Vernunft statt Glaube
Ein kritischer Nachruf auf Jürgen Habermas:
Mystiker der Aufklärung und Hausphilosoph der Bundesrepublik
Am 14. März verstarb einer der größten Intellektuellen und der Hausphilosoph der liberalen Demokratie in Deutschland. Mit Jürgen Habermas stirbt auch die Illusion des sogenannten herrschaftsfreien Diskurses. Warum die Macht des besseren Arguments ein säkulares Heilsversprechen ist, und was Habermas’ Wirken über die geistigen Grundlagen der Bundesrepublik verrät.
Kaum ein Denker hat die politische Kultur in Deutschland so stark geprägt wie der Philosoph Jürgen Habermas. Nun ist der emeritierte Professor und Verfasser zahlreicher Bücher am 14. März 2026, im Alter von 96 Jahren in seinem Wohnort Starnberg verstorben. Das teilte der Suhrkamp Verlag mit, der nun um einen seiner profiliertesten Autoren trauert.
Habermas war maßgebend an einigen der größten Debatten der deutschen Nachkriegszeit beteiligt und wirkte auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. So wurden seine bedeutendsten Werke in dutzende Sprachen übersetzt. Anlässlich seines Ablebens ist ein kritischer Blick auf seinen Werdegang und seine Ideen angebracht.
Von der Frankfurter Schule zum Hausphilosophen der Bundesrepublik
Man kann die deutsche Geistesgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht erzählen, ohne auf Habermas einzugehen. Als Assistent bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung in den 1950er Jahren gehörte er zur zweiten Generation der Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule. Diese von Horkheimer, Adorno und Herbert Marcuse mitbegründete Schule setzte sich mit dem marxistischen Denken auseinander und entwickelte daraus die sogenannte ,kritische Theorie'. Sie übertrug Marx’ vorwiegend ökonomische Kapitalismuskritik auf soziale Hierarchien und kulturelle Traditionen. Unter dem Eindruck der NS-Verbrechen kritisierte sie Faschismus und Kapitalismus als mögliche Konsequenzen einer instrumentalisierten Vernunft, die Mensch und Natur zum Objekt einer radikalen Rationalisierung machten. Diesen historischen Prozess beschrieben jene Denker als ‚Dialektik der Aufklärung‘ (so auch der Titel einer 1944 erschienenen Sammlung von Essays). Obwohl Adorno und vor allem Horkheimer – im Gegensatz zu ihrem Kollegen Marcuse – der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre eher missbilligend gegenüberstanden, schuf das Denken der Frankfurter Schule doch das Klima, in dem diese Bewegung sich entfalten konnte.
Noch vor den Studentenunruhen wurde Habermas im Jahr 1964 auf den Frankfurter Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie berufen, den zuvor Horkheimer innegehabt hatte. Nach einem Wechsel an das Starnberger Max-Planck-Institut von 1971 bis 1981 übernahm er erneut eine Professur in Frankfurt bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994.
Doch Habermas war weit mehr als ein akademischer Philosoph. Seit den 1960er Jahren griff er immer wieder in die großen politischen und intellektuellen Debatten der Bundesrepublik ein. Auf diese Weise wurde er im Laufe der Jahrzehnte zu jenem „Hausphilosophen der Bundesrepublik“, als der er oft bezeichnet wurde: zu einer moralischen Instanz des liberalen Nachkriegsstaates, dessen Selbstverständnis er nicht nur analysierte, sondern normativ begründete.
Herrschaftsfreier Diskurs oder Freiheit, zu herrschen?
Aus dem Gedankengut der Frankfurter Schule heraus entwickelte Habermas nach und nach seinen eigenen Standpunkt, den er vor allem in seinem 1981 erschienenen Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns niederlegte. Darin formuliert er das Postulat eines herrschaftsfreien Diskurses, d.h. einer öffentlichen und politischen Debattenkultur, die möglichst frei von Machtansprüchen, ideologischen Vorentscheidungen und strukturellen Ungleichheiten sein sollte. Insofern steht Habermas in Kontinuität zur Frankfurter Schule, deren Ziel es war, im Sinne der Kritischen Theorie soziale und kulturelle Herrschaftsstrukturen sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren. Allerdings teilt Habermas den Kulturpessimismus Adornos nicht. Vielmehr hielt er an der aufklärerischen Hoffnung fest, dass sich moderne Gesellschaften durch vernünftige Kommunikation selbst korrigieren und ihre Konflikte im Medium des besseren Arguments zivilisieren könnten.
Gerade dieses Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses wurde jedoch zu einem der umstrittensten Punkte seines Denkens. Denn in der politischen Praxis zeigte sich immer wieder, dass der Anspruch auf Rationalität und moralische Universalität selbst zu einem Instrument der Deutungshoheit wurde. Besonders deutlich wurde dies im Historikerstreit der 1980er Jahre. In dieser Debatte wandte sich Habermas vehement gegen Historiker wie Ernst Nolte oder Andreas Hillgruber, denen er vorwarf, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren, etwa durch Vergleiche mit dem stalinistischen Terror in Russland. Habermas’ Intervention prägte entscheidend die moralischen Grenzen des legitimen Diskurses über die deutsche Vergangenheit. Der Philosoph knüpfte das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik unablösbar an seine Erzählung von der angeblichen Einzigartigkeit der NS-Verbrechen und der ebenso einzigartigen historischen Schuld der Deutschen. Zugleich trug Habermas dazu bei, die öffentliche Autorität der von ihm kritisierten Historiker zu delegitimieren.
Auch in späteren Debatten – etwa über nationale Identität, europäische Integration oder die Rolle des Verfassungspatriotismus – trat Habermas regelmäßig als normative Instanz auf, die definierte, welche Argumente noch als rational und legitim gelten konnten. Man darf hierin nicht nur einen Charakterzug, sondern ein nur auf den ersten Blick paradoxes Ergebnis seiner Theorie sehen: Der von Habermas formulierte Anspruch auf eine weitestmöglich herrschaftsfreie Kommunikation erzeugt selbst neue Formen diskursiver Macht, indem er festlegt, welche Positionen als vernünftig gelten dürfen und welche als irrational oder moralisch unzulässig aus dem Diskurs ausgeschlossen werden. Polemischer könnte man formulieren: Die Beschwörung der Herrschaftsfreiheit dient am Ende nur der eigenen Freiheit, den Diskurs zu beherrschen. Dieser Mechanismus ist nicht etwa einfach ein Missbrauch, sondern in Habermas’ Theorie selbst angelegt.
Wie sehr die Habermas'sche Diskursethik die politische Kultur der Bundesrepublik in diesem Sinne prägte, wird im Umgang gerade mit jenen Stimmen deutlich, die den gesellschaftlichen Konsens – oder das, was als solches erklärt wird – in Frage stellen. Besonders sichtbar wird dies auch im Umgang mit bestimmten rechtskonservativen Kräften in der Opposition. Zwar ist Habermas nicht der unmittelbare Urheber von politischen Ausgrenzungsstrategien, doch lieferte seine Theorie den normativen Rahmen, mit dem solche Strategien begründet werden können: Wer den angeblichen politischen Grundkonsens oder die moralischen Lehren aus der deutschen Geschichte in Frage stellt, so die implizite Logik, verlässt damit den Raum rationaler Kommunikation. Der politische Gegner erscheint nicht mehr primär als Träger eines anderen Interesses oder einer konkurrierenden Interpretation, sondern als jemand, der sich dem vernünftigen Diskurs selbst entzieht.
Auch in den Auseinandersetzungen um die staatlichen Maßnahmen während der COVID-19-Pandemie trat Habermas selbst öffentlich als Stimme der normativen Vernunft auf. In Interviews und Stellungnahmen verteidigte er die weitreichenden staatlichen Eingriffe mit dem Hinweis auf die moralische Verpflichtung zur Solidarität und den Vorrang wissenschaftlich begründeter Rationalität. Kritische Positionen wurden in dieser häufig nicht als legitime Gegenargumente, sondern als Ausdruck einer irrationalen oder verantwortungslosen Haltung behandelt. Die Debatte verschob sich damit von der Frage nach der politischen Angemessenheit einzelner Maßnahmen hin zu einer moralischen Bewertung derjenigen, die sie in Zweifel zogen.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich die paradoxe Konsequenz des habermas'schen Diskursideals. Der Philosoph, der sein Leben lang vorgeblich die Möglichkeit herrschaftsfreier Kommunikation verteidigte, wurde selbst zu einer moralischen Autorität, die definierte, unter welchen Voraussetzungen eine Position noch als vernünftig gelten kann.
Mystiker der Aufklärung – Vernunft und Religion
Anders als Horkheimer und Adorno hielt Habermas am Vernunftbegriff der Aufklärung fest, versuchte jedoch diesen auf eine neue Ebene zu heben. Wahrheit und Vernunft stehen für Habermas nicht unabhängig von gesellschaftlicher Kommunikation, sondern entstehen erst im Prozess öffentlicher Verständigung. Je offener und inklusiver der Austausch von Argumenten, desto größer – so seine Hoffnung – die Annäherung an eine rational gerechtfertigte Wahrheit.
Letztlich handelt es sich jedoch bei dieser Diskursethik um eine Art aufklärerischen Mystizismus: Es ist der Versuch, den objektiven Vernunft- und Wahrheitsanspruch der Moderne gerade in dem Moment zu retten, in dem ihn die Moderne selbst untergräbt. Der vernünftige Diskurs erscheint damit weniger als reale politische Möglichkeit, denn als säkulares Heilsversprechen – als die Hoffnung, dass dort, wo einst Gott und Naturrecht als letzte Instanz der Wahrheit galten, nun das bessere Argument diese Rolle übernehmen könne. Ähnlich wie das Postulat der Herrschaftsfreiheit entsteht zudem auch hier ein Zirkelschluss: Wenn die Ausbildung der Vernunft erst das Ergebnis eines offenen Diskurses darstellt, wie können die Ausgangsbedingungen dieses Diskurses ohne Rückgriff auf eine maßgebende Vernunft hergestellt werden?
Vielleicht auch aus diesem Grund beschäftigte Habermas in den letzten Jahrzehnten seines Lebens insbesondere die Reflexion über das Verhältnis von Glauben und Vernunft. Einen öffentlichen Höhepunkt erfuhr diese Auseinandersetzung in einem höchst positiven Austausch mit Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. In diesem Austausch wie auch in seinen jüngeren Veröffentlichungen vertrat Habermas die These, dass die säkulare Gesellschaft zumindest für die Formulierung verbindlicher moralischer Normen auf die Religion – und insbesondere das Christentum, von dessen metaphysischer Substanz der Westen nach wie vor zehre – angewiesen sei.
Allerdings leitet Habermas aus dieser Feststellung nicht die Notwendigkeit einer Umkehr zum Glauben an den christlichen, dreieinen Gott ab, vor dem das deutsche Volk selbst sich in der Präambel seines Grundgesetzes verantwortlich zeichnet. Vielmehr fordert der Mystiker der Aufklärung, man müsse die ethischen Gehalte der Religion ihrerseits in die säkulare Sprache eines vernunftorientierten Diskurses übersetzen. Das bedeutet aber: sie theologisch neutralisieren und den selbst geschaffenen Normen des Diskurses unterwerfen. Die Rolle der Religion wird somit auf die eines, wenn auch für die Gesellschaft unentbehrlichen, Reservoirs moralischer Werte reduziert (eine Rolle, die Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnenderweise jüngst auch dem Islam zugestand).
Fazit
Mit dem Tod von Jürgen Habermas verliert die Bundesrepublik nicht nur einen ihrer einflussreichsten Philosophen, sondern auch eine Figur, die über Jahrzehnte ihre geistigen Grundlagen und ihr historisches Selbstverständnis prägte. Dabei erhob seine Philosophie stets den Anspruch, politische Konflikte durch offenen Diskurs und freien Austausch von Argumenten zu lösen.
Gerade darin liegt aber auch die Problematik seines Wirkens. Habermas wollte die Aufklärung gegen ihren eigenen Zerfall verteidigen und den Begriff der Vernunft vor Relativismus und Zynismus bewahren. Doch indem er die Hoffnung auf Wahrheit und Geltung an den Prozess gesellschaftlicher Kommunikation band, verwandelte er diese Vernunft in ein Ideal, eine Art säkulares Heilsversprechen. Der Anspruch eines herrschaftsfreien Diskurses entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Illusion, die letztlich der Durchsetzung der eigenen Diskurshoheit dient.
In diesem Sinne erscheint Habermas tatsächlich als ein Mystiker der Aufklärung: als ein Denker, der die rettende Kraft der Vernunft predigte – auch dort noch, wo ihre traditionellen Grundlagen längst brüchig geworden waren. Seine Philosophie steht sinnbildlich für die geistige Entwicklung der Bundesrepublik selbst: für den Versuch, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine politische Ordnung zu begründen, die ihre Legitimität nicht mehr aus Tradition, Religion oder Nation bezieht, sondern aus der moralischen Autorität selbsternannter Diskurshoheiten.
Der Tod des Hausphilosophen der Bundesrepublik fällt in eine Stunde, in welcher der gesellschaftliche Konsens in noch nie dagewesenem Ausmaß gestört ist. Und die politische Polarisierung nimmt zu. Dafür sind nicht zuletzt jene verantwortlich, die im Sinne Habermas’ die normativen Grenzen des öffentlichen Diskurses festgesetzt und Deutschland von seinen religiösen und nationalen Wurzeln entfremdet haben.