Das Maß des Fastens ist wichtiger als seine Strenge
Das Typikon schreibt die klösterliche Ordnung vor, aber erst die geistliche Unterscheidung eines Laien macht aus strengen Regeln ein Werkzeug, das weder Herz noch Haus zerbricht.
Jeden August verbreitet sich in Chats und Rundschreiben mit dem Kirchenkalender dieselbe Tabelle: montags, mittwochs und freitags Trockenkost, dienstags und donnerstags gekochte Speisen ohne Öl – und nur samstags und sonntags ist eine gewisse Erleichterung vorgesehen. Anfangs flößt ein solcher Zeitplan Respekt ein: Die Regel ist streng, denn das Entschlafungsfasten gilt nach der Großen Fastenzeit als die zweitstrengste Fastenzeit, obwohl es lediglich zwei Wochen dauert. Doch schon bald kommt die erwartbare Panik auf: Wie soll man das mit Arbeit, Kindern und gewöhnlicher Erschöpfung überhaupt bewältigen?
Bevor man sich davon erschrecken lässt, sollte man fragen: Für wen wurde diese Regel überhaupt geschrieben?
Die Regel wurde nicht für uns geschrieben
Der strenge Kalender des Entschlafungsfastens beruht auf einer konkreten Klosterregel, die im Kloster des heiligen Sabbas des Geheiligten bei Jerusalem entstand und später in das allgemeine Typikon aufgenommen wurde. Eine eigene Fastenordnung für Laien gibt es in der Kirche schlichtweg nicht.
Das strenge Fasten wurde für einen Mönch bestimmt, dessen Tag vom Morgen bis zum Abend durch Gottesdienste und die Arbeit in der Gemeinschaft geprägt ist. Es war jedoch nicht für einen Menschen gedacht, der nach einer Mahlzeit aus Trockenkost noch acht Stunden am Steuer sitzen oder für eine Familie mit vier Kindern am Herd stehen muss.
Die Regel vollständig zu verwerfen, ist ebenfalls keine Lösung – schließlich hat sie eine tiefe Tradition und Bedeutung. Sie jedoch wörtlich und ohne Unterscheidungsvermögen auf das eigene Leben anzuwenden, ist ein Fehler, vor dem bereits die Kirchenväter, die diese Regeln verfassten, warnten.
Der heilige Johannes Cassianus ermahnte seine Schüler, nicht nur darauf zu achten, nicht übermäßig zu essen, sondern auch die Nahrung zur vorgesehenen Zeit zu sich zu nehmen – selbst dann, wenn man strenger fasten möchte. Maßlose Enthaltsamkeit, schrieb er, sei schädlicher als übermäßiges Essen.
Der heilige Ignatij Brjantschaninow warnte noch eindringlicher: Eine asketische Übung, für die die Seele noch nicht reif ist, stärkt den Menschen nicht. Sie bringt ihn aus dem Gleichgewicht und hinterlässt Niedergeschlagenheit statt Gnade.
Wer kann einem Laien als Vorbild dienen?
Hier zeigt sich die eigentliche Schwierigkeit. Man öffnet den Heiligenkalender auf der Suche nach einem Vorbild und findet vor allem Mönche, Einsiedler, Bischöfe und Märtyrer. Ihr Leben endete häufig heldenhaft, eindrucksvoll, aber früh. Beispiele dafür, wie ein Laie mit Haus, Ehepartner, Kindern und Haushalt fasten soll, sind dagegen erstaunlich selten.
Eines der eindrucksvollsten Vorbilder ist die heilige Juliana von Lasarewo, eine Adlige aus Murom, die im 16. Jahrhundert lebte. Mit 16 Jahren heiratete sie und übernahm die Leitung eines großen Haushalts. Sie stand vor allen anderen im Haus auf und ging als Letzte schlafen. Selbst in Hungerjahren versorgte sie die Armen und gab ihnen ihren letzten Bissen. Sie brachte 13 Kinder zur Welt, von denen die meisten bereits im Säuglingsalter starben. Zwei ihrer erwachsenen Söhne kamen im Dienst des Zaren ums Leben. Nach diesem Verlust bat Juliana ihren Mann um den Segen, in ein Kloster einzutreten. Ihr Mann antwortete jedoch, zunächst müssten die verbliebenen Kinder großgezogen werden.
Gehorsam blieb sie gegenüber ihrer Familie. Ihren geistlichen Kampf übertrug sie auf den häuslichen Alltag: Sie verstärkte ihr Fasten und ihr Gebet, schlief nur zwei Stunden täglich und legte sich statt eines Kissens ein Stück Holz unter den Kopf.
Dieses Detail sollte selbstverständlich nicht als Handlungsanweisung verstanden werden – das Holzstück ist hier nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist, was anschließend geschah. Als Krankheit und jahrelange Erschöpfung ihren Tribut forderten, besuchte Juliana die Gottesdienste seltener. Ihr häusliches Gebet wurde jedoch umso intensiver. Die Frau, die von der Kirche gerade wegen ihrer Askese als Heilige verherrlicht wurde, änderte selbst die Form dieser Strenge, als ihr Körper sie nicht mehr ertragen konnte. Für sie war die kirchliche Regel ein Werkzeug zur Läuterung der Seele. Wie jedes Werkzeug darf man es beiseitelegen oder durch ein anderes ersetzen, wenn es seinen Zweck nicht mehr erfüllt.
Das Maß des Fastens findet man nicht im Internet
Daraus ergibt sich auch eine praktische Antwort auf die Frage nach der Strenge des Fastens. Das Maß der Enthaltsamkeit eines Laien steht nicht in einer Tabelle, die aus dem Internet heruntergeladen wurde. Es liegt in einer besonnenen Entscheidung, die gemeinsam mit dem geistlichen Vater getroffen wird und den Gesundheitszustand, die Arbeitsbedingungen sowie die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt, die mit einem zusammenleben und auf die eigene Hilfe angewiesen sind. Ein Fasten, nach dem man aus Hunger und Gereiztheit seine Angehörigen anfährt, ist nicht besser als ein Fasten, das man überhaupt nicht eingehalten hat. Beide verfehlen ihr Ziel – nur von unterschiedlichen Seiten.
Das Entschlafungsfasten dient der Begegnung mit einem Geheimnis. Der Überlieferung zufolge verbrachte die Allheilige Gottesgebärerin ihre letzten Tage in Stille und verstärktem Gebet – ohne Zeugen und selbstverständlich ohne ihre geistliche Anstrengung zur Schau zu stellen.
Vielleicht ist es deshalb nicht die wichtigste Beschäftigung dieser beiden Wochen, die Tage zu zählen, die man mit Trockenkost verbracht hat. Viel wichtiger ist es, sich selbst zu fragen: Ist es während dieser Zeit im Haus etwas stiller und im Herzen etwas ruhiger geworden?