Ein heiliger Schatz am Bodensee
Orthodoxes Leben in Konstanz zwischen Geschichte und Gegenwart
Konstanz gilt als Hochburg lateinisch-westlicher Kirchengeschichte. Doch hinter dieser historischen Oberfläche verbirgt sich eine tiefere Dimension: Sie umfasst Orte, Kunstwerke und Heilige aus einer Zeit, die noch keine Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel kannte. Heute lebt diese spirituelle Dimension in der Konstanzer orthodoxen Gemeinde auf, die sich unter dem Patronat des heiligen Prokopij von Lübeck und Ustjug versammelt – eines Heiligen, der selbst zwischen westlicher Herkunft und östlicher Heiligkeit steht. Der vorliegende Artikel zeichnet den verborgenen roten Faden nach, von den frühmittelalterlichen Anfängen bis zur gegenwärtigen Diaspora-Gemeinde am Bodensee. Konstanz erweist sich dabei als ein stiller, aber aufschlussreicher Ort der Wiederbegegnung zwischen Ost- und West.
Wer bei einem Besuch der Stadt Konstanz das Liebfrauenmünster betritt, der kann darin auf hundert Metern eine Zeitreise von der Gegenwart bis in die Anfänge der Christenheit zurücklegen. Der Kirchenbau, dessen neugotischer Turm schon von weitem das Stadtbild überragt, atmet in seinem Innern an die zweitausend Jahre bewegter Kirchengeschichte.
Bekannt ist das Münster heutzutage vor allem als Ort des Konstanzer Konzils, das von 1414–1418 tagte. Es beendete das sogenannte abendländische Schisma, indem es die drei gleichzeitigen Papstprätendenten – Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. – zur Abdankung zwang oder absetzte und mit Martin V. einen legitimen Nachfolger wählte. Mit dem Dekret Haec Sancta beanspruchte das Konzil dabei eine Autorität über den Papst selbst, was den Höhepunkt der konziliaristischen Bewegung markierte und kirchenrechtlich bis heute umstritten bleibt. Aus orthodoxer Perspektive, die den sich später durchsetzenden Absolutheitsanspruch der Päpste entschieden ablehnt, ein bemerkenswerter historischer Augenblick. Zumal die Versammlung von Konstanz auch im Westen bis heute offiziell als 16. Ökumenisches Konzil gilt – das einzige auf deutschem Boden. Die unter dem Vorsitz von König Sigismund versammelten Kirchenfürsten verurteilten zudem den böhmische Reformtheologen Jan Hus als Ketzer und ließen ihn 1415 verbrennen, was die sogenannten Hussitenkriege auslöste und Hus persönlich zu einem Vorläufer der Reformation machte. Bemerkenswert ist zudem, dass das Konzil in eine Phase fiel, in der die Unionsverhandlungen zwischen Rom und Konstantinopel noch andauerten, das Große Schisma also nach wie vor als überwindbar galt. Es ist diese verlorene Einheit zwischen Ost und West, der man im Liebfrauenmünster nachspüren kann.
Romanische Krypta des Liebfrauenmünsters mit Altar und Pantokrator-Ikone (Foto: JPT)
Konstanz zwischen Frühkirche und Schisma
Durchschreitet man das Münster bis in die südliche Nebenapsis und steigt dort die Treppe zur romanischen Krypta hinab, findet man dort die Reliquien der beiden Stadtheiligen Pelagius und Konrad, deren Todesdaten die ganze Spanne der ungeteilten Kirche umschreiben: von der spätrömischen Christenverfolgung bis zum Jahrhundert vor dem Großen Schisma.
Der heilige Pelagius gehört zu den sogenannten Katakombenheiligen: Während der staatlichen Verfolgung im 3. Jahrhundert, als die römischen Christen die Liturgie in den Katakomben vollzogen, pflegte man immer wieder die Gebeine der Märtyrer in diesen unterirdischen Gewölben beizusetzen. Nach der Christianisierung des Reiches begann man dann im 7. Jahrhundert, Reliquien dieser Glaubenszeugen in andere Kirchen zu übertragen, wo sie liturgische Verehrung genossen. Hintergrund hierfür ist die frühchristliche Sitte, die Eucharistie über den Gräbern der Märtyrer zu vollziehen – eine Sitte, die das Zweite Konzil von Nizäa (787 n. Chr.) bekräftigte, indem es vorschrieb, unter jedem Altar Reliquien zu hinterlegen, wo das eucharistische Opfer gefeiert würde. So dürften auch die Gebeine des heiligen Pelagius nach Konstanz gelangt sein, das bereits seit dem 6. Jahrhundert Bischofssitz war. Sein Gedenktag ist der 28. August.
Grablege des hl. Pelagius in der Krypta des Liebfrauenmünsters (Foto: JPT)
Der heilige Konrad stammte aus dem Geschlecht der Welfen, laut Wikipedia eines der ältesten noch bestehenden Hochadelsgeschlechter Europas, und wurde 934 zum Bischof von Konstanz geweiht. Der ihm die Hand auflegte war dabei niemand geringeres als der heilige Ulrich von Augsburg, der 955 bei der Schlacht auf dem Lechfeld zusammen mit Otto dem Großen die heidnischen Ungarn abwehrte. Auch Konrad stand mit dem ottonischen Kaiserhaus in enger Verbindung, so errichtete er nahe des Liebfrauenmünsters in Konstanz einen Rundbau mit Reliquien des heiligen Mauritius. Mauritius galt als Patron des ottonischen Herrscherhauses und genoss im Westen große Verehrung. Daneben errichtete Konrad in seiner Bischofsstadt nicht nur ein Hospital, sondern auch mehrere Kirchen. Sie waren – zusammen mit dem Liebfrauenmünster – nach dem Vorbild der vier Patriarchalkirchen Roms den heiligen Apostel Johannes, Petrus und Paulus sowie der Gottesgebärerin geweiht. Die Verehrung des hl. Konrad im gläubigen Volk setzte bereits nach seinem Tod im Jahr 975 ein. Trotz seiner späten Kanonisierung im 12. Jahrhundert wird er deshalb auch von orthodoxen Christen als Heiliger geehrt, ebenso wie sein Nachfolger Gebhard von Konstanz. Das Gedächtnis Konrads wird am 26. November begangen.
Eine Anekdote aus seiner Lebensbeschreibung erzählt, dass während des Vollzugs der Osterliturgie eine Spinne in den Kelch fiel. Aus Ehrfurcht vor dem eucharistischen Opfer trank der heilige Bischof dennoch bis zur Neige, die Spinne kam – gleichsam als tierisches Symbol der Auferstehung – bei Mittagessen unversehrt aus seinem Mund hervor. In westlichen Darstellungen ist dem hl. Konrad darum oft die Spinne als Attribut beigegeben.
Reliquiar mit dem Haupt des heiligen Konrad von Konstanz in einer Seitenkapelle der Krypta (Foto: JPT)
In der romanischen Krypta des Liebfrauenmünsters sind außerdem vier Kupferscheiben mit vergoldeten Bildwerken zu bewundern, von denen die größte im Durchmesser fast zwei Meter umfasst: Sie zeigt Christus als Pantokrator (Allbeherrscher) flankiert von zwei Engeln und stammt vermutlich aus dem 11. Jahrhundert. Zwei weitere Kupferscheiben späteren Datums zeigen die Stadtheiligen Pelagius und Konrad im Portrait, die vierte eine symbolische Darstellung des Evangelisten Johannes in Gestalt eines Adlers.
Wie in anderen Darstellungen aus der Zeit der Ottonen ist der Christus-Pantokrator bartlos. Die rechte Hand hat er zum Segen erhoben, in der linken Hand hält er das aufgeschlagene Evangelium mit den Worten: VENITE AD ME OM(NE)S QVI LABOR(A)TIS ET EGO REFICIA(M) VOS – „Kommt her zu mit alle, die ihr mühselig [und beladen] seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28). Ursprünglich war diese Pantokrator-Ikone vermutlich im Innern der Kirche über dem Hauptaltar angebracht, was dem bis heute gängigen ikonographischen Muster orthodoxer Kirchen entsprechen würde. Stilistische Ähnlichkeiten zu Buchmalereien und Fresken von der Bodensee-Insel Reichenau (dazu weiter unten) deuten auf eine Entstehung im dortigen Kloster hin.
Kupferscheibe mit Pantokrator in der Krypta des Münsters (Foto: JPT)
Der Bodensee: eine christliche Kulturlandschaft
Der Bodenseeraum gehört zu den ältesten Siedlungsräumen und gleichzeitig zu den frühesten christlichen Kulturlandschaften Mitteleuropas. Bereits in der römischen Spätantike gab es in dieser Region erste christliche Gemeinden, besonders im Umfeld von Militär- und Verwaltungssitzen: darunter auch das Militärkastell Constantia, das Teil der linksrheinischen Grenzbefestigung war. Von ihm hat die Stadt Konstanz ihren Namen. Hier entstand auch der erste und einzige Bischofssitz am Bodensee.
Durch die Umwälzungen des 5. und 6. Jahrhunderts im Zuge der Völkerwanderung wurde die Christenheit in der Region teilweise stark geschwächt oder zurückgedrängt. Erst durch die darauf folgende iro-schottische Mission sollte das geistliche Leben tiefere Wurzeln schlagen und die Kulturlandschaft rund um den See in der Fläche prägen. Diese Missionsbewegung, die maßgeblich vom irischen Mönchtum ausging, entfaltete ihre Wirkung im gesamten fränkischen Reich, das damals aus dem römischen Gallien und den angrenzenden westlich-germanischen Gebieten bestand. Als Stichdatum gilt die Gründung des Klosters Luxeuil durch den hl. Kolumban Ende des 6. Jahrhunderts.
Die Heiligung der Bodenseeregion geht jedoch im Wesentlichen auf zwei Namen zurück: den hl. Gallus, der ein Schüler Kolumbans war, sowie den hl. Pirmin, der rund hundert Jahre später wirkte und das Kloster Mittelzell auf der Bodenseeinsel Reichenau gründete. Als Bischofssitz war Konstanz ein unentbehrlicher Bezugspunkt für beide Missionare.
Der heilige Gallus begleitete den Kolumban auf seiner Wanderung, bis er sich schließlich am Ort des heutigen Sankt Gallen niederließ. Dort gründete er das Kloster, das auch namengebend für die spätere Stadt wurde. In der von Walahfrid Strabo, einem Mönch der Reichenau verfassten Vita erscheint der heilige Gallus als kraftvoller Asket, der durch das unablässige Gebet die Dämonen vom Gebiet des Bodensees vertreibt.
»Als er einmal seine Netze im See auswarf, hörte er in der Stille der Nacht einen Dämon mit lauter Stimme vom Gipfel des nächstgelegenen Berges einen anderen beim Namen rufen, so, als hielte sich dieser im See auf. Und als der Gerufene gleichsam aus dem See antwortete, er sei da, sagte der erste: "Steig herauf und komm mir zu Hilfe, damit wir diesen Fremden von diesem Ort verjagen; denn sie sind von weit her gekommen, haben mich aus meinem Tempel vertrieben, meine Bildnisse zermalmt und das Volk, das mir nachfolgte, mir abspenstig und zu ihren Anhängern gemacht. Lass dich von dem Unrecht, das ich erleide, bewegen, und lass uns mit vereinten Kräften unsere gemeinsamen Feinde von unserem Gebiet fernhalten.“ Der andere antwortete: "Ach! Was du von deinen Schmähungen berichtest, habe ich als Verachtung am mir selbst erfahren. Einer von ihnen bedrängt mich nämlich im See und verwüstet meinen Besitz, und ich kann weder seine Netze zerstören noch ihn selbst überlisten, weil der Name Gottes stets in seinem Munde ist; damit gewappnet, trotzt er unseren Nachstellungen in beständiger Wachsamkeit. Deshalb können wir die so wachsamen Krieger mit all unserer Gerissenheit nicht überwinden.“ Als der Mann Gottes das hörte, wappnete er sich mit dem Zeichen des Kreuzes nach allen Seiten und sprach zu ihnen: "Ich beschwöre euch im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Verlasst diesen Ort und erdreistet euch nicht, irgendjemandem hier Schaden zuzufügen." Dann kehrte er eilends an Land zurück und berichtete seinem Abt, was er gehört hatte.«
Nicht nur durch das unablässige Gebet, auch durch den Gehorsam gegenüber seinem Abt, dem heiligen Kolumban, erweist sich Gallus als Mönch im Geiste der östlichen Asketen. Als Gallus das Amt des Bischofs von Konstanz angeboten bekommt, lehnt der Heilige demütig ab – auch hierin dem Beispiel der Wüstenväter folgend. Auf seine Initiative wird jedoch der Diakon Johannes, sein Schüler, für das kirchliche Amt erkoren, das er vermutlich zwischen 615 und 630 ausübte. Wohlgemerkt fand diese Wahl im Liebfrauenmünster statt, das zu der Zeit Kathedralkirche war.
Der heilige Pirmin, vermutlich ebenfalls irischer Abkunft, kam als Wanderbischof in das Gebiet des Konstanzer Bistums und gründete dort das Kloster Mittelzell auf der Reichenau. Auch ihm wird eine exorzierende Wirkung auf die Natur zugeschrieben: Als er die Insel betritt, fliehen alle Schlangen und schädliches Getier und gehen im Wasser unter. Und dort, wo er den Fuß auf die Erde setzte, entsprang eine Quelle.
Das Kloster Mittelzell auf der Reichenau (Foto: Hilarmont/Wikimedia Commons)
Während Gallus eher als Einzelgänger handelte, war Pirmins missionarisches Wirken kirchlich und politisch eingebunden: Er stand unter dem Schutz des Karl Martell, der als Hausmaier der fränkischen Herrscher maßgeblichen Einfluss auf die Geschicke des Reiches ausübte und Pirmins zahlreiche Klostergründungen unterstützte. Diese Klöster, die alle der Regel des heiligen Benedikt von Nursia folgten, trugen nicht nur zur Ausbreitung des Glaubens, sondern vielfach auch zu einer blühenden christlichen Kultur bei.
Das Kloster auf der Reichenau, dessen Gründung in das Gebiet des Bistums Konstanz fiel, wurde zusammen mit Sankt Gallen und dem auf Anordnung des hl. Bonifatius gegründeten Kloster Fulda zu einem der bedeutendsten geistlichen Zentren im Gebiet des heutigen Deutschland. Es ist berühmt für seine kunstvolle Buchmalerei, seine bedeutende Schreibschule (Skriptorium) und seine zentrale Rolle in der karolingischen Bildungs- und Reformbewegung. Einige der illuminierten Handschriften wurden – wie die Insel Reichenau selbst – von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Sie sind ein eindrucksvolles Zeugnis für eine eigentümlich westliche, aber dem orthodoxen künstlerischen Ethos noch durchaus nahestehenden Ikonographie.
Christus wäscht die Füße der Apostel (aus dem Evangeliar Kaiser Ottos III., um das Jahr 1000) (Foto: Anonym/Wikimedia Commons)
Mit dem 11. Jahrhundert reißt nicht nur die Verbindung zwischen lateinischem Westen und östlicher Orthodoxie ab, sondern auch die Zeit der Reichenauer Malschule. Doch immer wieder finden Pilger wie auch der Autor dieser Zeilen ihren Weg zu den Konstanzer Heiligtümern und Kulturgütern, die vom orthodoxen Glauben unserer Vorfahren zeugen. Ein Glaube, der auch im heutigen Konstanz wieder lebendig ist.
Orthodoxes Leben in Konstanz heute
Unweit des Seeufers, in einer Parallelgasse zur Konzilsstraße – benannt nach dem oben erwähnten Konzil von 1414 – feiert die Orthodoxe Kirchengemeinde des hl. Prokopius regelmäßig die sonntägliche Liturgie. Der Schutzheilige der Gemeinde, der als Kaufmann aus Lübeck nach Nowgorod kam und sein Leben im Jahr 1303 als „Narr in Christo“ im nordwestrussischen Ustjug beschloss, ist durch seine Konversion vom Katholizismus zur Orthodoxie ein eindrucksvolles Zeugnis gerade für die heutige Zeit. Die Gemeinde gehört zur Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats, und doch finden in ihr – laut Auskunft ihrer Website – „seit 1984 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten ihre spirituelle Heimat und ihr geistliches Zuhause“. Die Gottesdienste werden dementsprechend konsequent auf Kirchenslawisch und Deutsch abgehalten. Sie finden abwechselnd in Singen und Konstanz statt. Auch eine regelmäßige Katechese gibt es, nicht zuletzt für erwachsene Taufanwärter.
Ikonostase in der Magdalenen-Kapelle der ehemaligen Domprobstei (Foto: Orthodoxe Kirchengemeinde Konstanz)
Ihren festen Gottesdienstort hat die Gemeinde im historischen Gebäude der Domprobstei, also der ehemaligen Residenz des Domprobstes, wie der dem Klerus einer Bischofskirche vorstehende Priester genannt wird. Die Wände und Fenstersimse der im barocken Stil errichteten Kapelle sind übersät mit Ikonen, und auch eine feste Ikonostase ist vor dem Altarraum installiert worden. Die sonntägliche Liturgie ist gut besucht, der aus Männern und Frauen gemischte Chor zahlreich. Der jungen Leute sind auffällig viele, insbesondere junge Männer. Was sucht diese heranwachsende Generation? Es ist ein Gottesdienst, für den Tradition keine historische Substanz ist, sondern lebendige Gegenwart. Eine Gemeinschaft, die sich über alle zeitlichen und geographischen Distanzen hinweg wesentlich gleich bleibt.
Die Gemeinde des heiligen Prokop von Lübeck und Ustjug verkörpert so auf liebenswürdige Weise die Wiederannäherung von Ost und West, die durch das zunehmende Bekanntwerden der Orthodoxie – als ‚genuines Erbe des Abendlands‘ – auch in Deutschland stattfindet. Eine Annäherung, die uns zugleich zu den alten Glaubenszeugen und -zeugnissen unserer Erde zurückführt, wie sie in der Krypta des Konstanzer Münsters schlummern.
Die Provinzen Sclavinia (Slawen), Germania, Gallia und Roma erweisen dem Herrscher ihre Reverenz (aus dem Evangeliar Kaiser Ottos III., um das Jahr 1000) (Foto: Anonym/Wikimedia Commons)