Die Zähmung des Steppentiers

30. Juni, 21:34 Uhr
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Der spirituelle Wendepunkt des Großherzogs. Foto: UOJ Der spirituelle Wendepunkt des Großherzogs. Foto: UOJ

Unser christlicher Glaube erwuchs über der Asche von Götzen und Tierknochen. Und den ersten Stein in ihrem Fundament bildete der umgeschmolzene Glaube eines Fürsten, der sich aus der Tiefe seiner eigenen Hölle erhob.

Gräbt man die Erde am Hang des Altkiewer Berges um, kann man auf eine besondere Bodenschicht stoßen. Sie ist grau, fett, mit Holzkohle und winzigen Splittern kalzinierter Knochen durchsetzt. Asche gibt es dort in Massen, von der Zeit zu einem festen Polster zusammengepresst.

Diese Schicht legte im Jahr 1908 der Archäologe Vikentij Chwojka frei. Darunter kam eine Figur aus unbehauenen Findlingen zum Vorschein, von ellipsenförmiger Gestalt mit vier genau nach den Himmelsrichtungen ausgerichteten Vorsprüngen, und daneben eine wuchtige Säule aus gebranntem Ton. Ringsum lagen Tierknochen. Das Gebilde wurde sogleich als heidnische Kultstätte bezeichnet. Über ihre genaue Datierung streiten die Historiker bis heute.

Blutiger Pantheon auf dem Hügel

Die Chronik zeichnet auf diesem Hügel eine besonders schreckliche Szene. Im Jahr 980 errichtet Fürst Wladimir, der soeben den Kiewer Thron seinem Bruder abgerungen hat, hier einen gewaltigen heidnischen Pantheon aus sechs Kultbildern, angeführt vom hölzernen Perun mit silbernem Haupt und goldenem Schnurrbart. Die „Erzählung der vergangenen Jahre“ behauptet: Vor diesen Götzenbildern floss Blut. Und nicht nur Tierblut.

Im Jahr 983, heimgekehrt von einem siegreichen Feldzug gegen die Jatwinger, beschloss die fürstliche Druschina, den Göttern mit einem Menschenopfer zu danken. Das Los fiel auf den jungen Johannes, den Sohn des warägischen Christen Feodor, der lange Zeit in Byzanz gelebt hatte und im Geheimen an den gekreuzigten Christus glaubte. Der Vater gab seinen Sohn nicht heraus. Er trat auf die hölzerne Schwelle seines Hauses und schleuderte der erzürnten Menge eine flammende Herausforderung entgegen: „Das sind keine Götter, das ist Holz: heute ist es da, und morgen verfault es... sie sind von Menschenhand gemacht.“ Das Anwesen der Waräger wurde dem Erdboden gleichgemacht, ohne Zögern machte man Vater und Sohn nieder. So erschienen auf Kiewer Boden die ersten Märtyrer für Christus.

Jener, der den Befehl zur Errichtung dieser Götzenbilder gab und die Tötung der Waräger stillschweigend guthieß, war durch ungeheuerliche Gewalt an die Macht gelangt.

Wladimir tötete seinen eigenen Bruder Jaropolk, indem er ihn zu Verhandlungen lockte. Die Fürstentochter Rogenda von Polozk, die es gewagt hatte, ihn einen „Sohn der Sklavin“ zu nennen, nahm er mit Gewalt vor den Augen ihrer gefesselten Eltern, die er danach umbringen ließ. Die Chronik zählt dem Fürsten Hunderte Nebenfrauen an seinen Landsitzen auf und nennt ihn unersättlich in der Unzucht.

Die Mönche, die die Lebensbeschreibung des heiligen Fürsten verfassten, hätten diesen Schmutz retuschieren, verstecken und die scharfen Kanten glätten können. Aber sie ließen ihn mit Bedacht stehen. Sie bewahrten diese Tatsachen als das Maß jenes Abgrundes, aus dessen Grund die Gnade Gottes einen Menschen heraufzog, und überlieferten uns so die ehrliche Geschichte der Wiederbelebung der Seele des apostelgleichen Täufers.

Die Blindheit vor den Mauern von Chersones

Die Tragödie des Jahres 983 auf dem Kiewer Hügel, wo Feodor und Johannes umkamen, wurde für Wladimir selbst zum Anfang vom Ende. Die blutige Feier des Heidentums schlug in innere Verödung um. Der Fürst, mit einem kolossalen praktischen Verstand begabt, spürte plötzlich, dass der Dienst für Perun in eine Sackgasse geraten war. Das Massaker an den Warägern festigte nicht seine Macht, sondern legte im Gegenteil die tiefe Fäulnis des gesamten heidnischen Systems bloß.

Eine qualvolle Suche begann. Was in den Lehrbüchern trocken als die „Wahl des Glaubens“ bezeichnet wird, war für Wladimir eine Frage des persönlichen Überlebens. Er suchte nicht einfach eine Staatsideologie, sondern eine lebendige Kraft, die in der Lage wäre, seine aufrührerische Seele und das riesige Land zu bändigen.

Die Korsuner Legende berichtet, dass Wladimir unmittelbar vor der Taufe im eroberten Chersones plötzlich erblindete. Ein dichter, dunkler Schleier legte sich über seine Augen. Es war eine anschauliche Verbildlichung seines inneren Zustandes. Der Mensch, der alles erobert hatte, was sich in dieser Welt erobern ließ, erwies sich als gänzlich hilflos und verloren inmitten seines eigenen Triumphes.

Und als die byzantinische Prinzessin Anna ihm die kurze Botschaft übermittelte: „Wenn du von dieser Krankheit befreit werden willst, lass dich schnellstens taufen“, willigte Wladimir ein. In dem Augenblick, als der Bischof ihm im Taufbecken die Hand auflegte, fiel der Schleier. Aus dem Wasser stieg ein anderer Mensch. Nicht nur der Name des Fürsten änderte sich, sondern die Natur dieses reißenden Steppenwolfes selbst.

Der unglaubliche Verzicht auf das Schwert

Der stärkste Beweis für diese Verwandlung war, dass Wladimir nach seiner Rückkehr nach Kiew die Zerstörung der Kultstätte befahl. Perun band man an einen Pferdeschweif, schleifte ihn unter Peitschenhieben durch den Schmutz und warf ihn in den Dnepr. Doch das war nur die äußere Handlung. Das Wesentliche geschah im Innern des Fürsten selbst.

Der Mensch, der sein ganzes Leben lang alle Fragen mit dem Schwert und mit Gewalt gelöst hatte, weigerte sich nach der Taufe kategorisch, Verbrecher hinrichten zu lassen.

Die Chronik hat diesen erstaunlichen Dialog bewahrt. Wladimir schaffte die Todesstrafe in der Rus ab und erklärte den aus Konstantinopel angereisten griechischen Bischöfen: „Ich fürchte die Sünde.“

Für Byzanz, wo die Blendung gestürzter Kaiser und grausame Hinrichtungen die Norm des Staatslebens waren, war das eine Ungeheuerlichkeit. Die Bischöfe mussten den neubekehrten Fürsten überreden, Gerichte und Hinrichtungen wiedereinzuführen, damit die Räuber das Land nicht zugrunde richteten. Das ist schlicht verblüffend: Byzantinische Intellektuelle lehren den Barbaren von gestern, Härte in der Machtausübung zu zeigen, und er klammert sich hartnäckig an das Evangelium und weigert sich, Blut zu vergießen.

Er begann, Essen und Kleidung an die Armen zu verteilen, und befahl, Lebensmittel für alle Kranken und Gebrechlichen durch die Kiewer Straßen zu fahren. Der fürstliche Turm verwandelte sich in ein Zentrum der Barmherzigkeit. Der frühere Wladimir starb im Taufbecken von Chersones. An seine Stelle trat ein Herrscher, der im Ernst versuchte, das Leben des Staates auf dem Gesetz der Barmherzigkeit aufzubauen.

Kalkmörtel über den alten Gräbern

Zwischen 989 und 996 erschienen auf ebendiesem Hügel, auf dem noch vor Kurzem die graue Asche Peruns geraucht hatte, griechische Baumeister. Wladimir gab den zehnten Teil seines Einkommens für den Bau der ersten steinernen Kathedrale – der Desjatynnyj-Kirche zu Ehren der Entschlafung der Allerheiligsten Gottesmutter.

Erbaut wurde sie von byzantinischen Meistern aus Plinthos – dünnen, rot gebrannten Ziegeln. Die Plinthoi wurden auf Zementmörtel gelegt – eine Mischung aus Kalk und zerstoßenem Ziegel, die über Jahrhunderte aushärtete und zu einem Monolithen wurde. Und diesen Mörtel goss man unmittelbar über die Gräben des alten Heiligtums.

Bei den Ausgrabungen des Jahres 1908 entdeckten die Archäologen nahe am Altar der Kathedrale die Reste eines hölzernen Blockhauses – ebendie Behausung, in der die Waräger Feodor und Johannes ihre Verteidigung geführt hatten und umgekommen waren. Die Kirche war auf den Überresten der ersten Märtyrer erbaut.

Wenn man heute die senkrechte Wand der Ausgrabungsstätte auf dem Altkiewer Berg von oben nach unten freilegt, kann man unsere gesamte Geschichte ohne ein einziges Wort ablesen.

Erstaunlicherweise hält unser Glaube gerade auf dieser durchglühten Erde stand, die der grausame Fürst einst die seine nannte und die er darauf mit dem Kreuz segnete. Die Asche der Kultstätte ist unter dem Fundament der Kathedrale nirgendwohin verschwunden. Freilich kann man nicht ausschließen, dass auch an der Stelle der Kathedrale jetzt in jedem Augenblick aufs Neue eine Kultstätte eingerichtet werden könnte. Doch die Geschichte ist vom Antlitz dieser Erde nicht mehr auszulöschen, sie ist für immer eingeprägt in den Glauben des Steppentiers, das den Entschluss fasste, ein Christ zu werden.

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