Psychotherapie und geistliche Heilung

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Die Priestermönche Theologos (links) und Athanasie (rechts) im Gespräch (Collage: UOJ) Die Priestermönche Theologos (links) und Athanasie (rechts) im Gespräch (Collage: UOJ)

Rezension zum Buch "Athonitische Dialoge über die verwundete Seele"

An wen wendet sich der Mensch mit seinem seelischen Leiden, wenn er nicht mehr weiter weiß? Für orthodoxe Christen scheint die Antwort auf diese Frage festzustehen: Es ist Christus, der „Arzt unserer Seelen und Leiber“ (so ein Gebet aus der Chrysostomos-Liturgie), der uns in den Mysterien und der Überlieferung seiner Kirche die Mittel zur Heilung schenkt.

Und doch ist mit dem Gang zur Kirche und der Bemühung um ein geistliches Leben nicht immer alles Nötige getan. Zumindest ist dies das Fazit, das sich aufdrängt nach der Lektüre des neu erschienen Buches Athonitische Dialoge über die verwundete Seele. Geistliche Begleitung, Psychiatrie und Heilung im Licht der Orthodoxie.

Dieses Buch, das 2025 auf rumänisch erschien (Dialoguri athonite despre sufletul ranit, Iasi: Editura Doxologia) wurde nun erstmals auf Deutsch im Verlag Hagia Sophia veröffentlicht.

Sie enthält fünf verschriftlichte Gespräche, die zwischen November 2022 und August 2024 auf dem heiligen Berg Athos in der rumänischen Skite Lacu stattfanden. Gesprächspartner sind der Priestermönch und Psychotherapeut Athanasie Ulea, der in Deutschland arbeitet, sowie der auf dem Athos lebende S’chimamönch Theologos, ehemaliger IT-Spezialist.

In ihren Dialogen beschäftigen sich die beiden Geistlichen mit verschiedenen psychischen Leiden, die regelrecht „zu prägenden Merkmalen des modernen Menschen“ geworden sind, so der Priester Gabriel Pistea in seiner kurzen Einleitung. Es seien vor allem „Seelischer Schmerz, psychische Störungen und Sinnverlust“, die mehr denn je nach einer christlichen und kirchlichen Antwort verlangten; nicht nur für die Menschen, welche Gott und die Kirche noch nicht kennen, sondern auch für orthodoxe Menschen, die auch als praktizierende Christen oftmals mit Depressionen, Ängsten und anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Dabei tauchen immer wieder ähnliche Fragen auf: Welche Rolle spielt der Glaube für den Umgang mit diesen Leiden? Kann eine psychische Erkrankung gar Ausdruck für einen Mangel an Glauben sein? Wie unterscheide ich zwischen geistlichem Kampf und psychischer Krankheit? Die Athonitischen Dialoge sprechen all diese Probleme an. Was sie dabei so besonders lesenswert macht, ist, dass sie die Perspektiven zweier erfahrener geistlicher Väter mit der Expertise eines erfahrenen Psychologen verbinden.

Unterscheidung zwischen Psychotherapie und geistlicher Heilung

Ein zentraler Gedanke des Buches ist daher auch die Unterscheidung zweier Zuständigkeitsbereiche: der Behandlung der seelischen und der geistlichen Leiden. Auf der einen Seite steht die Therapie der Sünden und Leidenschaften, auf der anderen die der menschlichen Emotionen und ihrer physiologischen Voraussetzungen.

Eine begriffliche Klärung

Priestermönch Theologos verweist auf eine heute weit verbreitete Diskussion, die das Verhältnis zwischen moderner Psychotherapie und der Orthodoxie als Heilkunde des an Sünde und Leidenschaft erkrankten Menschen betreffe. Eine hierbei maßgebliche „Denkrichtung“, von Priester Ioannis Romanidis begründet, sei vom griechischen Metropoliten Hierotheos Vlachos als „Orthodoxe Psychotherapie“ bezeichnet worden. Tatsächlich ist dies auch der Titel eines von Metropolit Hierotheos verfassten Buches (Orig.: Orthodoxi Psychotherapia), das unter anderem ins Französische und Englische übersetzt wurde.

Metropolit Hierotheos (Vlachos) von Nafpaktos (Foto: OrthoChristian.com)
Metropolit Hierotheos (Vlachos) von Nafpaktos (Foto: OrthoChristian.com)

Anders als diese Übersetzung vermuten lasse, so Vater Athanasie, gehe es jedoch nicht um einen „technischen Begriff“ analog zur medizinischen Psychotherapie, sondern um die „seelische Heilung im geistlichen Leben“. Diese sei von der Psychotherapie im engeren Sinne abzugrenzen, die sich mit der Behandlung von Krankheitsbildern wie Depression, Angststörungen oder Paranoia beschäftige. Athanasie zieht daher für die Orthodoxie den Begriff der „geistlichen Therapie“ vor. Dies ist jedoch wohl nicht als Kritik an Metropolit Hierptheos und seiner Theologie zu verstehen, sondern als begriffliche Klarstellung.

Anthropologische Begründung

Die Begründung für die Unterscheidung zwischen Pyschotherapie und geistlicher Therapie liegt in einer dreifachen Gliederung der menschlichen Natur in Körper, Seele und Geist, die sich bereits bei Heiligen Vätern wie Maximos dem Bekenner finde. Die biologischen Lebensfunktionen, das emotionale Empfinden und der geistliche Sinn für Gott werden voneinander unterschieden, bedingen sich aber gleichzeitig untereinander: So wie ein körperlich versehrter oder gefährdeter Mensch in seinen geistigen Fähigkeiten eingeschränkt sei, so könne auch ein psychisch und emotional labiler oder unreifer Mensch kein freies geistliches Leben führen.

Demnach gibt es körperliche, psychische und geistliche Erkrankungen. Und so wie der Körper der für ihn geeigneten Mittel zur Heilung bedürfe, so bedürfe auch die Seele einer eigenen Form der Behandlung, die der eigentlichen geistlichen Medizin vorangehen müsse.

Praktische Konsequenzen

Aus dieser Perspektive auf den Menschen und seine unterschiedlichen Bedürfnisse ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen, die von den beiden Geistlichen in ihren Gesprächen auf dem Athos wiederholt thematisiert werden. Dazu gehört vor allem die Arbeit an den Beziehungen und der grundsätzlichen Beziehungsfähigkeit des Einzelnen, in extremen Fällen aber auch eine medikamentöse Behandlung.

Beziehungsarbeit

Die geistliche Erkrankung wird hauptsächlich im Verhältnis zwischen Mensch und Gott verortet, während die psychische Erkrankung eher die zwischenmenschlichen Beziehungen betreffe. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass die psychische Erkrankung keine Auswirkungen auf das geistliche Leben habe. Am deutlichsten wird das Problem aus Vater Athanasies eigenen Worten:

„Der geistliche Bereich erfordert eine starke und stabile persönliche Beziehung, was im Fall einer akuten psychischen Erkrankung nicht möglich ist, da diese gerade die Unfähigkeit zu einer normalen Beziehungsgestaltung mit sich bringt.“

Dieses Problem bezieht Vater Athanasie insbesondere auf die Beziehung zum geistlichen Vater. So sei ein von Depressionen und Ängsten beherrschter Mensch unfähig, sich für Veränderung zu öffnen und echten Gehorsam zu leisten; nicht aus einem Mangel an Willen, sondern aufgrund seiner Gefangenschaft in erlernten Beziehungs- und Denkmustern – teils auch in Verbindung mit physiologischen bzw. neurologischen Ursachen.

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Hier ist vor allem die familiäre Prägung von zentraler Bedeutung, denn hier werden die Denk-, Beziehungs- und Verhaltensmuster erlernt, die für das spätere Leben bestimmend sind:

„Zunächst müssen wir uns der überwältigenden Wirkung der Beziehungen in der Kindheit bewusst werden. Viele Menschen sind von negativen Botschaften geprägt worden wie: ‚Du bist zu nichts gut!‘, ‚Aus dir wird nichts!‘, ‚Du bist dumm!‘“

Da die Eltern für ihre Kinder aufgrund ihrer natürlichen Autorität „wie Götter“ seien, würden derartige Aussagen von den Kindern „wie Dogmen“ aufgenommen. Auch die Zerrüttung vieler Ehen und Familien in der heutigen Zeit und die mangelnde Vermittlung von Liebe, Sicherheit und positivem Selbstwertgefühl in der Erziehung sieht Vater Athanasie als wesentliche Ursache psychischer Leiden wie Depressionen und Angststörungen. Die Emanzipation von der elterlichen Autorität, die im Erwachsenenalter mit der Hinwendung zu Gott als unserem himmlischem Vater einhergehen müsse, sei daher von großer Bedeutung.

Ein geistlicher Vater könne bei all diesen Vorgängen nur eingeschränkt helfen, weil er weder über die nötige Zeit noch über das praktische Wissen verfüge, das für die Entwicklung des Gefühlslebens und der Beziehungsgestaltung relevant sei. Dies könne nur eine fachlich fundierte Psychotherapie leisten.

Medikamentöse Behandlung

In Extremfällen sieht Vater Athanasie auch eine medikamentöse Behandlung angebracht, wie sie ein Psychiater anordnen kann. Er verweist auf die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft über die physiologischen, d.h. insbesondere die neurologischen Voraussetzungen für eine gesunde seelische Entwicklung. So könnten z.B. Antidepressiva dabei helfen, die Neuroplastizität, d.h. die Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit bestimmter Gehirnareale, zu fördern. Eine psychotherapeutische Begleitung kann dann leichter die nötigen Veränderungen im Denken, Fühlen und Verhalten herstellen, die für eine Bewältigung der Depression entscheidend sind. Leider neigten viele Patienten dazu, Medikamente aus Mangel an Geduld eigenmächtig wieder abzusetzen oder sie vernachlässigten die psychotherapeutische Begleitung, die für das Erzielen von Veränderungen unerlässlich sei.

Die Aufgabe der Kirche

Vor diesem Hintergrund wird der bei orthodoxen Christen immer wieder anzutreffende Gedanke problematisiert, dass Kirche und geistliches Leben eine notwendige Psychotherapie ersetzen könnten. Vater Athanasie zieht das Beispiel körperlicher Verletzungen heran, die durch einen fachkundigen Arzt oder Chirurgen behandelt werden müssten, ehe der Patient seinen normalen Tätigkeiten nachgehen könne. So müssten auch seelische Verletzungen und Dysbalancen kuriert werden, um ein normales geistliches Leben zu ermöglichen.

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Gleichzeitig wird der Kirche ihre eigene, wesentliche Aufgabe zugewiesen, die in der Heilung der geistlichen Leiden, d.h. der Sünden und Leidenschaften und der Wiederherstellung der persönlichen Beziehung zu Gott besteht. Die Teilnahme an den Mysterien, die geistliche Begleitung und das Gebet sind Heilmittel, die ihrerseits durch keine Psychotherapie zu ersetzen sind.

Das Verdienst des Buches besteht vor allem darin: Aufzuzeigen, wo die Grenzen weltlicher Heilkunde liegen, wo das Feld der geistlichen Therapie beginnt und wie beide sich ergänzen können, um dem ganzen Menschen in seiner leiblichen, seelischen und geistlichen Verfasstheit gerecht zu werden.

 

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