Kongress Kinder und Kommerz in Berlin
Endstation Egoismus? Ein Protokoll der Entmenschlichung.
Berlin, 6. März 2026. Schon lange vor Beginn sind die Reihen gefüllt. Menschen stehen an den Wänden, Notizblöcke liegen auf den Tischen, Kameras werden aufgebaut. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt – ein Zeichen dafür, dass ein Thema, das noch vor wenigen Jahren als Randfrage galt, inzwischen im Zentrum gesellschaftlicher Debatten angekommen ist: die Leihmutterschaft.
Zu dem internationalen Kongress nach Berlin eingeladen hatte die Lebensschutzorganisation Aktion Lebensrecht für Alle e.V.. Juristen, Ärzte, Politiker, Journalisten und Aktivisten aus mehreren Ländern kamen zusammen, um über die rechtlichen, ethischen und gesellschaftlichen Folgen eines global wachsenden Reproduktionsmarktes zu sprechen.
Für die Union Orthodoxer Journalisten (UOJ) ist dieser Kongress mehr als eine politische oder gesellschaftskritische Fachveranstaltung. Er berührt eine grundlegende Frage unserer Zeit:
Wo liegen die moralischen Grenzen technologischer Möglichkeiten, wenn es um menschliches Leben geht?
Ein Thema im Zentrum der Gesellschaft
Den Kongress eröffnete die Vorsitzende von Aktion Lebensrecht für Alle e.V., Cornelia Kaminski.
Schon zu Beginn stellte sie die Frage, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Tag ziehen sollte:
Warum Leihmutterschaft – und warum gerade jetzt?
Kaminski verwies auf mehrere Entwicklungen, die den Zeitpunkt des Kongresses bewusst gewählt erscheinen lassen. Vor drei Jahren wurde die Casablanca-Resolution gegen Leihmutterschaft verabschiedet, die auch von ALfA unterzeichnet wurde. Nur einen Tag nach dem Kongress sollte in Berlin die Kinderwunschmesse „Wish for a Baby“ stattfinden – eine Veranstaltung, bei der nach Einschätzung vieler Kritiker auch internationale Leihmutterschaftsprogramme indirekt vermittelt werden. Kurz darauf folgte der Internationale Frauentag.
Die Vorsitzende betonte, dass der Wunsch nach einem Kind zu den tiefsten menschlichen Sehnsüchten gehört. Für viele Paare, die keine Kinder bekommen können, erscheint Leihmutterschaft als letzter Ausweg.
Gerade deshalb müsse die Gesellschaft genauer hinschauen.
„Wir sollten Menschen in ihrem Wunsch nach Glück nicht verurteilen“, sagte Kaminski. „Aber wir müssen fragen, ob die angestrebte Lösung wirklich die beste Lösung ist – für alle Beteiligten.“
Denn Leihmutterschaft schaffe neue Ungerechtigkeiten, neues Leid und neue Konflikte, die häufig aus dem öffentlichen Diskurs ausgeblendet würden.
Der Kongress solle deshalb eine zentrale Frage beantworten:
Gibt es Alternativen, die menschlicher sind?
Hubert Hüppe: „Frauen sind nicht die Gewinnerinnen“
Der erste Hauptredner war der ehemalige Bundestagsabgeordnete und frühere Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe.
Der langjährige Politiker der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Stimmen in bioethischen Debatten in Deutschland.
In seiner Rede machte er deutlich, dass aus seiner Sicht vor allem Frauen zu den Leidtragenden der Leihmutterschaft gehören.
Viele Leihmütter geraten aus wirtschaftlicher Not in entsprechende Verträge. Diese enthalten oft strenge Verpflichtungen bis hin zu medizinischen Entscheidungen, die nicht mehr vollständig von der Frau selbst bestimmt werden können.
Besonders problematisch seien Klauseln, die im Falle einer vermuteten Fehlentwicklung des Fötus eine Abtreibung verlangen.
„Frauen kommen aus solchen Verträgen oft nicht mehr heraus“, warnte Hüppe.
Obwohl Leihmutterschaft in Deutschland gesetzlich verboten ist, existieren zahlreiche juristische Grauzonen. Paare können Programme im Ausland nutzen und anschließend versuchen, die Elternschaft in Deutschland anerkennen zu lassen.
Auch die sogenannte „altruistische Leihmutterschaft“, bei der lediglich eine Aufwandsentschädigung gezahlt wird, betrachtete Hüppe kritisch. Sie sei häufig nichts anderes als eine geschickt verpackte Geschäftsform.
Als möglichen Lösungsansatz verwies er auf das sogenannte italienische Modell: Dort können Bürger auch dann strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie Leihmutterschaft im Ausland in Anspruch nehmen.
Hüppe kündigte an, sich innerhalb des CDU-Bundesvorstandes dafür einzusetzen, eine ähnliche Regelung auch in Deutschland zur Diskussion zu stellen.
Internationale Rechtsfragen: „Der Mensch ist kein Vertragsprodukt“
Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch die Moderatoren Julia Kim und Ludwig von Brühl folgte ein Vortrag des Wiener Menschenrechtsanwalts Dr. Felix Böllmann von ADF International.
Sein Thema lautete: Leihmutterschaft international – rechtliche Grauzonen und globale Konflikte.
Böllmann begann mit einem grundlegenden juristischen Prinzip:
„Das internationale Recht schützt den Menschen nicht als Produkt, nicht als Vertragsgegenstand und nicht als Ergebnis fremder Planung – sondern als Zweck an sich.“
Leihmutterschaft wird im öffentlichen Diskurs häufig als moderne und humane Antwort auf unerfüllten Kinderwunsch dargestellt. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine hochgradig organisierte Praxis mit weitreichenden sozialen, rechtlichen und ethischen Konsequenzen.
Zugleich ist sie Teil eines milliardenschweren globalen Marktes, der sich aus den Hoffnungen und Sehnsüchten vieler Menschen speist.
Böllmann verwies auf mehrere internationale Dokumente, darunter die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, den UN-Zivilpakt sowie die UN-Kinderrechtskonvention.
Diese garantieren zwar den Schutz der Familie, enthalten jedoch kein Recht auf ein Kind durch Leihmutterschaft.
Besonders kritisch sei aus juristischer Sicht die geplante Trennung von Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt. Zudem kollidiere diese Praxis mit dem Recht des Kindes, seine Herkunft zu kennen.
Ukraine als Zentrum des globalen Marktes
Einen großen Teil seines Vortrags widmete Dr. Böllmann der internationalen Dimension der Leihmutterschaft.
Vor allem die Ukraine hat sich zu einem der weltweit größten Märkte entwickelt. Noch vor dem Krieg nutzten viele Paare aus westlichen Ländern die wirtschaftlichen Unterschiede aus.
Der Krieg hat diese strukturellen Abhängigkeiten teilweise sogar verschärft.
Agenturen rekrutieren Frauen aus strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit – ein Umstand, der nach Einschätzung des Juristen in internationalen Medien bislang zu wenig Beachtung findet.
Dr. Böllmann verwies außerdem auf das Palermo-Protokoll gegen den Menschenhandel (2000) und argumentierte, dass kommerzielle Leihmutterschaft in bestimmten Fällen in die Kategorien von Menschenhandel oder moderner Sklaverei fallen könne.
Juristische Gegenwehr: Der Kampf gegen Kinderwunschmessen
Die nächste Rednerin, Eva Engelken vom Verein Frauenheldinnen e.V., berichtete über die juristische Arbeit ihrer Organisation.
Ihr Verein versucht, mit rechtlichen Mitteln gegen Veranstaltungen vorzugehen, auf denen internationale Agenturen ihre Reproduktionsprogramme präsentieren.
Diese Messen wirken nach außen wie Informationsveranstaltungen über künstliche Befruchtung. In Wirklichkeit werden dort jedoch häufig komplette Leihmutterschaftsprogramme vermittelt.
Engelken rief die Teilnehmer dazu auf, selbst aktiv zu werden – etwa durch Anzeigen oder juristische Beschwerden, wenn Verstöße gegen bestehende Gesetze vermutet werden.
UN-Expertin: „Gewalt gegen Frauen?“
Einen der eindringlichsten Vorträge hielt die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem.
Ihr Thema lautete:
Leihmutterschaft – eine Form von Gewalt gegen Frauen?
Alsalem berichtete, dass ihr Bericht über diese Problematik innerhalb der Vereinten Nationen starken Widerstand von Lobbygruppen der Reproduktionsindustrie ausgelöst habe.
In vielen Regionen der Welt würden Frauen systematisch ausgebeutet. Agenturen nutzten Leihmütter faktisch wie Produktionsmittel.
Sie sprach von sogenannten „Babyfarmen“ in Teilen Asiens und Afrikas. In Lateinamerika seien mitunter kriminelle Netzwerke beteiligt.
In drastischen Worten erklärte die UN-Expertin:
„In manchen Fällen funktionieren Reproduktionskliniken wie Zuhälter.“
Frauen würden in wirtschaftlich verzweifelten Situationen angeworben und erhielten oft nur minimale Entschädigungen.
Als mögliche politische Antworten schlug Alsalem vor:
- ein internationales Verbot der Leihmutterschaft
- Ausstiegsprogramme für Leihmütter nach dem nordischen Modell
- strengere Prüfungen der Bestelleltern
- das Recht der gebärenden Frau, das Kind zu behalten.
Deutschland, so ihre Forderung, müsse sich auf europäischer Ebene stärker engagieren.
Psychiatrische Perspektive
Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Anna Kováčová aus Bratislava berichtete anschließend aus ihrer klinischen Praxis.
Sie schilderte Fälle von Kindern, die durch Leihmutterschaft geboren wurden und später unter Identitätsproblemen oder psychischen Belastungen litten.
Diese Erfahrungen seien zwar nicht pauschal auf alle Fälle übertragbar, zeigten jedoch, dass die langfristigen Folgen der Praxis noch nicht ausreichend erforscht seien.
„Ich wurde bestellt“ – Das persönliche Zeugnis von Olivia Maurel
Der wohl bewegendste Moment des Kongresses kam mit dem Vortrag „Kindeswohl und Identität: Perspektiven von Leihmutterschaftskindern“ von Olivia Maurel.
Die französische Aktivistin ist Sprecherin der internationalen Casablanca-Deklaration gegen Leihmutterschaft – und selbst durch Leihmutterschaft geboren.
Mit ruhiger Stimme erzählte sie ihre Geschichte, die keinen im Konferenzsaal gleichgültig ließ.
Erst im Erwachsenenalter erfuhr sie, dass ihre Eltern sie über ein kommerzielles Programm „bestellt“ hatten.
„Ich bin ein Produkt, das verkauft und gekauft wurde“, sagte sie.
Schon vor ihrem ersten Herzschlag sei sie Teil eines Vertrags gewesen – „wie ein Mercedes, den man in Deutschland bestellt“.
Maurel beschrieb ihre spätere Suche nach der Frau, die sie geboren hatte.
Frau Maurel fand ihre Leibliche Mutter und hat mit ihr über ihre ganz kurze, gemeinsame Zeit gesprochen. Die Leihmutter konnte sich noch erinnern, dass die Hebamme ganz bewusst gemäß dem Protokoll direkt nach der Geburt ihr das Baby entnommen, gewaschen und in eine Box in der Nähe gelegt hatte.
„Dann hatte ich meiner Mutter in die Augen geschaut – meine Mutter konnte sich noch daran erinnern...“
Heute engagiert sich Maurel weltweit gegen Leihmutterschaft und arbeitet mit Selbsthilfegruppen von Menschen, die unter ähnlichen Identitätskonflikten leiden.
Frau Maurel berichtete außerdem über ihre persönliche Begegnung mit ihrem leiblichem Bruder, dem Sohn der Leihmutter, über die Leihmutterschaftsmythos, über persönliche Morddrohungen, die sie und ihre Familie regelmäßig für ihr Engagement gegen Leihmutterschaft bekommt.
„Eine globale Ächtung der Leihmutterschaft heißt: wir beenden ein System, das mit der gezielt herbeigeführten Trennung eines Neugeborenen von der Frau beginnt, die es getragen hat. Es heißt, vor reproduktiver Ausbeutung zu schützen und Kinder davor zu bewahren, zum Gegenstand von Verträgen zu werden. Es heißt zugleich, Alternativen zu stärken, die die Würde achten: eine wirklich kinderzentrierte Adoption, die das Wohl des Kindes und nicht die Nachfrage Erwachsener in den Mittelpunkt stellt; eine bessere Unterstützung für Mütter in Krisensituationen, damit weniger Kinder aufgegeben werden müssen; Investitionen in eine Medizin, die Unfruchtbarkeit behandelt, ohne Schwangerschaft in den Körper einer anderen Frau auszulagern; und eine Kultur, die anstelle von Genetik und reproduktiver Machbarkeit Beziehung, Bindung und Fürsorge ehrt.“
Medizinische Risiken und Folgen für die Leihmutter
Herr Andreas Weber von DAFOH (Doctors Against Forced Organ Harvesting) berichtete den Teilnhemenden darüber, dass es zu wenig wissenschaftliche Studien zum Thema Morbiditätsrisiko für Leihmütter gibt, was indirekt auf eine Faktenvertuschung hinweisen könnte. Die Berichte seiner Organisation sind nahezu alarmierend, da sie eine breitgefächerte Industrie (insbesondere in China) aufdecken, die die durch Leihmutterschaft geborene Kinder für nichts anderes als für die Gewinnung von Stammzellen und Transplantationsmedizin benutzen. Endkonsumenten sind in der Regel Kliniken in westlichen Industrieländern.
Die Rolle der Industrie
Der Chirurg und Diakon Herr Professor Dr. Dr. Kai Witzel analysierte anschließend die wirtschaftliche Dimension der Reproduktionsindustrie.
Der globale Markt wachse jährlich um etwa 20 Prozent.
Auch in Deutschland entstünden rund um Kinderwunschmessen komplexe Netzwerke aus Agenturen, Kliniken und Finanzdienstleistern.
In Deutschland wird der Markt für Leihmutterschaft längst systematisch über spezialisierte Kinderwunschmessen wie „Men having Babies“ und „Wish for a baby“ angebahnt und bedient. Trotz des gesetzlichen Verbots können sich Interessierte dort direkt bei internationalen Agenturen, Kliniken und Finanzierungsprogrammen informieren (ja genau, man kann einen Kredit für ein Baby wie bei einem Immobilienerwerb abschließen).
„Men having Babies Inc.“ ist eine amerikanische Non-Profit-Organisation, die seit 2024 in New York als gemeinnützig anerkannt ist. Mission des Vereins ist die Bereitstellung von praktischen Informationen, um schwulen Bestelleltern zu helfen, biologische Elternschaft zu erlangen und für schwule Paare Leihmutterschaftsverfahren und andere reproduktive Verfahren finanziell zu ermöglichen. Ihr Jahreserlös lag 2024 bei rund 2,6 Mio US-Dollar.
Die Konferenz „Men having Babies“ findet seit 2023 regelmäßig auch in Berlin und Brüssel statt und richtet sich vor allem an schwule Männer. Angeboten werden dreitägige „How-to“ Programme, Vorträge zu medizinischen, rechtlichen und finanziellen Aspekten der Leihmutterschaft, Einzelberatungen mit mehr als 35 Agenturen, Kliniken und Kanzleien sowie spezielle Sessions zu Budgetplanung, Versicherungslösungen und Arbeitgeberleistungen.
Die Konferenz in Brüssel gehört zu den finanzstärksten Events, sie erwirtschaftete 2024 einen Gewinn von ca. 397.000 US-Dollar, der in das „Gay Parenting“-Programm floss.
Dort könnten Interessenten nicht nur medizinische Beratung erhalten, sondern auch Finanzierungsmöglichkeiten – bis hin zu Krediten für Leihmutterschaftsprogramme.
Witzel kritisierte insbesonders die ökonomische Logik des Systems:
„Profite werden privatisiert, Risiken werden sozialisiert.“
Langfristige gesundheitliche Folgen für Leihmütter würden häufig von öffentlichen Gesundheitssystemen getragen.
Undercover-Recherche: „Ich kauf mir ein Kind“
Die investigative Journalistin und Buchautorin Birgit Kelle berichtete in ihrem Beitrag „Reproduktion auf Bestellung? Die Bestandsaufnahme zur Leihmutterschaft in Deutschland“ über ihre Undercover-Recherchen.
Als vermeintliche Kundin besuchte sie die Berliner Messe „Wish for a Baby“ und sammelte dort viele wertvolle Informationen, die sie dann in ihren Redebeiträgen, Publikationen und in ihrem Buch „Ich kauf mir ein Kind“ verwendete...
Dort erhielt sie konkrete Angebote internationaler Agenturen.
„Im Frühjahr 2024 bot mir eine ukrainische Agentur in Deutschland ein Kind auf einer legalen Babymesse namens „Wish for a Baby“ in Berlin für nur 52.000 Euro an. Online konnte ich das Kind für 36.000 Euro bekommen. Das Embryo würde in der Ukraine gezeugt, die Leihmutter käme aus Bulgarien oder Kasachstan, ich hätte sie aus einem Onlinekatalog aussuchen können, sie würde auf Zypern gebären, weil dort die Behörden mitspielen, und ich bekäme das Elternrecht als alleinerziehende Mutter in Deutschland. Nicht einmal der inzwischen vier Jahre andauernde Krieg hat das Geschäft der Ukraine ruiniert. Das Land ist nach wie vor das Eldorado für den Billigmarkt der globalen Leihmutterschaftsszene, das Geschäft geht ohne Probleme weiter. Für ängstliche Kunden, die nicht zur Vertragsabwicklung und für die Übergabe von Genmaterial oder Neugeborenen nach Kiew kommen wollen, hat man längst im benachbarten Ausland in Tschechien, Georgien, Bulgarien in Grenznähe Büros und Wohnungen eingerichtet oder gleich ganze Zweigstellen aufgemacht.“
Kelle spricht von einem globalen „Länder-Hopping“, bei dem Anbieter ständig neue Märkte erschließen, sobald ein Staat strengere Gesetze einführt.
Ihr Fazit formulierte sie in einem Satz:
„Menschen kauft und verkauft man nicht – auch kleine Menschen nicht. Damit ist eigentlich schon alles gesagt.“
Podiumsdiskussion: Wo sind die Kirchen?
In der abschließenden Diskussion stellte die UOJ-Redaktion Herrn Dr. Witzel, Diakon im Bistum Fulda, die Frage, warum bei diesem Kongress keine Vertreter der unterschiedlichen Konfessionen zu sichten sind, da das Thema des Kongresses durchaus mit grundlegenden Werten sich beschäftigt und definitiv eine geistliche Expertise in der Frage werteorientierte Aufklärungsarbeit benötige. Er antwortete darauf, dass er die Katholische Kirche allein nicht positiv hervorheben kann, da sie tatsächlich viele Defizite hat.
Er komme, wie der Stellvertretender der Bischofskonferenz auch, aus Fulda und sei ständig mit im Austausch bezüglich der Ausarbeitung eines Profils in bioethischen Fragen innerhalb der Kirche ausgearbeitet.
Herr Dr. Witzel ist zudem in ständigem Dialog mit mehreren Bischöfen und widmet sich als Vorstand des Verbands „Seelsorge für das Leben“ zusammen mit anderen Experten dieser Problematik.
Seiner Meinung nach müssen sich die Kirchen viel mehr engagieren, viel mehr tun, weil das Thema, das hier besprochen wird, ein Thema der Menschenwürde sei. Und Menschenwürde gehört in die Kirchen und die Kirchen müssen sich profilieren. Da müsste man mehr tun. Es werde nicht genug getan in keiner der Kirchen.
Frau Kaminski schloss die Veranstaltung mit Danksagung an die Redner und Teilnehmenden und mit zusammenfassenden Worten ab: „Wir müssen die Verantwortung übernehmen nicht nur für unser Leben, nicht nur für unsere Entscheidungen, sondern auch für unsere Gesellschaft. Und unsere Verantwortung, dass wir das, was wir gehört haben, hinauszutragen. Da ist jeder einzelne von uns gefragt. Ich bitte Sie herzlich: tun Sie das. Sprechen Sie mit Verantwortlichen, sprechen Sie mit Politikern, sprechen Sie mit Kirchenvertretern und tragen Sie die Botschaft weiter.“
Frau Kaminski widmete exklusiv gegenüber der UOJ-Redaktion eine Botschaft an ukrainische Frauen.
Die orthodoxe Perspektive
Aus Sicht der orthodoxen christlichen Tradition ist die Position klar.
Die orthodoxe Theologie – unter anderem formuliert in den „Grundlagen der Soziallehre der Russisch-Orthodoxen Kirche“ – lehnt Leihmutterschaft sowohl in kommerzieller als auch in altruistischer Form ab.
Die Argumentation basiert auf mehreren zentralen Prinzipien:
- die Ehe als mystische Einheit zwischen Mann und Frau
- der menschliche Körper als Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19–20)
- die einzigartige Bindung zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft
- das Verständnis des Lebens als Gabe Gottes, nicht als bestellbares Produkt.
Die Einbeziehung einer dritten Person in den Zeugungsprozess wird daher als Bruch der ehelichen Einheit betrachtet.
Gleichzeitig betont die orthodoxe Kirche eine wichtige Unterscheidung:
Ein Kind, das durch Leihmutterschaft geboren wurde, trägt keine Schuld an seiner Entstehung. Es kann selbstverständlich getauft werden.
Die moralische Verantwortung liege nicht beim Kind, sondern bei den Entscheidungen der Erwachsenen.
Eine Debatte, die erst beginnt
Der Berliner Kongress zeigte, wie komplex und international vernetzt die Debatte über Leihmutterschaft inzwischen geworden ist.
Juristen sprechen über Menschenrechte, Ärzte über medizinische Risiken, Aktivisten über Ausbeutung, Betroffene über Identität und Herkunft.
Doch am Ende bleibt eine grundlegende Frage, die sich wie ein Echo durch den gesamten Kongress zog:
Darf menschliches Leben zum Gegenstand eines Vertrages werden?
Die Antwort darauf wird nicht nur die Zukunft der Reproduktionsmedizin bestimmen, sondern auch das Selbstverständnis unserer Gesellschaft.