Leidensweg eines Volkes
UOJ-Reportage aus Stuttgart: Zum 111. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern gedachte die Armenische Gemeinde in Baden-Württemberg der Opfer
Am Freitag, dem 24. April, gedachte die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg (AGBW) bei einer Gedenkfeier mit prominenten Gästen aus der Politik der Opfer des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich. Zum 111. Mal jährte sich der Tag, an dem das jungtürkische Regime Männer, Frauen und Kinder aller gesellschaftlichen Schichten unter dem Vorwand der „Umsiedlung“ aus ihren Häusern vertrieb und sie auf langen Todesmärschen in die Wüste systematisch dem Tod preisgab. Diese Taten wurden 2016 vom Deutschen Bundestag offiziell als Völkermord anerkannt. Doch der Leidensweg des armenischen Volkes dauert bis heute an — wovon nicht zuletzt die Zerstörung armenischer Kirchen in Aserbaidschan vor wenigen Tagen zeugt.
Gedenkveranstaltung zum 111. Jahrestag des Völkermords
Es sind schätzungsweise um die 120 Menschen, darunter auffallend viele junge Leute, die sich am Freitagabend, den 24. April um 17 Uhr am Eingang zum Friedhof Steinhaldenfeld bei Stuttgart-Bad Cannstatt versammelt haben. Die meisten sind in schwarz gekleidet, alle warten auf den Beginn der Prozession. Eine strahlend warme Frühlingssonne scheint heute auf den mit blühenden Bäumen und Sträuchern reich bewachsenen Gottesacker. Der Pfarrer der Armenischen Gemeinde in Stuttgart, Dr. Diradur Sardaryan, ist zunächst noch mit der Begrüßung geladener Gäste aus der Politik beschäftigt. Dann entzündet er das Rauchfass und schreitet zur Prozession, ihm voran Gemeindemitglieder mit Totenkränzen und armenischer Flagge. Ziel der Prozession ist der Kreuzstein auf dem armenischen Gräberfeld, der an die Opfer des Genozids erinnert. Sie wurden im Jahr 2015 von der Armenisch-Apostolischen Kirche heiliggesprochen – als Märtyrer, die ihr Leben sowohl für ihren Glauben wie auch für ihr Volk und Vaterland ließen, wie Pfarrer Sardaryan betonen wird. Die Prozession zur Kranzniederlegung bildet den Auftakt dieses Abends, der sowohl kirchlichen wie auch einen politischen Charakter trägt.
Prozession auf dem Friedhof Steinhaldenfeld (Foto: Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e.V.
Feierliches Totengedenken
Am Kreuzstein angekommen, steht Pfarrer Sardaryan dem Gottesdienst zum Totengedenken vor. Anschließend begrüßt er zunächst die anwesenden Gäste: den evangelischen Stadtdekan Søren Schwesig, die Landtagsabgeordnete Katrin Steinhülb-Joos (SPD), Minister Manfred Lucha (Grüne) sowie die Politiker Joachim Kuhs MdL und Stefan Köthe (beide AfD).
In seiner bewegenden Predigt hebt der Geistliche hervor, dass der Stein das erste Denkmal seiner Art nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in Deutschland darstellt. Er verweise auf das Leiden der ca. 1,5 Millionen Männer, Frauen und Kinder, die „auf den Todesmärschen in die syrische Wüste getrieben und in den Konzentrationslagern entlang des Evphratos dem Hunger, den Seuchen, der Gewalt preisgegeben wurden“ – aber auch auf „eine Zivilisation, die über Jahrtausende im heutigen Anatolien verwurzelt war und innerhalb weniger Jahre vernichtet wurde“.
Pfarrer Dr. Diadur Sardaryan zelebriert das Totengedenken vor dem Denkmal der Völkermordopfer (Foto: UOJ)
Dabei äußert Pfarrer Sardaryan einen Gedanken, der zwar für viele befremdlich erscheinen möge, mit dem er jedoch eine christliche Perspektive auf die historischen Ereignisse wirft:
Wir betrauern unsere heiligen Märtyrer nicht; wir bitten um ihre Fürsprache bei Gott. […] Unsere Trauer gilt der Welt, die es zugelassen hat.
Im Zeugnis dieser Christenmenschen wie auch im Fortleben des armenischen Volkes sieht Sardaryan ein Zeichen für den Sieg des Lebens über den Tod.
Der Gemeindevorsteher würdigte dankbar, dass der deutsche Bundestag 2016 in einer Resolution den Genozid beim Namen nannte. Gleichzeitig mahnte er auch nicht nur zur Erinnerung an die Gräueltaten, sondern auch zu konsequentem Handeln – insbesondere mit Blick auf das andauernde Leiden der Armenier in Anatolien. Dort tobt seit dem Fall der Sowjetunion 1991 ein Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Karabach/Arzach. Erst drei Tage vor der Gedenkveranstaltung war bekannt geworden, dass die bereits mehrmals verwüstete Mutter Gottes-Kathedrale von Stepanakert, der größten Stadt der Region, von der aserbaidschanischen Armee zerstört wurde. Das Erinnern, so Sardaryan, dürfe nicht ohne Konsequenzen bleiben: konkret nannte er die Freilassung von Gefangenen, das Rückführungsrecht hunderttausender Armenier und Rechenschaft vonseiten der Verantwortlichen.
In der Türkei wird die Verfolgung und versuchte Ausrottung der Armenier – ähnlich wie die Verbrechen gegen orthodoxe Pontosgriechen und chaldäische Christen – bis heute als ‚Umsiedelungsmaßnahmen‘ beschönigt, das Andenken an verantwortliche Politiker geehrt. Die Resolution des Bundestags war deshalb ein deutliches Signal an die türkische Regierung, die mit Protest reagierte.
Auf die Predigt von Pfarrer Sardaryan folgen die Grußworte von Manfred Lucha, Minister für Soziales, Gesundheit und Integration und Katrin Steinhülb-Joos, Mitglied im Ausschuss für Europa und Internationales des Landtags Baden-Württemberg. Beide betonten stark die Mitverantwortung Deutschlands, das als Kaiserreich durch sein Bündnis mit dem Osmanischen Reich eine Mitverantwortung für den Völkermord trage. Lucha verwies auch eindringlich auf das Erstarken politischer Kräfte in Deutschland, die aus seiner Sicht einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte gefährdeten. Verlesen wurde auch eine Grußbotschaft des Vereins Stuttgarter Plattform gegen Völkermord, der sich für eine Kultur des Erinnerns einsetzt.
Mit dem priesterlichen Segen beschloss Pfarrer Sardaryan die Zeremonie der Kranzniederlegung. Danach löste sich die Versammlung auf, wobei viele die Opfer des Völkermords durch Verneigung und Gebet vor dem Kreuzstein ehrten, bevor sie sich zum zweiten Teil der Gedenkveranstaltung begaben.
Der Gedenkstein auf dem armenischen Gräberfeld in Steinhaldenfeld (Foto: Union Orthodoxer Journalisten)
Abendveranstaltung in der Lutherkirche Bad Cannstatt
Um 18.45 wurde die Veranstaltung in der Bad Cannstatter Lutherkirche fortgesetzt. Nach einer Eröffnung durch Pfarrer Diradur Sardaryan und Kristina Bagrtuni, die Vorsitzende der Armenischen Gemeinde in Baden Württemberg e.V., kamen erneut Vertreter der Baden-Württembergischen Politik zu Wort: zuerst der designierte Ministerpräsident Baden-Württembergs, Cem Özdemir. Özdemir hatte 2016 als Bundestagsabgeordneter und Parteivorsitzender der Grünen die Resolution zum Völkermord mitgetragen. Als türkischstämmiger Politiker setzte er damit ein ganz besonderes Zeichen. Auch er sprach davon, dass die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch den Deutschen Bundestag nicht ohne Konsequenzen bleiben sollte. Er forderte praktische Schritte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei, insbesondere in Richtung Bildung und Gedächtniskultur.
Der neu gewählte Ministerpräsident Baden-Württembergs und Miturheber der Völkermord-Resolution im Bundestag, Cem Özdemir (Foto: Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e.V.)
Ähnlich sprach anschließend die CDU-Abgeordnete des Landtags Baden Württemberg, Ayla Cataltepe in ihrem Grußwort. Sie hob vor allem die Verteidigung der Menschenrechte als bleibende, aktuelle Verpflichtung hervor, die sich aus einer lebendigen Erinnerungskultur ergebe.
Als Vorstandsmitglied des „Vereins zur Förderung der kulturellen Beziehungen Armenien und Deutschland“ e. V. sprach Ernst-Ludwig Drayß. Er brachte seine Freude über die Lebendigkeit eben dieser kulturellen Beziehungen zum Ausdruck, die sich auch in der jungen Zusammensetzung der Mitglieder und des Vorstands seines Vereins niederschlage. In der Tat waren auch bei diesem zweiten Teil der Gedenkveranstaltung in der Lutherkirche viele junge Menschen zu sehen: ein Beweis für die Lebendigkeit und den Zusammenhalt der armenischen Gemeinde in Baden-Württemberg und Deutschland.
Die Vorsitzende des Vereins der Armenischen Gemeinde in Baden-Württemberg (AGBW) e.V., Kristina Bagratuni (Foto: Armenische Gemeinde in Baden-Württemberg e.V.)
Andächtig untermalt wurde die Veranstaltung durch musikalische Einlagen von Vache Bagratuni (Cello) und Sona Talian (Klavier), die melancholische Werke armenischer Komponisten präsentierten. Emotional bewegend waren auch die Lesungen von Vic Bagratuni aus dem Buch „Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“ (herausgegeben von Mihran Dabag und Christine Platt). Hier wurden das Leiden und die Erinnerungen des geprüften armenischen Volkes über Generationen hinweg greifbar.
Musikalische Einlagen kamen von Vache Bagratuni (Cello) und Sona Talian (Klavier) (Foto: Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e.V.)
Die Gedenkrede hielt Dr. Hayk Martirosyan vom Lepsiushaus in Potsdam. Dieses wissenschaftliche Forschungs- und Begegnungsstätte“ beschäftigt sich nach eigenen Angaben „mit dem Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich und der Geschichte des deutschen Humanitarismus um 1900“. Eine humanitäre und humanistische Perspektive nahm auch Martirosyan in seiner Rede ein: Er stellte nicht nur die Geschichte des Genozids und die Mitverantwortung des Kaiserreichs dar, das als Verbündeter der Osmanen nachweislich von dem Völkermord wusste, sondern würdigte zugleich die positive Rolle der deutschen Missionen in Armenien dar und erinnerte daran, dass Menschlichkeit auch unter schwierigsten Bedingungen möglich ist. Man müsse auch der „Helden und Heldinnen der Humanität“ gedenken, die sich aufgrund ihre christlicher und humanistischen Ideale für die Verfolgten eingesetzt hätten.
Die Gedenkrede von Dr. Hayk Martirosian hob das Gedächtnis an die "Helden und Heldinnen der Humanität" hervor (Foto: Armenische Gemeinde Baden-Württemberg e.V.)
Mit einigen mahnenden Worten beschloss Pfarrer Sardaryan die Veranstaltung. Dabei betonte er vor allem, das „Nie wieder“ dürfe nicht auf bloße Erinnerungen oder Phrasen beschränken. Es erfordere politischen Willen, Verantwortung und praktisches Handeln – gerade auch angesichts jüngster Misshandlungen armenischer Zivilisten durch aserbaidschanische Soldaten.
Geschichte und Gegenwart
Der Leidensweg des armenischen Volkes überspannt damit mehrere Jahrhunderte – und er reicht bis in unsere Gegenwart hinein. Im Ersten Weltkrieg deportierte das jungtürkische Komitee für Einheit und Fortschritt ab dem 24. April 1915 systematisch die armenische Bevölkerung Anatoliens. Männer wurden vielfach sofort erschossen, Frauen, Kinder und Alte auf Todesmärsche in die syrische Wüste gezwungen. Hunger, Durst, Gewalt und Seuchen töteten schätzungsweise 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen. Armenische Städte und Dörfer, Kirchen und Klöster – Zeugnisse einer über 2.500 Jahre alten Zivilisation – wurden zerstört oder zweckentfremdet.
Osmanisches Militär eskortiert armenische Männer aus der Stadt Kharput zu ihrer Hinrichtung, März-Juni 1915 (Foto: Armin T. Wegner, Wikimedia Commons)
Die Verbrechen gegen die armenischen Christen stehen in einem größeren historischen Zusammenhang, denn zugleich vertrieb und ermorderte das osmanische Regime andere christliche Minderheiten: pontische Griechen, deren Verfolgung von Griechenland offiziell als Genozid eingestuft wird, sowie assyrische und chaldäische Christen, von denen ebenfalls Hunderttausende ihr Leben verloren. Diese parallelen Verbrechen an den christlichen Minderheiten Anatoliens offenbaren ein gezieltes Muster ethnisch-religiöser Verfolgung, das auf die Homogenisierung des osmanischen Staatsgebietes abzielte und dessen vollständige internationale Anerkennung bis heute aussteht. Das Deutsche Kaiserreich, als Verbündeter der Osmanen über die Vorgänge informiert, unternahm trotz einzelner Proteste von Diplomaten und Missionaren keine entscheidenden Schritte zur Unterbindung der Verbrechen – weder gegenüber den Armeniern noch gegenüber den anderen christlichen Minderheiten.
Die Muttergottes-Kathedrale in Stepanakert (Foto: Wikimedia Commons)
Die Armenisch-Apostolische Kirche nimmt in diesem Leidensweg eine besondere Rolle ein: Sie ist nicht nur Religionsgemeinschaft, sondern seit der Annahme des Christentums als Staatsreligion im Jahr 301 n. Chr. – und damit als erstes Volk der Welt – das zentrale Fundament armenischer Identität. Im Genozid wurden gezielt auch Geistliche ermordet, Kirchen geschändet und das Kirchengut beschlagnahmt. Die Heiligsprechung der Genozidopfer durch den Katholikos aller Armenier im Jahr 2015 war daher kein bloß religiöser Akt, sondern zugleich ein Bekenntnis zur untrennbaren Verbindung von Glaube, Volk und Geschichte. Die Armenisch-Apostolische Kirche gehört zur Familie der orientalisch-orthodoxen Kirchen: Nach dem Konzil von Chalkedon (451 n. Chr.) von der byzantinischen Reichskirche getrennt, teilt sie bis heute mit den koptischen, syrischen und äthiopischen Kirchen die miaphysitische Christologie. Ökumenische Kontakte zu den orthodoxen Kirchen griechischer russischer und serbischer Nationalität bestehen und haben sich in den letzten Jahrzehnten vertieft, ohne dass eine volle Kirchengemeinschaft besteht (in diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass Pfarrer Dr. Diradur Sardaryan unter anderem an der St. Klement von Ochrid-Universität in Sofia und am Institut für Orthodoxe Theologie in München studierte bzw. promoviert wurde).
Die Wunden des Genozids sind bis heute nicht vernarbt. Aserbaidschan kontrolliert seit der Offensive vom September 2023 das gesamte Gebiet Bergkarabachs (Arzach), das über Jahrhunderte armenisch besiedelt war. Die gesamte armenische Bevölkerung – über 100.000 Menschen – wurde vertrieben. Jüngste Berichte über die Zerstörung christlicher Gotteshäuser, darunter der Kathedrale von Stepanakert, verdeutlichen, dass die Auslöschung armenischer Präsenz in der Region fortschreitet.
Was am vergangenen Freitag in Stuttgart stattfand, war darum mehr als eine bloße Gedenkveranstaltung: es war ein lebendiges Zeichen für den Leidensweg eines christlichen Volkes, der bis heute andauert – aber auch ein Zeichen des Lebens und der Hoffnung.
Am darauffolgenden Samstag, den 25. April 2026, richtete die Armenische Gemeinde in Deutschland in der Frankfurter Paulskirche eine ähnliche Gedenkfeier zum 111. Jahrestag des Völkermordes aus.