Die Flucht aus dem geistigen Gefängnis der irdischen Welt

Die Himmelfahrt des Herrn. Foto: UOJ Die Himmelfahrt des Herrn. Foto: UOJ

Wir streben nach Bequemlichkeit auf der irdischen, horizontalen Ebene und vergessen dabei, dass der Geist die Vertikale braucht. Die wahre Himmelfahrt beginnt, wenn der Verstand endlich verstummt.

Die Himmelfahrt ist weder das Ende des irdischen Weges des Erlösers noch ein chronologischer Punkt im Kalender. Sie ist eine notwendige innere Handlung. Die Seele muss lernen, sich von der Erde zu lösen, noch bevor sie sich von den Fesseln des Fleisches befreit. Wir sind dazu berufen, die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden.

Die Illusion der irdischen Anziehungskraft

Jede Liturgie ist ein unsichtbarer Aufschwung. Der Ruf aus der Tiefe des Altars: „Erheben wir die Herzen“ ist eine Erinnerung an unsere wahre Natur. Wir sind Wanderer, die in einem fremden Haus übernachten. Wäre diese Welt voller Verfall und Kriege unser wahres Zuhause, würde Gott uns nicht aus ihr herausholen. Doch Christus hat die Grenzen des Daseins klar abgesteckt: Sein Reich liegt in einer anderen Welt.

Das wahre Leben liegt nicht in Kämpfen um irdische Güter, sondern in der Gemeinschaft mit Dem, Der außerhalb der Zeit wohnt.

Um unserer eigenen Erlösung willen und zum Wohle anderer können wir einen radikalen und schöpferischen Akt vollziehen: diese Welt verlassen. Mit dem Geist über ihre Grenzen hinausgehen, uns über ihre Eitelkeiten erheben, ohne uns in geografische Isolation zurückzuziehen, sondern unser eigenes Herz in eine uneinnehmbare Zelle zu verwandeln.

Die Welt beginnt nicht hinter der Haustür, sondern im engen Raum des Geistes. Wohin wir auch fliehen mögen – in die Berge oder in die Wälder –, wir nehmen diese Welt mit uns, eingeschlossen in unserem Schädel.

Wenn der Geist vom Gift des Hasses vergiftet ist, verdichtet sich die Realität um uns herum zu einem Kreis aus ebenso verwundeten Seelen. Wenn der Geist jedoch beginnt, im Raum der Liebe zu leben, verwandelt sich alles um uns herum. Heiligkeit ist die höchste Nüchternheit des Herzens, das das Licht Christi durch den Schleier menschlicher Grausamkeit betrachtet. Glück auf Erden finden nur diejenigen, die erkannt haben, dass es hier nicht zu finden ist. Es liegt in der Abkehr von den erstickenden Pronomen „ich“, „mir“, „mein“.

Die Falle des falschen Erlösers

Die Menschheit wartet auf einen „guten König“, ein gerechtes Gesetz oder das Ende der Kriege, in der Hoffnung, dass äußeres Wohlergehen die innere Leere heilen möge. Doch selbst diejenigen, die die Gipfel irdischer Macht und der Gemütlichkeit erklommen haben, finden dort nur goldenen Staub und bittere Enttäuschung. Die Quelle des Glücks liegt in der Tiefe des reuigen Gebets, und die Anzahl der gelesenen Seiten oder Verbeugungen spielt dabei keine Rolle. Es ist die Stille des Geistes, der Frieden, die Sanftmut und jene durchdringende Einfachheit, mit der der Mensch die Welt betrachtet. Sein Leben wird zu einem ununterbrochenen Dialog mit Gott.

Weise zu sein bedeutet, achtsam zu leben und nicht zuzulassen, dass die Welt der Seele die Schlinge der Eitelkeit umlegt oder sie zwingt, ein Geschäft mit dem Gewissen zu machen.

Die Himmelfahrt ist nichts anderes als die Befreiung von allem Vergänglichen. Oft flüstert uns unser Verstand zu, dass das Streben nach innerer Zurückgezogenheit Egoismus sei. „Wie kannst du beten, wenn die Welt leidet?“, fragt er. Doch das ist eine Falle.

Man kann einen Ertrinkenden nicht retten, wenn man selbst nicht schwimmen kann. Eine unreife Seele, die sich aufmacht, „die Welt zu retten“, gleicht einer Herbstfliege – sie verfängt sich augenblicklich im klebrigen Spinnennetz fremder Leidenschaften und Gedanken.

Die Waffe der inneren Stille

Das größte Geschenk, das wir der Menschheit machen können, ist unsere eigene Läuterung. „Erlange einen friedvollen Geist, und Tausende um dich herum werden den Weg zur Erlösung finden.“ Das ist die Liebe, die nicht nur mitfühlt, sondern die Wirklichkeit verwandelt.

Der Weg zum Himmel führt über die vollständige Loslösung vom eigenen Ego – dieser verkleinerten, verzerrten Kopie unserer Persönlichkeit. Durch die Reue beginnen wir zu erkennen, wie listig unser „Ich“ versucht, uns wieder in die Knechtschaft irdischer Begierden zu führen. In diesem Kampf entsteht neues Leben. Es ist still, erfüllt von Mitgefühl und Weisheit, die Christus selbst nährt. Die Seele, befreit von den Lasten des Egoismus, beginnt wie ein Psalm zu erklingen: „Erweise denen, die dich kennen, deine Gnade und den Rechtschaffenen im Herzen deine Gerechtigkeit.“ Das ist unsere Himmelfahrt.

Die wahre Aufwärtsbewegung beginnt in dem Moment, in dem der Mensch aufhört, Halt im Treibsand des sichtbaren Wohlstands zu suchen.

Wir sind es gewohnt, das Leben an irdischen Errungenschaften zu messen, und vergessen dabei, dass der Geist in der vertikalen Dimension lebt. Jeder Atemzug kann zu einer Brücke zwischen der geschaffenen Welt und dem Unaussprechlichen Licht werden. Diese Brücke baut auf der Bereitschaft auf, die Angst vor dem morgigen Tag zu vergessen, auf dem Verzicht auf eigene Ansprüche und auf das Verlangen nach Anerkennung.

Freiheit von fremden Gedanken

Die Welt wird ihren rasenden Lauf fortsetzen und unsere Teilnahme an endlosen Streitigkeiten und Spaltungen einfordern. Doch die wahre Heldentat besteht darin, im Auge des Sturms zu verweilen und dabei den Atem der Ewigkeit zu bewahren. Dieser Zustand gleicht durchsichtigem Glas – er lässt die Sonnenstrahlen durch, ohne sie an sich zu halten. So wird auch die gereinigte Seele zum Leiter des göttlichen Willens, ohne ihn durch die Schatten ihres eigenen „Ich will“ zu verzerren. Wir sind dazu berufen, nicht nur den Himmel zu betrachten, sondern dem Himmel zu erlauben, durch uns hindurchzuwachsen und die grobe Materie des Alltags in das feine Gewebe der betenden Gegenwart zu verwandeln.

Die Wanderschaft endet in dem Moment, in dem sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Kulissen abwendet und sich dem inneren Zentrum zuwendet. Wahre Befreiung kommt dann, wenn der Mensch aufhört, seine Ängste und Ambitionen zu nähren, und begreift, wie illusorisch sie angesichts der Unendlichkeit sind.

Die Himmelfahrt beginnt mit einer Veränderung der Art und Weise, wie man die Welt sieht. Sich zu erheben bedeutet, ein lebendiges Zeugnis der Wahrheit zu werden, sie nicht mit Worten zu beweisen, sondern durch das eigene Leben, durch innere Stille zu offenbaren. Sich zu erheben bedeutet, eine unzerbrechliche Einheit mit der Quelle des Lebens zu finden, in der vorübergehende Widrigkeiten ihre Macht über uns verlieren und der Fülle der göttlichen Gegenwart weichen.

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