Ein Priester ohne Vergangenheit beendet das Blutvergießen

20. Mai, 14:45 Uhr
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Die Begegnung zwischen Melchisedek und Abraham. Foto: UOJ Die Begegnung zwischen Melchisedek und Abraham. Foto: UOJ

Abraham kehrte aus einer schweren Schlacht zurück, und ihm kam ein unbekannter König entgegen, dessen Brot und Wein die Logik der Menschheitsgeschichte auf den Kopf stellt.

Wenn man lange durch die ausgetrockneten Flussbetten der jüdischen Wüste wandert, versteht man schnell, warum in den biblischen Texten so viel von Durst und Schatten die Rede ist. Der Text des vierzehnten Kapitels des Buches Genesis beschreibt eine sehr vertraute, raue Realität des Nahen Ostens.

Abraham und seine dreihundertachtzehn Hausgenossen kehren nach einer langen Verfolgungsjagd nach Hause zurück. Hinter ihnen liegen die blutige Schlacht im Tal von Siddim, die Zerschlagung der lokalen Königskoalition und die Rettung des gefangenen Neffen Lot. Krieg bleibt immer eine schmutzige und zermürbende Angelegenheit, selbst wenn man nur seine Angehörigen verteidigt. Abrahams Leute sind todmüde. Die Lederriemen der Ausrüstung haben ihre Schultern blutig gerieben, die schweren Bronzeklingen sind mit einer Kruste aus getrocknetem Sand bedeckt. Die Truppe der Sieger schreitet schwerfällig über den glühend heißen Boden und sehnt sich danach, so schnell wie möglich ihre Zelte zu erreichen.

Und da kommt dem erschöpften Sieger der örtliche Herrscher entgegen. Er trägt keine Kisten mit Silber, um sich von der fremden Armee freizukaufen, und er streckt keine Waffen als Zeichen der Unterwerfung entgegen. In seinen Händen ruhen wärmendes Brot und ein Kelch mit Wein.

Brot statt Opferblut

Die Priester jener Zeit suchten die Gnade des Himmels ausschließlich durch Blut. Auf den steinalten Kanaanern wurden Kälber und Widder geschlachtet, denn das Opfer schien den Menschen die verständlichste Kunst zu sein, mit der Gottheit zu kommunizieren. Vor diesem Hintergrund erscheint das Erscheinen Melchisedeks ganz anders. Der König von Salim – der Stadt, die wir heute als Jerusalem kennen – bringt der erschöpften Truppe ein unblutiges Opfer entgegen.

Die Schrift hält diesen Moment wie folgt fest: „Melchisedek, der König von Salim, brachte Brot und Wein heraus – er war Priester des höchsten Gottes“ (Gen 14,18). Jahrhunderte später wird der Märtyrer Cyprian von Karthago schreiben, dass wir in dieser Episode ein direktes Vorbild der Eucharistie sehen. Ein unbekannter Herrscher tut auf der staubigen Straße das, was Christus später im Obergemach in Zion vollbringen wird. Mitten im Krieg, inmitten bewaffneter Menschen, schafft er einen Ort des Friedens, an dem niemand mehr getötet werden muss.

Ein Herrscher ohne Vergangenheit

Für die semitischen Völker der Antike bedeuteten die Vorfahren absolut alles. Der Name des Vaters und die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm ersetzten Pass, Empfehlungen und sozialen Status. Ein Mensch ohne Abstammung war schlichtweg ein Ausgestoßener, den jeder ungestraft beleidigen konnte. Doch Melchisedek taucht aus dem Nichts auf. Der Apostel Paulus wird später auf dieses Rätsel hinweisen: Der König von Salem erscheint in den Seiten der Heiligen Schrift „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum“.

Seine Biografie bleibt schlicht im Hintergrund. Die persönliche Geschichte des Herrschers tritt vollständig hinter seine prophetische Rolle zurück. Der Name Malki-Zedek selbst bedeutet übersetzt „König der Gerechtigkeit“, und der Titel des Herrschers Salim leitet sich von der alten Wurzel „shalom“ ab, was „Frieden“ bedeutet. In einer Zeit endloser Gemetzel benachbarter Stämme bewahrte der Schöpfer Seinen Priester. Dies beweist, dass Gott die Welt niemals ohne Zeugen der Wahrheit zurücklässt, selbst in den trostlosesten Zeiten, in denen es scheint, als gäbe es keine gläubigen Menschen mehr.

Der Sieger senkt sein Schwert

Abraham war ein Patriarch. Er hatte gerade eine Koalition sehr mächtiger Herrscher zerschlagen. Auf seiner Seite standen echte militärische Macht, Beute und unbestrittene Autorität. Nach den Regeln jener Zeit konnte er jedem Fürsten, dem er begegnete, Bedingungen diktieren. Der Sieger nimmt alles, und der Besiegte zahlt Tribut.

Doch es geschieht etwas, womit niemand gerechnet hat. Der Patriarch übergibt schweigend einem unbekannten Priester den Zehnten der besten Beute. Der Heilige Johannes Chrysostomos wies in seinen Predigten auf dieses Paradoxon hin: Der Geringere wird vom Größeren gesegnet. Abraham neigt freiwillig sein Haupt vor der dargebrachten Schale. Die militärische Macht erkennt die höchste Autorität der göttlichen Welt an. Das Schwert des Siegers unterwirft sich der Würde des heiligen Brotes.

Ein Ort des Friedens inmitten der Feindschaft

Auch wir leben heute inmitten eines endlosen Kampfes. Die erschöpfte Seele irrt durch das kalte Tal der modernen Geschichte. Manchmal scheint es, als würden wir uns allmählich daran gewöhnen, diesen Rauch gegenseitiger Feindseligkeit einzuatmen.

Doch die uralte Begegnung Abrahams mit Melchisedek spendet dem erschöpften Herzen Trost. Mitten im Albtraum der Kriegszeit gibt es einen Ort des Friedens. Gerade die Liturgie bleibt jener Moment, in dem Gott zu uns spricht: Halte inne, lass deine Aggression am Eingang der Kirche zurück. Nimm Brot und Wein – den Leib und das Blut Christi – und empfange die Kommunion.

Die Reiche der alten Könige sind längst im trockenen Sand verweht. Ihre Ambitionen interessieren sich heute wohl nur noch für Archäologen. Doch der König der Gerechtigkeit, der den erschöpften Menschen den Kelch reichte, begründete das Priestertum, das unsere Welt bis heute zusammenhält. Der 109. Psalm hat diesen Sieg über die Zeit festgehalten: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks“ (Ps 109,4).

Das Bewusstsein, dass über allen politischen Katastrophen der Priester des Allerhöchsten mit Brot in den Händen steht, vertreibt die Panik. Wahre Macht erschöpft sich nicht in Waffen und administrativen Ressourcen. Jedes Schwert roset früher oder später in der Scheide. Doch der Kelch mit der Kommunion wird bleiben.

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