Über die Angst, die man Sparsamkeit nennt

Dialog mit einem Priester aus Kronstadt. Foto: UOJ Dialog mit einem Priester aus Kronstadt. Foto: UOJ

Die Wurzel unseres Geizes liegt in der Angst vor dem morgigen Tag. Doch die geballte Faust mit den zurückgelegten Scheinen macht uns nicht sicherer.

Jedem ist der lang ersehnte Augenblick der Lohntüte vertraut, wenn wir aufmerksam das Geld nachzählen, damit das Gehalt auch richtig ausgezahlt wird. Ähnlich beruhigend wirkt ein gut gefüllter Vorratsschrank mit Konserven für die kommende Saison – oft mehr als ein Gebet. Auch die Banking-App überprüfen wir dreimal täglich, um die Geldbewegungen zu beobachten. Diese auf den ersten Blick unbedeutenden Gewohnheiten verdunkeln im Leben nur allzu oft das Wesentliche – den Glauben an die allumfassende Fürsorge Gottes für uns.

Unter den Bedingungen der Kriegszeit Vorräte anzulegen, ist natürlich keine Sünde. Wasser und Grütze für den Notfall zu bevorraten, ebenso wie geladene Akkus und Powerbanks bereitzuhalten, wenn ringsum Explosionen dröhnen und der Strom ausfällt, ist nüchterne Sorge um sich selbst und um die, die einem nahe sind. Erinnern wir uns an den gerechten Joseph, der in Ägypten sieben Jahre lang Korn in die Speicher fuhr und damit ein ganzes Volk rettete.

Doch jetzt sprechen wir nicht über die Bedingungen des Überlebens, sondern über jene feine Linie, hinter der Vorsicht und Umsicht unmerklich zu Herren unseres Lebens werden. Wenn sich schon beim bloßen Gedanken, etwas mit anderen zu teilen oder sich von einem noch so kleinen Besitz zu trennen, das Herz im Innern zusammenzieht und ein unwillkürlicher Schrecken aufsteigt.

Ein Heiliger, der wirklich fror

Sprechen wir über dieses Thema mit dem gerechten Johannes von Kronstadt. Das Kronstadt seiner Zeit war der wichtigste Kriegshafen, ein Verbannungsort, vollgestopft mit Obdachlosen und heruntergekommenem, aus der Hauptstadt hinausgeworfenem Volk. Es war ein wahrhaft bettelarmes Milieu, und der junge Priester Johannes Sergijew ging absichtlich in diese feuchten Erdhöhlen, um Menschen aus diesem Elend zu retten.

Er verschenkte alles, was er besaß. Nach Zeugnissen von Augenzeugen kam er entkleidet nach Hause, mitunter sogar ohne Schuhwerk, da er die Stiefel dem abgetreten hatte, der stärker fror als er selbst.

Es ging so weit, dass Matuschka Jelisaweta gezwungen war, die Kirchenobrigkeit zu bitten, den Lohn ihres Mannes ihr auf die Hand auszuzahlen – andernfalls gab er alles bis auf den letzten Kopeken den Mittellosen und ließ die eigene Familie ohne Brot zurück.

Gespräch in der Dämmerung

– Vater Johannes, uns fällt es schwer, etwas wegzugeben. Nicht aus böser Absicht, wir wissen einfach nicht, womit wir die Kinder in einem Monat ernähren sollen, bei der jetzigen Krise. Ist es denn nicht vernünftig, Sachen, Lebensmittel und Geld in Reserve zu halten?

– Die Reserve an sich ist harmlos, – antwortet das Väterchen. – Das Übel liegt nicht darin, dass ihr etwas besitzt, sondern darin, wem ihr dient. In mein Tagebuch schrieb ich mir einmal eine Merkschrift: „Keinem Geschöpf diene mehr als dem Schöpfer … die Anhänglichkeit an irdische Dinge ist Götzendienst.“

Ja, Zwieback in der Vorratskammer macht euch noch nicht zum Gefangenen des Geizes. Doch das Herz, das an der letzten Münze oder dem letzten Krümel Brot festgewachsen ist, gehört euch bereits nicht mehr.

Wir fragen weiter: Wie unterscheidet man die nüchterne Sorge um das eigene Überleben von der Leidenschaft?

– Schaut dafür in euer Herz, – rät der Kronstädter Hirte. – Hier ist eine Frage zur sichersten Prüfung: „Weswegen werden wir hartherzig gegen die Armen“? Wenn schon beim bloßen Gedanken, zu teilen, das Mitgefühl im Innern erkaltet, dann ist die Grenze des rechten Maßes bereits überschritten, und du bist nicht mehr Herr über dein Auskommen, sondern Schuldner deiner eigenen Furcht.

– War Ihnen selbst diese Kälte in der Seele denn vertraut?

– Sie war mir vertraut, – antwortet der gerechte Johannes aufrichtig. – Und ich weiß, woher sie stammt. Alles, was beunruhigt und das Herz gleichsam in seinem Grund unterspült … rührt vom Teufel her. Er ist es, der die Unruhe sät, denn so viele Anhänglichkeiten, so viele spitze Pfeile, die das Herz durchbohren. Nur im Herrn ist Frieden des Herzens. Wenn die Stimme im Innern flüstert: gib nicht weg, du selbst wirst nicht genug haben, – das sind nicht deine Gedanken. Das ist ein Pfeil des Bösen.

– Und was taten Sie in solch einer Minute der Versuchung?

– Ich öffnete die Hand zum Almosen. Ohne abzuwarten, bis die Furcht ihre Rede beendet hatte, – gab ich einfach weg. Die Tat kam der Furcht zuvor. Der Herr steht ja, wie ich es nicht nur einmal im Tagebuch niederschrieb, „vor den Türen unseres Herzens, das für Ihn verschlossen oder zugesperrt wird … durch allerlei Anhänglichkeiten“. Und der Riegel dabei ist ein einziger – eine geballte Faust mit etwas Wertvollem.

Öffnest du die Hand – öffnet sich auch die Tür der Seele, und du kannst wieder atmen und beten.

Wir erinnern ihn an die Stiefel. Daran, dass es kein Maßhalten mehr ist, die Schuhe auszuziehen und barfuß in den eisigen Brei zu treten, sondern Wahnsinn in den Augen der Welt.

– In den Augen der Welt – ja, – stimmt das Väterchen zu. – Nur, wozu suchen wir das Leben … im Geld, wenn in ihm nicht das Herz des Lebens liegt, sondern Betrübnis, Enge, geistlicher Tod? Ich fror, und ich fror im Ernst. Doch den Menschen auf der Erde hält keine Schuhsohle, sondern Der, in dessen Händen unser Leben ruht. Das Eigene hingeben, wenn man selbst Angst hat zu sterben, – das ist der sichere Weg, die Furcht vor dem Tode zu verlieren.

– Und eine letzte, vielleicht die schmerzlichste Frage. Viele von uns haben jetzt, wegen des Krieges und der Armut, fast gar nichts mehr. Was soll der hergeben, dem nur noch Krümel geblieben sind?

– Eben die Krümel hergeben, – sagt Vater Johannes leise. – Erinnert euch der Witwe: Ihre zwei Scherflein wogen schwerer als alle reichen Gaben im Tempelschatz. Gott schaut nicht auf die Höhe der Gabe. Er schaut darauf, was es euch gekostet hat, die Hand zum Almosen zu öffnen.

Reichtum in der geöffneten Hand

Dieses Gespräch rief in Erinnerung, wie wichtig es ist zu begreifen, worauf und auf wen dein Herz gerichtet ist. Der ehrwürdige Johannes Klimakos bemerkte folgende Merkwürdigkeit: Solange der Mensch noch anhäuft, gibt er leicht, doch kaum hat er angehäuft, „hat er auch schon die Hände geschlossen“. Die Faust schließt sich nicht nur vor dem Bettler – hinter ihr versperrt sich auch jene Tür der Seele, an die der Herr selbst leise klopft. Die geöffnete Handfläche aber bleibt die einzige Stellung der Hand, in der man zugleich geben und empfangen kann. Darunter auch die Gnade empfangen.

Der Kronstädter Väterchen betete darum so: „Herr! Gewähre mir ein Herz, einfältig, ohne Bosheit, offen, gläubig, liebend, freigebig – ein Herz, das für Deine Gnade empfänglich ist und sie in Fülle weiterschenkt an jeden, der ihrer bedarf.“

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