Falsche Nähe als digitale Versuchung
Der Distanzverlust im virtuellen Raum ist Gift für das geistliche Leben
Es ist eine zeitlose Warnung, die der heilige Abt Dorotheos von Gaza in einer Ansprache an seine Mönche äußert – und eine überraschende zugleich:
„Es gibt keine schlimmere Leidenschaft als die Vertraulichkeit, denn sie ist die Wurzel aller Leidenschaften. […] Gott bewahre uns vor der verderblichen Leidenschaft der Vertraulichkeit!“
(Hl. Dorotheos, Geistliche Unterweisungen Kap. 4: Über die Furcht Gottes)
Was der geistliche Vater des 6. Jahrhunderts n.Chr. hier und in seinen übrigen Geistlichen Unterweisungen ausspricht, gehört zu den Grundlagen der christlichen, orthodoxen Spiritualität. Für uns Heutige ist dennoch schwer zu greifen, was Dorotheos an dieser Stelle meinen könnte. Dabei kennen wir das Phänomen genau, und ganz besonders aus der alltäglichen virtuellen Erfahrung.
Vertraulichkeit meint hier vor allem die Neigung, im Umgang mit Anderen alles aussprechen zu müssen, was einem durch den Kopf geht, (gr. parrhesía von pan = alles und rhesis = Rede). Also letztlich eine Form von Geschwätzigkeit, die jede persönliche Distanz zum Gegenstand und zum Gegenüber vermissen lässt. Wir können sie deshalb auch als Distanzlosigkeit übersetzen.
Schon wird die Parallele zur modernen Lebenswelt deutlicher. Der virtuelle Raum ist tatsächlich erfüllt vom Getöse Vieler, die meinen ihre persönlichen Ansichten, Befindlichkeiten und Animositäten zur jederzeit und für jedermann hörbar äußern zu müssen. Die digitalen Medien haben die ungute Wirkung, dass sie bei räumlicher Distanz und Anonymität trotzdem eine persönliche Nähe und Unmittelbarkeit zum Gegenüber suggerieren, was zum Wegfall von inneren Hemmschwellen führt.
Verlust der Ehrfurcht
Was dabei zerstört wird, ist vor allem die Ehrfurcht: die Ehrfurcht vor Anderen und damit auch die Ehrfurcht vor Gott. Deshalb auch spricht sie Dorotheos in seiner eben zitierten Ansprache über die Gottesfurcht an: „Was vertreibt die Furcht Gottes aus der Seele wie die Distanzlosigkeit?“ Er vergleicht sie mit einem „Glutwind“, der alles vertreibt und die Frucht der Bäume, d.h. des geistlichen Lebens verdirbt.
Natürlich spricht Dorotheos zu einer fest gefügten Gemeinschaft von Mönchen und nicht mit Blick auf eine virtuelle Öffentlichkeit. Aber auch seine Mönche litten offenbar unter der beschriebenen Neigung, dass sie die gebührliche Distanz und den Respekt gegenüber einander leicht vergaßen.
Die Vertraulichkeit oder Distanzlosigkeit ist nach Dorotheos Worten „sehr vielgestaltig“ und kann sich nicht nur in Worten, sondern auch in Berührungen oder Blicken äußern – darin, den Anderen „schamlos zu betrachten“. Während physische Berührungen im digitalen Raum so keine Rolle spielen, sind Bilder umso präsenter, die allzu oft entweder belanglose und unnütze oder gar schamlose und schädliche Inhalte darstellen.
Ausprägungen der Distanzlosigkeit
Aus Dorotheos Beschreibung lassen sich insgesamt drei Formen ableiten, wie sich die Leidenschaft der Distanzlosigkeit äußern kann: Die erste ist „unnützes Geschwätz“, also jede Art von weltlicher Rede, die zerstreut oder zur Liederlichkeit aufwiegelt. Es ist klar, dass der größte Teil der Inhalte und Diskussionen, die in digitalen Medien vorherrschen, in diesem Sinne nutzlos und zerstreuend sind.
Auch hier wirkt die suggerierte falsche Nähe wie ein Verstärker: Wir sprechen in einer Öffentlichkeit vor zahllosen Leuten bisweilen wie Menschen, die das vertraute Gespräch mit einem Freund pflegen. Was im persönlichen Gespräch alltäglicher Smalltalk ist, wächst sich im virtuellen Raum zu einem nie enden wollenden Sermon aus, weil wir nicht mit einem oder wenigen, sondern unzähligen Menschen nicht nur punktuell, sondern dauerhaft interagieren und ständig verfügbar sind.
Wir sind uns dieses Unterschieds nur oft deshalb nicht bewusst, weil wir von unserer Natur her für den persönlichen Umgang gemacht sind. Die Mechanismen der digitalen Welt wirken hier wie Multiplikatoren für eine Leidenschaft, die normalerweise auf diesen persönlichen Umgang beschränkt bleibt.
Die zweite Form, wie sich Distanzlosigkeit nach Dorotheos äußern kann, ist ungebührliche Intimität oder „Schamlosigkeit“ – nicht primär im sexuellen Sinne, sondern überhaupt ein auf unangebrachte Weise vertraulicher Umgang miteinander. Es ist immer wieder zu beobachten, wie Menschen ihre persönliche Gefühls- und Erfahrungswelt vor einer virtuellen Allgemeinheit ausbreiten, ohne sich offenbar bewusst zu sein, welche seelische Blöße sie sich damit geben.
Besonders verhängnisvoll wird das dann, wenn etwa an der Orthodoxie interessierte Menschen von Erfahrungen im Gebet berichten, in Online-Communities nach geistlichem Rat oder Hilfe in persönlichen Schwierigkeiten suchen. Abgesehen davon, dass geistliche Angelegenheiten in das Gespräch mit einem geistlichen Vater gehören, realisieren solche Menschen oft nicht, dass sich sich einerseits seelisch verwundbar machen, andererseits auch der Gefahr der Verblendung, Selbstüberschätzung oder Verirrung aussetzen.
Schließlich äußert sich die Leidenschaft der Distanzlosigkeit auch als „Rücksichtslosigkeit“, wie Dorotheos sagt: „Ihr sprecht schlecht voneinander und verletzt euch gegenseitig“. Das digitale Phänomen der Entgrenzung verbaler Gewalt und Übergriffigkeit ist allgemein bekannt. Die oben angesprochene räumliche Distanz Anonymität einerseits und die suggerierte persönliche Nähe andererseits führen dazu, dass wir Wut, Empörung und anderen Emotionen freieren Lauf lassen als wir gewöhnlich tun würden.
Hl. Dorotheos von Gaza, zeitgenössische Ikone. Zitat in der Schriftrolle "Die Vertraulichkeit (parrhesía) vermischt mit Ausgelassenheit bringt Seelen vom Weg ab."
Digitale Medien als Verstärker der Leidenschaften
Hinzu kommt zu all diesen Dingen, dass unsere digitale Interaktion nicht verschwindet. Unsere Worte sind nicht „in die Luft gesprochen“, wie es im realen Gespräch der Fall wäre, sondern sie sind für eine virtuelle Ewigkeit dokumentiert und aufbewahrt in Form von Text- und Sprachnachrichten, Fotos und Videos, die womöglich auch noch weiter verbreitet werden.
So sehen wir, wie die Vertraulichkeit oder Distanzlosigkeit in der Tat als „Wurzel“ eine Vielzahl anderer Leidenschaften hervorbringt: Zerstreuung, Empörung, Streit, fleischliche Begierde, Verblendung und noch viele mehr. All diese Leidenschaften werden durch digitale Medien potenziert – nicht weil diese an sich schlecht wären, sondern weil sie Mechanismen beinhalten, die dazu führen, dass wir natürliche Hemmungen leichter fallen lassen und uns deshalb schlechter beherrschen können.
Letztlich schaden wir dadurch sowohl uns selbst und anderen. Wir handeln allzu oft so, wie es der heilige Dorotheos in seinen eigenen Worten so drastisch beschreibt:
„Und wenn jemand von euch etwas sieht, was nicht nützt, geht er weg, schwatzt es weiter und wirft es in das Herz eines anderen Bruders. So nimmt er nicht nur selbst Schaden, sondern schadet auch noch seinem Bruder, indem er in sein Herz ein verderbliches Gift wirft.“
Das Heilmittel: Ehrfurcht vor dem Nächsten und vor Gott
Doch der geistliche Lehrer identifiziert nicht nur das Gift, er bietet uns zugleich auch das Heilmittel an. Wenn der distanzlose und vertrauliche Umgang die Ehrfurcht vor Gott und dem Nächsten vertreibt, dann ist die Kultivierung dieser Ehrfurcht das, was uns nottut gerade auch für einen gesunden Mediengebrauch:
„Daß wir doch Ehrfurcht haben, Brüder, dass wir doch unseren eigenen Schaden und den anderen fürchten! Daß wir doch einander ehren und eifrig bemüht sind, nicht einander ins Angesicht zu widersprechen! Denn auch dies ist, wie einer der Altväter sagte, eine Form der Vertraulichkeit.“
Wenn wir ein regelmäßiges Gebetsleben pflegen und Gottes Gegenwart nicht vergessen, dann wird es uns auch gelingen, diese Ehrfurcht zu erwerben. Wenn wir beim Umgang miteinander – ob real oder virtuell – den Nutzen des Nächsten wie auch unseren eigenen im Auge haben, dann wird Gott selbst uns vor Schaden bewahren:
„Denn wenn jemand um des Nutzens willen spricht, wie wir sagten, und nur deswegen, läßt Gott nicht zu, dass Verwirrung entsteht, noch läßt er Bedrängnis und Schaden folgen.“