Der schleichende Einzug des Menschenhandels
Wie ‚Leihmutterschaft‘ salonfähig gemacht wird, und wie wir den tobenden Kulturkampf bestehen
Mit Jens Spahn stand kürzlich nun schon der zweite Politiker der Christdemokraten heftig in der Kritik, weil er gemeinsam mit seinem Partner in den USA ein Kind aus ‚Leihmutterschaft‘ kaufte. Am 18. Juli 2026 erklärte Spahn seinen Rücktritt als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag.
Erst im April 2026 war der Bundestagsabgeordnete, Virologe und Drogenbeauftragte Hendrik Streeck, der ebenfalls in eine gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, in den USA zu einem Kind gekommen. Es steht zu vermuten, dass auch dieses Kind auf dem Wege einer kommerziellen Leihmutterschaft entstanden ist. Politische Konsequenzen folgten in diesem Fall nicht.
Offiziell positioniert sich die CDU nach wie vor gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland. Ein derartiges Handeln von Politikern derselben Partei, das eigennützig an geltendem nationalem Recht vorbei geht, sendet alarmierende Signale aus: nicht nur bezüglich der ethischen Verfassung der sogenannten Christdemokratie, sondern auch hinsichtlich der zunehmenden Erosion des Lebensschutzes in Deutschland.
Jens Spahn mit seinem Partner Daniel Funke bei einem Empfang auf der Berlinale 2020 (Foto: Martin Kraft/Wikimedia Commons)
Die Strategie der vollendeten Tatsachen
Tatsächlich passen die beschriebenen Vorfälle zu einer Praxis, die sich immer wieder auch bei Befürwortern von aktiver Sterbehilfe oder Abtreibung beobachten lässt: Das Vorgehen besteht darin, dass bestehende Gesetzesregelungen ignoriert beziehungsweise umgangen werden statt die offene Debatte zu suchen. Wie im Fall Streeck oder Spahn werden dabei häufig Gesetzeslücken ausgenutzt, indem etwa ein im eigenen Land verbotene Prozedur in einem Drittland vorgenommen wird.
Auf diese Weise wird die Gesellschaft vor vollendete Tatsachen gestellt und läuft Gefahr, sich an eine eigentlich geächtete Handlung zu gewöhnen. Im Französischen spricht man deshalb auch von einer „Strategie der vollendeten Tatsachen“ („stratégie du fait accompli“). Nicht selten resultiert dieser Gewöhnungs- oder Dammbrucheffekt zunächst in einer kontroversen Diskussion, dann in einer zunehmenden Akzeptanz und schlussendlich in der Liberalisierung geltender Gesetze im Sinne der Handelnden.
Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es lediglich um das Handeln von Einzelpersonen geht, das eine öffentliche Wirkung entfaltet, oder um organisierte Vorstöße zur Unterminierung bestehender Normen und Regelungen. Der Effekt, der sich einstellt, ist ein ähnlicher. Ein paar jüngere und ältere Beispiele illustrieren diese Dynamik.
Historische Beispiele
Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Kampagne, die 1971 von der Feministin und späteren Gründerin der Zeitschrift „Emma“ Alice Schwarzer initiiert wurde. Unter der Überschrift „Wir haben abgetrieben!“ kamen am 6. Juni 1971 im „Stern“ Magazin 374 teils prominente Frauen zu Wort, die öffentlich bekannten, ihr Kind einer Abtreibung unterzogen und damit gegen geltendes recht verstoßen zu haben. Obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass ein Teil der Frauen in Wirklichkeit nie eine Abtreibung durchgemacht hatten, wurde die Kampagne zu einem wichtigen Faktor für die Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Deutschland, die – nach einer 1975 vom Bundesverfassungsgericht gekippten Fristenlösung – 1976 in einer Indikationsregelung mit bedingter Straffreiheit mündete.
Alice Schwarzer bei der Preisverleihung dre Romy TV Awards im Jahr 2009 (Foto: Wikimedia Commons)
Bemerkenswert ist, dass Alice Schwarzer in einem Interview mit der Welt am Sonntag erst kürzlich Spahns Handeln und die Praxis der Leihmutterschaft generell verurteilte, weil sie menschliches Leben zur Ware mache und Frauen zu "Gebärmaschinen" degradiere.
Auch der Fall des heutigen Gouverneurs von Kalifornien, Gavin Newsom, folgt diesem Muster, wenn auch auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen. 2004 ordnete der damalige Bürgermeister Newsom gegen geltendes kalifornisches Recht die Ausstellung von Eheurkunden für gleichgeschlechtliche Paare in San Francisco an. Diese Entscheidung wurde noch im selben Jahr vom Supreme Court of California annulliert, doch vier Jahre später legalisierte dasselbe Gericht die gleichgeschlechtliche Ehe.
Bereits 2002 hatte Newsom, damals Mitglied des Stadtrats von San Francisco, den assistierten Suizid seiner krebskranken Mutter begleitet – zu einem Zeitpunkt, als diese Praxis in Kalifornien noch illegal war, ohne dass es zu einer Strafverfolgung kam. Newsom selbst hat diese Erfahrung später als zutiefst schmerzhaft und keineswegs als bewussten politischen Akt beschrieben; dennoch gehörte er zu den Fürsprechern des 2015 unter seinem Vorgänger Jerry Brown verabschiedeten „End of Life Option Act“, der den assistierten Suizid bei unheilbaren Erkrankungen legalisierte.
Ein umfassender Kulturkampf
In den beschriebenen Beispielen wird ein Muster sichtbar, das sowohl inhaltlich als auch strategisch ist: Zunächst geht es inhaltlich um die Frage, inwieweit der Mensch über Beginn, Ende und Weitergabe des Lebens und den ehelichen Ort dieser Weitergabe verfügen darf. Was hierbei auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres als die noch bestehenden Elemente der christlichen Gesellschaftsordnung, die unsere Zivilisation historisch zu dem gemacht hat, was sie ist. Es handelt sich daher nicht um Einzelthemen, sondern um einen umfassenden Kulturkampf.
Die „Fait accompli“-Strategie wird in diesem Kulturkampf gerade deshalb bevorzugt, weil eine offene demokratische Debatte über diese Fragen für die Befürworter oft schwerer zu gewinnen ist als eine vollzogene Tatsache, an die sich die Gesellschaft nachträglich gewöhnen muss. Gleichzeitig sorgt die Empörung und kontroverse Diskussion über die Vorfälle für eine allgemeine Verunsicherung: Viele, die grundsätzlich skeptisch gegenüber den umstrittenen Praktiken sind, würden sich vielleicht grundsätzlich dagegen aussprechen, wenn sie ohne Anlass gefragt würden. Konfrontiert mit der vollzogenen Tat jedoch scheuen sich viele, die Handelnden zu verurteilen.
Die Propagierung der ‚Leihmutterschaft‘
Indem Spahn und Streeck eine bestehende Gesetzeslücke nutzten und das von ihnen gewünschte Kind im Ausland ‚bestellten‘, schufen sie eine unumkehrbare Tatsache: Denn die Zeugung eines Menschen hat anders als ein reiner Gesetzesbruch unumkehrbare Konsequenzen. Auch wenn beide Politiker nicht die erklärte Absicht hatten, an der Linie ihrer Partei oder am bestehenden Recht zu rütteln, hat ihr Handeln genau die Konsequenz gezeitigt, die wir oben beschrieben haben: eine hitzige öffentliche Debatte, durch welche die Diskussion um Legalisierung der Leihmutterschaft neu befeuert wird.
Zudem wird die (bis dato) offizielle Ablehnung der Legalisierung durch die CDU durch das faktische Verhalten ihrer Mandatsträger konterkariert. Die Konsequenzen zumindest im Fall Streeck blieben dabei harmlos, sie beschränkten sich auf öffentliche Kritik einhergehend mit Vorwürfen der Doppelmoral an Politiker und Partei.
Diese Diskrepanz im Umgang mit Streeck und Spahn ist selbst bemerkenswert. Sie wirft die Frage auf, ob der Rücktritt Spahns nicht eher aus politischem Kalkül vollzogen und gebilligt wurde als um der konsequenten Anwendung innerparteilicher Prinzipien willen. So wirkt der relativ laxe Umgang mit den Abweichlern (Spahn bleibt wie Streeck weiterhin Bundestagsabgeordneter) wie der bloße Versuch der CDU, so weit wie nötig ihr Gesicht zu wahren und nicht noch mehr Vertrauen zu verspielen.
Broschüre einer "Leihmutterschafts-Klinik" aus Nikosia (Zypern), die bei der Berliner Messe "Wish for a Baby" auslag (Foto: Dr. Darja Wagner, https://paleo-mama.de/wish-for-a-baby-kinderwunschmesse-berlin/)
Keine Einzelfälle
Was bei Spahn und Streeck wie Einzelfälle erscheint, ist längst auch Gegenstand organisierter Vermarktung und Lobbyarbeit. Am 5. März 2026 fand in Berlin die Kinderwunschmesse „Wish for a Baby“ statt, auf der nach Recherchen von Lebensschützern auch internationale Leihmutterschaftsprogramme beworben werden – trotz gesetzlichen Verbots in Deutschland.
Die diesjährige Messe ist nicht die erste ihrer Art. Im Jahr 2024 stieß Birgit Kelle bei einer Undercover-Recherche auf brisante Details: Eine ukrainische Agentur bot ihr auf der Messe ein Kind für 52.000 Euro an, online für 36.000 Euro – mit Embryo-Erzeugung in der Ukraine, Leihmutter wählbar aus einem Online-Katalog (Bulgarien/Kasachstan), Geburt in Zypern wegen kooperierender Behörden, Elternrecht als Alleinerziehende in Deutschland. Laut Bericht sind auf der Messe sogar Kredite für Leihmutterschaftsprogramme erhältlich – ein Zeugnis für die angestrebte umfassende Kommerzialisierung des ungeborenen Lebens. In einem Interview legt die Publizistin dar, wie die kommerzialisierte Leihmutterschaft aus dem ungeborenen Leben ein knallhartes Geschäft macht, wobei insbesondere Frauen in finanziellen Notsituationen ausgebeutet werden.
Diese Umstände zeigen, dass die Gesetzesumgehung längst nicht mehr nur individuelles Verhalten einzelner Politiker ist, sondern ein etabliertes, öffentlich beworbenes Geschäftsmodell auf deutschem Boden, das systematisch gesetzliche Regelungen unterläuft.
Schlussfolgerungen
Zusammengefasst ist festzustellen, dass die Fälle Spahn und Streeck keine Einzelfälle sind, sondern jüngste Beispiele eines Vorgehens, das sich historisch immer wieder bewährt hat: Wer eine gesellschaftliche Debatte scheut, weil er sie verlieren könnte, schafft lieber vollendete Tatsachen und kalkuliert, dass sich die Gesellschaft an sie gewöhnen wird. Die Stern-Kampagne von 1971 zeigt das ebenso wie Gavin Newsoms eigenmächtige Einführung der Homo-Ehe in San Francisco – und die Kinderwunschmesse „Wish for a Baby" zeigt, dass aus dem Einzelfall längst ein organisiertes Geschäftsmodell geworden ist.
Mögliche Gegenmaßnahmen
Nur wer diese Strategie durchschaut, kann ihr auch begegnen – aber nicht erst, wenn der nächste Fall in den Schlagzeilen steht. Gesetzeslücken wie die Auslandsnutzung verbotener Verfahren sind längst bekannt; sie zu schließen ist eine Frage des politischen Willens, nicht der Möglichkeit. Ebenso naheliegend wäre es, die eigene Programmatik unabhängig vom Amt des Betroffenen konsequent anzuwenden: Wer als Partei ein Verbot fordert, sollte es bei einem einfachen Abgeordneten ebenso ernst nehmen wie beim Fraktionsvorsitzenden. Auch die kommerzielle Seite der Leihmutterschaft – Messen wie „Wish for a Baby", die trotz Verbots offen zur Vermittlung genutzt werden – ist ein Ansatzpunkt, der keinen prominenten Anlassfall braucht, um gesetzlich überprüft zu werden.
Die Aufgabe des organisierten Lebensschutzes besteht darin, einerseits über die Strategie der vollendeten Tatsachen aufzuklären, andererseits konsequente Gegenmaßnahmen vorzuschlagen, zu fordern und zu unterstützen, die einen zu befürchtenden Dammbrucheffekt verhindern können. Was der Lebensschutz als solcher jedoch nicht vermag, ist es, die zunehmende Verunsicherung aufzufangen, die im christlichen Bewusstsein der Gesellschaft (wo dieses noch vorhanden ist) entsteht. Denn ohne die Erneuerung dieses Bewusstseins, auf dem unsere Zivilisation fußt, wird der Lebensschutz unweigerlich weiter erodieren.
Das christliche Menschenbild erneuern
Leider ist das Schweigen des Großteils kirchlicher Würdenträger ein Zeichen dafür, dass die Christenheit insgesamt ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht nicht in ausreichendem Maße gerecht wird. Selbst ein konsequentes reaktives Verhalten der Politik, das darin bestünde, einzelne Gesetzeslücken zu schließen oder Fälle wie Spahn und Streeck strenger zu ahnden, wird den Schwund der christlichen Substanz in der Gesellschaft auf Dauer nicht aufhalten können.
In einem folgenden Artikel soll deshalb dargelegt werden, warum Leihmutterschaft aus orthodox-christlicher Perspektive verwerflich ist und wie die orthodoxe Lehre von der Person und ihrer gottebenbildlichen Würde einen genuinen Beitrag zur Erneuerung des christlichen Menschenbildes leisten mag.