Vater Mladen Janjić: „Unsere Hoffnung ist nicht etwas – unsere Hoffnung ist Jemand“
UOJ-Interview mit Vater Mladen Janjić über wachsende orthodoxe Gemeinden, Migration und die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland.
Der serbisch-orthodoxe Vater Mladen Janjić ist der Vorsteher der Gemeinde zur Erhöhung des ehrwürdigen und lebenspendenden Kreuzes des Herrn in Köln-Porz, die zur Serbisch-Orthodoxen Diözese von Düsseldorf und Deutschland gehört. Seit vielen Jahren ist er mit dem Leben der serbisch-orthodoxen Gemeinde in Köln verbunden.
Neben seinem pastoralen Dienst engagiert er sich auch in der religiösen Bildung orthodoxer Kinder in Köln und begleitet Familien, die ihren Glauben und ihre Identität in der deutschen Gesellschaft bewahren möchten.
Im Interview mit UOJ spricht Vater Mladen über die Entwicklung der Orthodoxie in Deutschland, die geistlichen Fragen moderner Menschen, die Rolle der Kirche für Migranten und die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen orthodoxen Gemeinden.
Christus ist auferstanden! Nun ist Ostern gekommen. Wie haben Sie Ostern in diesem Jahr erlebt? Was ist Ihnen besonders aufgefallen – vielleicht bei der Zahl der Menschen oder bei ihrer Stimmung in Ihrer Gemeinde?
Christus ist wahrhaftig auferstanden!
In diesem Jahr habe ich Ostern als eine echte Freude der Gemeinschaft und des lebendigen Glaubens erlebt. Besonders hat mich gefreut, dass eine große Zahl von Gläubigen aktiv an allen Gottesdiensten in diesen heiligen Tagen teilgenommen hat.
Es ging nicht nur um die Anzahl der Menschen, sondern vor allem um ihre innere Haltung, ihren Wunsch nach Gemeinschaft und ihr aufrichtiges Gebet.
Man konnte spüren, dass die Gläubigen mit offenem Herzen gekommen sind, mit dem Wunsch, gemeinsam die Auferstehung Christi zu feiern. Gerade durch diese Gemeinschaft, durch das gemeinsame Gebet und die untereinander geteilte Liebe entstand eine echte paschale Atmosphäre in unserer Gemeinde.
Diese Freude blieb nicht nur in der Kirche – ich bin der festen Überezugung, dass sie sich auch in die Häuser, in die Familien und in die Beziehungen der Menschen übertragen hat. Das ist für mich die schönste Frucht dieses Osterfestes.
Wie schätzen Sie als Priester der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland die Zahl der orthodoxen Christen hier ein, besonders der Serben? Wächst die Gemeinde, kommen neue Menschen dazu?
Nach der Erfahrung von uns Geistlichen stellen wir in unseren Gesprächen und Begegnungen fest, dass die Zahl der Gläubigen, die in die Kirche kommen, stetig wächst. Es scheint, dass in den letzten Jahren auch viele Fachkräfte nach Deutschland gekommen sind, was sich auch im Leben unserer Gemeinden widerspiegelt.
In unserer Gemeinde in Köln sehen wir, dass viele Menschen kommen und weitergehen. Die Einen sind nur vorübergehend hier – sei es saisonal oder für bestimmte Projekte – und danach ziehen sie weiter. Außerdem gibt es viele medizinische Fachkräfte, deren Familien nach einer Zeit der Trennung ebenfalls nach Deutschland nachgekommen sind.
Sie alle bemühen sich ihren Platz zu finden und die Kirche hilft ihnen dabei sich nicht nur in unsere kirchliche Gemeinschaft einzufügen, sondern sich auch in die Gesellschaft zu integrieren. Insgesamt können wir sagen, dass sich unsere Gemeinschaft in einer progressiven Dynamik entwickelt.
Was beeinflusst Ihrer Meinung nach heute besonders die Entwicklung der Orthodoxie in Deutschland? Welche Prozesse, Menschen oder Ereignisse spielen dabei die wichtigste Rolle?
Meiner Meinung nach wird die Entwicklung der Orthodoxie in Deutschland heute vor allem dadurch geprägt, dass sie immer mehr ihren Platz in dieser Gesellschaft findet – nicht als Alternative, sondern als Lebensstil und Lebensweise. Es freut uns, dass in diesem wunderbaren Land immer mehr orthodoxe Gläubige leben, die nicht nur in der Kirche, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens präsent sind.
Je mehr wir werden, desto mehr verschwinden auch unsere Zurückhaltung und die Unsicherheit, die früher bestand, weil wir weniger bekannt waren. Heute sehen wir jedoch, dass wir als Orthodoxe durch das Gute, das wir in uns tragen, wahrgenommen werden. Ich glaube, dass auch die Gesellschaft selbst durch die Präsenz orthodoxer Christen bereichert wird.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Schönheit des orthodoxen Gottesdienstes, die Aufmerksamkeit erregt und selbst die Herzen derjenigen berührt, die aus Neugier kommen, um eine orthodoxe Kirche von innen zu sehen und die Liturgie zu erleben. Viele kommen nur, um zu sehen – aber sie bleiben nicht unberührt von der Liebe Christi, und bleiben dann.
Heute ist es zum Beispiel möglich, die Göttliche Liturgie jeden Samstag auf Deutsch in einer der orthodoxen Kirchen in Köln zu hören, aber auch in vielen anderen Städten. Das bringt die Orthodoxie einem breiteren Kreis von Menschen näher.
Das Wichtigste ist jedoch, dass wir in diesem Prozess, in dem viele Gottsuchende die Schönheit der Orthodoxie entdecken, eine authentische Kirche des auferstandenen und immer freudigen Jesus Christus bleiben.
Wie sehen Sie die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland? Werden es vor allem einzelne Diasporagemeinden bleiben, oder werden orthodoxe Christen verschiedener Nationalitäten künftig stärker zusammenarbeiten, gemeinsam große Feste feiern und einander unterstützen?
Ich sehe absolut eine schöne Zukunft für die Orthodoxie in Deutschland. Aus persönlicher Erfahrung, auf der Ebene der Stadt Köln, kann ich bezeugen, dass orthodoxe Christen verschiedener Nationalitäten bereits heute zusammenarbeiten – wir kennen uns, beten gemeinsam, tauschen Erfahrungen aus und unterstützen uns gegenseitig.
Ich glaube, dass sich diese Zusammenarbeit in Zukunft noch vertiefen wird, weil die Gläubigen es selbst wünschen.
Obwohl es viele orthodoxe Gemeinden gibt – was zugleich die Schönheit der Orthodoxie und der Reichtum der Stadt ist, in der wir leben – wächst das Bewusstsein der Einheit im Glauben immer mehr. Das führt uns ganz natürlich zu größerer Einheit, zu gemeinsamen Festen und gegenseitiger Unterstützung.
Ich glaube fest an die Liebe der Orthodoxen untereinander, und genau diese Liebe ist das Fundament, auf welchem die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland aufgebaut wird.
Viele Menschen in Deutschland hören heute zum ersten Mal von der Orthodoxen Kirche. Wie würden Sie den Deutschen einfach erklären, was die Orthodoxe Kirche ist und warum sie für den modernen Menschen wichtig sein kann?
Es ist an der Zeit, das Wissen über die Orthodoxie unter den Menschen in Deutschland zu vertiefen. Viele von ihnen hatten ihre ersten Begegnungen mit der Orthodoxie während ihrer Urlaube, wo sie bereits Unterschiede wahrgenommen haben.
Die Orthodoxe Kirche bietet vor allem die Freude der Begegnung mit dem auferstandenen Christus – eine Begegnung, die das Leben leichter, sinnvoller und schöner macht.
Auch wenn manche denken, die Orthodoxie sei altmodisch und nicht mehr zeitgemäß, glaube ich, dass sie zugleich zeitlos und aktuell ist. Denn es steht geschrieben: Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.
Es ist notwendig, Vertrauen zu Christus aufzubauen und die Orthodoxie bietet genau diese Möglichkeit durch eine lebendige persönliche geistliche Erfahrung. Deshalb ist die Orthodoxe Kirche vor allem eine Kirche der Freude – der Freude am Leben in Christus, die auch der moderne Mensch braucht.
Warum treten Ihrer Meinung nach manche Deutsche heute zur Orthodoxie über? Was suchen sie, und was finden sie weder im Atheismus noch in anderen christlichen Konfessionen?
In die Orthodoxie tritt man nicht aus äußeren oder eigennützigen Gründen ein, sondern allein aus Liebe zu Christus. Das Leben mit Christus in der Orthodoxie ist ein Leben der offenen und lebendigen Liebe.
Heute erkennen immer mehr Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen in der Orthodoxie den Glauben der Apostel – den Glauben einfacher Menschen, die ehrlich nach Gott gesucht haben und in der orthodoxen Kirche die innigste Beziehung zu Ihm gefunden haben.
Was sie suchen, ist lebendiger Glaube, Tiefe, Authentizität und die Erfahrung Gottes, die sie im Atheismus nicht finden können. Auch andere christliche Konfessionen bieten gelebten Glauben, jedoch kann unter bestimmten Umständen die Spiritualität in der heiligen Mystik der Liturgie und der liturgischen Kommunion mit dem Leib und dem Blut Jesu Christi eine noch tiefere Verbindung und Bewunderung Gottes nach sich ziehen. Das Eins werden mit Jesus Christus durch die Heiligen Gaben ist eine gelebte und nahbare Begegnung mit dem Messias, die eine immer mehr wachsende Anzahl an Gläubigen fasziniert und in der Orthodoxie maßgeblich vorgelebt wird.
Eine Frage zur Jugend: Wie kann man junge Menschen heute für die Kirche gewinnen? Sollte man dafür moderne Plattformen wie soziale Netzwerke, YouTube, TikTok und andere nutzen? Oder ist etwas anderes wichtiger?
Ich glaube, dass junge Menschen heute am besten durch Authentizität gewonnen werden. Leider gibt es immer weniger echte Persönlichkeiten und immer mehr Kopien – sogar Kopien von Kopien. Deshalb brauchen wir echte Autoritäten: Autoritäten in Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit – Menschen, die ehrlich lieben und Gutes um des Guten willen tun.
Wir müssen nicht alle gleich sein oder traurig darüber, dass Gott uns nicht die gleichen Talente gegeben hat. Vielmehr sollten wir Gott fragen und suchen, womit er uns beschenkt hat, und damit unseren Platz in der Gesellschaft und in der Kirche finden.
Soziale Medien können hilfreich sein, aber sie sind nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist das lebendige Beispiel. Die Liturgie ist das Zentrum – dort geschieht die Begegnung zwischen Gott und Mensch.
Ich glaube an die jungen Menschen. Ich weiß, dass es für sie nicht leicht ist, weil ihnen alles und gleichzeitig nichts angeboten wird. Aber wenn sie Gott in ihrem Herzen suchen, wird Er bei ihnen sein.
Vor welchen modernen Herausforderungen steht die Orthodoxe Kirche heute in Deutschland?
Ich bin der Meinung, dass alle Herausforderungen der heutigen Gesellschaft auch die Kirche betreffen, denn die Kirche lebt in dieser realen Welt. Sie besteht aus Menschen und diese sind Teil der Gesellschaft.
Wir sehen Entfremdung, Egoismus, Oberflächlichkeit und mangelnde Tiefe in Beziehungen. Der Mensch ist täglich tausenden Botschaften ausgesetzt, die nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern auch sein Herz und Seele gewinnen wollen.
Deshalb brauchen wir geistliche Wachsamkeit und Unterscheidung, denn nicht alles, was glänzt, ist Gold.
Welche Wünsche möchten Sie zum Schluss dieses Interviews unseren Lesern und Abonnenten mit auf den Weg geben?
Christus ist auferstanden – nicht als Idee, nicht als Symbol, sondern als Wirklichkeit!
Wir leben in einer Zeit voller Möglichkeiten, Wissen und Aktivität. Und dennoch erleben viele Menschen Unruhe, Druck und Leere. Wir haben viel – aber oft wenig inneren Halt. Viele leben nach Ostern weiter wie zuvor – mit denselben Sorgen und Gewohnheiten, vielleicht mit etwas Glauben, aber ohne echte Veränderung. Aber das ist nicht Ostern. Ostern ist kein Zusatz – es ist ein neuer Anfang.
Unsere Hoffnung ist nicht, dass alles leichter wird, sondern dass Christus lebt. Unsere Hoffnung ist nicht etwas – unsere Hoffnung ist Jemand. Das bedeutet: Dein Leben ist nicht sinnlos. Deine Vergangenheit ist nicht endgültig. Deine Zukunft ist offen.
Wie lebt man das konkret? Im Alltag: vergeben, ehrlich sein, Geduld haben, lieben, beten. Fragen wir uns: Leben wir wirklich mit Christus – oder nur neben ihm? Die Osterbotschaft ist etwas, dass wir leben können – gestern, heute und morgen. Denn die Botschaft bleibt: Christus ist auferstanden. Und weil das wahr ist, ist alles möglich. Möge die Freude der Auferstehung mit uns allen sein und uns durch das Leben führen.