„Aber die Wahrheit wird sich durchsetzen“ — Metropolit Mark

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Metropolit von Berlin und Deutschland Mark. Foto: UOJ. Metropolit von Berlin und Deutschland Mark. Foto: UOJ.

Interview von UOJ mit Metropolit Mark von Berlin und Deutschland über die Große Fastenzeit, die Auseinandersetzungen innerhalb der Orthodoxie und seinen Dienst an Gott.

Die Große Fastenzeit hat begonnen – eine Zeit der geistlichen Reinigung und des Verzichts. Viele Christen suchen in dieser Zeit spirituelle Unterstützung und Orientierung bei anerkannten geistlichen Persönlichkeiten. Deshalb wandte sich der Verband der orthodoxen Journalisten in Deutschland an Seine Eminenz, Metropolit Mark von Berlin und Deutschland, dessen langjähriger Dienst und Erfahrung den Gläubigen helfen, ihren geistlichen Weg zu finden. Er spricht über die Bedeutung der Fastenzeit, über Herausforderungen und Spannungen innerhalb der modernen Orthodoxie sowie über seinen Dienst an Gott und den Gemeindemitgliedern in Deutschland. Das Interview spiegelt mehr als 40 Jahre kirchlichen Wirkens in der Diözese, die Geschichte der russischen Emigration und aktuelle Fragen des orthodoxen Gemeindelebens in Europa wider. Die Veröffentlichung erfolgt mit dem Segen von Metropolit Mark.

Wir nehmen das Interview vor Beginn der Großen Fastenzeit auf. Worauf sollen Menschen achten, die zum ersten Mal fasten oder regelmäßig fasten? Gibt es heutige Empfehlungen für einen geistlich richtigen Verlauf der Fastenzeit?

Alle Christen sollen darauf achten, dass die wichtigste Seite des Fastens in der Zurückhaltung, im Sich-Enthalten von bösen Gedanken und Taten liegt.

Am ersten Tag der Fasten bitten wir darum, daß wir die Kraft haben mögen, unsere Nächsten nicht zu fressen.

Es ist leicht sich von Fleisch zu enthalten, aber den Nächsten nicht durch Verurteilung, üble Nachrede u.ä. «zu fressen» ist wesentlich schwerer.

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In diesem Jahr begeht die deutsche Diözese der Russischen Auslandskirche ihr 100-jähriges Bestehen. Welche Veranstaltungen sind geplant, und wie bewerten Sie diese 100 Jahre kirchlicher Mission in Deutschland?

Veranstaltungen - siehe Plan. Zunächst einmal ist das Bischofskonzil zu nennen - es ist nach Deutschland verlegt worden, um das Jubiläum würdig zu begehen. Nach Abschluss des Konzils folgt eine historische Konferenz, die sich der Aufarbeitung der 100-jährigen Geschichte widmen soll. Teilnehmer sind Wissenschaftler, Spezialisten auf diesem Gebiet. Es wird eine Ausstellung geben, die später als Wanderausstellung die einzelnen Gemeinden besuchen wird.

Aber generell ist die Mission der Russischen Kirche in Deutschland wesentlich älter als 100 Jahre. Es ist schon früher viel Arbeit geleistet worden. Erste kirchliche Strukturen sind gewachsen, die unterschiedliche Perioden durchlaufen haben. Schon im 19. Jh. wurde wichtige Übersetzungsarbeit liturgischer Texte geleistet. Der Geistliche an der Russischen Botschaft in Berlin, Erzpriester Alexej von Malcev, war außerordentlich aktiv und versammelte um sich ein Schar von Helfern, die unter seiner Leitung liturgische Texte übersetzten. Zu einem großen Teil beruhen unsere heutigen Übersetzungen auf jener Arbeit.

Nach der Revolution von 1917 folgte ein Ansturm von Emigranten aus dem Russischen Reich. Das größte Zentrum der russischen Emigranten war Berlin. Dort wurde eine erste Kathedralkirche erstellt - nach dem Verlust infolge des Börsenkrachs 1929, war es bis vor Kurzem noch das «Dom-Hotel». Später baute diese Emigration die Kathedralkirche, die heute noch steht und wirkt. Es war eine überwiegend intellektuelle Emigration – darunter Schriftsteller, Komponisten, Professoren, etc. Viele von ihnen zogen aber weiter nach Frankreich und in andere Länder.

Die zweite Emigration ergoss sich hierher in und nach dem Zweiten Weltkrieg – das waren Menschen der unterschiedlichsten Herkunft und Berufe. Sie schlossen sich in erster Linie den bestehenden Gemeinden an, gründeten aber auch neue, so dass es in den 1950-er Jahren in der Deutschen Diözese über 170 Gemeinden gab. Diese schmolzen dann durch eine Emigrationswelle nach Nord- und Südamerika sowie Australien dahin.

1980 übernahm ich die Diözese mit etwa 40 oft sehr kleinen Gemeinden. Wir selbst rechneten eher mit dem Aussterben weiterer Gemeinden. Durch die politischen Veränderungen von 1990 ergab sich jedoch ein neuer Zustrom von Gläubigen, hauptsächlich aus dem Kreis von Russlanddeutschen und deren Angehörigen, so dass unsere Diözese heute wieder über 70 Gemeinden umfaßt.

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Statistiken zeigen ein Wachstum der orthodoxen Gläubigen in Deutschland. Wie beurteilen Sie die heutige Lage der Orthodoxie hier? Wächst die Zahl der Gemeinden, und welche Schwierigkeiten gibt es?

Seit 1990 ist die Zahl der Gemeinden stetig gewachsen. Unter den neuen Gemeindemitgliedern gibt es viele, die z.B. in Kazachstan getauft wurden, aber wegen der dortigen Entfernungen nicht verkirchlicht sind. Eine beachtliche Zahl dieser Menschen kommt heute in unsere Gemeinden. Einige von ihnen werden hier verkirchlicht, d.h. sie gewöhnen sich an die kirchlichen Traditionen und Bräuche und nehmen aktiv am Gemeindeleben teil.

Allerdings sind viele nicht mit der Lage der Kirche in einem nicht-orthodoxen Umfeld vertraut. Daher unterstützen sie die Kirche nicht in dem nötigen Maß. Das führt dazu, daß die Gemeinden ihre Priester nicht unterstützen können, und die Geistlichen daher in einem weltlichen Beruf tätig sein müssen, um ihr Familien zu unterhalten.

Es entstehen neue Gemeinden oder Gruppen von Gläubigen, die gerne regelmäßige Gottesdienste haben möchten, aber nicht imstande sind, einen Geistlichen zu unterhalten. Daher können viele Orte nur sporadisch von einem Priester besucht werden.

Sie haben sich lange für orthodoxen Religionsunterricht an deutschen Schulen eingesetzt. Wie erfolgreich war dieses Projekt, insbesondere in Bayern?

In Bayern und Nordrhein-Westfalen ist Orthodoxer Schulunterricht reguläres Schulfach, es ist kein Wahlfach, sondern ein Pflichtfach. Man kann im Fach Religion auch das Abitur ablegen. Wenn es an einer Schule genügend orthodoxe Schüler gibt, wird dort der Religionsunterricht eingerichtet.

An den Orten, wo nicht ausreichend Schüler vorhanden sind, können die Kirchengemeinden „außerschulischen Schulunterricht“ einrichten, wobei der Priester nicht in die Schule kommt, sondern die Schüler zu ihm.

Der Priester oder ein ausgebildeter Katechet mit Diplom bekommt eine Anerkennung durch das Kultusministerium und kann dann im Rahmen der Gemeindeschule Schüler aus verschiedenen Schulen versammeln und unterrichten.

Allein in München lernen so über 130 Kinder und Jugendliche. Die Benotung geht an die Schule und wird wie die Benotung für jedes andere Schulfach behandelt.

In der orthodoxen Welt gibt es heute Spannungen und Spaltungen. Wie können die orthodoxen Ortskirchen zur Einheit zurückfinden?

Die größte Spaltung ist bereits über 100 Jahre alt - nämlich die Annahme des des römisch-katholischen Kalenders durch die griechische Kirche in Istanbul. Diesem schlechten Beispiel folgten anderen Kirche, wie die Rumänische Bulgarische etc. Dies führte überall zu Spaltungen innerhalb der Ortskirchen. Die Russische Kirche wie die von Jerusalem oder die von Serbien blieben, Gott sei Dank, davon verschont. Mit der Änderung des Kalenders gingen zahlreiche Neuerungen auf anderen Gebieten Hand in Hand.

Weitere Divergenzen folgten 2016, als in Kreta eine Versammlung  zahlreicher Vertreter Orthodoxer Kirchen unter der Vormundschaft des Patriarchats, das in Istanbul residiert, auf höchster Ebene unternahm, eine Reihe von Änderungen der Traditionen und Dogmatik der Orthodoxen Kirche durchzusetzen. Die weitestgehende Neuerung aber war der Anspruch des Patriarchats von Konstantinopel (Istanbul) auf eine beispiellose Vorherrschaft innerhalb der Orthodoxie.

Im Geiste dieser vermeintlichen Vorherrschaft mischte sich Istanbul dann in die Angelegenheiten der Russischen Kirche ein und erteilte einer Sekte in der Ukraine den Tomos der Autokephalie. Damit war der Bruch zwischen Istanbul und Moskau besiegelt. Zum Vorsitzenden dieser Abspaltung wurde ein Laie ernannt, der keine Priester- oder Bischofsweihe besitzt.

Wie diese Spaltung zu überwinden ist, kann man heute nicht sagen. Aber die Wahrheit wird sich durchsetzen.

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In der Ukraine dauern Krieg und Druck auf die kanonische Kirche an. Welche historischen Beispiele können den Gläubigen und dem Episkopat helfen, im Glauben standhaft zu bleiben?

Der hl. Gregor der Theologe war zu seiner Zeit der einzige orthodoxe Bischof in Konstantinopel. Und er hatte nur eine kleine Kirche dort. Alle anderen Kirchengebäude waren in der Hand der Häretiker. Er wurde von Vielen, unter anderem den Machthabenden, angezweifelt, verleumdet und verfolgt.

Durch das strenge und eindeutige Festhalten am rechten Glauben hat er gesiegt, seine Theologie trug den Sieg davon und prägt die Orthodoxie durch die Jahrhunderte. So wurde letztlich die Wahrheit bestätigt.

Niemand soll daher kleinmütig sein oder die Hoffnung aufgeben. Gott schützt seine Kinder, selbst wenn im Moment der Kampf ungleich zu sein scheint, wenn Häretiker und Schismatiker in der Überzahl sind.

Die Wahrheit trägt den Sieg bereits in sich, selbst wenn er äußerlich nicht sichtbar ist.

 

In diesem Jahr haben Sie Ihren 85. Geburtstag begangen. Wir möchten Ihnen dazu nochmals herzlich gratulieren und Ihnen Gesundheit und Gottes Segen wünschen. Welche Tat oder welches Ereignis Ihres Lebens halten Sie für das wichtigste für die Orthodoxie in Deutschland?

Das wichtigste Ereignis ist m.E. die Unterzeichnung des «Aktes der Kanonischen Gemeinschaft» im Mai 2007, welcher die Einheit der Russischen Orthodoxen Kirche sichtbar machte.

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*Für die Gestaltung des Artikels wurden Fotos von Metropolit Mark aus öffentlichen Quellen verwendet, vor allem von sobor.de, derbote.online, tatmitropolia.ru und weiteren.

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