Die Unreinheit des doppelten Bodens

Das Gebot der Reinheit. Foto: UOJ Das Gebot der Reinheit. Foto: UOJ

„Selig sind, die reinen Herzens sind“ – dies ist ein Gebot der Aufrichtigkeit, das seelische Wunden nicht vor Gott verbirgt.

Wenn der Chor in der Liturgie den Cherubshymnus singt, sind die Gedanken in diesem Augenblick ganz und gar nicht auf das Himmlische gerichtet. Wir versuchen, eine andächtige Maske auf unser Gesicht zu ziehen, doch innerlich hört das Dröhnen einer scharfen Unruhe nicht auf. Und in diesem Augenblick überkommt uns die Scham darüber, dass wir schlecht beten. Doch das ist nicht Faulheit oder Kleinglaube, wie wir uns gewöhnlich beschuldigen. Es ist ein Anzeichen dafür, dass wir falsch verstehen, was seelische Reinheit bedeutet.

Ursprüngliche Reinheit

Im Gebot „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ steht das griechische Wort katharos. Unter Reinheit stellen wir uns gewöhnlich etwas Steriles vor, eine reine Seele wie einen gewaschenen und desinfizierten Raum im Krankenhaus. In der Sprache des Evangeliums aber klingt dieses Wort ganz anders.

Die Eigenschaft katharos schrieb man Korn zu, das von der Spreu gereinigt war, Wein und Milch, die nicht mit Wasser verdünnt waren, Metall ohne fremde Beimischung (etwa Gold, in dem kein Schlacke ist). Mit demselben Wort bezeichnete man übrigens auch ein Heer, das von Feiglingen und Verrätern gesäubert war.

So ist auch ein reines Herz kein Herz ohne Sünde, sondern ein Herz ohne doppelten Boden.

An dieser Stelle lohnt es innezuhalten und ehrlich einzugestehen: Viele von uns empfinden unter der Last der Umstände jetzt Zorn, Erstarrung, Müdigkeit – das ist der Inhalt unseres Herzens. Doch das Übel verbirgt sich nicht darin. Das Übel liegt in dem Versuch, diesen Inhalt hinter einer anständigen Fassade zu verstecken und die Verwirrung als Friedfertigkeit auszugeben.

Christus verurteilte nicht die Sünder

Liest man sich ins Evangelium ein, so zeigt sich eine unerwartete Tatsache: Christus tadelte fast nie diejenigen, die hinter sich selbst seelische Unreinheit erblickten. Er tadelte jene, die diesen Schmutz vor den Mitmenschen sorgsam verbargen.

„Ihr reinigt das Äußere von Becher und Schüssel, indessen sie inwendig voll sind von Raub und Unrecht“, spricht Er zu den Schriftgelehrten und Pharisäern. Und dann bietet Er ein noch härteres Bild an: „Ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen schön scheinen, inwendig aber voll sind von Totengebeinen und aller Unreinheit.“

Von außen – eine ansehnliche Tünche, innen dagegen – unablässige Verwesung.

Ein ernüchternder Gedanke für alle, die sorgsam einen schicklichen Ausdruck auf dem Gesicht festhalten, ohne sich auch nur eine Sekunde lang einzugestehen: mir geht es schlecht, ich bin müde, ich bin zornig, ich handle falsch. Der von außen gesäuberte Becher erscheint den Menschen als rein. Doch Der, an Den wir uns unablässig mit Gebeten wenden, sieht seinen Inhalt und wartet auf unsere Besserung.

Doppelherzigkeit – das ist der wahre Schmutz

Der dänische Denker Søren Kierkegaard schrieb ein Buch mit dem Titel „Reinheit des Herzens ist, Eines zu wollen“. Ausgehend von den Worten des Apostels Jakobus: „Reinigt die Herzen, ihr Doppelherzigen“, zeigt er: Unreinheit ist Gespaltenheit, der Versuch, gleichzeitig Gott und einem bequemen Bild seiner selbst zu dienen.

Wir wollen gläubig sein und wir wollen, dass man uns für unerschütterlich hält. Wir wollen uns Gott anvertrauen und wollen zugleich jedes Detail des morgigen Tages kontrollieren.

Das ist ebendiese Doppelherzigkeit – keine hitzige Revolte gegen den Glauben, sondern der höfliche Versuch, gleichzeitig auf zwei Stühlen zu sitzen.

Ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten

Es gibt einen Text, der diesen Widerspruch am treffendsten auflöst, und er erklingt jedes Mal im innersten Kern der Liturgie – im Eucharistischen Kanon. Es sind die Zeilen des 50. Psalms.

Geschrieben hat sie König David nach der Tötung des treuen Kriegers Urija und nach dem Ehebruch mit dessen Frau – nachdem er eine Todsünde nach der anderen begangen hatte. Und in diesem Zustand, ohne jedes Recht auf Selbstrechtfertigung, bittet er: „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Gott.“ Und einige Zeilen weiter unten erklärt er, woraus dieses reine Herz sich zusammensetzen wird: „Das Opfer für Gott ist ein zerschlagener Geist; ein zerschlagenes und gedemütigtes Herz wird Gott nicht verachten.“

Ein zerschlagenes Herz – das heißt zerbrochen und zertrümmert. Es wird vom reuigen Menschen Gott so dargebracht, wie es ist, das heißt im gespaltenen Zustand.

Ein „ideales“ Herz kann nicht zerbrochen sein: Es ist schön, aber leer. David aber bringt Gott seinen Bruch, seine Wunde dar, und sie wird als höchstes, als das einzig von Gott ersehnte Opfer angenommen.

Natürlich darf man seine Erbitterung auf die Nächsten nicht mit Reden von „Ehrlichkeit vor Gott“ bemänteln. Die Rede ist hier von etwas anderem – von dem, was in uns vorgeht, ehe wir noch irgendetwas sagen oder tun.

Der ehrwürdige Makarios der Große schrieb vom Herzen als einem Feld, auf dem es Abgründe und wilde Tiere gibt. Doch gerade dorthin kommt Christus, und ebenda steht Sein Thron. Er kommt dorthin, wo jetzt Angst, Zorn und Erstarrung herrschen, und nicht in eine ideale Welt.

Beim Erforschen der Seligpreisungen gilt es einzugestehen, dass unsere Herzen alles andere als rein sind. Sie sind voller Ruß und Risse. Sie gleichen einem gespaltenen Kelch, dargebracht Dem, Der ihn nicht nur zu halten, sondern auch in seiner ursprünglichen Gestalt wieder zusammenzufügen vermag.

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