Woche der offenen Türen: Warum verschwimmen zu Ostern die Wände der Kirche?
Die ganze Lichtwoche lang stehen die Königstüren weit offen. Sogar nachts. Selbst wenn niemand drinnen ist. Das erinnert daran, dass die Barriere zwischen Gott und den Menschen endlich gefallen ist.
Wenn man in dieser Woche die Kirche betritt, stimmt sofort etwas nicht. Wir gewöhnen uns ja an alles, auch an die Atmosphäre in der Kirche. Während der langen Fastenzeit hat sich das Auge daran gewöhnt, auf eine Wand zu stoßen. Wochenlang standen wir vor verschlossenen Türen und schweren Vorhängen, und das schien richtig zu sein. Wir brauchten diese Distanz, um uns unseres gefallenen Zustands bewusst zu werden. Der Altar war verborgen, wir beteten, ohne zu sehen, was dort vor sich ging.
Und auf einmal kommt der Lichtmontag. Aus Gewohnheit sucht das Auge Halt in den geschlossenen Flügeln, stürzt aber buchstäblich in die Leere. Anstelle der Wand liegt vor uns ein seltsamer, ungewohnter Raum. Man sieht den Thron, man sieht, wie der Priester den Kelch bedeckt oder sich tief über das aufgeschlagene Evangelium beugt. Alles, was das ganze Jahr über vor zufälligen Blicken geschützt wurde, ist nun offen. Man versteht sofort: In der Welt hat sich etwas verändert. Gott versteckt sich nicht mehr vor uns.
Von einer leichten Barriere zu einer hohen Wand
Diese hohen Wände mit Ikonen tauchten in unseren Kirchen nicht sofort auf. In den ersten Jahrhunderten war alles viel einfacher. Die Christen der alten Gemeinden beteten vor einer niedrigen Trennwand – man nannte sie „Templon“. Es handelte sich eher um ein durchbrochenes Gitter, durch das jede Bewegung des Klerus sichtbar war. Die Gemeinde atmete gemeinsam mit dem Altar. Das Geheimnis der Eucharistie war allen gemeinsam.
Die Wände wuchsen langsam, Schicht für Schicht. Jahrhundert für Jahrhundert kamen neue Reihen von Ikonen hinzu, bis die Ikonostase im 14. Jahrhundert zu einer undurchdringlichen Barriere geworden war. Dahinter verschwand fast alles.
Im Gedächtnis der Kirche blieb die Überzeugung bestehen: Wir haben diese Architektur verdient. Es fiel uns schwer, die Heiligkeit als Nähe dessen zu ertragen, was die Seele verbrennt.
Wir versteckten uns vor der blendenden Gegenwart Gottes hinter Gold und Holz. Die Distanz war unser Zufluchtsort, ein Mittel, um nicht vorzeitig verblendet zu werden. Wir selbst errichteten diese Mauern, da wir spürten, dass wir noch nicht fähig waren, im Anblick des offenen Himmels zu leben.
Im Tempel von Jerusalem hing ein riesiger, unglaublich schwerer Vorhang. Ein dichter Stoff, hinter den allein der Hohepriester nur einmal im Jahr treten durfte. Er war notwendig, damit die Menschen nicht einfach an der Größe der Gnade zugrunde gingen, die sich dort verbarg. Und als Christus starb, zeriss dieser Stoff. Von selbst. Von oben bis unten. Als hätte jemand Unsichtbares sie genommen und mit den Händen zerrissen. Dieser Moment hat alles auf den Kopf gestellt. Die alte Ordnung, in der Gott durch Regeln und Mauern von den Menschen getrennt war, war zu Ende. Der Durchgang öffnete sich. Nun erinnern uns die Tore, die die ganze Woche weit offen stehen, an diesen zerrissenen Stoff. Es gibt keine Trennung mehr.
Sieben Tage ohne Grenzen
Die Regel für diese sieben Tage ist streng und von erstaunlicher Schönheit: Die Tore werden nicht verschlossen. Überhaupt nicht. Sie stehen weit offen, auch wenn sich keine Menschenseele im Tempel befindet. Die Eingangstüren sind verschlossen, doch die Tore im Inneren stehen offen. Niemand blickt in der leeren Kirche zum Altar, niemand sieht den Thron, doch die Grenze zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen ist dennoch aufgehoben.
In diesen Tagen dringt auch die Stimme des Priesters ungehindert direkt zu den Menschen. Wir gewöhnen uns innerhalb weniger Tage an diesen Raum, und zur Wochenmitte scheint es, als sei es schon immer so gewesen. Der Blick erfasst die Tiefe, nimmt die Falten der Altarverkleidung wahr, Staubkörnchen, die in den Strahlen der Altarfenster tanzen. Wir beginnen, tief durchzuatmen.
Man geht vorbei, sieht den Kelch – und versteht: Man ist zu Hause, man ist kein fremder Beobachter mehr an der Schwelle zum großen Geheimnis. Uns ist erlaubt, alles zu sehen.
Diese Offenheit verändert etwas in uns. Plötzlich versteht man: Das Himmelreich ist das Haus des Vaters, wo die Türen aus den Angeln gerissen sind. Und all diese vergoldeten Schnitzereien der Ikonostase, die normalerweise so imposant und ewig wirken, erscheinen in dieser Woche einfach wie ein Fenster, durch das man Gott begegnen kann. Wir lernen, diese Nähe nicht zu fürchten, dem Geheimnis ohne die frühere Angst ins Gesicht zu schauen.
Das Brot vor dem Altar
Direkt vor den offenen Toren steht die ganze Woche über ein Artos. Das ist ein großes Osterbrot, das uns in der Lichtwoche an die Gegenwart Christi unter seinen Jüngern erinnert. Es wird erst am Ostersamstag an die Menschen verteilt, wenn sich die Tore endlich schließen. Doch solange steht es hier, an der auffälligsten Stelle. Das Brot steht genau an der Stelle, an der unser Blick gewöhnlich an den Torflügeln hängen blieb.
Es ist, als wäre jemand aus dem Raum getreten, um den Gästen entgegenzukommen, und hätte in der Tür Halt gemacht. Er steht da, wartet und geht nirgendwohin.
Die Anwesenheit des Artos hier macht die Offenheit des Altars fast greifbar. Gott ist uns entgegengekommen und hat selbst die Distanz bis zum Äußersten verkürzt. Wir stehen neben diesem Brot und begreifen: Die Ewigkeit ist nun nur noch eine Armlänge entfernt.
Gegen Ende der Woche sind wir andere Menschen geworden. Diese Gewöhnung an den offenen Himmel bleibt nicht ohne Spuren. Wir beginnen zu bemerken, dass auch die Menschen um uns herum irgendwie näher, verständlicher geworden sind. Wenn zwischen dir und dem Altar keine Wand steht, beginnen auch die Wände zwischen dir und deinem Nachbarn in der Kirche zu bröckeln. Wir alle befinden uns im selben Licht, im selben Raum, vor demselben Kelch. Und diese Gemeinschaft in Christus ist das Ehrlichste, was man in diesen Tagen erleben kann.
Wenn sich die Türen wieder schließen
Am Samstagabend werden sich die Türflügel langsam wieder schließen. Das ist immer ein etwas trauriger Moment, als würde sich ein Fenster schließen, durch das wir gerade erst gelernt haben zu blicken. Doch dieses Schließen hat seine eigene Wahrheit. Wir leben immer noch in der gewöhnlichen Zeit. Wir sind noch auf dem Weg zum Himmel. Die kurze Berührung mit ihm war ein göttlicher Vorschuss. Aber wir brauchen noch Zeit, um zu lernen, in solch blendendem Licht zu leben.
Wir kehren zurück in den Alltag, in die Hektik, zu unseren gewohnten Sorgen. Die Ikonostase wird sich wieder schließen, und wir werden wieder beten, ohne den Altar zu sehen. Doch in unserem Inneren wird dieses Gefühl für immer bleiben: Es gibt keine Mauern mehr.
Die verschlossenen Tore an gewöhnlichen Tagen sind ein Eingeständnis unserer eigenen Schwäche. Wir brauchen die Erinnerung daran, dass wir erst noch zur Fülle der Freude heranwachsen müssen – der Weg ins Reich Gottes erfordert Anstrengung und lange innere Arbeit.
Aber wir haben bereits gesehen, was sich dort hinter den Türen befindet. Dort ist nur Licht. Und nun, wenn sich die hölzernen Flügel schließen, werden wir wissen: Dies ist nur eine vorübergehende Barriere. Der Vorhang ist für immer zerrissen. Der Erlöser in Gestalt des Brotes des Lebens stand an der Schwelle des Altars und rief uns zu sich.