Carsten Frerk veröffentlichte eine Studie, in der er die häufig genannte Zahl von fast vier Millionen orthodoxen Christen in Deutschland infrage stellte. Nach seiner Einschätzung beruhen viele Berechnungen vor allem auf Migrationsdaten und ordnen Menschen aus traditionell orthodox geprägten Ländern automatisch den orthodoxen Kirchen zu.
Diese Kritik verdient Aufmerksamkeit. Religiöse Zugehörigkeit lässt sich tatsächlich nicht mechanisch aus der Herkunft eines Menschen ableiten. Nicht jeder, der aus der Ukraine, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Georgien, Griechenland oder einem anderen Land mit orthodoxer Tradition kommt, ist automatisch ein praktizierender orthodoxer Christ.
Doch gerade hier beginnt die eigentliche Frage: Wenn die bisherigen Methoden ungenau sind, bedeutet das dann automatisch, dass es in Deutschland weniger orthodoxe Christen gibt? Aus unserer Sicht nicht. Es kann sogar sein, dass das Problem in die andere Richtung weist: Vielleicht sind es nicht weniger als vier Millionen, sondern mehr.
Wer wird gezählt?
Wenn von „Migranten aus orthodox geprägten Ländern“ die Rede ist, muss man zuerst klären, wen man damit meint. Diese Kategorie ist viel zu grob. Sie vermischt sehr unterschiedliche Gruppen, Lebensgeschichten und Generationen.
Etwas anderes sind Menschen, die erst vor Kurzem aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. Etwas anderes sind Familien, die seit Jahrzehnten hier leben. Wieder etwas anderes sind russlanddeutsche Spätaussiedler, Kinder und Enkel früherer Zuwanderer oder gemischte Familien, in denen die orthodoxe Tradition längst nicht mehr nur ein Merkmal von Migration ist, sondern Teil der familiären und kirchlichen Identität.
Diese Gruppen lassen sich nicht einfach in eine einzige statistische Schublade legen. Migrationsstatus und religiöse Zugehörigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein Mensch kann seit langer Zeit in Deutschland leben, gesellschaftlich vollständig integriert sein und dennoch orthodoxer Christ bleiben.
Wer fehlt?
Eine Statistik, die Orthodoxe vor allem über Herkunftsländer erfasst, bleibt zwangsläufig unvollständig. Sie kann einerseits Menschen mitzählen, die zwar aus einer orthodox geprägten Kultur stammen, aber keine Verbindung zur Kirche haben. Andererseits kann sie viele übersehen, die nicht mehr als „neue Migranten“ erscheinen, aber real zur orthodoxen Tradition gehören.
Dazu gehören Menschen der zweiten und dritten Generation, Spätaussiedler, Kinder aus gemischten Familien, deutsche Konvertiten und all jene, die in offiziellen religiösen Registern kaum sichtbar sind. Viele von ihnen sind in der Orthodoxen Kirche getauft, taufen ihre Kinder, besuchen Gottesdienste oder bewahren ihre orthodoxe Identität über Familie, Gemeinde und kirchliche Feste.
Deshalb funktioniert die einfache Formel „Herkunftsland gleich Religion“ nicht. Aber auch der gegenteilige Schluss, die Zahl der Orthodoxen müsse deshalb automatisch nach unten korrigiert werden, überzeugt nicht.
Mehr als Diaspora
Wer religiöse Entwicklungen in Deutschland statistisch erfassen will, muss eine einfache Tatsache berücksichtigen: Die Orthodoxie in Deutschland ist längst über den Rahmen einer reinen Diaspora-Religion hinausgewachsen.
Natürlich hängt das Wachstum vieler orthodoxer Gemeinden mit Migration zusammen. Doch orthodoxes Leben in Deutschland besteht heute nicht nur aus neu angekommenen Menschen und nicht nur aus nationalen Gemeinden. Es ist zu einem festen Bestandteil der religiösen Landschaft des Landes geworden.
In vielen Städten entstehen neue Pfarreien. Es gibt regelmäßige Gottesdienste, Sonntagsschulen, Kirchenchöre, Jugendinitiativen und zunehmend auch deutschsprachige Angebote. Orthodoxe Gemeinden sind nicht nur Orte der Bewahrung von Sprache und Kultur, sondern lebendige kirchliche Zentren.
Westliche Kirchen verlieren
Wer über die Zahl der Orthodoxen spricht, sollte zugleich auf die gesamte religiöse Entwicklung in Deutschland schauen. Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen formal einer Kirche angehören, sondern wie viele tatsächlich kirchlich leben.
Die formale Mitgliedschaft in einer Kirche und sogar die Zahlung der Kirchensteuer sagen nicht automatisch etwas über gelebten Glauben aus. Gleichzeitig verlassen viele Menschen die katholische und die evangelische Kirche. Manche tun es wegen der Kirchensteuer, andere wegen Enttäuschung über kirchliche Strukturen, wieder andere, weil sie den Bezug zur Religion insgesamt verloren haben.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Orthodoxie anders. Sie verschwindet nicht aus dem öffentlichen Raum, sondern wird sichtbarer. Das Interesse an der orthodoxen Tradition wächst nicht nur unter Menschen aus orthodox geprägten Ländern, sondern auch unter jenen, die nach alter Liturgie, geistlicher Kontinuität, Gebetsdisziplin, Beichte, Fasten und einer Verbindung zum frühen Christentum suchen.
Wachstum von innen
Wir sehen diese Entwicklung nicht nur anhand einzelner Veröffentlichungen oder äußerer Einschätzungen. Als orthodoxes Informationsportal stehen wir im Austausch mit Priestern, Bischöfen und Vertretern verschiedener orthodoxer Jurisdiktionen in Deutschland.
Dazu gehören die Antiochenisch-Orthodoxe Kirche, die Rumänisch-Orthodoxe Kirche, die UOK, die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland (ROKA), die Russisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, das Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, die Griechisch-Orthodoxe Kirche, die Georgisch-Orthodoxe Kirche und weitere orthodoxe Gemeinden. Alle sofort aufzuzählen, ist kaum möglich.
An vielen Orten ist Wachstum erkennbar: neue Pfarreien, mehr Gottesdienste, junge Familien, Kinder, Jugendliche und Menschen, die zum ersten Mal eine orthodoxe Kirche betreten. Dieses Wachstum lässt sich nicht allein mit der Fluchtbewegung aus der Ukraine oder mit Migration aus einem bestimmten Land erklären. Es ist breiter und tiefer.
In Deutschland hat dieser Prozess vielleicht noch nicht jene öffentliche Aufmerksamkeit erreicht wie in den USA, wo der wachsende Zuspruch zur Orthodoxie bereits intensiver diskutiert wird. Aber auch hier ist das Interesse nicht mehr zu übersehen.
Genaue Daten fehlen
Wir stimmen zu, dass die oft genannte Zahl von rund vier Millionen orthodoxen Christen in Deutschland überprüft werden sollte. Aber eine solche Überprüfung darf nicht von vornherein darauf hinauslaufen, die Zahl zu verkleinern. Sie muss darauf zielen, die Wirklichkeit genauer zu sehen.
Eine ernsthafte Statistik müsste nicht nur Herkunftsländer berücksichtigen, sondern auch Selbstidentifikation, Taufe, Bindung an eine Gemeinde, Gottesdienstbesuch, familiäre Tradition, gemischte Familien, Spätaussiedler, nachfolgende Generationen und Konversionen zur Orthodoxie.
Vielleicht braucht es dafür breite Befragungen. Vielleicht muss stärker mit den orthodoxen Gemeinden und Jurisdiktionen selbst gearbeitet werden. Denn wir kennen viele Orthodoxe in Deutschland, aber kaum jemanden, der jemals direkt gefragt wurde: „Sind Sie orthodox?“ — damit diese Antwort anschließend in eine religiöse Statistik einfließt.
Sichtbar werden
Wir möchten die Debatte über Orthodoxie in Deutschland nicht auf einen Streit um Zahlen reduzieren. Wichtiger ist, dass orthodoxes Leben sichtbar wird: in den Gemeinden, im öffentlichen Raum und auch in der digitalen Welt.
Deshalb rufen wir orthodoxe Christen dazu auf, sich aktiv einzubringen: in ihren Pfarreien, bei kirchlichen Initiativen, in der Weitergabe von Informationen und überall dort, wo heute das Bild religiösen Lebens in Deutschland entsteht.
Wer auch unsere Arbeit unterstützen möchte, kann orthodoxnews.de lesen und unsere sozialen Netzwerke abonnieren: Telegram, Instagram und Facebook. Wir berichten über das Leben der orthodoxen Kirchen in Deutschland, über Gemeinden, Ereignisse, kirchliche Initiativen und die religiöse sowie gesellschaftliche Entwicklung des Landes.
Vielleicht müssen wir dann weniger über abstrakte Zahlen streiten. Orthodoxe Christen können ihre Präsenz auch durch Teilnahme zeigen — im realen kirchlichen Leben und, wo es sinnvoll ist, auch im virtuellen Raum. Digitale Aktivität ersetzt natürlich nicht Gebet, Gottesdienst und das Leben in der Kirche. Aber sie kann sichtbar machen, dass die Orthodoxie in Deutschland lebt, wächst und längst ein bedeutender Teil der religiösen Wirklichkeit geworden ist.