Wie die Werktätigen den Ertrunkenen nicht bemerkten

09. August, 15:48 Uhr
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Pieter Bruegel der Ältere. „Der Fall des Ikarus.“ Foto: Wikipedia Pieter Bruegel der Ältere. „Der Fall des Ikarus.“ Foto: Wikipedia

Auf dem berühmten Gemälde kommt ein mythologischer Held ums Leben, doch der Betrachter bemerkt dies erst ganz zum Schluss.

In der rechten unteren Ecke des Gemäldes von Pieter Bruegel ragen mitten aus einer ruhigen Bucht heraus zwei weiße Beine. Mehr ist von Ikarus nicht geblieben. Ein Wasserspritzer, einige Federn auf der Wasseroberfläche – und das ist alles. Um diese Figur auf dem Gemälde mit dem Titel „Der Sturz des Ikarus“ zu finden, müssen die Betrachter lange und aufmerksam nach dem Haupthelden suchen.

Den Pflüger hingegen müssen sie nicht suchen. Er steht im Zentrum der Komposition, vom Sonnenlicht überflutet, in einem leuchtend roten Hemd, führt den Pflug, blickt dabei auf den Boden vor seinen Füßen und hebt den Kopf nicht.

Wer wohin schaut

Ovid, dessen mythologische Handlung der Künstler aufgreift, beschrieb diese Szene anders. In seinen „Metamorphosen“ erstarren der Pflüger, der Hirte und der Fischer in ehrfürchtigem Schrecken beim Anblick des fliegenden Dädalus und Ikarus, die sie für vom Himmel herabgestiegene Götter halten. Bei dem antiken Dichter ist diese Begegnung von Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt.

Wie die Werktätigen den Ertrunkenen nicht bemerkten - Foto 1

Bei Bruegel ist alles anders. Der Pflüger blickt auf die Ackerfurche. Der Fischer konzentriert sich auf die Angelschnur und den Schwimmer. Der Junge ertrinkt buchstäblich vor seinen Augen, doch der Fischer bemerkt ihn nicht. Der Hirte wiederum blickt verträumt in die Wolken und nicht auf das Wasser, wo sich die Tragödie abspielt. Es entsteht der Eindruck, als sei es den Menschen ringsum gleichgültig, dass in ihrer unmittelbaren Nähe ein Mensch stirbt.

Dies war eine bewusste künstlerische Entscheidung: Für die Arbeitenden war es selbstverständlich, nicht auf ein Wunder zu schauen, sondern auf ihr Lebenswerk.

Die Leiche im Gebüsch

Mit diesem Gemälde wird seit Langem ein niederländisches Sprichwort in Verbindung gebracht: „Und der Bauer pflügte weiter.“ Es wird gewöhnlich als Metapher für die Gleichgültigkeit gegenüber fremdem Leid zitiert.

Doch das Gemälde betont nicht nur Gleichgültigkeit. Auf ihm findet sich ein unscheinbares Detail. Im linken Teil des Bildes, im Schatten des Gebüschs, verbirgt sich der kaum erkennbare bleiche Kopf eines Toten.

Der Tod ist auf diesem Gemälde kein Einzelfall – er umgibt die Figuren. Doch der Pflug des Bauern zieht trotzdem weiter, seine Arbeit kommt nicht zum Stillstand.

Der Pflüger arbeitet nicht deshalb weiter, weil er den Preis des Todes nicht kennt – er kennt ihn besser als viele andere. Doch er will seine Arbeit nicht unterbrechen, selbst wenn in seiner Nähe ein toter Körper liegt. Bruegel scheint uns daran zu erinnern: Arbeit und Tod kreuzen sich in unserem Leben immer wieder.

Der Hochmut, dem man seine Größe nahm

In der Theologie der nördlichen Renaissance verkörpert Ikarus die Sünde des Hochmuts, die Weigerung des Menschen, seine eigene Begrenztheit anzuerkennen. Der Pflüger steht am entgegengesetzten geistlichen Pol: Er erfüllt das Gebot „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ – ohne Klagen und ohne den Anspruch, jemand Größeres zu sein, als er ist.

Wie die Werktätigen den Ertrunkenen nicht bemerkten - Foto 2

Bruegel verleiht dem Sturz des Ikarus nicht einmal einen Hauch tragischer Größe. Das vorbeifahrende Schiff ändert seinen Kurs nicht, niemand eilt dem Ertrinkenden zu Hilfe. Die Katastrophe des hochmütigen Geistes bleibt unbemerkt – so, nach Auffassung des Künstlers, soll es auch sein. Ikarus findet verdientermaßen den Tod.

Der Pflüger des Predigers

Es gibt auch eine weniger offensichtliche Deutung dieses Sujets. Im Jahr 2003 stellte der niederländische Kunsthistoriker Lyckle de Vries in einem diesem Gemälde gewidmeten Artikel die Vermutung auf: Bruegels Pflüger könnte nicht nur auf Ovid verweisen, sondern auch auf das Buch Kohelet – auf jene Stelle, in der von einem beharrlichen Sämann die Rede ist, der sich weder vom Wind noch von den Wolken ablenken lässt (Koh 11,4).

Folgt man dieser Deutung, stehen hinter der Figur des Bauern nicht nur eine, sondern gleich zwei kulturelle Schichten – der antike Mythos und die alttestamentliche Weisheit.

Eine neu geschaffene Leinwand

Dieses Gemälde hat eine komplizierte Geschichte, und es ist nicht einmal sicher, ob es tatsächlich von Bruegel selbst gemalt wurde. Untersuchungen, die 2012 vom Königlichen Institut für Kulturerbe Belgiens veröffentlicht wurden, ergaben: Die erhaltene Leinwand stammt aus dem Jahr 1600 – sie entstand also rund dreißig Jahre nach Bruegels Tod. Was wir sehen, ist kein eigenhändiges Werk des Meisters, sondern eine sehr genaue Kopie seines nicht erhaltenen Originals.

Bedeutet das, dass wir hier keinen Bruegel vor uns haben? Nein. Vor uns liegt Bruegels Bildidee, die den Künstler um ein Dritteljahrhundert überdauert hat.

Ehrliche Arbeit ist wichtiger als Zurschaustellung

Drei Jahrhunderte nach der Entstehung des Gemäldes sah der britische Dichter Wystan Hugh Auden es in Brüssel und schrieb ein Gedicht darüber, wie Leid im Alltag unbemerkt bleibt: Während ein Mensch ertrinkt, geht ein anderer einfach seinen Geschäften nach.

Bruegel malte nicht nur den Tod Ikarus'. Er malte darüber, dass das gewöhnliche Leben vor dem Hintergrund jeder Katastrophe weitergeht. Für uns ist es gerade heute sehr wichtig, diesen Gedanken zu verinnerlichen.

Der Pflüger zieht seine Furche, der Fischer wartet darauf, dass ein Fisch anbeißt, der Hirte schaut in die Wolken. Keiner von ihnen lässt sich vom gescheiterten Helden ablenken. Jeder verrichtet gewissenhaft seine Arbeit, während neben ihm der Hochmut eines anderen zusammenbricht. Diese Geschichte lehrt: Zur Schau gestellte „übermenschliche Fähigkeiten“ sind kein Ersatz für gewissenhafte Arbeit. Gerade in der alltäglichen Treue zur eigenen Aufgabe zeigt sich wahre Frömmigkeit.

Dieser Artikel wurde von der ukrainischen Redaktion verfasst und ins Deutsche übersetzt.

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