Priester Konstantin Anikin: „Wir sollten lernen, einander zu vergeben“
Vergebung als tägliche Aufgabe – Predigt in der Berliner Gemeinde des Heiligen Isidor.
Priester Konstantin Anikin hat in seiner Predigt am 16. August 2026 in der Berliner Gemeinde des Heiligen Isidor der Russisch-Orthodoxen Kirche die Evangeliumslesung nach Matthäus 18,23–35 ausgelegt. Im Mittelpunkt stand das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht, dem eine große Schuld erlassen wird, der seinerseits aber einem Mitknecht eine vergleichsweise geringe Schuld nicht vergeben will. Der Geistliche hob besonders hervor, dass Christen sich der eigenen Schuld vor Gott und der ihnen täglich geschenkten Vergebung bewusst werden und deshalb auch anderen vergeben sollen. Die Gemeinde veröffentlichte das Video der Predigt auf ihrem YouTube-Kanal.
Das im Evangelium geschilderte Geld steht nach den Worten des Priesters sinngemäß für die Sünden des Menschen. Jeder Mensch sei Schuldner vor Gott, wobei ihm täglich zahlreiche Sünden vergeben würden, die er oft nicht einmal wahrnehme. Auch scheinbar kleine Verfehlungen könnten das eigene Leben und die Gemeinschaft zerstören. Dazu zählten unter anderem das Urteilen über andere oder eine Vergebung, die zwar verstandesmäßig ausgesprochen werde, aber nicht aus dem Herzen komme.
Vergebung stehe deshalb im Zentrum der christlichen Botschaft. Priester Konstantin Anikin verwies auf die Erfahrung der Beichte: Wenn ein Mensch seine Sünden aufrichtig bekenne, sie bereue und sich um Veränderung bemühe, könne eine wirkliche Wandlung des Herzens und des Lebens eintreten. Zugleich erinnerte er an das Jüngste Gericht. Wer anderen grundsätzlich nicht vergebe, müsse sich bewusst sein, dass die eigene Schuld vor Gott offenbar werde. Vergebung sei daher keine Einschüchterung, sondern eine notwendige Aufgabe auf dem Weg zum Himmelreich.
Das Vergeben bezeichnete der Priester als eine der schwierigsten Aufgaben des Christentums. Es falle Menschen unabhängig von ihrem geistlichen Amt schwer – vom einfachen Gläubigen bis zu Priestern und Bischöfen. Der Vergebungssonntag dürfe dabei nicht als einziger Zeitpunkt verstanden werden, an dem Christen einander vergeben: Vergebung müsse den Alltag prägen. Gerade scheinbar belanglose Verletzungen und Konflikte sollten nicht beiseitegeschoben werden. Die Gemeinde könne dabei helfen, im gemeinsamen Leben Vergebung auch in kleinen Dingen einzuüben.
Priester Konstantin Anikin verband die Bereitschaft zur Vergebung schließlich mit einer Veränderung der eigenen Wahrnehmung. Wer anderen vergebe, könne die Welt mit einem anderen, gleichsam kindlicheren und reineren Herzen sehen. Die Gemeinschaft der Gläubigen biete Gelegenheit, eigene Fehler zu erkennen und anderen zu vergeben. „Wir sollten lernen, einander zu vergeben“, fasste der Priester die zentrale Aufforderung des Evangeliums zusammen.
Die UOJ berichtete zuvor, dass Priester Matthias Fröse über die Bedeutung der göttlichen Barmherzigkeit für den Umgang mit anderen Menschen predigte.