Das orthodoxe Christentum hat eine zweitausendjährige Geschichte. In dieser Geschichte gab es Verfolgungen und Bekenntnis, Stürze und geistliche Aufstiege, Zeiten äußeren Friedens und Zeiten schwerer Prüfungen. Die Kirche lebte und lebt unter verschiedenen Mächten, in verschiedenen historischen Umständen, unter verschiedenen Völkern und Kulturen.
Doch die Worte des Predigers bleiben unverändert:
Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Prediger 1,9
Wahrscheinlich betrifft das vor allem den Menschen selbst.
Obwohl uns der Weg der Erlösung offensteht, obwohl wir von dem Opfer wissen, das unser Herr Jesus Christus zur Rettung der Menschheit auf sich genommen hat, sündigen wir weiterhin. Mehr noch: Manchmal sündigen wir nicht nur, sondern verraten im Grunde.
Und wenn wir „wir“ sagen, dann geht es nicht nur um einfache Gemeindemitglieder. Zu diesem „wir“ können auch Laien, Priester, Mönche, Nonnen und Bischöfe gehören.
Wie kann sich ein Mensch, der erst vor Kurzem in die Kirche gekommen ist, nicht verlieren?
Hier entsteht eine sehr wichtige Frage: Wie kann ein Mensch, der erst vor Kurzem zur Orthodoxie gekommen ist, sich in all dem nicht verlieren? Wie kann er sich nicht enttäuschen lassen? Wie kann er der Kirche treu bleiben — und dem, was ihn einst in dieser Kirche berührt hat?
Ein Neophyt kommt oft mit großer Begeisterung in die Kirche. Er sieht die Schönheit des Gottesdienstes, die Tiefe des Gebets, die Kraft der Sakramente und die Heiligkeit der orthodoxen Überlieferung. Sein Herz kann zum ersten Mal wirklich spüren, dass hier mehr ist als nur eine menschliche Organisation, eine kulturelle Tradition oder ein religiöser Ritus.
Er spürt: In der Kirche gibt es Leben. Es gibt Wahrheit. Es gibt Christus.
Doch mit der Zeit beginnt der Mensch nicht nur die Schönheit zu sehen, sondern auch die menschliche Schwäche. Er begegnet Leidenschaften, Konflikten, Ungerechtigkeit, Grobheit, Gleichgültigkeit, Intrigen und Skandalen. Manchmal sieht er das nicht irgendwo weit weg, sondern ganz nah — im Leben der Gemeinde, unter Gläubigen und bisweilen sogar bei jenen, die für andere ein Vorbild sein sollten.
Dann kann eine schwere Versuchung entstehen: „Wenn es auch in der Kirche Sünde gibt, wenn auch hier Menschen lügen, beneiden, um Einfluss kämpfen oder Vorteile suchen — worin besteht dann der Unterschied? Warum soll ich hier bleiben?“
Die Heilige Schrift setzt uns keine rosarote Brille auf
Die Heilige Schrift verspricht uns nicht, dass wir innerhalb der kirchlichen Mauern nur sündlose Menschen treffen werden. Im Gegenteil, sie spricht sehr direkt:
Jeder Mensch ist Lüge.
Psalm 115,2
Die Bibel setzt uns keine rosarote Brille auf. Sie fordert uns nicht dazu auf, Menschen zu idealisieren — auch nicht kirchliche Menschen. Echtes orthodoxes Christentum beginnt nicht mit einer schwärmerischen Sicht auf andere, sondern mit geistlicher Nüchternheit.
Wir müssen die rosarote Brille ablegen — vor allem in Bezug auf uns selbst. In der Beichte spricht der Mensch nicht über die Sünden seines Nachbarn, seines Freundes, seines Feindes, eines Bekannten, eines Priesters oder eines Bischofs. Er spricht über sich selbst. Er antwortet vor Gott für seine eigene Seele.
Und beim Jüngsten Gericht wird jeder von uns nicht für das Leben eines anderen Rechenschaft ablegen, sondern für sein eigenes.
Das bedeutet nicht, dass wir gegenüber dem Bösen, der Unwahrheit oder Ärgernissen gleichgültig sein sollen. Nein. Aber es bedeutet, dass wir Christus nicht durch uns selbst ersetzen dürfen — und Christus auch nicht durch einen Menschen.
Kein Priester, kein Bischof und keine kirchliche Persönlichkeit ist unser Herr Jesus Christus.
Der Mensch kann fallen, aber Christus ändert sich nicht
Ein Mensch kann fallen. Ein Mensch kann sich irren. Ein Mensch kann zum Ärgernis werden. Ein Mensch kann schwach, eitel, eigennützig oder hart sein.
Aber Christus ändert sich nicht.
Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit.
Hebräer 13,8
Genau daran sollte sich jeder Mensch erinnern — besonders derjenige, der erst vor Kurzem in die Kirche gekommen ist.
Ein Priester sagte einmal in einem persönlichen Gespräch: „Ich bin seit mehr als dreißig Jahren in der Kirche, deshalb bin ich Zyniker geworden.“ Vielleicht ist das einer der traurigsten Sätze, die man von einem kirchlichen Menschen hören kann.
Denn nach der inneren Logik des christlichen Lebens sollte der Mensch nicht zum Zyniker werden. Er sollte verwandelt werden.
Wenn er früher lieben konnte, sollte er in der Kirche lernen, noch tiefer zu lieben. Wenn er vergeben konnte, sollte er lernen, noch mehr zu vergeben. Wenn er Mitgefühl hatte, sollte dieses Mitgefühl reiner und stärker werden. Wenn er die Wahrheit kannte, sollte er lernen, sie mit Barmherzigkeit zu verbinden.
Doch manchmal sehen wir den entgegengesetzten Prozess. Ein Mensch beichtet jahrelang, empfängt die Kommunion, nimmt am kirchlichen Leben teil, kennt den Gottesdienst, die kirchliche Sprache, die Traditionen und Regeln — aber innerlich wird er nicht verwandelt. Er passt sich lediglich dem kirchlichen Umfeld an.
Er gewöhnt sich an Skandale, Intrigen, Streitigkeiten und menschliche Schwächen und beginnt allmählich, alles mit einem kalten Lächeln zu betrachten.
Zynismus ist keine geistliche Weisheit
Zynismus ist ein gefährlicher Zustand. Er ist keine geistliche Weisheit und keine Nüchternheit. Oft ist Zynismus nicht Erfahrung, sondern eine Wunde, die der Mensch Christus nicht zur Heilung gebracht hat.
Orthodoxe Nüchternheit hat nichts mit Zynismus zu tun. Nüchternheit sieht die Sünde, verliert aber nicht den Glauben. Nüchternheit kennt die menschliche Schwäche, verzichtet aber nicht auf die Liebe. Nüchternheit versteht, dass es in der Kirche Ärgernisse geben kann, zieht daraus aber nicht den Schluss, dass Christus aufgehört hätte, die Wahrheit zu sein.
Im Gottesdienst bekennt die Kirche:
Einer ist heilig, einer ist der Herr: Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters.
Göttliche Liturgie
Diese Worte sind sehr wichtig. Heilig im absoluten Sinn ist nur der Herr. Jede menschliche Heiligkeit ist ein Abglanz Seiner Heiligkeit, eine Teilnahme an Seiner Gnade. Der Mensch aber bleibt aus sich selbst heraus schwach und bedarf der Rettung.
Deshalb ist es wichtig, dass ein Mensch, der im kirchlichen Leben auf etwas Schweres, Ungerechtes oder Erschütterndes stößt, das Wichtigste in sich nicht zerstören lässt.
Wir dürfen nicht zulassen, dass die Sünde eines anderen uns Christus raubt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Unwahrheit eines anderen uns den Glauben nimmt. Wir dürfen uns wegen des Falls eines Menschen nicht von Gott abwenden.
Die Kirche ist keine Versammlung sündloser Menschen
Die Kirche ist keine Versammlung sündloser Menschen. Die Kirche ist der Leib Christi, in dem der Mensch zur Heilung, zur Umkehr und zur Rettung berufen ist.
Doch auch innerhalb der Kirche bleibt jeder Mensch frei. Einer kommt zu Christus um der Rettung willen. Ein anderer kommt wegen der Tradition. Ein anderer wegen einer Stellung. Ein anderer wegen einer Karriere. Und jemand vielleicht sogar wegen Geld, Einfluss oder eigener Wünsche.
Aber all das hebt die Wahrheit des Evangeliums nicht auf.
Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Johannes 18,36
Wir streben nicht nach einem irdischen System des Erfolgs, nicht nach menschlicher Anerkennung, nicht nach Macht und nicht nach Bequemlichkeit. Wir streben nach dem Reich Gottes.
Und hier haben Arme und Reiche, Einfache und Gebildete, Einflussreiche und Unscheinbare vor Gott dieselbe wichtigste Aufgabe: die eigene Seele zu retten.
Mehr noch, der Herr warnt direkt:
Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.
Matthäus 19,23
Doch die Rettung steht jedem offen. Entscheidend ist nicht, welche Stellung ein Mensch in der Gesellschaft oder sogar im kirchlichen Umfeld einnimmt. Entscheidend ist, ob er Christus sucht, ob er umkehrt, ob er sich demütigt, ob er lernt zu lieben, zu vergeben und nach dem Evangelium zu leben.
Die wichtigste Warnung an Neophyten
Deshalb lässt sich die Warnung an Neophyten einfach formulieren: Erwartet von Menschen keine Sündlosigkeit und baut euren Glauben nicht auf menschlicher Begeisterung auf.
Ein Priester, ein Bischof, ein Mönch, eine Nonne, ein geistlicher Vater oder ein aktives Gemeindemitglied darf für uns nicht zum Ersatz für Christus werden. Für gute Beispiele sollen wir Gott danken, aber an schlechten Beispielen dürfen wir nicht zerbrechen.
Wenn wir im kirchlichen Leben Sünde, Schwäche oder Ungerechtigkeit sehen, darf das kein Grund werden, sich vom Herrn abzuwenden.
Die Kirche ist keine Versammlung von Heiligen, sondern eine Menge von reuigen Sündern.
Dem hl. Ephraim dem Syrer zugeschrieben
Und in dieser Menge stehen auch wir selbst.
Darum ist es wichtig, nicht mit der Verurteilung anderer zu beginnen, sondern mit der Umkehr in der eigenen Seele. In der Beichte antworten wir nicht für die Stürze anderer, sondern für unsere eigenen. Und beim Jüngsten Gericht wird jeder zuerst für sich selbst Rechenschaft ablegen.
Man kann von einem Menschen enttäuscht werden. Man kann von einzelnen Taten, Worten oder Entscheidungen enttäuscht werden. Aber in Christus gibt es keine Lüge, keine Unwahrheit und keinen Betrug.
Menschen fallen, irren sich und verraten. Der Herr aber bleibt derselbe — gestern, heute und in Ewigkeit.
Wenn ein Mensch in die Kirche gekommen ist, weil sein Herz von Christus berührt wurde, dann soll er sich gerade an Christus festhalten. Nicht an Gerüchten, nicht an Skandalen, nicht an menschlichen Autoritäten und nicht an den eigenen Gefühlen, sondern am Herrn.
Dann wird selbst eine schwere Erfahrung uns nicht zu Zynikern machen. Sie kann uns nüchterner, demütiger und tiefer machen — wenn wir Christus nicht loslassen.