Die aufgebrochene Tür: Warum wir nach Ostern immer noch sterben

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Ein tektonischer Wandel in der Geschichte nach der Auferstehung Christi. Foto: UOJ Ein tektonischer Wandel in der Geschichte nach der Auferstehung Christi. Foto: UOJ

Die Welt nahm die Auferstehung nicht wahr. Die Märkte waren in vollem Gange, doch in der Mauer des Todes öffnete sich zu dieser Zeit eine Tür.

Jerusalem erwachte an jenem Sonntag träge und alltäglich. Auf den Märkten wurde bereits heftig über die Ölpreise gestritten, und die Legionäre auf den Mauern gähnten und streckten ihre Gesichter der heißen Morgensonne entgegen. Das übliche Provinzleben am Rande eines riesigen Reiches.

Der Hohepriester Kaiphas frühstückte wohl in aller Ruhe, ganz zufrieden mit sich selbst: Der gefährliche Unruhestifter war hingerichtet, die Ordnung in der Stadt wiederhergestellt. Der Präfekt Pilatus diktierte in seiner Residenz Berichte an die Hauptstadt, und der galiläische Prediger blieb in diesen Papieren nur eine Zeile in der Rubrik „Vorfälle“. Der Fall war abgeschlossen, die Fäden waren gekappt. Die Welt lief in ihren gewohnten Bahnen, und niemand ahnte, dass wenige Stunden zuvor in einem stillen Garten außerhalb der Stadtgrenzen die Realität zerbrochen war.

In dieser Geschichte ist es immer gerade die Stille, die einen packt. Wir sind es doch gewohnt, dass große Veränderungen von Getöse, Einstürzen oder zumindest den Rufen von Herolden begleitet werden. Doch die Auferstehung Christi geschah fast im Verborgenen vor der Menschheit. Keine einstürzenden Tempel oder fallenden Sterne. Die meisten Menschen auf der Erde gingen an jenem Tag einfach ihren Geschäften nach. Der Tod hörte nicht auf zu existieren. Die Krankheiten waren nicht verschwunden. Der Kaiser regierte die Welt nach wie vor, und die Menschen bereiteten sich nach wie vor auf ihre zukünftigen Beerdigungen vor.

Äußerlich hatte sich überhaupt nichts geändert. Doch innerhalb dieser gewohnten Kulisse tauchte plötzlich etwas auf, das es zuvor nie gegeben hatte.

Ein stummes Haus ohne Fenster

Versuchen Sie sich vorzustellen, Sie würden Ihr ganzes Leben lang in einem engen Raum ohne Fenster verbringen. Die Wände sind dick, die Decke niedrig, und die einzige Lichtquelle ist eine kleine Kerze, die ständig flackert. Sie haben sich daran gewöhnt. Sie wissen nicht einmal, was ein Sonnenaufgang oder ein Horizont ist. Sie leben einfach in diesem grauen Halbdunkel und halten es für ganz natürlich. Sie hören, wie andere Menschen hinter den Wänden umhergehen, wie der Wind rauscht, aber für Sie sind das nur Geräusche von draußen, die Sie niemals erreichen können.

Und dann, eines Nachts, ertönt ein Schlag, und in der Wand erscheint ein Loch. Ein kleiner, unregelmäßiger Spalt. Das Haus selbst ist wie zuvor geblieben: dieselben schäbigen Ecken, dieselben alten Möbel, derselbe Geruch von abgestandener Luft. Doch nun dringt durch diese Öffnung echtes Sonnenlicht herein. Und du weißt nun ganz genau: Hinter diesen Steinen liegt eine riesige Welt, Gras, Himmel und Ozean. Das Haus ist nicht mehr dein Gefängnis, es ist nur noch ein vorübergehender Ort, an dem du auf den Morgen wartest.

Genau das ist mit Ostern geschehen. Der Tod als natürlicher Prozess ist geblieben. Unsere Zellen altern nach wie vor, und das Herz wird irgendwann seinen letzten Schlag tun.

Wir alle werden sterben, und dieses Wissen ist nicht verschwunden. Aber in der Wand, die wie eine Sackgasse erschien, ist eine Tür entstanden. Sie hat sich nicht einfach geöffnet – sie wurde von innen herausgebrochen, wobei die Scharniere zusammen mit den Steinen herausgerissen wurden.

Der Apostel Paulus schrieb einmal sehr seltsame Worte: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Er sagt ja nicht, dass es den Tod nicht gibt. Er fragt, wo seine Macht liegt. Der Stich ist geblieben, die Trennung schmerzt nach wie vor, aber das Gift ist nicht mehr in der Lage, uns endgültig zu töten. Der Tod ist nun einfach eine Pause inmitten einer langen Geschichte, auf die zwangsläufig eine Fortsetzung folgt.

Warum der Friedhof ein Schlafzimmer ist

Dieses neue Lebensgefühl zeigte sich in den einfachsten Dingen. Erinnern wir uns daran, wie die ersten Christen begannen, diejenigen zu bezeichnen, die gegangen waren. Zuvor lebte die Welt in Nekropolen – Städten der Toten. Das war der Ort des Endes. Die Endstation, von der es keine Rückfahrt gibt. Ein Ort absoluter Stille und des Nichtseins, wo Steine nur die Erinnerung an das bewahrten, was nicht mehr da ist.

Doch die Christen erfanden ein anderes Wort – Koimitirion. Davon leitet sich in vielen Sprachen das Wort für „Friedhof“ ab, und die Wortwurzel bedeutet „schlafen“. Wörtlich: Der Friedhof ist ein Schlafzimmer. Ein Ort, an dem sich der Mensch nach einem arbeitsreichen Tag zur Ruhe legt. 

Die Christen haben diese Worte verändert, weil sie hinter der Mauer Licht sahen. Die Gläubigen hörten auf, für immer zu begraben; sie begannen, ihre Angehörigen bis zum Morgengrauen schlafen zu legen.

Das ist eine tiefgreifende Veränderung in der Grundhaltung, mit der wir die Welt betrachten. Paulus bat seine Freunde einmal: „Seid nicht traurig wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“ Er verbot ihnen nicht zu weinen. Tränen der Trennung sind normal, sie sind menschlich. Wenn wir geliebte Menschen verlieren, tut es weh, und dieser Schmerz verschwindet nicht. Aber es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen den Tränen eines Menschen, der sich auf dem Bahnsteig verabschiedet, weil er weiß, dass er den anderen wiedersehen wird, und dem Schrei dessen, der in den Abgrund stürzt. Ostern hat die Verzweiflung aus unserer Trauer genommen.

Die Fischer, die aufgehört haben, sich zu verstecken

Der sicherste Beweis dafür, dass im Begräbnisgarten von Jerusalem etwas geschehen ist, ist nicht das leere Grab, sondern das Verhalten der Menschen. Am Freitagabend glichen die Jünger Christi verängstigten Spatzen. Sie hatten sich im Haus eingeschlossen, das Licht gelöscht und zuckten bei jedem Klopfen an der Tür zusammen. Ihr Meister war tot, ihre Träume waren zerbrochen, und sie fürchteten um ihr Leben. Der Urinstinkt der Selbsterhaltung gebot ihnen: Bleibt still sitzen, haltet euch bedeckt, tut so, als wärt ihr nicht da. Sie waren bereit zu fliehen und sich zu verstecken, nur um ihr irdisches Dasein noch um ein paar Tage zu verlängern.

Doch schon nach kurzer Zeit gehen dieselben Fischer auf die Plätze der Stadt. Sie sprechen offen, sie verstecken sich nicht vor den Wachen, sie widerrufen ihre Aussagen nicht unter Folterdrohungen. Der Instinkt, um jeden Preis zu überleben, hatte keine Macht mehr über sie.

Das geschah nicht, weil sie zu Fanatikern geworden waren. Sondern weil sie erkannt hatten: Der Tod ist nicht das, was er für die meisten Menschen zu sein scheint.

Wenn du deinen Meister lebendig gesehen hast, nachdem sein Körper drei Tage lang in einer steinernen Höhle gelegen hatte, hörst du auf, um deine vergängliche Hülle zu zittern. Die tiefste menschliche Angst – die Furcht vor dem Verschwinden – hat sich einfach aufgelöst. Seit jenem Morgen ist das Sterben nicht mehr so beängstigend, denn der Weg zur ewigen Ruhe ist bereits geebnet.

Stille und Licht

Die Welt erwachte an jenem Morgen und ging ihren Geschäften nach. Die Legionäre reinigten ihre Rüstungen, die Vorgesetzten empfingen Bittsteller, und die Händler stellten ihre Waren aus. Und in dieser Hektik, von niemandem bemerkt, offenbarte sich die Antwort auf die wichtigste Frage, die wir uns nachts oder am Bett eines kranken Angehörigen stellen. Gibt es dort etwas, hinter dieser grauen Mauer des Todes?

Die Mauer steht noch immer. Wir verlieren nach wie vor unsere Lieben und fürchten uns nach wie vor vor Krankheiten. Doch in dieser Mauer ist nun ein Loch, durch das man den Sonnenaufgang sehen kann. Wir leben weiter in unserem Haus, streiten über Preise, schmieden Pläne und ziehen Kinder groß. Doch das Wissen, dass es einen Ausweg gibt, verändert den Geschmack jeder Minute.

Ostern dreht sich nicht um Osterkuchen und schöne Karten. Es geht darum, dass das Nichtsein verloren hat.

Und jetzt, gerade an diesem trübsten aller Tage, wissen wir: Der Morgen wird kommen. Nicht, weil wir so sehr daran glauben wollen, sondern weil es schon einmal geschehen ist. Die Tür ist aufgebrochen. Die Scharniere sind abgerissen. Licht strömt herein. Der Tod ist keine Sackgasse mehr. Er ist nur noch eine Schwelle, hinter der die Unendlichkeit beginnt.

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