Sehnsucht aus Hunger nach der Ewigkeit
Ein dumpfes Ersticken inmitten von Sicherheit und Überfluss war der Schrei eines Herzens, das für die Unendlichkeit geschaffen ist.
Der Apfel lag im Korb eines rund um die Uhr geöffneten Supermarkts – glänzend, makellos, rot, ohne ein einziges Fleckchen. Wir nahmen ihn in die Hand, wogen ihn und legten ihn zurück. Er roch nach nichts, also war er ein Treibhausapfel. Das war in jenen Jahren, als das Wort „Front“ für uns noch nichts anderes bedeutete als Erzählungen aus dem Geschichtslehrbuch.
Vor dem Fenster lärmte eine wohlhabende Stadt; die Häuser hatten funktionierende Heizungen, und in den Regalen der Läden lag alles im Überfluss. Doch irgendwo tief in uns schmerzte etwas hartnäckig, wofür wir keinen Namen fanden.
Wir beklagten uns damals über langsames Internet, über das enge Hotelzimmer, über die versalzene Suppe im Café. Man machte uns deswegen Vorwürfe – angeblich seien wir verwöhnt. Der Psychiater Viktor Frankl beschrieb einen Zustand, der den Menschen befällt, wenn die Arbeitswoche zu Ende ist und die Geschäftigkeit wiederkehrt. Die spezifische Angst und Bedrückung, die den Menschen an den Wochenenden überkommt, nannte er die Sonntagsneurose. Vermutlich war es genau dieses Gefühl, das wir inmitten des Überflusses empfanden. Der Leib war satt, die Seele aber sehnte sich.
Salomo erbaute das Paradies – und erstickte darin
Um diesen zwiespältigen Zustand wusste man bereits in alttestamentlicher Zeit. Salomo, glaubt man dem Buch Kohelet, errichtete die wohlhabendste Gesellschaft seiner Zeit. In seinem Staat gab es reiche Häuser, Weinberge, Gärten, Diener, Gold, Musik. Was immer seine Augen begehrten, versagte er ihnen nicht, wie er auch seinem Herzen keinerlei Genuss verweigerte. Und dann blickte er plötzlich zurück auf die geschaffene Pracht – und hinterließ Worte, die für Jahrtausende zum Leitmotiv des menschlichen Daseins wurden: „Alles ist Windhauch und ein Haschen nach Wind.“
Der selige Augustinus, gleichfalls auf sein eigenes Leben voller Suchen und Umherirren zurückblickend, versicherte: Das Herz des Menschen „findet keine Ruhe, bis es ruht in Gott“.
Dieses Herz, von dem der Heilige spricht, besitzt keine Physiologie. Es ist für die Ewigkeit geschaffen, und darum können weder ein Fünf-Sterne-Hotel noch ein importierter Apfel noch eine ideale Gesellschaft es zufriedenstellen.
So war unser damaliges Murren möglicherweise gar nicht der Ruf der Völlerei, sondern der intuitive Schrei einer lebendigen Seele, die ein ums andere Mal an die Decke dieser satten, wohlgeordneten Welt stieß und fühlte: Hier ist nicht ihre Heimat. Hier ist nur eine vorübergehende Herberge.
Gott ist kein rachsüchtiger Buchhalter
Jetzt aber vermischt sich das Heulen der Sirene auf der Straße mit dem Lärm der Generatoren und schafft ringsum eine traurige Atmosphäre des Krieges. Donnerschläge mischen sich mit den Explosionen der unablässigen Beschießung der Städte. Und in dieser Unruhe entsteht bei vielen der berechtigte Gedanke: „Wir sind selbst schuld an dem, was wir heute haben. Wir haben die Güter des friedlichen Lebens nicht geschätzt – warmes Wasser, Licht ohne Unterbrechung, einen klaren Himmel ohne Raketen und Drohnen. Da hat Gott uns eben bestraft.“
So zu denken, ist ziemlich gefährlich und falsch. Gott ist kein rachsüchtiger Buchhalter, der uns zwingt, die Rechnungen zu bezahlen. Die Zerstörung des satten Paradieses ist keine Vergeltung für unser Klagen.
Der Krieg ist ein absolutes Übel, das keine Rechtfertigung hat. Jeder, der versucht, den Krieg in die Pädagogik der göttlichen Vorsehung einzufügen, sagt über Gott die Unwahrheit.
Doch was ist dann geschehen? Wir haben diesen Verlust nicht verdient – wir sind einfach nur unserer früheren Betäubung beraubt worden. Die Vorkriegswelt dämpfte den Schmerz des Nichtseins mit Komfort, Geschwindigkeit, mit der Verfügbarkeit von allem. Sie heilte die Sehnsucht nicht – sie betäubte sie nur. Jetzt ist das Betäubungsmittel zu Ende, und ewige Wahrheiten liegen bloß: das Gefühl, dass das Leben zerbrechlich ist, die Zeit nicht endlos, und neben uns – lebendige Menschen, mit ihren Nöten, Ängsten und Schwachheiten.
Zwei Haken unter der Frage „Wie geht's dir?“
Als die Illusion des irdischen Paradieses verbrannt war, kehrte das Begreifen des Ausmaßes unserer Tragödie zurück. Abgestandenes Wasser aus einer zerdrückten Plastikflasche im stickigen Luftschutzraum erscheint uns heute als Rettung, während wir es früher angewidert in den Ausguss geschüttet hätten. Wir trinken dieses Wasser und spüren einen Geschmack des Lebens, den wir jahrelang nicht wahrgenommen hatten.
Und dann – dieser magische Effekt von zwei farbigen Haken unter der nächtlichen Nachricht „Wie geht's dir?“ als Bestätigung, dass unsere Nachricht angekommen ist, dass der Mensch lebt, atmet, noch antworten kann.
Wir schauen auf dieses Zeichen und spüren einen hormonellen Ausstoß von Dankbarkeit, wie wir ihn in Friedenszeiten nicht kannten. Diese Dankbarkeit für das Leben wird wichtiger als jede Prämie, jede berufliche oder dienstliche Beförderung, jeder Kauf, von dem wir einst träumten, als wir die Schaufenster betrachteten.
Wir wissen nicht, ob wir diesen gnadenvollen Zustand bewahren können, wenn die Ruhe wieder in unsere Häuser zurückkehrt. Wir wissen nur, dass uns in irgendeiner unruhigen Nacht jemand schreiben wird: „Wie geht's dir?“, und wir werden, nachdem wir geantwortet haben, mit Ungeduld darauf warten, dass unter unserer Nachricht zwei farbige Haken erscheinen.