Die Bibel der Apostel
Warum Christen die Septuaginta lesen sollten
Wer heutzutage eine gute Bibelübersetzung sucht, fragt meist nach einer, die möglichst nah am ‚Original‘ ist. Als gute Übersetzungen gelten bei Vielen vor allem die Elberfelder Bibel, die sich im Alten Testament eng an den allgemein anerkannten hebräischen Text hält, und die Schlachter-Übersetzung, basierend auf demselben Text, die insgesamt etwas freier, aber immer noch recht treu übersetzt.
Doch wer das Neue Testament aufmerksam liest und die dortigen Zitate etwa aus den Propheten im Alten Testament im nachschlagen will, macht eine verwirrende Beobachtung: Der Wortlaut stimmt oft nicht überein. Ein Beispiel finden wir im Hebräerbrief:
Wenn er aber den Erstgeborenen wiederum in die Welt einführt, spricht er: »Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten!– Hebräer 1,6 (Schlachter 2000)
Der Vers kann auf die Wiederkunft Christi gedeutet werden. Die Anbetung durch die Engel Gottes weist dabei eindeutig auf die Gottheit Christi hin. Denn nur Gott ist würdig, angebetet zu werden. Wenn wir einen entsprechenden Vers im Alten Testament suchen, finden wir in den Anmerkungen der Schlachter Bibel den Verweis auf Psalm 97,7: Vor ihm werfen sich alle Götter nieder (Götter oder Gottessöhne werden im Alten Testament bisweilen die Engel genannt).
Im Psalm ist jedoch weder vom jüngsten Gericht die Rede noch ist die Anbetung wie im Brief als Aufforderung formuliert: alle Engel Gottes sollen ihn anbeten. Auch werden die Engel Götter und nicht Gottessöhne genannt. Woher kommt dieser Unterschied?
Eine weitere Stelle ist irritierend. Als Jesus in der Synagoge von Nazareth sein öffentliches Wirken beginnt, liest er aus der Buchrolle des Propheten Jesaja die Weissagung:
Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, dass sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen.– Lk 4,18 (Schlachter 2000)
Wenn wir diese Stelle etwa in der Schlachter-Bibel bei Jesaja nachschlagen, fehlt dort ein entscheidendes Element:
Der Geist des HERRN, des Herrschers, ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, den Gefangenen Befreiung zu verkünden und Öffnung des Kerkers den Gebundenen.– Jesaja 61,1
Was fehlt, ist die Heilung von Blinden. Damit entfällt in dieser Version Jesajas ein zentrales Element der Wundertätigkeit im Wirken des Messias. Denn die Berichte von Blindenheilungen sind zahlreich in den Evangelien (Matthäus: 9,27-31; 12,22; 20,29-34; Markus 8,22-26; 10,46-52; Lukas 18,35-43; Johannes 9,1-41). Sie sind zugleich ein eindeutiges Zeichen für die Vollmacht des Messias:
Von Ewigkeit her hat man nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen geöffnet hat.– Johannes 9,32 (Schlachter 2000)
Die genannten Stellen im Lukasevangelium und Hebräerbrief sind nur zwei Beispiele für eine Vielzahl von Stellen, an denen der Text des Alten und Neuen Testaments in den genannten Ausgaben abweichen. Weitere werden wir im Folgenden sehen. Haben die Evangelisten und Apostel also das Zeugnis der Schrift ergänzt oder angepasst, um ihre Botschaft zu stützen? Wie erklären sich sonst solche Unstimmigkeiten?
Der Codex Vaticanus Graecus (12. Jh.) mit den ersten Versen des Hebräerbriefs (Foto: Wikimedia Commons)
Ist das ‚hebräische‘ Alte Testament authentischer als die griechische Übersetzung?
Moderne und insbesondere protestantische Bibelübersetzungen berufen sich in der Regel auf die anerkannte hebräische Version des Alten Testaments, den sogenannten Masoretischen Text. Dieser erhielt seine heute gültige Form nicht etwa in vorchristlicher Zeit, sondern im 8. Jahrhundert nach Christus. Die Masoreten waren jüdische Gelehrte, die in Tiberias am See Genesareth einen für die jüdische Gemeinschaft verbindlichen Text festlegten. Eine Herausforderung dabei: Die in der Antike gebräuchliche hebräische Schrift war eine Konsonantschrift, besaß also keine Vokalzeichen. Das bedeutet, dass bestimmte Worte anders gelesen werden konnten, je nachdem wie man die Vokale setzte. Als Illustration eignen sich die Worte Adam oder Edom, die beide dieselben Konsonanten enthalten: d und m. Adam bedeutet soviel wie „Mensch“, Edom ist der Name eines Volkes südlich von Israel, das als Erzfeind Israels galt (vgl. Obadja, Jesaja 34, Ezechiel 35). Diese scheinbar trockene Beobachtung hat weitreichende theologische Konsequenzen, wie wir gleich sehen werden.
Unterwerfung der Völker oder Errettung in Christus?
Wir können den Unterschied beim Propheten Amos sehen:
An jenem Tag will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und ihre Trümmer wiederherstellen und sie wieder bauen wie in den Tagen der Vorzeit, 12 sodass sie den Überrest Edoms in Besitz nehmen werden und alle Heidenvölker, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der HERR, der dies tut.– Amos 9,11-12 (Schlachter 2000)
Die Übersetzung basiert auf dem masoretischen Text. Dieselbe Stelle wird offensichtlich in der Apostelgeschichte vom Herrenbruder Jakobus zitiert – jedoch mit einem teils anderen Wortlaut:
Simon hat erzählt, wie Gott zuerst sein Augenmerk darauf richtete, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen anzunehmen. 15 Und damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: 16 »Nach diesem will ich zurückkehren und die zerfallene Hütte Davids wieder aufbauen, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten, 17 damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der Herr, der all dies tut.«– Apg 15,14-17 (Schlachter 2000)
Der Kontext ist wichtig, denn das Zitat fällt im Rahmen des Apostelkonzils zu Jerusalem, auf dem es um die Missionierung der Heiden geht. Jakobus zitiert die Stelle als einen schlagenden Beleg dafür, dass Gott schon zur Zeit Amos, also schon im 8. Jahrhundert vor Christus, „sein Augenmerk darauf richtete, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen anzunehmen“. Das wird gestützt durch die prophetischen Worte: „damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist“ (Apg 15,17).
Der Unterschied zum obigen Zitat aus dem Alten Testament könnte kaum größer sein. Einmal ist davon die Rede, dass Gott Israel wiederherstellen und den „Überrest Edoms“ und die „Heidenvölker“ unterwerfen werde, in der Apostelgeschichte hingegen geht es um Gottes Heilsoffenbarung für alle Nachkommen Adams in Jesus Christus, der ja zugleich Sohn Davids und der Neue Adam ist. Auf die Sache mit der Vokalisierung Adam/Edom werden wir gleich zurückkommen.
Entweder die Apostel gingen also sehr frei, bisweilen sogar manipulativ mit der Schrift um – oder sie benutzten eine andere Bibel! Aber welche?
Die Septuaginta
Im Jahr 332 v. Chr. zog Alexander der Große in Jerusalem ein, das sich ihm kampflos ergab. Dieser Einzug markiert den Beginn der griechischen Herrschaft über das alte Israel. Unter Alexander und noch mehr unter seinen Nachfolgern erfuhren die Juden eine massive Hellenisierung, d.h. sie nahmen in weiten Teilen die griechische Sprache und Kultur an. Schließlich verwüstete der König Antiochos Epiphanes im Jahr 167 n. Chr. den Tempel und stellte dort den „Gräuel der Verwüstung“ (d.h. ein Götzenbild) auf. Er befahl, alle heiligen Schriften der Juden zu vernichten und verbot bei Todesstrafe, das mosaische Gesetz zu halten oder auch nur die Bücher zu besitzen. Nicht zuletzt deshalb übernahmen viele Juden (freiwillig oder gezwungen) griechische Sitten und Religion.
König Antiochos Epiphanes nötigt die Jerusalemer Juden, Schweinefleisch zu essen (Jan Luyken, 17. Jh.) (Foto: Wikimedia Commons)
Auf seinen Feldzügen gründete Alexander auch die nach ihm benannte Stadt Alexandria in Ägypten. Nach Alexanders Tod vollendete sein General Ptolemaios die Stadt und siedelte auch eine jüdische Bevölkerung an. Nach Ptolemaios herrschte sein Sohn Ptolemaios II. (284–246) über Ägypten und baute in Alexandria die berühmte Bibliothek aus. Da die meisten Juden nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Judäa die Schriften nicht mehr verstanden, entstand der Bedarf nach einer griechischen Übertragung der Bücher des Gesetzes. Das alte Hebräisch war ohnehin den meisten nicht mehr geläufig, da die Juden seit dem babylonischen Exil Aramäisch sprachen, damals gängige Umgangssprache im Vorderen Orient.
Aus diesem Grund entstand die Notwendigkeit einer Übersetzung der fünf Bücher Mose ins Griechische. Die Überlieferung besagt, dass Ptolemaios II. selbst diese Übersetzung für seine Bibliothek in Auftrag gab, wobei er 72 Gelehrte aus Judäa beauftragt haben soll. Von dieser Zahl erhielt die Septuaginta (lateinisch Siebzig) ihren Namen. Der Umstand, dass ein fremdstämmiger König die Bücher der Torah in die Verkehrssprache der heidnischen Welt übersetzen ließ, erinnert an den Wortlaut aus der Apostelgeschichte: damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist (Apg 15,17).
Bis zum zweiten Jahrhundert vor Christus wurden auch die übrigen biblischen Bücher übersetzt und die Bezeichnung Septuaginta auf das gesamte griechische Alte Testament ausgedehnt. Gleichzeitig war die Übersetzung der Torah im alexandrinischen Ägypten ein Akt der Vorsehung Gottes, der sie damit vor der rund 100 Jahre später stattfindenden Zerstörung jüdischer Heiligtümer durch Antiochos IV. rettete. Das ist zugleich ein heilsgeschichtliches Vorbild für die Rettung des Jesuskindes vor dem Tyrannen Herodes nach Ägypten.
So wurde die Septuaginta als Bibel gebräuchlich nicht nur in den Synagogen Diaspora, sondern sogar im Heiligen Land selbst. Auch die Apostel bedienten sich der Septuaginta. Schlagen wir nämlich die ganz zu Anfang zitierte Stelle beim Propheten Jesaja in der deutschen Übersetzung der Septuaginta auf, lesen wir:
Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat; um frohe Botschaft den Armen zu bringen, hat er mich abgesandt, um die zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung zu verkünden und den Blinden neue Sehkraft.– Jes 61,1 (Septuaginta deutsch)
Die Heilung von Blinden als zentrales Zeichen der messianischen Sendung Jesu, von dem auch das Jesaja-Zitat in Lukas 4,18 spricht und das im erhaltenen hebräischen Text Jesajas fehlt, ist hier vorhanden.
Ähnliches gilt für das Amos-Zitat aus Apostelgeschichte 15,17. Auch hier finden wir den übereinstimmenden Wortlaut nur in der Septuaginta:
An jenem Tag werde ich aufstellen die eingefallene Hütte Davids und werde ihre Ruinen wieder aufbauen und ihre Trümmer wieder aufstellen, und ich werde sie wieder aufbauen ganz wie in den Tagen der Vorzeit, sodass die Übriggebliebenen der Menschen und alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist, sie aufsuchen werden, spricht der Herr, der dies macht.– Amos 9,11-12 (Septuaginta deutsch)
Der Text stimmt überein mit dem obigen Zitat aus der Apostelgeschichte. Vor allem ist die Grundaussage dieselbe: Es ist nicht von der Unterwerfung der Völker die Rede, sondern von ihrer Errettung, die sich durch die Mission der Apostel unter den Heiden verwirklicht.
Der berühmte Leuchtturm von Alexandria, Fantasiezeichnung (Bernhard Fischer von Erlach, 17. Jh.) (Foto: Wikimedia Commons)
Welche hebräische Bibel?
Der masoretische Text unterscheidet sich in Amos 9,11-12 vor allem in der Vokalisierung (s. Adam/Edom). Den vorchristlichen, jüdischen Übersetzern ins Griechische lag aber offenbar ein anderer hebräischer Text zugrunde, wie wir an anderer Stelle bei Amos sehen können:
Denn siehe, der die Berge bildet und den Wind schafft und den Menschen wissen lässt, was seine Gedanken sind, der das Morgenrot und das Dunkel macht und einherschreitet über die Höhen der Erde — HERR, Gott der Heerscharen ist sein Name.– Amos 4,13 (Schlachter 2000)
Dieselbe Stelle lautet in der Septuaginta deutsch folgendermaßen:
Denn siehe, ich bin es, der den Donner stark macht und den Wind erschafft und den Menschen seinen Gesalbten verkündigt, der das Morgenlicht und den Nebel macht und auf die Höhen der Erde tritt. Der Herr, der Gott, ist sein Name.– Amos 4,13 (Septuaginta deutsch)
Die messianische Prophetie ist stark, jedoch im masoretischen Text vollständig abwesend. Das griechische Wort für „Gesalbter“, das in der Septuaginta steht, ist christón: ein überdeutlicher Hinweis auf Jesus Christus. Über die Ursachen für die Abwesenheit im masoretischen Text kann man argwöhnen. Bereits im zweiten Jahrhundert warf der hl. Justin der Märtyrer in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon den Juden vor, sie hätten die Schriften an vielen Stellen verfälscht, die sich auf Jesus als den künftigen Messias bezogen.
Der masoretische Aleppo Codex (10. Jh.) mit einem Ausschnitt aus Deuteronomium (Foto: Wikimedia Commons)
Schon in der Kirche des vierten Jahrhunderts gab es Streitigkeiten darüber, welcher Text zentrale Autorität haben sollte: Der lateinische Kirchenvater Hieronymus argumentierte für die sogenannte hebraica veritas (wörtl. „Hebräische Wahrhaftigkeit“) also für die Grundannahme, dass die überlieferte hebräische Bibel authentisch sei.
Gegen Hieronymus wandte sich der heilige Augustinus, der die kirchlich rezipierte Fassung der Schrift (d.h. im Wesentlichen die Septuaginta) beibehalten wollte. Während sich Hieronymus mit seiner lateinischen Übersetzung aus dem Hebräischen, der sogenannten Vulgata, im Westen langfristig durchgesetzt hat, blieb die Septuaginta im Osten die zentrale Autorität: für orthodoxe Christen bis heute.
Dabei muss bemerkt werden, dass der hebräische Text, der Hieronymus vorlag, ebenfalls an manchen Stellen vom rund 600 Jahre später festgelegten masoretischen Text abweicht – zugunsten der Septuaginta. Zum Beispiel in der messianischen Prophetie aus Psalm 22 (21),16: Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt (Vulgata/Septuaginta) und meine Hände und Füße wie die eines Löwen (masoretischer Text). Es fehlt die offensichtliche prophetische Parallele zum Leiden Jesu (die Durchbohrung der Hände und Füße bei der Kreuzigung, s. Joh 20,25).
Der hebräische Text, den die Übersetzer der Septuaginta vor sich gehabt hatten, muss noch einmal anders gewesen sein als der Text, den Hieronymus vor sich hatte. Denn an allen oben genannten Stellen (Jesaja 61,1; Amos 9,12 und 4,13) folgt auch Hieronymus der späteren, masoretischen Version, die deutlich weniger messianisch ist und statt des Heilswirkens Gottes die Unterwerfung der Völker ankündigt.
Schließlich wurde 1947 in Qumran am Toten Meer ein bahnbrechender Fund gemacht, der eine Vielzahl von Abschriften biblischer Bücher zutage gefördert hat. Darunter befinden sich auch hebräische Fragmente, die den Wortlaut der Septuaginta an einigen Stellen bestätigen. Es stellt sich deshalb nicht nur die Frage nach der Authentizität der ‚Hebräischen Bibel‘, sondern danach, von welcher hebräischen Bibel man überhaupt ausgehen möchte: Von der Vorlage der Septuaginta? Von der Vorlage des Hieronymus? Oder von der mittelalterlichen Version der Masoreten?
Die Bibel der Apostel
Aus christlicher Perspektive müssen wir uns an der Praxis der Apostel im Neuen Testament orientieren, die die Septuaginta intensiv benutzten. Und dies nicht nur um der Autorität der Apostel willen. Vielmehr ist aus dem Vorangehenden sichtbar geworden, dass die Harmonie zwischen dem Alten und Neuen Testament in keiner Version der Heiligen Schrift so stark ist, wie in der Septuaginta. Das gilt auch für das anfängliche Zitat aus dem Hebräerbrief über die Wiederkunft Christi, das wir bis hierher noch nicht eingelöst haben:
Wenn er aber den Erstgeborenen wiederum in die Welt einführt, spricht er: »Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten!– Hebräer 1,6 (Schlachter 2000)
Das Lied des Moses in Deuteronomium 32 besingt von Vers 35-43 das kommende Gericht Gottes über die Welt. In den erhaltenen hebräischen Varianten ist der Vers 43 kurz:
Jubelt, ihr Heiden, seinem Volk zu! Denn Er wird das Blut seiner Knechte rächen und seinen Feinden vergelten; aber für sein Land und sein Volk wird er Sühnung schaffen!– Dtn 32,43 (Schlachter 2000)
Die Version der Septuaginta ist deutlich länger, und die Botschaft eine andere:
Freut euch, ihr Himmel, zusammen mit ihm, und alle Söhne (= Engel) Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen! Freut euch, ihr Volksstämme, zusammen mit seinem Volk […] und der Herr wird das Land seines Volkes reinigen.– Dtn 32, 43 (Septuaginta deutsch)
Der Kontext der Wiederkunft Christi zum Gericht sowie die Aufforderung: „Alle Engel Gottes sollen ihn anbeten“ lassen keinen Zweifel, dass der Hebräerbrief hier Dtn 32,43 nach der Septuaginta zitiert. Die Lesart wird übrigens auch durch ein älteres hebräisches Fragment aus Qumran bestätigt (4Q44 Deutq). Zusätzlich haben wir hier eine ähnliche Diskrepanz in der Aussage wie wir sie für Amos 9,12 festgestellt haben: Die Septuaginta betont das Heilswirken Gottes an den Völkern, der spätere hebräische Text ihre Unterwerfung durch Israel.
Insgesamt ist festzustellen, dass die Septuaginta an vielen Stellen deutlicher und prophetischer auf den Messias hinweist, etwa in Amos 4,13. Ein weiteres Beispiel wäre die Prophetie in Jes 28,16 von Christus als dem kostbaren Eckstein (zitiert in Röm 9,33, 1 Petr 2,6), wo der messianische Bezug und die Errettung durch den Glauben im erhaltenen hebräischen Text Jesajas fehlt.
Nicht nur das, auch der Heilswille Gottes für alle Völker wird in der Septuaginta ungleich stärker betont. Das wird an den behandelten Beispielen aus Dtn 32,43 oder Amos 9,12 sichtbar. Es gibt hier und anderswo für Christen keinen Grund, sich auf einen späteren hebräischen Text zu stützen, der noch dazu im Widerspruch zur apostolischen Verkündigung steht.
Zwar bleibt die Septuaginta eine Übersetzung und die Kenntnis des Hebräischen darum hilfreich für ein tieferes Verständnis. Die Autorität der Apostel, das deutlichere Hinweisen auf den Messias und Gottes Heilswillen für die Völker sollten jedoch alle Christen dazu bewegen, die Septuaginta vielleicht nicht zum ausschließlichen, aber zum zentralen biblischen Fundament ihrer Glaubenspraxis und ihrer Verkündigung zu machen.
Eine Vertiefung des Plädoyers für die Septuaginta aus protestantisch-baptistischer Perspektive findet sich im Buch des Gelehrten Alexander Basnar: Das christliche Alte Testament: die Septuaginta. Wiederentdeckung eines verlorenen Schatzes, auf dem im Wesentlichen auch dieser Artikel basiert.