Wir haben bald einen neuen Heiligen“ – Priester Elias Schlepegrell
Interview UOJ mit einem deutschen Priester der Georgisch-Orthodoxen Kirche über Patriarch Ilia II.
Die Union Orthodoxer Journalisten (UOJ) präsentiert ein Interview mit Vater Elias Schlepegrell. Er ist Priester der georgisch-orthodoxen Diözese von Deutschland und Österreich, betreut die georgisch-orthodoxe Gemeinde des Hl. Georg in Bremen sowie die deutschsprachige Gemeinde der Hl. Ansgar und Lambert. In diesem Interview spricht er über das geistliche Erbe und Wirken von Patriarch Ilia II.
Wie haben Sie persönlich die Nachricht vom Tod von Patriarch Ilia II. aufgenommen?
Auch wenn wir wussten, dass dieser Tag kommen würde, ist es schwer in Worte zu fassen, wenn er dann tatsächlich eintritt. Bei all der Trauer darf man aber auch sagen, dass es für ihn eine Erleichterung gewesen sein wird.
Die Nachricht vom Heimgang Seiner Heiligkeit Ilia II. hat mich – und wohl nicht nur mich – tief getroffen. Für mich persönlich kommt hinzu, dass ich die große Ehre hatte, ihm einmal zu begegnen, mit ihm sprechen zu dürfen und seinen Segen zu empfangen. Diese Begegnung bleibt für mich ein kostbares und unvergessliches Geschenk.
Ich werde auch bei der Beerdigung dabei sein, um persönlich Abschied von ihm zu nehmen. Wir haben bald einen neuen Heiligen.
Welche geistliche und gesellschaftliche Rolle spielte Patriarch Ilia II.?
Tatsächlich ist das kaum in Worte zu fassen. Er hat eine durch die Sowjetzeit sehr fragile Kirche übernommen. In Georgien gab es nur wenige funktionierende Gemeinden und nur wenige Priester.
Durch seine geistliche Arbeit hat er diese kleine orthodoxe Kirche wieder zum Blühen gebracht. Er hat nicht nur Strukturen aufgebaut, sondern vor allem den Glauben im Volk neu gestärkt.
Besonders wichtig war auch die Wiederbelebung des traditionellen georgischen Kirchengesangs, der vor der Eingliederung in die damalige russische Kirche und während der Sowjetzeit beinahe verloren gegangen war.
Dieser Gesang hat der georgischen Kirche innerhalb der orthodoxen Welt wieder ihre eigene Identität und ihren eigenen Charakter zurückgegeben.
Wie könnte sein Weggang die orthodoxen Gemeinden außerhalb Georgiens beeinflussen?
Wir werden sehen müssen, was geschehen wird. Der Patriarch hatte einen ganz besonderen, einigenden Charakter, und gerade jetzt, nach seinem Entschlafen, spürt man das besonders stark.
Er hat ein ganzes Volk geeint.
Was die Gemeinden in der Diaspora betrifft, wird vieles davon abhängen, wie die Zeit nach ihm gestaltet wird. Wir müssen abwarten, bis ein neuer Patriarch gewählt wird.
Wie beurteilen Sie die Bedeutung seiner Führung für die Beziehungen zwischen den verschiedenen orthodoxen Landeskirchen?
Er hatte einen sehr ausgleichenden und einigenden Charakter. Auch innerhalb der georgischen Kirche musste er zwischen verschiedenen Strömungen vermitteln, was mit Sicherheit nicht immer leicht war.
Seine ruhige und besonnene Art hat dazu beigetragen, Spannungen nicht weiter zu verschärfen, sondern den Weg des Dialogs zu bewahren.
Ich bin überzeugt, dass die georgische Kirche in der Entwicklung ihres eigenen Charakters – auch hier in der Diaspora – noch nicht am Ende angekommen ist.
Welche geistlichen Lehren lassen sich aus dem Leben und Wirken von Patriarch Ilia II. ableiten?
Aus seinem Leben können wir vor allem Demut, Geduld und Standhaftigkeit im Glauben lernen. Er hat gezeigt, dass ein geistlicher Hirte nicht durch äußere Macht wirkt, sondern durch Treue, Gebet und Opferbereitschaft.
In einer Zeit großer Umbrüche ist er seinem Weg treu geblieben und hat sich nicht von äußeren Umständen bestimmen lassen.
Das ist eine wichtige Lehre für uns alle: im Glauben standhaft zu bleiben, auch wenn die Zeiten schwierig sind.
Was war das Schwierigste – und was das Inspirierendste für die Gläubigen?
Das Schwierigste war sicherlich, die Kirche nach Jahrzehnten des Atheismus und der Unterdrückung wieder aufzubauen. Eine geistlich geschwächte Struktur neu zu beleben, erfordert nicht nur Organisation, sondern vor allem großen Glauben und Geduld.
Das Inspirierendste für die Gläubigen war seine väterliche Ausstrahlung.
Viele Menschen haben in ihm nicht nur einen Patriarchen gesehen, sondern einen geistlichen Vater.
Seine Ruhe, seine Worte und sein Auftreten haben vielen Menschen Halt und Orientierung gegeben.
Wie sehen Sie die Zukunft der Georgisch-Orthodoxen Kirche nach seinem Weggang?
Die Zukunft wird sicherlich nicht ohne Herausforderungen sein. Der Verlust einer solchen Persönlichkeit hinterlässt immer eine Lücke.
Gleichzeitig glaube ich aber, dass das Fundament, das er gelegt hat, stark ist. Wenn die Kirche auf diesem geistlichen Erbe aufbaut und in Treue zur Tradition bleibt, wird sie auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen – sowohl in Georgien selbst als auch in der Diaspora.
Die kommende Zeit wird zeigen, wie sich die Kirche weiterentwickelt, doch sie geschieht, wie immer, unter Gottes Führung.
Zum Gedenken an Patriarch Ilia II.
Mögen wir das geistliche Erbe von Patriarch Ilia II. nicht nur in Erinnerung behalten, sondern auch in unserem eigenen Leben weitertragen. Sein Beispiel zeigt uns, dass wahre Größe im Glauben, in der Demut und in der Treue zu Christus liegt.
Gerade in einer Zeit voller Herausforderungen sind wir aufgerufen, das fortzuführen, was er begonnen hat: den Glauben lebendig zu halten, die Einheit zu bewahren und im Gebet standhaft zu bleiben.
Möge der Herr seiner Seele Ruhe schenken und ihm das ewige Leben gewähren. Und möge er für uns alle ein Fürsprecher vor dem Thron Gottes sein.