Warum nur lebendiger Glaube seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann

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Warum nur lebendiger Glaube seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann?. Foto: UOJ Warum nur lebendiger Glaube seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen kann?. Foto: UOJ

Horror vacui: Warum der Ramadan die christliche Fastenzeit im öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Zusammenfassung: Im Umgang mit Fastenzeit und Ramadan messen Staat und Kommunen in Deutschland mit zweierlei Maß: das eigene christliche Erbe wird ignoriert oder zurückgedrängt, während man gleichzeitig den Islam öffentlich hofiert. Doch hinter der Kontroverse um den Umgang mit Fastenzeit und Ramadan liegen tiefere Ursachen. Eine Analyse.

Nein, mit horror vacui (dt.: „Scheu vor der Leere“) ist hier nicht die Angst vor dem leeren Bauch gemeint. Auch wenn viele Christen vor Beginn der Fastenzeit womöglich eine solche Angst empfinden, denn bei Fasten denken die allermeisten Menschen erst einmal an Verzicht. Dabei ist der Verzicht nur die eine Seite der Vorbereitung auf Ostern – geht es doch vor allem darum, sich innerlich frei zu machen und gänzlich von Gott erfüllen zu lassen. Die lateinische Tradition nennt das vacare Deo („frei sein für Gott“).

Es geht vielmehr um eine ganz existenzielle Beobachtung, die für die oben im Titel gestellte Frage von zentraler Bedeutung ist: Die Natur duldet keine Leere. Jedes Vakuum erzeugt einen Sog, der alles unmittelbar Vorhandene anzieht, um das Vakuum zu füllen. Was aber in der Natur gilt, das gilt auch in der Kultur – und ebenso im geistlichen Leben. Mit greifbaren Folgen für den politischen und gesellschaftlichen Alltag, wie wir sie exemplarisch in der diesjährigen Kontroverse um Fastenzeit und Ramadan beobachten können: Denn die Verdrängung der christlichen Fastenzeit durch den Islam im öffentlichen Bewusstsein ist vor allem dadurch bedingt, dass die christliche Substanz in Gesellschaft und Politik längst ausgehöhlt ist.

 

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Ramadanbeleuchtung im Jahr 2025 in der Frankfurter Innenstadt (Wikimedia Commons)

Kontroverse um Fastenzeit und Ramadan

Am 23. Februar 2026 nach dem gregorianischen Kalender begann die orthodoxe Fastenzeit – kurz nach dem Aschermittwoch, an dem die westlichen Konfessionen die vorösterliche Bußzeit begingen. Der fiel in diesem Jahr auf den 18. Februar. Nun ergab es sich, dass auch die Muslime am 18. Februar den Beginn des diesjährigen Ramadan feierten. Das führte zu Glückwünschen und Sympathiebekundungen vor allem von Seiten katholischer und evangelischer Würdenträger, teils aber auch zu scharfen Kontroversen.

Kultur der Anbiederung

Für Furore sorgte ein Grußwort von Bundeskanzler Friedrich Merz, das unter anderem auch auf Instagram veröffentlicht wurde. Darin wünschte der Regierungschef den muslimischen Mitbürgern „Ramadan Mubarak“, das heißt: „gesegneten Ramadan“. Die islamische Fastenzeit, so Merz, schaffe in Deutschland einen „festlichen Rahmen“ für „Toleranz“ und „Offenheit“, und zwar „über Kulturgrenzen hinweg“. Neben dieser Geste war es auch die Tatsache, dass Merz die christliche Fastenzeit keines einzigen Wortes würdigte, die in den sozialen Medien und darüber hinaus Unmut hervorrief.

Mehrere Städte in Deutschland installierten oder planen 2026 festliche Beleuchtungen zum muslimischen Fastenmonat. Als Vorreiter hat Frankfurt am Main in diesem Jahr bereits zum dritten Mal seine Kernstadt mit dem Schriftzug „Happy Ramadan“ erleuchtet. Während dort die Beleuchtung von der Gemeinde finanziert wird, organisiert in Köln wie schon 2025 die private Initiative „The Ramadan Project“ die religiöse Kulisse. Erstmals dabei ist auch Freiburg im Breisgau. Die Stadt schaltete am Seepark eine Beleuchtungsanlage für ihre muslimischen Bürger und solche, die es werden wollen. Auch München hat angekündigt, zum Ende des Fastenmonats ein repräsentatives Gebäude festlich zu beleuchten.

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Aktivisten besteigen eine Ramadan-Installation in Freiburg (Screenshot X)

In Freiburg führte die städtische Ramadan-Initiative zu einem außergewöhnlichen Protest: die vielfach als rechtsextremistisch bezeichnete Identitäre Bewegung überhängte kurzerhand die Beleuchtung „Happy Ramadan“ mit einem Banner, das den Schriftzug „Gesegnete Fastenzeit“ überragt von einem Kreuz trug. Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung schufen die Aktivisten damit dem Unmut einer Vielzahl von Bürgern Ausdruck – einem Unmut, der sich auch in sozialen Medien kundtat.

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Aktivisten überhängen die Ramadan Installation mit einer christlichen Botschaft (Screenshot X)

Sogar Konzerne haben Menschen islamischen Glaubens in Deutschland bereits als eigenständiges Publikum für sich entdeckt. So lancierte McDonalds pünktlich zum 19. Februar eine Marketing-Kampagne, bei der sich eine tagsüber leere Pommes Frites-Schachtel auf Werbetafeln nach Sonnenuntergang mit frischen Fritten füllte.

Kultur der Einschüchterung

All dies sind nur die jüngsten Beispiele für eine Kultur der Anbiederung, der auf muslimischer Seite allzu oft ihren Gegenpol in einer Kultur der Einschüchterung findet. Zu diesen Beispielen gehören auch Vorfälle wie der an einer Gemeinschaftsschule im nordrhein-westfälischen Kleve. Dort hatten muslimische Kinder nach Berichten ihre Mitschüler genötigt, zu fasten, und sie als Deutsche oder Nichtmuslime gemobbt. Lehrer und Schulleitung hatten daraufhin signalisiert, Kinder sollten sich wegdrehen, um ihre muslimischen Mitschüler nicht zu „provozieren“.

Ähnliche Problematiken treten in anderen Bildungseinrichtungen auf. Die Reaktionen von Entscheidungsträgern gehen oftmals dahin, Zugeständnisse für fastende Kinder zu machen. So empfahl das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, im Ramadan die Benotung der geringeren Leistungsfähigkeit von Schülern muslimischen Glaubens anzupassen.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass eine im Jahr 2025 erfolgte Absage des Christopher Street Day in Gelsenkirchen wegen einer „abstrakten Bedrohungslage“ offenbar auf eine Anschlagsdrohung zurückging, die Islamisten kurz vor der geplanten Veranstaltung auf TikTok veröffentlicht hatten.

Ganz zu schweigen von den abgesagten oder massiv schutzbedürftigen Karnevalsumzügen und Weihnachtsmärkten der letzten Jahre ist diese Nachricht auch ein Zeichen: Der Islamismus wird für die liberalistische Gesellschaft, die ihn hofiert, zunehmend zur Bedrohung ihrer eigenen ‚Werte‘.

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Botschaft des Bundeskanzlers Friedrich Merz zum Ramadan (Screenshot Instagram)

Messen mit zweierlei Maß

Skandalös am Umgang von Staat und Kommunen mit Islam und Ramadan ist aber nicht nur die Kultur der Anbiederung und des Wohlwollens. Was vor allem frappiert, ist der doppelte Standard, der beim Umgang mit Christen und Muslimen tagtäglich angewandt wird und der erst dazu führt, dass etwa der Ramadan die christliche Fastenzeit im öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Ob Merz’ Nichtachtung für die Christen in seiner Fastenbotschaft, die Abwesenheit der vorösterlichen Bußzeit im allgemeinen Stadtbild oder die Werbekampagne von McDonalds (man stelle sich vor, der Fast-Food-Konzern würde in der Werbung am Karfreitag seine Burger verstecken!): Wer sich zufällig nach Deutschland verirrte, könnte beinahe den Eindruck bekommen, nicht das Christentum, sondern der Islam wäre tonangebend dafür, in welche Richtung sich das öffentliche Leben entwickelt.

Islam als Gesellschaft stiftende Kraft?

Wo aber liegen die Ursachen für den Doppelstandard im Umgang mit Ramadan und christlicher Fastenzeit? Ist es das Buhlen der Politiker um eine wachsende Wählerschaft von Neueingebürgerten? Ist es eine gewollte Zurückdrängung des christlichen Erbes zugunsten einer lenkbaren, multikulturellen Gesellschaft? Ist es eine Schwärmerei für das Fremde und Exotische oder der fehlende Selbstbehauptungswille einer lebensmüden Kultur? Ein zweites Augenmerk auf die Worte des Bundeskanzlers lässt tiefer blicken:

Es ist bemerkenswert, dass die Kritik an dem von Friedrich Merz veröffentlichten Grußwort zum Ramadan insgesamt recht oberflächlich ausfiel. Denn die Kritik an fehlender Bezugnahme auf die christliche Fastenzeit oder einer einseitigen Hervorhebung des Islam verbleibt lediglich auf der Adressatenebene. Sie greift nicht die inhaltliche Bedeutung des Textes an, den wir hier noch einmal im Wortlaut zitieren wollen:

Unsere freiheitliche Gesellschaft ruht auf der Toleranz. Sie lebt von Offenheit und echter Neugier für den Anderen. Ramadan schafft dafür einen festlichen Rahmen über Kulturgrenzen hinweg.

Dem islamischen Fastenmonat wird also eine Gesellschaft stiftende Funktion beigemessen, die über kulturelle Grenzen hinausreicht. Eine Deutung, die der folgende Satz noch einmal verstärkt: „In diesem Miteinander“, so Merz, „entsteht die Kraft, die unser Land in Zeiten der Bewährung braucht.“ Auf diese Weise wird islamische Praxis zu einer Ressource gesellschaftlicher Stabilität und Resilienz.

Im Grunde äußert sich hier ein zentraler Gedanke, der zum Erbgut der politischen Ordnung in Deutschland gehört und der in dem berühmten Diktum von Wolfgang von Böckenförde zusammengefasst ist: „Der freiheitliche, säkularisierte Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas, der oft als Hausphilosoph der Bundesrepublik bezeichnet wird, betrachtet Religion gleichfalls als Reservoir moralischer und gesellschaftlicher Normen und Werte, die eine unentbehrliche Ressource für die Gesellschaft darstellen.

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Jürgen Habermas während einer philosophischen Diskussion (Wikimedia Commons)

Die zentrale geistige Ressource dieser Art ist in Deutschland – wie auch in Europa überhaupt – aber historisch das Christentum. Indem Friedrich Merz dem Islam eine Gesellschaft stiftende Kraft zuschreibt, sagt er also nichts anderes als: Der Islam gehört zu den geistig-moralischen Grundlagen Deutschlands. Er suggeriert: der Islam liefert Normen und Deutungsmuster für das Zusammenleben und trägt damit zum kulturellen Aufbau bei. So schreibt Merz dem Ramadan eine symbolische Bedeutung zu, die nicht einfach nur die Verständigung und das harmonische Miteinander betrifft, sondern tatsächlich an die Grundfesten der Gesellschaft reicht. Ein höchst verwegener und folgenreicher Zug, der aber kaum bemerkt worden ist. Wir nähern uns dem Kern des Problems.

Das religiös-kulturelle Vakuum in Deutschland

Das Verhängnis besteht darin, dass – wie Habermas selbst zugibt – die säkulare Gesellschaft von einer historischen christlichen Substanz „zehrt“. Diese Substanz hat längst ihre lebendige Kraft eingebüßt, sie ist für Habermas und den gesellschaftlich-moralischen Diskurs der Bundesrepublik aber ohnehin lediglich eine Verfügungsmasse, die – nachdem man sie theologisch neutralisiert hat – in den säkularen Diskurs eingespeist wird, um ihm die geistige Grundierung zu verleihen, die er selbst nicht herstellen kann. Mit anderen Worten: Es geht nicht um Gott, es geht um unentbehrliche ‚Werte‘ für das Miteinander, die in eine säkulare Sprache übersetzt werden müssen. Welche Aspekte der Religion dabei Geltung beanspruchen dürfen und welche nicht, entscheiden aber die Diskursverwalter – das heißt die Hoheiten des liberaldemokratischen Meinungsmonopols. Das staatlich legitimierte Spektrum dieses Monopols reicht von der Linken, ggf. noch dem Bündnis Sarah Wagenknecht, bis zur CDU.

Es ist aber nicht nur ein Armutszeugnis, sondern ein Offenbarungseid, dass ausgerechnet der Bundesvorsitzende der CDU in seinem Amt als Bundeskanzler jetzt den Islam zur einer konstitutiven Ressource der deutschen Gesellschaft kürt und dabei auch noch das Christentum geflissentlich übergeht. Das zeigt, wie ausgezehrt die christliche Substanz für die deutsche Politik tatsächlich ist. Nun wird der Islam beschworen, um dieses Vakuum zu füllen und all jene in das  Sozialingenieursprojekt BRD zu integrieren, die noch nicht ganz so lange hier leben und mit ‚christlichen Werten‘ überhaupt nichts anzufangen wissen.

Die Verdrängung der christlichen Fastenzeit durch den Ramadan im öffentlichen Bewusstsein ist ein Symptom dieses Prozesses. Es handelt sich aber natürlich nicht um eine ganz und gar bewusst gesteuerte Entwicklung. Wenn allerorts christliche Symbolik verschwindet oder versteckt wird, stattdessen der Islam an Präsenz gewinnt, so ist das vor allem Ausdruck einer religiös-kulturellen Leere: Deutschtum und Christentum sind im Grunde Dinge, die einer Mehrheit der Deutschen fast genauso wenig sagen wie andersgläubigen fremdstämmigen Bürgern. Diese Selbstentfremdung, die in vielen Fällen zum regelrechten Hass auf das Eigene ausartet („Deutschland, verrecke!“ – „Hätt’ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“) äußert sich als ekstatische Begeisterung für alle Überfremdungs- und Ersetzungsbewegungen, in denen man die Liquidierung der eigenen Kultur feiert.

Es geht also nicht einfach nur um Islamisierung im Sinne eines Geltungsanspruchs des Islam. Es geht um die gesellschaftliche Rolle des Islam nach dem Willen der (noch) tonangebenden Politiker und einer breiten Menge von Deutschen, die ihre kulturelle und religiöse Identität praktisch aufgegeben haben. Trotzdem bleibt die Islamisierung ein Problem. Auch ist fraglich, ob der Islam sich so leicht neutralisieren und dem säkularen Diskurs einspeisen lässt, wie Merz und Andere es wohl gern hätten. Mit Habermas ist erst kürzlich am 14. März der Großmeister der bundesdeutschen Diskursethik gestorben, wie wir sie oben beschrieben haben. Ihre geistigen Fundamente zittern unter der politischen Polarisierung und den Umfragewerten einer AfD, die mittlerweile der CDU bundesweit den Spitzenplatz streitig macht. Es gibt noch Kräfte in der Gesellschaft, die sich dem Sog des Vakuums widersetzen.

Was tun?

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Die Versuchungen Christi in der Wüste (Ikone in der Kathedrale San Marco, Venedig) (Wikimedia Commons)

Die vorangehende Analyse zeigt, dass die wahren Probleme nicht in Politik oder Verwaltung liegen. Es ist die geistig-kulturelle Aushöhlung unseres Volkes, die die jetzigen Verhältnisse erst möglich gemacht und die Hoheit der Habermasschen Diskursethik gesichert hat. Als Christen müssen wir zunächst selbst darum bemühen, „für Gott frei zu werden“ (vacare Deo) und unser eigenes, geistliches Vakuum mit den gottmenschlichen Werten des Evangeliums zu füllen.  So werden wir auch in der Lage sein, den Mangel in Gesellschaft und Politik aus der von Christus empfangenen Fülle zu ergänzen. Dann aber könnte die Orthodoxie eine entscheidende Rolle dabei spielen, die christliche Substanz Deutschlands wiederzubeleben.

 

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