten Achans und die heilige Furcht
Für die ersten Leser der Apostelgeschichte, die aus dem jüdischen Umfeld stammten, war an dieser Geschichte nichts unverständlich. Vor ihren Augen erschien sofort eine ähnliche Tragödie aus dem Alten Testament.
Im Buch Josua wird der Augenblick beschrieben, in dem das Volk Israel gerade erst das Gelobte Land betreten hatte. Nach der Einnahme Jerichos behielt einer der Krieger, Achan, einen Teil des dem Bann geweihten Besitzes zurück – einen Goldbarren und ein kostbares Gewand (Jos 7,1). Die Tat eines einzelnen Menschen brachte Unglück über das gesamte Volk. Die Sünde wurde aufgedeckt und der Schuldige unverzüglich bestraft.
Die Parallele ist deutlich erkennbar. Sowohl Achan als auch Hananias begehen ihr Vergehen unmittelbar nach der Offenbarung der großen Kraft Gottes. In beiden Fällen wird etwas zurückbehalten, das vollständig hätte dargebracht werden müssen. In beiden Fällen endet das unmittelbare Gericht gleich: „Und es kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die dies hörten“ (Apg 5,11).
Das Wort „Kirche“ – ekklesia – erscheint in der Apostelgeschichte erstmals an dieser Stelle. Die erste Erwähnung der Kirche als eines einheitlichen Leibes ist mit der reinigenden Furcht der Gemeinde vor dem Angesicht Gottes verbunden.
Drei Stunden später betritt Saphira den Raum. Sie weiß noch nichts vom Tod ihres Mannes. Petrus gibt ihr eine letzte Gelegenheit: „Sage mir, habt ihr das Land für diesen Betrag verkauft?“ (Apg 5,8). Sie wiederholt die einstudierte Lüge: „Ja, für diesen Betrag“ (Apg 5,8). So wurde die Entscheidung, einen Teil des Geldes zurückzubehalten, zu einer familiären Verschwörung gegen die Wahrheit.
Eine Attrappe vor dem Angesicht Gottes
Saphira fällt dem Apostel zu Füßen und gibt ebenso ihren Geist auf. Die jungen Männer tragen sie hinaus und begraben sie neben ihrem Mann.
Diese Geschichte erschreckt durch ihre Kompromisslosigkeit. Hier gibt es nicht das gewohnte Bild langwierigen Zuredens und schrittweiser Zurechtweisung. Man möchte in Gott einen nachsichtigen Lehrer sehen, Der über kleine schauspielerische Tricks hinwegsieht. Doch der biblische Text zeigt etwas anderes.
Die Sünde der Eheleute bestand nicht darin, dass sie einen Teil des Geldes für sich behielten. Die Tragödie lag woanders: Sie versuchten, der Gemeinde eine falsche Heiligkeit zu verkaufen und sich mit einem unvollständigen Preis die Achtung ihrer Brüder zu erkaufen, indem sie gewöhnliche Berechnung als höchsten geistlichen Einsatz ausgaben.
Oft beschreiten wir denselben Weg: Wir wählen fromme Worte, errichten eine schöne Fassade und wollen vor unseren Mitmenschen als vollkommene Christen erscheinen. Doch Gott blickt nicht auf die Kulissen. Er sieht das Herz – ohne jede Maske aus der Garderobe. Ein ehrliches Eingeständnis der Dürftigkeit unseres Glaubens ist Ihm stets kostbarer als eine schöne, aber leere Attrappe.