Orthobros: Unbegleitete Männer

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Orthobros: Unbegleitete Männer

Der Zulauf junger, glaubenseifriger Männer als Herausforderung für die Kirche

„Warum die orthodoxe Kirche junge amerikanische Männer verführt“ – so titelte ein Artikel des französischen Journalisten Marc Bonomelli. Im Gespräch mit der amerikanischen Religionswissenschaftlerin Sarah Riccardi-Swartz beschäftigt sich Bonomelli mit einem aus seiner Sicht beunruhigenden Phänomen in den Vereinigten Staaten: einem Phänomen, das – so seine Prognose – bald auch über den Atlantik nach Europa überschwappen könnte.

Die Rede ist von den sogenannten „Orthobros“ (Kurzform für „Orthodox brothers“). Dieser Begriff, der seit einigen Jahren in der orthodoxen Kirche kursiert, beschäftigt mittlerweile auch säkulare Medien, Sozial- und Kulturwissenschaftler vor allem in den Vereinigten Staaten. Er bezeichnet ein Phänomen, das zunehmend auch in Europa und anderen Ländern der sogenannten westlichen Welt zu beobachten ist.

Es sind überwiegend junge Männer, die – meist über das Internet – mit der Orthodoxie in Berührung kommen und etwas durchmachen, das von Kritikern inner- und außerhalb der Kirche als eine Mischung aus religiöser Konversion und ideologischer "Radikalisierung" wahrgenommen wird. Dies äußere sich vor allem in übersteigerten Männlichkeitsidealen, extremen Anschauungen und in einem unfreundlichen Umgang mit anderen christlichen Konfessionen, Religionen oder gar orthodoxen Jurisdiktionen, die nicht als konservativ genug gelten.

Ausgetragen werden diese Diskussionen hauptsächlich im Internet, doch durch die zunehmende Zahl an Konversionen finden die besagten Themen auch ihren Weg in die Gemeinden. Nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb ist deshalb bereits vielfach von einer „Orthobro-Krise“ die Rede. Die Kirche, so das Narrativ, werde vom Zulauf junger, unbegleiteter Männer überwältigt, die durch ihr aggressives und chauvinistisches Auftreten das Angesicht der Orthodoxie in der Öffentlichkeit verändern würden. Aber ist das wirklich der Fall, oder handelt es sich nur um ein durch das Internet erzeugtes Zerrbild?

Eine Reihe von teils bereits im Jahr 2024 publizierten Artikeln der amerikanischen Presse nimmt an, dass die Zahl der Konversionen zu Orthodoxie in Amerika seit 2022 um 80% gegenüber dem Niveau vor der COVID 19-Pandemie zugenommen haben. Ein Großteil dieser Konvertiten – um die 60% – seien (vorwiegend junge) Männer. Das Pew Research Center geht davon aus, dass der männliche Anteil unter orthodoxen Christen zwischen 2007 und 2025 von 46% auf 64% angewachsen ist.

Auch wenn diese Zahlen nur als Annäherungswerte gelten können, erfassen sie doch eine sichtbare Realität: Die Orthodoxie – nicht nur in den USA – zieht in wachsendem Maße eine ganz bestimmte Sorte junger Männer meist um die 20 Jahre an, die in der Kirche etwas ganz Bestimmtes zu suchen scheinen, was sie anderswo nicht finden. Aber was?

Zwischen Sinnsuche und Ideologie

Sarah Riccardi-Swartz vergleicht diese Männer mit anderen Sinnsuchern, die von den etablierten religiösen Institutionen enttäuscht sind und sich deshalb verschiedenen „spirituellen“ Bewegungen anschließen. Anders als bei diesen Suchenden mündet ihr Weg jedoch nicht in einer individualistischen Spiritualität, sondern in der orthodoxen Kirche. Diese wird aufgrund ihres Alters und ihrer ungebrochenen Traditionen als ursprünglicher, authentischer wahrgenommen.

Es geht dabei aber um ein Unbehagen mit der modernen Welt, ihrer freizügigen und oberflächlichen Lebensweise, zu der das geistliche und asketische Leben der Orthodoxie eine verlockende Alternative bietet. Dieses Unbehagen scheint seit der COVID-Krise zwischen 2020 und 2022 noch zugenommen zu haben, denn seither ist die Zahl der Konversionen in den USA messbar gestiegen. Auch in Deutschland und Europa ist dieser Trend zu beobachten.

Die Kritik, die von den genannten Konvertiten an der Moderne geübt wird, betrifft nicht nur Fragen des geistlichen Lebens, sondern auch soziale und politische Themen: vor allem die Frage nach Charakter und Ideal der Geschlechter und den Umgang mit der liberalen Demokratie westlicher Prägung. Kritiker werfen der Orthobro-Bewegung vor, ein chauvinistisches und autoritäres Welt- und Menschenbild zu propagieren. Eine erzkonservative Auslegung der Orthodoxie diene dabei als religiöse Grundlage und Legitimation einer ideologischen Weltanschauung.

Eine solche Perspektive verkennt jedoch die tieferen Ursachen und Bedürfnisse, die Menschen in die Orthodoxie führen. Es ist nicht nur männliche Identitätssuche oder die Krise politischer und religiöser Institutionen, die viele junge Männer westlicher Prägung von der zeitgenössischen Kultur und Spiritualität entfremdet. Es ist vor allem der Hunger nach einer lebendigen Gottesbegegnung, der jedoch mangels pastoraler Begleitung allzu oft an Äußerlichkeiten hängen bleibt: an Rollenbildern, Ideologie, Ästhetik oder dogmatischem Rigorismus.

Das ist jedoch im Kern kein politisches oder ideologisches Problem, sondern ein Symptom mangelnder Reife und fehlender Verkirchlichung junger Menschen, die dazu führt, dass die Orthodoxie als eine Art virtuelle Subkultur aufgefasst wird.

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Das Internet-Klischee: „Orthobro – Online-Verteidiger der Orthodoxie“ (Foto: Twitter/X)

Orthodoxie als Internet-Subkultur

Das Phänomen ist vor allem, aber nicht ausschließlich, ein virtueller Trend. Dabei spielen orthodoxe Influencer in Sozialen Medien eine zentrale Rolle, die auf YouTube, Twitter, TikTok und anderen Plattformen teils tausende Follower um sich versammeln.

Diese Tendenz zur Subkulturalisierung der Orthodoxie ist durchaus problematisch. Zumal im virtuellen Raum viele Figuren, teils selbst Neubekehrte, quasi als Lehrer auftreten und andere darüber unterrichten, wie sie sich etwa in der Kirche zu verhalten haben, welche Jurisdiktionen akzeptabel seien oder warum man keinen Dialog mit anderen Konfessionen pflegen dürfe.

Dabei stellt sich eine Entkoppelung zwischen virtuellem und kirchlichem Leben ein, die sich im Begriff der Orthosphäre widerspiegelt: Orthosphäre meint den virtuellen, von Diskursen um die Orthodoxie geprägten Raum, der stark vom oben skizzierten Klischee der Orthobros gekennzeichnet ist.

Das Internet erweist sich so als Fluch und Segen: Es macht einerseits die Einheit der universalen Kirche sichtbar über regionale und nationale Grenzen hinweg, und gibt zugleich der Kirche vor Ort ein Gesicht. Darüber hinaus fungiert das Internet als virtuelles Verkehrsnetz, auf dem sich – ähnlich wie zur Zeit der Apostel im römischen Reich – die Verkündigung des Evangeliums mit nie dagewesener Leichtigkeit ausbreiten kann.

Andererseits birgt der virtuelle Raum auch die Gefahr einer Verselbständigung des geistlichen Lebens bzw. dessen, was dafür gehalten wird. Die Konversation auf Discord und anderen Netzwerken kann das lebendige Gemeindeleben nicht ersetzen, sie muss in ihm gegründet sein, um nicht am Ende faule Früchte hervorzubringen.

Männlichkeit und Identität

Ein Stein des Anstoßes ist die Kultivierung einer Form von Maskulinität, die auch nach Ansicht kirchlicher Würdenträger problematisch ist. „Wenn ihr hier seid, weil ihr denkt, hier einer gewissen kulturellen Männlichkeit frönen zu können, bitte, setzt euren Weg fort – geht woanders hin“, so Bischof Irenej von London. Was Bischof Irenej geißelt, ist vor allem die Suche nach einer „weltlichen Vision von Maskulinität“. Auch der Hierarch sieht das Problem im Umgang mit digitalen Medien:

„Wir leben in einer Kultur, in der zu viele Menschen, Leute in unserer Kirche eingeschlossen, sich an die Medien wenden […] und denken, dass was sie dort finden ein akkurater Widerhall der Lehre der Kirche sei. Das ist so gut wie nie der Fall. Meist […] ist es eine Verzerrung, eine Fehlcharakterisierung, ob absichtlich oder anderweitig, und es ist kein sicherer Ort, um ein Verständnis über die Lehre der Kirche zu gewinnen.“

Bischof Irenej (Steenbergh) von London 

Was Bischof Irenej beschreibt, ist kein Randphänomen. Die Sehnsucht nach einer verbindlichen männlichen Identität ist ein gesamtgesellschaftliches Symptom. In einer Kultur, die traditionelle Rollenbilder zunehmend in Frage stellt, ohne überzeugende Alternativen anzubieten, suchen viele junge Männer Orientierung – und finden sie bisweilen in Milieus, die klare, wenn auch oft vereinfachte Antworten versprechen.

Ein weiteres Symptom dieser Sehnsucht ist das Phänomen der sogenannten „Tradwives" – Frauen, die öffentlich für eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen eintreten und damit in sozialen Medien Millionen Follower erreichen. Was auf den ersten Blick wie eine religiöse oder kulturkonservative Bewegung wirkt, ist bei näherer Betrachtung oft weniger theologisch als ideologisch motiviert: Es geht um Kontrolle, Zugehörigkeit und Identität in einer verunsicherten Zeit. Gleichzeitig äußert sich in dieser Identitätssuche ein tieferes Bedürfnis nach Orientierung, das Viele letztlich in die Orthodoxie führt.

Diese Suche sollte ernst genommen werden, denn sie ist ein Ausdruck der inneren Not junger Menschen, die in der allgemeinen moralischen und institutionellen Krise nach Sicherheit und Orientierung suchen. Auch wenn dabei Äußerlichkeiten zunächst eine größere Rolle spielen als geistliche Fragen, ist das meistens kein Zeichen von Oberflächlichkeit oder Unaufrichtigkeit, sondern ein Fehlen von Reife und Unterscheidungsvermögen.

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Bischof Irenej (Steenbergh) von London, Russische Orthodoxe Kirche im Ausland (Foto: James Hyndman/Wikimedia Commons)

Orthobros und Donnersöhne: Eifer ohne Erkenntnis

Denn ich gebe ihnen Zeugnis, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht mit rechter Erkenntnis (Röm 10,2). Was Paulus über die Israeliten seiner Zeit schreibt, lässt sich mutatis mutandis auch auf das Phänomen der Orthobros übertragen. Der Eifer ist echt, aber fehlgeleitet, weil ihm die geistliche Orientierung fehlt.

Ein biblisches Urbild dieses ungezähmten Eifers sind die Zebedäus-Söhne Jakobus und Johannes, denen Jesus den Beinamen „Boanerges“, d.h. „Donnersöhne“ gibt (Mk 3,17). Es sind dieselben Jünger, die Jesus fragen, ob sie Feuer vom Himmel auf ein samaritanisches Dorf herabrufen dürfen, das ihn nicht aufgenommen hat (Lk 9,54). Auch ihr Eifer ist fehlgeleitet, und der Herr ermahnt sie mit harten Worten: Ihr wisst nicht, wessen Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Menschenseelen zugrunde zu richten, sondern zu erretten (Lk 9,55).

Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass Jesus die beiden Jünger nicht entlässt, sondern noch enger an sich bindet. Zusammen mit Petrus, einem weiteren Beispiel des Übereifers, werden Johannes und Jakobus Zeugen seiner Verklärung auf dem Tabor und seines Leidens im Ölgarten. Aus Petrus wird der Fürst des Apostelkollegiums. Aus den Donnersöhnen wird Johannes, der Evangelist der Liebe, und Jakobus, der erste Märtyrer unter den Aposteln. Ihr Eifer wird also nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Genau diese Transformation ist es, die den Orthobros und anderen jungen Menschen fehlt. Nicht weil der Wille nicht da wäre, sondern weil die pastorale Begleitung ausbleibt.

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Ikone der Synaxis der Zwölf Apostel (Foto: www.johnsanidopoulos.com)

Pastoral statt Pauschalurteile

Die „Orthobro-Krise“ erweist sich so bei näherem Hinschauen nicht als Krise, sondern als pastorale Herausforderung und Chance zugleich. Sie zeigt, dass die Kirche für viele junge Menschen eine Antwort auf ihre tiefsten Sorgen und Nöte bereithält. Auch wenn ihre Suche sich zunächst an Äußerlichkeiten entzündet, ist sie trotzdem Ausdruck eines tieferen Unbehagens und eines Hungers nach der Begegnung mit dem lebendigen Christus.

Die Kirche sollte daher diese Suchenden und ihre Motive nicht pauschal verurteilen. Sie darf sich vielmehr am Beispiel des Herrn und seines Umgangs mit den „Donnersöhnen“ orientieren. Eine scharfe Zurechtweisung kann durchaus angebracht sein, wenn sie dazu dient, den Blick vom Unwesentlichen oder gar Schädlichen auf das eine Notwendige zu lenken: die Liebe zu Gott und den Menschen. Gleichzeitig ist die pastorale Begleitung und Katechese unabdingbar, um den Eifer der Neubekehrten in gesunde Bahnen zu lenken.

Dazu gehört auch ein pastoraler Umgang mit Internet und Soziale Medien, um die Orthosphäre nicht zur autonomen Spielwiese von Influencern werden zu lassen. Ein solcher Umgang ist erst noch im Entstehen, wie die jüngst veröffentlichten Richtlinien der Orthodox Church in America (OCA) über den Umgang mit Sozialen Medien zeigen. Auch die Apostel mussten zunächst lernen, sich in den Debatten und Händeln auf den Foren und Marktplätzen der heidnischen Städte zurechtzufinden.

Es sollte uns mehr Anlass zur Freude als zur Sorge sein, dass der Heilige Geist diese Menschen berührt und in die Kirche schickt, auch wenn ihre Motive noch nicht geläutert sein mögen, und dass er seiner Braut damit die Gelegenheit gibt, sich der seelischen Nöte ihrer Zeit anzunehmen.

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