Kontinuität der Angriffe auf serbische Patriarchen: von Tito bis Social Media
Journalist Željko Injac beschreibt historischen Konflikt zwischen Kirche, Politik und Medien über mehrere politische Systeme hinweg
In einem ausführlichen Beitrag in der serbischen Zeitung Dnevnik analysiert der Journalist Željko Injac die öffentliche und politische Behandlung der Patriarchen der Serbisch-Orthodoxen Kirche vom sozialistischen Jugoslawien bis in die Gegenwart. Seine zentrale These lautet, dass Angriffe auf die Patriarchen kein neues Phänomen seien, sondern eine historische Kontinuität darstellen – lediglich die Methoden hätten sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Das serbische Patriarchat veröffentlichte den Beitrag am 23. März 2026 auf seiner Webseite.
Željko Injac beschreibt zunächst die Zeit des sozialistischen Jugoslawien unter Josip Broz Tito als Phase der „kontrollierten Toleranz“ gegenüber der Kirche. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche wurde nicht vollständig verboten, jedoch systematisch aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Staatliche Kontrolle, Überwachung des Klerus, finanzielle Einschränkungen sowie der Ausschluss aus Bildung, Medien und Kultur hätten dazu geführt, dass die Kirche zwar institutionell überlebte, aber gesellschaftlich marginalisiert wurde. Religion sei in dieser Zeit zunehmend zu einer privaten Tradition oder folkloristischen Erscheinung reduziert worden, während ganze Generationen ohne tiefen Kontakt zum kirchlichen Leben aufwuchsen.
Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und während der Kriege der 1990er Jahre habe sich das Verhältnis grundlegend verändert. Die Kirche sei nicht mehr ignoriert, sondern politisch interpretiert und teilweise dämonisiert worden. Besonders Patriarch Pavle sei in internationalen Medien oft als Symbol serbischer Politik dargestellt worden, obwohl er wiederholt zu Frieden und Versöhnung aufgerufen habe. Gleichzeitig sei er auch innerhalb Serbiens politisch interpretiert worden – je nach Lager entweder als zu regierungsnah oder als Gegner der Regierung. In dieser Zeit habe sich ein Muster etabliert, nach dem der Patriarch nicht mehr primär als geistlicher Führer, sondern als politischer Symbolträger wahrgenommen wurde.
In der Zeit von Patriarch Irinej habe sich diese Entwicklung fortgesetzt. Die Kirche sei zunehmend als politischer Akteur interpretiert worden, insbesondere in Fragen wie Kosovo, europäische Integration, Familie oder gesellschaftliche Werte. Laut Injac entstand eine „Politisierung des religiösen Diskurses“, bei der kirchliche Stellungnahmen nicht mehr theologisch oder pastoral, sondern ausschließlich politisch bewertet wurden. Selbst moderate Positionen seien häufig als politisches Signal interpretiert worden.
Mit Patriarch Porfirije beginne schließlich eine neue Phase: die digitale Öffentlichkeit. Kritik und Kampagnen entstünden heute vor allem in sozialen Netzwerken, wo Aussagen schnell aus dem Kontext gerissen, verkürzt und massenhaft verbreitet würden. Injac spricht von einer neuen Form der öffentlichen Verurteilung, die durch Algorithmen, emotionale Debatten und schnelle Informationsverbreitung verstärkt werde. Dadurch entstehe der Eindruck eines digitalen Lynchmobs, obwohl die grundlegende Dynamik – die Infragestellung geistlicher Autorität – historisch nicht neu sei.
Der Autor schlägt daraus den historischen Bogen über mehrere politische Systeme hinweg: vom ideologischen Druck im Sozialismus über die mediale Politisierung in den 1990er-Jahren bis hin zu digitalen Medien-Kampagnen der Gegenwart. Trotz aller politischen Veränderungen bleibe die grundlegende Spannung dieselbe – das Verhältnis zwischen einer Kirche, die historische und spirituelle Kontinuität verkörpert, und politischen sowie ideologischen Kräften, die diese Autorität entweder nutzen, kontrollieren oder schwächen wollen.
Die UOJ berichtete zuvor, dass in Moskau ein neues Buch über den Heiligen Johannes von Shanghai vorgestellt wurde.