Himmel oder Hölle?

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Was die Orthodoxe Kirche über die ungetauften Kinder lehrt


In letzter Zeit behaupten junge und sehr eifrige Orthodoxe vermehrt in Online-Foren, ungetaufte Babys und kleine Kinder seien ewig zur Hölle verdammt, weil sie weder durch die Taufe von der „Erbsünde“ reingewaschen noch in die Kirche Christi aufgenommen worden seien.

Die Anhänger diese Sicht nehmen dabei für sich Anspruch, sich auf die patristische Lehre und die Dogmen der Konzilien zu stützen.

Für die Mehrheit der orthodoxen Christen und an der Orthodoxie Interessierten sind diese und ähnliche Aussagen dagegen erschreckend und lösen große Sorgen sowie Unsicherheit im Glauben aus. Denn sie können einen liebenden Gott nicht mit der Vorstellung vereinbaren, dass unschuldige und sündenfreie Babys für die Ewigkeit in die Hölle verdammt werden.

Doch stimmen die Aussagen dieser sehr lauten Minderheit, die für sich – vermutlich aus besten Motiven – beansprucht, die wahre orthodoxe Position zu diesem Thema zu vertreten?

Dem möchten wir hier im Weiteren gemeinsam auf den Grund gehen, wobei wir uns von folgenden Fragen leiten lassen: Was sagt die Heilige Schrift über Kinder, und was sagen die heiligen Väter in ihren Auslegungen darüber?

1. „Lasst die Kinder zu mir kommen“ (Lk 18,16)

„Sie brachten aber auch kleine Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Als es aber die Jünger sahen, tadelten sie sie. Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird gar nicht hineinkommen!“ (Lk 18,15-17)

Hier einige Auslegungen heiliger Kirchenväter zu dieser Bibelstelle:

1.1 Hl. Kyrill von Alexandrien (375-444):

„Ein Säugling also, der nur sehr wenig weiß oder überhaupt nichts weiß, wird mit Recht frei von jeder Anklage wegen Verderbtheit und Arglist sein. Folglich ziemt es auch uns, danach zu streben, ihnen auf dieselbe Weise ähnlich zu werden und die bösen Gewohnheiten vollständig abzulegen, damit sichtbar wird, dass wir nicht einmal den Weg kennen, der uns zur Täuschung führt, sondern gleichsam in Unwissenheit gegenüber jeder Art von Arglist und List verharren und ein einfaches sowie argloses Leben führen. Wir sollen danach trachten, uns Sanftmut und Demut anzueignen und uns leicht von Zorn und Traurigkeit abwenden. Denn dies, so sagen wir, findet sich bei denen, die noch Kinder sind.“ [1]

1.2 Hl. Theophylakt von Ohrid (* um 1055, † nach1107):

„So hat der Herr, indem er die Kinder nicht zurückwies, sondern sie mit Wohlgefallen annahm, durch die Tat zur Demut erzogen. Er lehrt auch durch das Wort, indem er sagt, dass solchen das Himmelreich gehört, die eine kindliche Gesinnung haben. Ein Kind erhebt sich nicht, erniedrigt niemanden, ist ohne Bosheit und ohne Arglist; weder bläht es sich im Glück auf noch verzagt es im Leid, sondern ist stets ganz schlicht.“ [2]

2. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“ (Mt 18,3)

Schauen wir uns eine weitere Stelle in der Heiligen Schrift an:

„Zu jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist wohl der Größte im Reich der Himmel? Und Jesus rief ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen! Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel. Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,1-5)

Einige der Heiligen und Theologen legen diese Bibelstelle wie folgt aus:

2.1 Euthymios Zigabenos, orthodoxer Mönch und Theologe (* um 1050; † nach 1118 in Konstantinopel):

„Ihr fragt mich nach dem Vorrang im Himmelreich; ich aber sage euch: Wenn ihr euch nicht von der Arglist zur Unschuld bekehrt und nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr überhaupt nicht in es eingehen. Ein Kind ist schlicht, sorglos, nicht eitel, bescheiden; es kennt weder Neid noch Eifersucht noch das Verlangen nach Vorrang und ist überhaupt frei von allen Leidenschaften des Eigenwillens – nicht infolge asketischer Anstrengung, sondern aufgrund seiner natürlichen Einfachheit. Wenn also jemand die Leidenschaften seines eigenen Willens zügelt, wird er wie ein Kind sein, indem er durch asketische Übung das erwirbt, was die Kinder von Natur aus durch ihre Reinheit besitzen.“ [3]

2.2 Georgij Zadonskij, orthodoxer Eremit (1789–1836):

„Und der Herr stellt ein schönes Beispiel vor Augen und ermahnt zugleich, ebenso demütig und einfältig zu sein. Denn ein Kind kennt weder Neid noch Eitelkeit noch das Verlangen nach Vorrang; vielmehr besitzt es die hohe Tugend der Einfachheit, der Arglosigkeit und der Demut.“ [4]

2.3 Hl. Johannes von Shanghai und San Francisco (1896-1966):

„´Seid wie die Kinder.´ Ein Kind trägt die Ursünde in sich, doch seine Ohren sind nicht befleckt, und seine Hände haben kein Verbrechen begangen. Sein Geist schwankt nicht, und darum sieht es, was der Schwankende nicht sehen kann. Seine reinen und unschuldigen Augen schauen die Engel des Himmels, und es lächelt ihnen freudig zu. Da es das Böse nicht erkannt hat, antwortet es auch nicht auf das Böse, und der Satan wagt es nicht, sich ihm zu nähern. Dann aber beginnen seine Augen allmählich beim Bösen zu verweilen, und indem es dieses mit dem Blick aufnimmt, befleckt es sie und mit ihnen auch sein Herz; und schon bei der ersten Befleckung schließt sich die himmlische Schau, und der Mensch beginnt.“ [5]

2.4 Hl. Justin Popovic (1894-1979):

„Wer ist der Größte im Himmelreich?“ – Ein Kind, antwortet der himmlische König. Warum? Weil das Kind noch nicht durch die Liebe zur Sünde verdorben ist, ein grenzenloses Vertrauen zu den Eltern hat, ein reines Herz besitzt, in seinem Wesen, in seinem Empfinden, in seiner Liebe und in seinen Wünschen ungeteilt ist; weil es keinen Hochmut kennt, diese Mutter aller Sünden und Laster, und weil auf seinem ganzen Sein noch der Hauch des göttlichen Logos spürbar ist, der jedes menschliche Wesen erleuchtet, das er in diese Welt sendet.“ [6]

Fazit. Wie wir sehen können, ist das Evangelium sehr eindeutig: Wir müssen so werden wie die Kinder, wenn wir das Himmelreich betreten wollen. Denn Kinder sind frei von Neid, Hochmut und Arglist und allgemein rein von der Sünde. Sie sind uns ein großes Vorbild in ihrer Reinheit und Einfachheit. Außerdem sind sie von jeglichen Leidenschaften befreit –darin sind sich die Theologen und Heiligen einig.

3. Hl. Ephräm der Syrer (306-373)

Diese Auffassung von der Schuldlosigkeit und Reinheit der Kinder ist keine moderne Sichtweise. Auch bei den Heiligen und Kirchenvätern des frühen Christentums findet sich dieses Bild von den Kindern wieder, wie Zitate des hl. Ephräm des Syrers belegen:

3.1

„Dort findet der Ehestand Ruhe, nachdem er gequält worden war durch die Wehen der Geburt, die infolge des Fluches kamen, und durch den Schmerz des Gebären. Nun sieht er die Kinder, die er unter Klagen begraben hatte, wie Lämmer in Eden weiden, erhaben in ihren Rangstufen, herrlich in ihrem Glanz – sie sind wie Verwandte der unbefleckten Engel.“ [7]

3.2 Der hl. Ephräm schreibt ferner:

„Der Strom der Menschheit besteht aus Menschen jeden Alters: Alte, Junge, Kinder und Säuglinge, Kleinkinder in den Armen ihrer Mütter und andere, die noch ungeboren im Mutterleib sind. So ist die Folge der Früchte des Paradieses: Erstlinge gingen hervor mit der herbstlichen Ernte, Woge auf Woge, fruchtbar an Blüten und Früchten.” (Heiliger Ephräm der Syrer, 306- 373) [7]

4. Clemens von Alexandrien (150-215)

Clemens von Alexandrien, ein sehr respektierter Kirchenvater, wenngleich nicht durch die Orthodoxe Kirche kanonisiert, und Mitbegründer der alexandrinischen theologischen Schule, sagte in einer Debatte gegen eine gnostische Sekte folgendes über die Kinder:

„Sie sollen uns sagen, wo das neugeborene Kind Unzucht getrieben hat, oder wie das Kind, das noch nichts getan hat, unter den Fluch Adams gefallen ist. Es bleibt ihnen, wie es scheint, nichts übrig, als folgerichtig zu sagen, dass die Geburt böse sei, nicht nur die des Körpers, sondern auch die der Seele, um derentwillen auch der Körper da ist. Und wenn David sagt: „In Sünde wurde ich erzeugt, und in Unrecht hat mich meine Mutter empfangen“, so nennt er prophetisch die Eva Mutter; aber „Eva ist die Mutter der Lebenden geworden“ und wenn er auch in Sünde erzeugt wurde, so ist er doch nicht selbst in Sünde und ist auch nicht selbst Sünde.“ [8]

5. Väter der Neuzeit

Auch Altväter und Heilige der Neuzeit sprechen über das Schicksal von Kindern, die ungetauft entschlafen sind. Besonders durch den heute sehr einfachen Zugang zu Abtreibungen ist dieses Thema von großer Bedeutung.

Im Folgenden finden sich Aussagen von Altvätern und Heiligen unserer Zeit über das Schicksal ungetaufter Kinder, die infolge einer Abtreibung entschlafen sind:

5.1 Altvater Ephräm von Arizona (1928-2019):

„Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen bewusst ist, dass diese Embryonen, diese Säuglinge, diese Wesen nicht aufhören zu existieren, sobald sie abgetrieben werden. Im Gegenteil! Jeder Embryo ist ein vollständiger Mensch, insbesondere in Bezug auf die Seele. Diese Kinder leben in der anderen Welt, und, wie Sie verstehen können, bilden viele Millionen von Kindern inzwischen eine ganze Schar im Himmel.“ [9]

5.2 Hl. Paisios von Sihastria, Rumänien (1897-1990):

„Ich glaube, dass diese Säuglinge Märtyrer sind. Sie werden in den letzten Zeiten die Zahl der Märtyrer vollenden, wie die Apokalypse [die Offenbarung] sagt. Indem sie durch Abtreibung sterben, empfangen sie eine Bluttaufe. Die Kirche jedoch gedenkt ihrer in ihren Gebeten nicht, um Abtreibungen nicht zu fördern, die eine Kindstötung durch die Eltern darstellen.“ [9]

5.3 Altvater Philotheos Zervakos von Paros, Griechenland (1884-1980):

„Es gibt kein schlimmeres Verbrechen als das, was in Griechenland geschieht, nämlich dass Eltern jedes Jahr 300.000 Kinder töten, bevor sie geboren werden. Es übertrifft sogar den Kommunismus und alle Häresien und Übel. Denn wenn sie ihre Kinder hätten zur Welt kommen lassen, sie getauft und sie dann mit einem Messer getötet hätten, wären die Kinder als Christen gegangen, und die Verantwortung der Eltern wäre geringer als jetzt [bei der Abtreibung], wo sie auch die Seele des Kindes getötet haben. Gott jedoch wird es ausgleichen, denn im Haus des himmlischen Vaters gibt es viele Wohnstätten.“ [9]

5.4 Hl. Cleopa von Sihastria, Rumänien (1912-1998):

„Ein Leben wird getötet, Seelen gehen verloren – sowohl die des getöteten Säuglings als auch die desjenigen, der den Mord begeht und das Gebot Gottes verletzt, das sagt: ‚Seid fruchtbar und mehret euch‘ (Gen 1,28). Auch das fünfte Gebot der Zehn Gebote wird übertreten, das lautet: ‚Du sollst nicht töten‘ (Ex 20,13) … Da sie nicht getauft wurden, können die Seelen der abgetriebenen Kinder nicht in das Reich Gottes eingehen. Sie erwarten den furchtbaren Tag des Gerichts, an dem sie vor dem gerechten Richter, Jesus Christus, die Eltern anklagen werden, die sie getötet haben.“ [9]

Die letzte Aussage des heiligen Cleopa könnte auf den ersten Blick im Widerspruch zu den Aussagen der anderen Heiligen und Altväter stehen. Man muss jedoch verstehen, dass der Heilige darüber spricht, was vor dem Tag des Jüngsten Gerichts und der Auferstehung der Toten geschieht. Vielen fehlt dieser Kontext.

Wenn sie dann solche Aussagen von Heiligen oder bestimmte Beschlüsse von Konzilien lesen, meinen sie, die Heiligen würden über die ewige Verdammnis ungetaufter Kinder sprechen.

Was die Heiligen tatsächlich meinen, werden wir uns im weiteren Verlauf genauer ansehen.

6. Das Konzil von Jerusalem vom 1672

Vor allem beruft sich diese Gruppe von Menschen auf das Konzil von Jerusalem aus dem Jahr 1672. In diesem Konzil wurde unter dem Dekret 16 Folgendes festgehalten:

„Wir glauben, dass die Heilige Taufe, die vom Herrn eingesetzt wurde und im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit gespendet wird, von höchster Notwendigkeit ist. Denn ohne sie kann niemand gerettet werden, wie der Herr sagt, "Wer nicht aus Wasser und Geist geboren ist, der kann nicht in das Himmelreich kommen.“ {Johannes 3:5}

Und deshalb ist die Taufe auch für Säuglinge notwendig, denn auch sie sind der Erbsünde unterworfen und können ohne die Taufe ihre Vergebung nicht erlangen. Das hat der Herr gezeigt, als er nicht nur von einigen, sondern schlicht und einfach sagte: "Wer nicht wiedergeboren ist", was dasselbe ist wie zu sagen: "Alle, die nach dem Kommen Christi, des Erlösers, in das Himmelreich eingehen wollen, müssen wiedergeboren werden."

Und da Säuglinge Menschen sind und als solche des Heils bedürfen, brauchen sie auch die Taufe, um gerettet zu werden. Und diejenigen, die nicht wiedergeboren sind, da sie den Erlass der Erbsünde nicht empfangen haben, sind notwendigerweise der ewigen Strafe unterworfen und können folglich ohne die Taufe nicht gerettet werden.

Daher müssen auch Säuglinge notwendigerweise getauft werden. Außerdem werden Säuglinge gerettet, wie es bei Matthäus heißt; {Matthäus 19,12} wer aber nicht getauft ist, wird nicht gerettet. Und folglich müssen sogar Säuglinge notwendigerweise getauft werden.“ [10]

Auf den ersten Blick mag dieser Beschluss erschreckend klingen, doch liest man etwas weiter in dem Dekret 16, steht folgendes: „Daher ist es offensichtlich, dass alle, die getauft sind und als Säuglinge einschlafen, unzweifelhaft gerettet werden, da sie durch den Tod Christi vorherbestimmt sind.

Denn sie sind ohne jede Sünde - ohne die gemeinsame, weil durch das göttliche Waschbecken von ihr befreit, und ohne eigene, weil sie als Säuglinge unfähig sind, Sünden zu begehen – und werden daher gerettet.“ [10]

Auch hier scheint das 16. Dekret des Jerusalemer Konzils widersprüchlich zu sein. Auf der einen Seite heißt es, dass Säuglinge ohne die Taufe nicht errettet werden können und der ewigen Strafe unterworfen sind. Gleichzeitig wird jedoch gesagt, dass Säuglinge nicht in der Lage sind zu sündigen.

Daraus ergibt sich die Frage, warum Säuglinge überhaupt die Taufe benötigen, wenn sie doch nicht sündigen können.

Um diesen Beschluss zu verstehen, muss man den historischen Kontext des Konzils von Jerusalem aus dem Jahr 1672 betrachten und die dort getroffenen Aussagen theologisch richtig einordnen.

Das Konzil von Jerusalem und seine 18 Dekrete waren eine Antwort auf die 18 Dekrete von Kyrillos Loukaris [11], dem damaligen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der 40 Jahre zuvor, im Jahr 1629, seine 18 Erklärungen veröffentlichte. Kyrillos Loukaris vertrat teilweise reformierte und calvinistische Ansichten, welche von der Orthodoxen Kirche verurteilt werden.

In seinem 16. Dekret spricht er über die Taufe in der Orthodoxen Kirche, erwähnt jedoch in keiner Weise die Kindertaufe. Die Calvinisten im Westen nutzten diese Tatsache aus und stellten anhand der Dekrete des 2009 vom Patriarchat von Alexandria kanonisierten Kyrillos Loukaris dar, als würde die Orthodoxe Kirche nicht an die Kindertaufe glauben und diese auch nicht praktizieren.

Das Konzil von Jerusalem war eine Antwort auf den Protestantismus und unter anderem auf die Frage der Kindertaufe. Um zu verdeutlichen, wie essenziell die Kindertaufe in der Orthodoxen Kirche ist, wurde eine sehr strenge und hyperbolische Sprache verwendet. Denn die Kindertaufe ist eine gängige Praxis in der Orthodoxen Kirche und findet ihre Grundlage in den patristischen Lehren.

Diese historische Einordnung des Konzils ermöglicht uns ein besseres Verständnis für die sehr strenge Sprache, die dort verwendet wurde.

7. Hl. Gregor von Nazianz (329-390)

Um das Konzil von Jerusalem und ähnliche Aussagen anderer Heiliger theologisch einzuordnen, müssen wir klären, was mit „ewiger Strafe“ in diesem Kontext gemeint ist.

Die Orthodoxe Kirche glaubt nicht, dass Gott ungetaufte Kinder zur ewigen Verdammnis verurteilt. Vielmehr bedeutet „Strafe“ in diesem Zusammenhang, dass ungetaufte Kinder nach ihrem Entschlafen vom Himmel getrennt sind. Sie befinden sich jedoch auch nicht im Zustand der Hölle.

Was genau damit gemeint ist, erklärt der heilige Kirchenvater Gregor von Nazianz, wenn er über die Taufe spricht:

7.1 „So ist es auch bei denen, die es versäumen, die Gabe zu empfangen: Einige sind ganz und gar tierisch oder bestialisch, je nachdem, ob sie töricht oder böse sind. Und dies, meine ich, muss zu ihren übrigen Sünden noch hinzugefügt werden, dass sie für diese Gabe keinerlei Ehrfurcht haben, sondern sie als bloßes Geschenk betrachten – das man hinnimmt, wenn es einem gegeben wird, und, wenn es einem nicht gegeben wird, einfach unbeachtet lässt.

Andere erkennen und ehren die Gabe, schieben sie jedoch auf; die einen aus Trägheit, die anderen aus Habsucht. Wieder andere sind nicht in der Lage, sie zu empfangen, vielleicht wegen ihrer Unmündigkeit oder aufgrund irgendeines völlig unfreiwilligen Umstands, der sie daran hindert, sie zu empfangen, selbst wenn sie es wünschen.

Wie wir also im ersten Fall große Unterschiede festgestellt haben, so auch hier. Diejenigen, die sie gänzlich verachten, sind schlimmer als jene, die sie aus Habsucht oder Nachlässigkeit vernachlässigen.

Diese wiederum sind schlimmer als diejenigen, die die Gabe aus Unwissenheit oder durch Zwang verloren haben; denn Zwang ist nichts anderes als ein unfreiwilliger Irrtum.

Und ich meine, dass die Ersten Strafe erleiden werden – sowohl für all ihre Sünden als auch für ihre Verachtung der Taufe; dass auch die Zweiten leiden werden, jedoch weniger, weil ihr Versagen nicht so sehr aus Bosheit als aus Torheit geschah; und dass die Dritten vom gerechten Richter weder verherrlicht noch bestraft werden, da sie unbesiegelt und doch nicht böse sind, sondern Menschen, die eher gelitten als Unrecht getan haben.

Denn nicht jeder, der nicht schlecht genug ist, um bestraft zu werden, ist gut genug, um geehrt zu werden; ebenso wie nicht jeder, der nicht gut genug ist, um geehrt zu werden, schlecht genug ist, um bestraft zu werden.“ [12]

7.2 Der renommierte griechische Theologe Stylianos N. Kementzetzidis (* 1950) fasst die Aussage des heiligen Gregor von Nazianz sowie die orthodoxe Position zum Schicksal ungetaufter Kinder wie folgt zusammen:

„Es ist eine schwere Sünde, wenn ein Kind christlicher Eltern ungetauft stirbt. Es muss betont werden, dass dies die schwerwiegendste Sünde ist, die aus der Abtreibung hervorgeht.

Nach unserer kirchlichen Überlieferung, die auf den Offenbarungen der Heiligen beruht, gelangen ungetaufte Kinder sowie die Embryonen, die durch Abtreibungen oder infolge von Fehlgeburten gestorben sind, nicht an einen Ort der Ruhe und des Trostes, wie ihn die Heiligen und die geretteten Gläubigen haben.

Im Gegenteil, sie kommen an einen eher dunklen Ort, wo sie weder Ruhe noch Strafe haben. Dort verbleiben sie gleichsam „blind“ bis zur Wiederkunft Christi, weil sie ungetauft sind.

Bei der Wiederkunft Jesu Christi und der allgemeinen Auferstehung der Toten werden jedoch auch sie auferstehen und gerettet werden, zusammen mit allen Heiligen und den Geretteten. Die ungetauften Kinder werden vollkommene und reife Leiber im Alter von 33 Jahren empfangen, wie alle Auferstandenen, wobei als „Maß“ das irdische Alter des Gottmenschen Christus dient und sie nach seinem Bild gestaltet sind.“ [9]

Wie wir sehen können, besteht die orthodoxe Position nicht darin, dass ungetaufte Babys von Gott zur ewigen Verdammnis verurteilt werden. Vielmehr gelangen sie in einen neutralen Zustand – weder in den Zustand des Himmels noch in den Zustand der Hölle.

Es handelt sich um einen Zustand, in dem sie bis zur Auferstehung verweilen, bis sie schließlich gemeinsam mit allen anderen auferstandenen Heiligen und Geretteten errettet werden.

Doch woher kommt der Irrtum, dass ungetaufte Babys zur ewigen Verdammnis verurteilt werden?

8. Ein unterschiedliches Verständnis der Erbsünde in Ost und West

8.1 Erzpriester Panayiotis Papageorgiou (* 1957), der sich im Rahmen seiner Doktorarbeit im Fach Frühchristliche Studien intensiv mit solchen Fragen auseinandergesetzt hat, analysiert diese Entwicklung in seinem Artikel „Do babies go to hell if they die before baptism?“. [13]

Nach Vater Panayiotis stammt die Vorstellung, dass ungetaufte Kinder aufgrund der Erbsünde in die Hölle kommen, aus der römisch-katholischen Kirche, welche diese Lehre aus den Schriften des heiligen Augustinus ableitete.

Augustinus habe dabei fälschlicherweise in die Lehren der vorangegangenen griechischen Väter das Konzept des „Traduzianismus“ hineingelesen.

Nach dieser Vorstellung stammt die menschliche Seele ebenso wie der Körper aus dem Samen des Vaters, wodurch auch Sünden vererbt werden können. Auf Grundlage dieser Lehre glaubte Augustinus, dass alle Menschen in Adam „in massa“ gesündigt hätten und mit der Schuld Adams belastet geboren würden.

Deshalb könnten sie nur durch die Taufe von dieser Schuld befreit und vor der Verdammnis bewahrt werden.

Dieses Missverständnis, so die Darstellung von Vater Panayiotis, sei auf die Sprachbarriere zwischen dem heiligen Augustinus und den Schriften der griechischen Väter zurückzuführen.

Demgegenüber stellt Vater Panayiotis in seinem Artikel das tatsächliche Verständnis der Erbsünde bei den griechischen Kirchenvätern dar:

„Der heilige Johannes Chrysostomos hingegen sah, der Tradition der griechischen Väter vor ihm folgend, die Übertretung Adams als die Ursache unseres gegenwärtigen gefallenen Zustands, das heißt der gefallenen menschlichen Natur, in der alle an Schwächen, Scham, Furcht, Leiden und „vielen natürlichen Mängeln“ gebunden sind, vor allem aber daran, dass wir dem Tod unterworfen sind.

Chrysostomos war der Ansicht, dass wir aufgrund der Übertretung Adams in diesen Zustand geraten sind, jedoch nicht als Strafe, sondern aus der Barmherzigkeit und Vorsehung Gottes heraus.

Wir haben dadurch, so sagt er, nicht nur nichts verloren, sondern vielmehr sogar gewonnen. Dieser Zustand ist für uns zu einem Übungsfeld (einer Schule) der Tugend geworden, damit wir fähig werden, die zukünftigen Gaben Gottes zu empfangen.

Chrysostomos weist die Vorstellung, wir seien für die Sünde Adams verantwortlich und würden dafür bestraft, als absurd zurück. Wir sind, so erklärt er, nur für die Sünden verantwortlich und werden nur für jene bestraft, die wir selbst freiwillig begehen.

In Bezug auf die Taufe stimmt Chrysostomos der Kindertaufe zu, jedoch nicht, weil es notwendig wäre, ein Kind von der Sünde und Schuld Adams zu reinigen oder weil Säuglinge eigene Sünden hätten, sondern weil sie durch die Taufe Heiligung, Rechtfertigung, Sohnschaft, Erbe, Brüderschaft mit Christus empfangen, Glieder Christi werden und eine Wohnstätte des Heiligen Geistes.

Über die Vergebung der Sünde Adams, die ein Kind möglicherweise mit sich bringen könnte, sagt er nichts. Tatsächlich habe ich in den von mir untersuchten Texten – einschließlich jener, die von Augustinus in „Contra Iulianum Pelagianum“ zitiert oder erwähnt werden – keinen Hinweis darauf gefunden, dass Chrysostomos die Vorstellung von einer Weitergabe der „Erstsünde“ durch den Akt der Fortpflanzung gekannt hätte.“ [13]

8.2 Der antiochenisch-orthodoxe Priester Stephen de Young, Doktor in Biblischen Studien, teilt diese Ansicht und führt diesen Irrtum ebenfalls auf ein falsches Verständnis der Erbsünde zurück.

Vater Stephen erklärt, dass man, wenn man in der Orthodoxie auf Aussagen stößt wie „Kinder müssen getauft werden, damit sie von der Erbsünde gereinigt werden“, zunächst definieren muss, was mit Erbsünde überhaupt gemeint ist.

In der Orthodoxie glauben wir nämlich nicht, dass die Erbsünde bedeutet, dass Kinder die Schuld ihrer Eltern erben und deshalb von dieser Schuld reingewaschen werden müssen. Vielmehr glauben wir, dass alle Menschen unter den Konsequenzen der Ursünde leiden.

Dazu gehören Folgen wie Krankheit, die Neigung zur Sünde und vor allem der Tod. Aus diesem Grund betont Vater Stephen, dass die Aussage „Kinder müssen getauft werden, damit sie von der Erbsünde gereinigt werden“ nicht gleichzusetzen ist mit der Aussage: „Alle ungetauften Kinder gehen in die Hölle.“ [14]

9. Die ungetauften Kinder in der Tradition der Orthodoxen Kirche

9.1 Auch findet man in der Heiligen Tradition der Kirche eindeutige Hinweise auf das Schicksal von ungetauften Kindern.

In der liturgischen Praxis der orthodoxen Kirche findet sich eine klare Aussage darüber, was mit ungetauften Kindern nach ihrem Entschlafen geschieht.

Diese Aussage stimmt mit den Lehren der zuvor genannten Autoren überein. Folgendes steht im offiziellen Synaxarion zum Samstag der Fleischentsagung: „Wir sollen auch wissen, dass getaufte Kinder, wenn sie sterben, die Wonne des Paradieses genießen; diejenigen aber, die nicht durch die Taufe erleuchtet wurden, sowie die aus heidnischen Eltern Geborenen gelangen weder ins Paradies noch in die Gehenna.“ [15]

9.2 Ebenfalls wird in der Ikonenmalerei das Schicksal von ungetauften Kindern behandelt. Auf der Ikone „Abrahams Schoß“ ist zu sehen wie zusammen mit den drei Vorvätern – Abraham (in der Mitte), Isaak und Jakob – die Seelen der Gerechten und die durch die heilige Taufe nicht erleuchteten Säuglinge durch Engel in die Nähe Gottes getragen werden, in Abrahams Schoß (Lk 16,22); feurige Gestalten schweben über ihnen, Cherubim und blaue Seraphim. [16]

Himmel oder Hölle? фото 1
Ikone „Abrahams Schoß“ 


10. Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen:

10.1 In der orthodoxen Kirche gibt es einen klaren Konsens über das Schicksal entschlafener ungetaufter Kinder gibt. Die Kinder sind uns ein Vorbild in ihrer Einfachheit, ihrem Glauben und ihrer Reinheit. Deshalb sollen auch wir wie die Kinder werden, wenn wir das Himmelreich betreten wollen.

10.2 Wir glauben nicht an die Kindertaufe, weil wir meinen, Kinder müssten von einer geerbten Schuld reingewaschen werden. Vielmehr taufen wir Kinder, damit sie Glieder Christi und eine Wohnstätte des Heiligen Geistes werden (vgl. Mt 28,19).

10.3 Die Heiligen sind sich einig: Ungetaufte Kinder werden errettet – sei es unmittelbar nach ihrem Entschlafen oder erst, nachdem sie bis zum zweiten Kommen Christi in einem neutralen Zustand verweilt haben. Denn wir glauben an einen liebenden, barmherzigen und gerechten Gott, der niemals jemanden für etwas verurteilen wird, was dieser nicht getan hat. Um es mit den Worten von Vater Panayiotis auszudrücken:

„Gott ist gerecht und würde niemals jemanden für die Sünde eines anderen verurteilen. Wenn menschliche Richter, die sündig und unvollkommen sind, so etwas niemals tun würden, wie könnte es dann Gott tun, der die höchste Quelle aller Gerechtigkeit ist?“ [13]

Quellen

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-luki/glava-18/stih-16/kirill-aleksandrijskij-svatitel/

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-luki/glava-18/stih-16/feofilakt-bolgarskij-blazennyj/

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-matfea/glava-18/stih-3/evfimij-zigaben/

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-matfea/glava-18/stih-3/georgij-zatvornik-zadonskij/

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-matfea/glava-18/stih-3/ioann-sanhajskij-svatitel/

https://ekzeget.ru/bible/evangelie-ot-matfea/glava-18/stih-3/iustin-popovic-prepodobnyj/

https://dn760008.eu.archive.org/0/items/syrarch334903/St.%20Ephrem%20the%20Syrian%20-%20Hymns%20on%20Paradise%20(Sebastian%20Brock).pdf

https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-1377/versions/teppiche-bkv/divisions/502

https://store-71zyqf6.mybigcommerce.com/content/Who-Should-We-Listen-to-by-Priestmonk-Kosmas-2nd-printingWEB.pdf

https://www.crivoice.org/creeddositheus.html
Deutscher Text unter: https://www.deutsch-orthodox.de/wp-content/uploads/Das-Bekenntnis-des-Patriarchen-Dositheus-von-1672.pdf

https://www.crivoice.org/creedcyril.html

https://www.newadvent.org/fathers/310240.htm

https://www.dropbox.com/scl/fi/iv9jyfwpwsq9h4vh4z303/Do-babies-go-to-hell-if-the-die-before-baptism.pdf?rlkey=8ivpn4dvj3wej9wg9p5sfpsym&e=1&dl=0

https://youtu.be/0n0_HZ9uDzY

https://www.johnsanidopoulos.com/2011/02/saturday-before-meatfare-saturday-of.html

https://iconsofsaints.com/products/icon-the-bosom-of-abraham

 

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