Trauma oder Freiheit? Gouverneur von Kalifornien über den assistierten Suizid seiner Mutter

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Trauma oder Freiheit? Gouverneur von Kalifornien über den assistierten Suizid seiner Mutter. Illustration: UOJ Trauma oder Freiheit? Gouverneur von Kalifornien über den assistierten Suizid seiner Mutter. Illustration: UOJ

Was Deutschland aus dem kalifornischen Umgang mit assistiertem Suizid lernen sollte

Gavin Newsom, amtierender Gouverneur von Kalifornien und möglicher Kandidat der Demokraten für die nächsten Präsidentschaftswahlen, zählt zu den prominentesten Unterstützern des assistierten Suizids in den USA. Seit 2016 ist assistierter Suizid in Kalifornien legal. Kürzlich sprach Newsom im Interview über den assistierten Suizid seiner Mutter im Jahr 2002, der für ihn und seine Schwester eine „schreckliche“ Erfahrung gewesen sei. Trotzdem habe ihn der Tod seiner Mutter bestärkt, sich für eine freie Wahl des Sterbens einzusetzen.

Doch bedeutet die Möglichkeit des Sterbens auf Verlangen wirklich eine Befreiung? Und was verrät die Tatsache, dass die Selbsttötung von Tessa Thomas Newsom im Jahr 2002 de facto illegal war, über das Vorgehen der Befürworter eines Todes auf Anfrage?

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Gavin Newsom auf dem Parteitag der kalifornischen Demokraten im Juni 2019 (Wikimedia commons)

Gavin Newsom über den Tod seiner Mutter: „Ich hasste sie dafür“

In einem Interview mit der Washington Post berichtete Newsom von schmerzvollen Erfahrungen. Seine Mutter, Tessa Thomas Newsom, kämpfte im Jahr 2002 mit Brustkrebs, der sich über ihren Körper ausgebreitet hatte, und äußerte den Wunsch auf assistierten Suizid. Dieser war zu dem Zeitpunkt illegal – ein wichtiges Detail, das die Washington Post nur beiläufig erwähnt, das hier aber gleich noch einmal besprochen werden soll.

Newsom erklärt, er habe nicht versucht ihr die Entscheidung auszureden, habe aber Schuld und Wut empfunden darüber, dass er seine Mutter in der Zeit ihres Leidens nicht genügend Nähe und Unterstützung geschenkt habe. Auch in seinen 2026 veröffentlichten Memoiren, Young Man in a Hurry schreibt der Politiker, er habe Wut und Schuld gefühlt beim Tod seiner Mutter.

Im Interview bekennt Newsom: „Ich hasste sie dafür – zugegen zu sein bei ihrem letzten Atemzug – noch jahrelang“. Er fügt hinzu: „Ich würde gern sagen, dass es eine schöne Erfahrung war. Es war schrecklich.“  Auch Hilary Newsom, Gavins jüngere Schwester, erlebte den Tod ihrer Mutter als traumatisierend: Sie hielt es nicht aus und verließ das Zimmer, noch bevor ihre Mutter den Geist aufgab.

Er selbst hingegen blieb nach der Einnahme der tödlichen Medikamente unter der Aufsicht eines Arztes, am Bett der 55-jährigen: „Ich saß da für weitere 20 Minuten, nachdem sie tot war“, sagt er, die Augen mit Tränen gefüllt, „meinen Kopf auf ihrem Bauch, ich weinte einfach nur und wartete auf einen weiteren Atemzug.“

Trotz der negativen Gefühle habe ihn die Erfahrung in seinem Einsatz für die Legalisierung des assistierten Suizids bestärkt, um anderen Menschen die „Freiheit“ zu ermöglichen, „diese Entscheidung selbst zu treffen“. Angesichts des physischen und geistigen Verfalls seiner Mutter stellt er fest: „Sie hätte einfach nur gelitten.“

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Zusammentreffen mit Präsident Joe Biden im Jahr 2021 für eine Instruktion während der Wildfeuer in Kalifornien (Wikimedia commons)

Assistierter Suizid in Kalifornien

Aber: ist der gesetzlich gewährte Zugang zum Tod auf Anfrage wirklich ein Ausdruck Freiheit? Oder leistet er vielmehr dem Leid und der Traumatisierung von Menschen weiteren Vorschub?

Kalifornien legalisierte assistierten Suizid 2015, eine Erweiterung des Gesetzes aus dem Jahr 2021 reduzierte die Wartezeit von 15 Tagen auf 48 Stunden und vereinfachte den Zugang zum Tod auf Anfrage, indem das Erfordernis einer schriftlichen Erklärung gestrichen wurde. Eine sogenannte sunset clause, mit der das Gesetz nach einer gewissen Zeit erloschen wäre, beseitigte Newsom selbst 2025 in seiner Funktion als Gouverneur des Bundesstaates.

Wie das US-amerikanische Pro Life-Nachrichtenportal liveaction.org berichtet, traten seit der Legalisierung zahlreiche Probleme auf, darunter Berichte von Versicherungsunternehmen, welche die Zahlung für Behandlungen verweigerten und stattdessen bei den Patienten auf assistierten Suizid drängten.

Dass die Ermunterung zur staatlich gewährten Selbsttötung formell als Straftatbestand gilt, wird dadurch aufgeweicht, dass dasselbe Gesetz solche, die im Einklang mit dem „End of Life Option Act“ (so der Name des 2015 erlassenen Gesetzes) handeln, explizit von der Verfolgung ausnimmt. 

Die Gewährung eines assistierten Suizids erstreckt sich laut Gesetz auf Individuen mit tödlichen Erkrankungen („terminal illnesses“), die sich im vollen Besitz ihrer Urteilsfähigkeit befinden. Doch schon wurde auf gesetzliche Schlichen hingewiesen, die auch einen assistierten Tod für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ermöglichen – Menschen, an deren Urteilsfähigkeit Zweifel bestehen könnten.

Die Zahl der durch assistierten Suizid Getöteten hat insbesondere seit der Gesetzesänderung von 2022 noch einmal zugenommen, was nicht verwundert. Dabei gibt es laut liveaction.org große Diskrepanzen (https://www.liveaction.org/news/status-hundreds-californians-assisted-suicide-drugs-unknown) zwischen der Zahl der Personen, die eine staatliche Bewilligung des Sterbens durch tödliche Medikamentencocktails erhielten und dem Status dieser Patienten. Daher gibt es Sorgen, dass sich einige Todesfälle unter Zwang ereignet haben könnten oder dass Menschen die für andere bewilligten Medikamente eingenommen haben. Hierzu werden konkrete Fälle zitiert, die sich bereits ereignet haben.

Die Legalisierung des assistierten Suizids kann demnach nicht als Garantie von Freiheit und Selbstbestimmung betrachtet werden, sondern erhöht im Zweifel den Druck auf physisch und psychisch geschwächte Menschen und ermöglicht auch dem Missbrauch zur Verfügung gestellter Medikamente durch dritte. Ebenso wenig ist die staatlich gewährte Selbsttötung als Ausweg vor andauerndem Leiden zu betrachten; vielmehr vergrößert sie das Leid in vielen Fällen noch, indem sie den Fokus der Medizin vom Erhalt und der Verbesserung des Lebens auf die Vermeidung von körperlichen, geistigen und ökonomischen (!) Unannehmlichkeiten verlegt.

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Newsom 2010 im Wahlkampf für Jerry Brown, der nach seiner Wahl als Gouverneur den sogenannten "End of Life Option Act" unterzeichnete, womit er den assistierten Suizid in Kalifornien legalisierte (Wikimedia commons)

Ein Menetekel auch für Deutschland

Schließlich ist der Fall Tessa Thomas Newsom auch ein mahnendes Beispiel dafür, wie Förderer des assistierten Suizids und der aktiven Sterbehilfe geltendes Recht ignorieren. Denn nach damaliger Gesetzgebung hätte sich Frau Newsom nicht mit ärztlicher Unterstützung das Leben nehmen dürfen. Trotzdem nennt den durchführenden Arzt im Interview „mutig“, auch die Washington Post verliert kein weiteres Wort über die Brisanz dieses Umstandes und auch sonst scheint der Vorfall nicht weiter geahndet worden zu sein. Das zeigt, dass die Strategie, Tatsachen zu schaffen und auf Narrenfreiheit oder zumindest auf nachträgliche Rechtfertigung zu hoffen, durch das Fehlen gesellschaftlicher oder staatlicher Umsicht durchaus aufgehen kann.

Hier besteht eine interessante Parallele zum Vorgehen Newsoms in seiner Rolle als Bürgermeister von San Francisco. Im Jahr 2003 in dieses Amt gewählt, ermöglichte er gegen damals in Kalifornien geltendes Recht die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare in San Francisco. Diese Entscheidung wurde 2004 vom Supreme Court of California annuliert, vier Jahre später legalisierte dasselbe Gericht die gleichgeschlechtliche Ehe. 

Auch in Deutschland ist Vorsicht geboten vor einem ähnlichen Handeln durch Befürworter der assistierten Selbsttötung, einer Legalisierung durch Schaffung von Tatsachen vorauszueilen. So prüft die Staatsanwaltschaft nach dem Suizid des Aktivisten Florian Villet in Köln den Verdacht auf fahrlässige Tötung und ermittelt gegen den Schatzmeister einer Sterbehilfeorganisation, wie die Union Orthodoxer Journalisten unlängst berichtete.

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